Heiße Luft mit unangenehmer Ausdünstung

Jens Berger
Ein Artikel von:

Da knallten am vergangenen Freitag in Frankfurt die Sektkorken, als der DAX erstmalig in seiner 25-jährigen Geschichte die Marke von 9.000 Punkten knackte. Zwar wird in den gängigen Medien hier und da auf die mögliche Gefahr einer Aktienblase hingewiesen, insgesamt dominieren jedoch Freude und Glückseligkeit angesichts des tollen Aufschwungs unseres Börsenbarometers. Diese Euphorie ist allerdings dumm und kurzsichtig, denn hinter der bejubelten Aktienhausse steckt nichts als heiße Luft. Und die riecht auch noch unangenehm, weil der vermeintliche Erfolg des DAX Ausdruck einer gravierenden Fehljustierung unseres Wirtschafts- und Finanzsystems ist. Von Günther Wierichs[*].

Was ist daran so toll, wenn unsere Realwirtschaft (Bruttoinlandsprodukt) in diesem Jahr vielleicht um 0,5 Prozent wächst, der DAX hingegen seit Jahresbeginn locker um 17 Prozent in die Höhe schießt? Eine ähnliche Situation hatten wir bereits im letzten Jahr, als die DAX-Steigerung mit fast 30 Prozent mehr als zehn Mal so hoch ausfiel wie das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts. Beides passt nicht zusammen. Der DAX-Höhenflug kann folglich nur Ausdruck spekulativen Handelns sein.

Spekulationsgeschäfte in solch nennenswertem Umfang sind aber nur dann möglich, wenn es gut gefüllte Spekulationskassen gibt. Die wiederum sind zweifellos vorhanden, national wie international. Allein die Deutschen verfügen über Geldvermögen in Höhe von etwa 5.000 Milliarden Euro. Dieses Geld steckt in Wertpapieren, es liegt auf Bankkonten oder existiert als Kapitalanspruch gegenüber Versicherungen. Und es wird emsig umgeschichtet und immer wieder aufs Neue den gerade besonders „angesagten“ finanzwirtschaftlichen Verwendungszwecken zugeführt. Mit Einsetzen der so genannten „Eurokrise“ kletterte der Goldpreis 2011 auf einen Höchststand von mehr als 1.900 US-Dollar. Aktuell stehen Immobilien im Fokus betuchter Anleger – bundesweit stiegen die Immobilienpreise in Deutschland seit 2010 um über 8 Prozent, in Ballungsräumen sogar um 25 Prozent. Und jetzt schießen auch noch die Aktienkurse in die Höhe.

Das Problem ist nur: Die vielen Milliarden, die zwischen den verschiedenen (vorgeblich lukrativen) Anlagealternativen hin und her geschoben werden, kommen nicht in der Realwirtschaft an. Wie denn auch? Die komfortable Einkommensposition derjenigen, die über nennenswerte Finanzvermögen verfügen, macht eine Verwendung der Erträge aus diesen Vermögen (oder eine partielle Auflösung des Vermögens) in der Regel ja nicht zwingend notwendig. Man strebt in dieser Situation halt primär eine Ausdehnung des finanziellen Polsters an, eine Ausdehnung indes, die man getrost als virtuell bezeichnen kann, da ihr ein realwirtschaftliches Fundament fehlt. Da werden Goldbarren, Immobilien oder Aktien in die Höhe gepusht, nur weil die jeweilige Anlagealternative gerade so schrecklich „in“ ist. Erfahrungsgemäß kommt es irgendwann einmal zu einer „Korrektur“, also einem Kursrückgang. Fällt dieser besonders heftig aus, „platzt eine Blase“. Dem Geldvermögen insgesamt fügen solche Korrekturen jedoch im schlimmsten Fall nur kurzfristig einen Schaden zu. So zum Beispiel 2008/2009: Zwar sanken die deutschen Geldvermögen nach dem Lehman-Schock um etwa 140 Milliarden Euro, jedoch erholten sich die Bestände erstaunlich schnell. Bereits Ende 2009 war das alte Niveau wieder erreicht. Und seitdem geht es kontinuierlich bergauf. Dies alles ist keineswegs verwunderlich, denn jede Kurskorrektur ist letztendlich ein Nullsummenspiel. Diejenigen, die zu lange in dem zuvor überbewerteten (und jetzt „korrigierten“) Investment verharren, realisieren Kursverluste. Auf der anderen Seite gibt es aber eine erkleckliche Anzahl an Spekulanten, die rechtzeitig vor dem Einbruch noch Kasse gemacht haben. Und deren Guthaben sind ja schließlich noch vorhanden. Die Finanzvermögen sinken in der Summe betrachtet daher nicht – beziehungsweise sie finden auch nach dem rüdesten Schockerlebnis, das zeitweise denn doch zu einem Gesamtrückgang führen mag, wieder schnell zu ihrem Ausgangsniveau zurück. Bildhaft gesprochen: Die aus einem zuvor aufgeblasenen Ballon entweichende Luft verhilft mühelos dem nächsten Ballon zu praller Fülle.

Dieser Mechanismus des finanzmarktgetriebenen Befüllens und Entleerens verschiedener Ballons kann im Prinzip relativ einfach durchbrochen werden: durch Umverteilung. Eine Höherbesteuerung von Kapitalerträgen würde dem Staat Mittel bescheren, die – zum Beispiel durch Investitionen in Bildung oder Infrastruktur – nachhaltig realwirtschaftlich wirksam eingesetzt werden könnten. Es sind hier, angesichts der enorm hohen Geldvermögensbestände und eines aus diesen Beständen resultierenden immensen Wachstumspotenzials, sehr hohe Summen im Spiel.

Dabei geht es nicht darum, den Deutschen unangemessen tief in die Tasche zu greifen. Fordern wir doch zum Beispiel eine Steuererhöhung auf Kapitalerträge von 10 Prozentpunkten ein! Das klingt zunächst nach einer unverschämten Forderung. Tatsache ist aber, dass Kapitalerträge seit 2009 steuerlich in ganz besonderer Weise priviliegiert sind. Durch das Abgeltungssteuersystem fallen maximal 25 Prozent hierauf an (vgl. den Beitrag: Steuererhöhungen sind kein Thema…. – oder vielleicht doch? vom 25.10.). Bei einem Plus von 10 Prozentpunkten ergäbe sich folglich eine Belastung von 35 Prozent – und damit ein Steuersatz, der für die meisten Geldvermögensbesitzer immer noch sehr günstig wäre.

Die Erfolgsaussichten für eine Umsetzung solcher Pläne sind allerdings äußerst schlecht. Unsere Koalitionäre von SPD und CDU/CSU huldigen offenbar dem Grundsatz „keine Steuererhöhungen“. Unter dem Deckmäntelchen Belastungen-sind-tödlich-für-den-Mittelstand wird wohl auch die Privilegierung bei der Besteuerung von Kapitalerträgen bleiben. Man darf bei dieser Beharrlichkeit zwei Dinge nicht vergessen: Unter den Geldvermögensbesitzern befinden sich etliche, die politisch und gesellschaftlich äußerst gut vernetzt sind. Und diese Leute lassen, wenn es ihnen ans Portemonnaie gehen soll, gerne die Muskeln spielen. Zweitens muss man den Einfluss der Sektkorken-Knaller an den Börsen und in den Handelsabteilungen der Banken ins Kalkül einbeziehen. Der Finanzbranche passt eine Höherbesteuerung von Kapitalerträgen überhaupt nicht in den Kram. Dann wird doch die gute Stimmung vermiest! Das Kursfeuerwerk verpufft! Ein Kursfeuerwerk ist jedoch genau das, was die Branche benötigt. Dabei steigt die Zahl der Finanztransaktionen, und mit einem höheren Kursniveau steigt auch der Umsatz. Das alles wirkt sich positiv auf die Provisionsbeteilungen aus. Und da kann man auch mal eine Kiste Champagner heranschaffen, wenn ein Börsenindex wieder eine Marke knackt.


[«*] Günter Wierichs (* 1955) studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und promovierte zum Dr. rer. pol. Er arbeitet als Fachleiter am Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung in Düsseldorf und ist Autor mehrerer Lehrbücher, eines Bank- und Börsenlexikons sowie zahlreicher Aufsätze zu wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Themen. Ende August 2013 erschien im Westend-Verlag sein Buch: „Das kritische Finanzlexikon“.

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