Manchmal stößt man auf Geschichte, wo man sie am wenigsten erwartet. Von Valeri Schiller.
Ich lebe in Treptow-Köpenick und musste kürzlich zum Finanzamt. Eigentlich wollte ich mich nur mit der deutschen Bürokratie auseinandersetzen – doch gleich am Eingang fiel mir eine Gedenktafel auf:
„In diesem Haus, einer ehemaligen Polizeikaserne, befand sich von 1945 bis 1947 ein Stützpunkt des sowjetischen Geheimdienstes NKWD. Nach Kriegsende wurden im Keller dieses Gebäudes zahlreiche Bürgerinnen und Bürger interniert und von hier in Straflager deportiert, wo viele von ihnen umgekommen sind.“
Der Text überraschte mich, denn mein Bild vom Berlin des Jahres 1945 war ein anderes: Viele entschiedene Gegner des Regimes waren ermordet worden oder ins Exil gegangen, und ein großer Teil derer, die geblieben waren, hatte sich in irgendeiner Form mit dem System arrangiert. Dass dieses Bild vereinfacht ist, war mir bewusst – umso mehr wollte ich wissen, was hinter dieser Tafel steckt und worauf sie sich stützt.
Und hier wird es interessant.
Die Tafel wurde im Jahr 2000 auf Anregung des Heimatmuseums Köpenick angebracht, unter anderem gestützt auf eine Untersuchung des Historikers Peter Erler. Dessen Befund wurde später jedoch deutlich korrigiert. Erler selbst schreibt:
„Auf diesem Irrtum basierend, deklarierte das Heimatmuseum Köpenick einige Polizeidienststellen zu ‚NKWD-Gefängnissen‘ und initiierte die Anbringung einer Gedenktafel in der heutigen Seelenbinderstraße 99.“

Damit stellt sich nicht nur die Frage, was damals geschah, sondern auch, wie wir heute davon erzählen. Wenn die Forschung, auf der die Köpenicker Tafel beruht, inzwischen korrigiert wurde, liegt eine einfache Frage nahe: Warum hängt sie dann noch immer dort?
Wer nur die Tafel liest, bekommt ein klares Bild: Nach dem Krieg wurden hier Menschen eingesperrt und in Lager verschleppt, in denen viele starben. Unausgesprochen schwingt mit, dass es Unschuldige waren. Doch wer waren sie? Menschen, die ohne jeden Grund festgenommen wurden, oder NSDAP-Mitglieder, Polizisten, Soldaten? Vermutlich von allem etwas – und genau das macht es kompliziert.
Ein Mensch konnte Nationalsozialist sein und später Opfer sowjetischer Repression werden. Das eine macht das andere nicht ungeschehen. Ein Beispiel ist Richard Heike. Seine Fleischwarenfabrik wurde nach dem Krieg in ein Gefängnis umgewandelt, Heike selbst wurde erschossen. So beschreibt es die Website des Landeskriminalamts Berlin. Unerwähnt bleibt dort, dass Heike in seinem Betrieb Gewehrschäfte für die deutsche Rüstungsproduktion herstellen ließ – mithilfe polnischer und sowjetischer Zwangsarbeiter. Gerade dieses Detail verändert den Blick auf seine Geschichte erheblich.
Natürlich kann jemand zu Unrecht verhaftet und getötet worden sein; das bleibt Unrecht. Aber derselbe Mensch kann zuvor Teil des NS-Systems gewesen sein oder von dessen Verbrechen profitiert haben. Beides kann zugleich wahr sein. Die spätere Verfolgung macht das frühere Handeln nicht besser – sie darf es aber auch nicht aus der Biografie tilgen.
Vielleicht ist die Antwort banal: Eine Gedenktafel anzubringen ist offenbar leichter, als sie wieder abzunehmen. So verselbstständigen sich historische Darstellungen. Eine Formulierung steht auf einer Tafel, wird übernommen, zitiert – und gilt irgendwann als Tatsache.
Ähnliches begegnet einem auch anderswo. Zum Beispiel stellte die Prager Erklärung vom 3. Juni 2008, zu deren Unterzeichnern auch Joachim Gauck gehörte, die nationalsozialistische und die kommunistische Diktatur auf eine Stufe.
Für mich gibt es hier eine Parallele: die Tendenz, die Geschichte aus der sowjetischen Zeit nach und nach umzudeuten oder aus dem Bewusstsein zu verdrängen. Dadurch besteht die Gefahr, dass diese Geschichte mit der Zeit verfälscht dargestellt wird.
Mir geht es nicht darum, Verbrechen gegeneinander aufzurechnen. Im Gegenteil: Wer sich ernsthaft mit Geschichte beschäftigt, muss auch widersprüchliche Biografien aushalten. Ein Mensch kann Täter und Opfer sein – zu einem Zeitpunkt an der Verfolgung anderer beteiligt und später selbst aufgrund dieser Taten verfolgt oder bestraft werden.
Geschichte ist eben oft komplizierter als eine Gedenktafel.
Und deshalb interessiert mich nicht nur, was in diesem Gebäude zwischen 1945 und 1947 tatsächlich geschah, sondern auch, warum man uns Jahrzehnte später immer noch gerade diese Geschichte über diesen Ort erzählt – und wem genau diese Form der historischen Erinnerung nützt.
Titelbild: © Valerie Schiller






