„Ein Familienfoto mit Sergej Lawrow konnte der deutsche Außenminister Johann Wadephul verhindern. Aber beim Abendempfang drängelte sich der Russe ins Bild und hielt mit den Kollegen Small Talk“ – so lautet der Vorspann eines Spiegel-Artikels, bei dem sich der Schluss aufdrängt: Das Hamburger Blatt hat die „Affäre Relotius“ vergessen. Was interessieren schon Fakten, wenn Stimmungsmache und die „richtige“ Weltanschauung im Vordergrund stehen? Ein drängelnder Russe ist eben schön lebhaft – da kann an der Stelle das alte Journalistenmotto von Spiegelgründer Rudolf Augstein, „Sagen, was ist“, kaum mithalten. Ob Lawrow tatsächlich gedrängelt hat: Das darf keine Rolle spielen. Es geht um die „richtige“ Weltanschauung. Fakten stören da bisweilen. Ein Kommentar von Marcus Klöckner.
In der Welt des Spiegels gilt es, beim Schreiben alles in Handlung aufzulösen. Es reicht nicht, dass jemand etwas „sagt“, „macht“, „bespricht“. Es müssen lebhafte Verben, schillernde Adjektive und weltanschaulich sitzende Formulierungen und Sätze sein, sodass der Leser gleich die „richtige“ Sicht, das heißt, die Wahrheit des Spiegels, vermittelt bekommt.
Wie „die Wahrheit“ des Spiegels bisweilen aussieht, hat die Relotius-Affäre auf beeindruckend plastische Weise enthüllt. Doch den „Fall Relotius“ – einer der größten Fälschungsskandale im deutschen Journalismus – scheint man bei dem Hamburger Blatt längst vergessen zu haben. Der Spiegel kann nicht aus seiner Haut. Zumindest drängt sich dieser Schluss auf.
Da veröffentlicht das State Department ein exklusives Foto, auf dem der russische Außenminister Sergej Lawrow mit seinen Kollegen Marco Rubio und Johann Wadephul beim Abendempfang des G-20-Gipfels zu sehen ist, und was passiert?
Das Sagen-was-ist-Magazin lässt den Außenminister Russlands sich ins Bild „drängeln“, oder genauer: Beim Spiegel drängelt „der Russe“.
Der Leser ist gespannt: Hält der Artikel, was der Vorspann verspricht?
Wo sind die anschaulichen Details? Wen hat Lawrow auf die Seite geschubst? Hat er seine Ellenbogen eingesetzt? Hat er gar Wadephul bedrängt, sodass er endlich auf ein gemeinsames Foto kommen konnte?
Nein, von nichts dergleichen erzählt der Artikel.
Nur: Das schöne, einfache, so anschauliche Wort „drängeln“ steht trotzdem im Vorspann.
Laut dem Duden bedeutet drängeln „im allgemeinen Sprachgebrauch, sich durch rücksichtsloses Schieben, Drücken oder ungeduldiges Antreiben schneller als andere einen Weg zu bahnen oder jemanden zu Eile zu drängen“.
Deutsche Sprache, schwere Sprache? In diesem Fall gilt das bestimmt nicht.
Der Spiegelredaktion dürfte die Bedeutung des Wortes „drängeln“ bekannt sein.
Obwohl ein Drängeln also weder das Foto dokumentiert noch der Artikel selbst für ein Drängeln Beweise liefert, „ist“ da ein drängelnder Russe.
Das passt bestimmt so schön zu den Wirklichkeitsvorstellungen des Spiegels – so wie die Bewohner der US-amerikanischen Stadt Fergus Falls in der Relotius-Geschichte so ziemlich allen Klischees entsprochen haben, die der Spiegel über angeblich rückständige, fremdenfeindliche, waffenfanatische Trump-Anhänger zeichnen wollte.
Dumm an der Sache nur: Die Einwohner von Fergus Falls entsprachen in der Realität überhaupt nicht dem karikaturhaften Bild vom ungebildeten Trump-Wähler.
Wie es tatsächlich war: Die Geschichte ist bekannt. Doch warum aus der Geschichte lernen, wenn das Grundprinzip auch heute noch gut funktioniert?
Aktuell verschafft der Spiegel dem „Grundsatz“ Raum in der Erzählung vom tumben, ungehobelten, rüpelhaften „Russen“.
Erneut kommt der Bruch mit dem Journalismus zum Vorschein.
Da hat der deutsche Außenminister ein „G-20-Familienfoto“ mit dem ungeliebten Lawrow verhindert (sich mit einem Politiker eines Landes, das den Iran angegriffen hat, fotografieren zu lassen, wäre aber kein Problem gewesen) – und der Spiegel wälzt im Nachklapp weltanschaulich passend aus.
Werfen wir einen Blick in den Artikel:
Aber gegen Lawrows Empfang im Aquarium von Atlanta konnten Wadephul & Co nichts unternehmen. Das State Department veröffentlichte am Samstag ein Foto, das Lawrow im Gespräch mit Rubio und Wadephul zeigt. Offenbar ging es auch um das verhinderte Familienfoto.
Lawrow konnte es offenbar nicht verknusen, dass ihm das gemeinsame Foto verwehrt worden war. In einer Pressekonferenz hatte er sich namentlich über den deutschen Außenminister beschwert. »Dieser Herr Wadephul, der vor einem Monat um ein Treffen mit mir in New York gebeten hatte, hat gestern oder heute Vormittag eine Art Erklärung abgegeben, dass er Lawrow alles sagen werde, was den aggressiven Krieg betrifft, und sich niemals fotografieren lassen werde«, sagte der russische Außenminister. »Das nenne ich Familienfoto-Diplomatie.«
Ins Auge fallen die Formulierungen: „Offenbar ging es ihm auch …“ und „Lawrow konnte es offenbar nicht verknusen, dass …“.
Wie soll man es formulieren? Vielleicht so: Offenbar ist der journalistische Offenbarungseid offenbar.
Das Krönchen setzt der Spiegel seiner Erzählung mit der Formulierung „der Russe“ auf.
Der Spiegel reduziert hier die Person Lawrow auf ihre Nationalität – und das in Verbindung mit einer als unhöflich betrachteten Handlung. Lawrow wird hier ethnisch kategorisiert, Abwertung liegt in der Luft.
Bei aller Kritik am Spiegel: Die Redakteure wissen, was sie schreiben. An solchen Stellen wird sich nicht einfach nur „vergriffen“.
Die Stimmungsmache, die hier zum Tragen kommt, ist greifbar.
Titelbild: Courtney Reed / Flickr / U.S. Department of State





