Nach rechter Stimmungsmache: Schule verlegt „Multikulturelle Feier zum Fest der Werte“

Albrecht Müller
Ein Artikel von:

Mit einer „Multikulturellen Feier zum Fest der Werte“ wollte das Gottlieb-Daimler-Gymnasium das Kalenderjahr ausklingen lassen. In der Schule sind 23 Nationalitäten vertreten. Stattfinden sollte die Feier in der katholischen Lieb-Frauen-Kirche. Als der Termin bekannt wurde, brach auf rechtsextremen und islamkritischen Internetseiten ein wahrer shitstorm über die Schule her. Der Schulleitung war das Risiko zu groß. Eine Feier unter Polizeischutz wollte man wohl nicht. Die Feier findet jetzt in kleinerem Rahmen und innerhalb der Schule statt. Ein Beitrag von Hermann Zoller.

Die Entscheidung der Schulleitung ist in gewisser Weise angesichts der nicht erkennbaren Unterstützung von oben verständlich, aber dennoch zu überdenken. Der eigentliche Zweck der Veranstaltung ist damit eingeschränkt. Und was noch schlimmer ist: Die rechtslastigen Kritiker können einen Erfolg an ihre Fahne heften. Deshalb ist das Zurückweichen das schlechteste aller Zeichen.
 
Die Kritik geht in erster Linie sicher nicht an die Rektorin der Schule, die sich Sorgen um die Schüler machte, aber auf jeden Fall an jene, die der Schulleitung den Rücken hätten stärken müssen, statt auf Nummer sicher zu gehen. So hat das Regierungspräsidium nicht das notwendige politische Fingerspitzengefühl gezeigt und die Schule zum Festhalten an der Veranstaltung ermuntert. Es ist ein fatales Signal: Die Demokratie auf dem Rückzug. Von der Schulleitung sicherlich nicht gewollt: so ist jetzt aber gerade den Werten, die man feiern wollte, ein Schaden zugefügt worden.
 
Immerhin: Es gab auch eine beachtliche Zahl von Schülerinnen und Schülern, die sich nicht verstecken, die an der Veranstaltung festhalten wollten. Das ist ein Zeichen der Hoffnung. Deshalb muss es noch viel mehr in aller Öffentlichkeit stattfindende „multikulturelle Feiern“ geben. Das sind die Schritte, die wir brauchen, wenn wir „Integration“ nicht nur in Sonntagsreden fordern wollen. Und es irritiert, dass ausgerechnet die baden-württembergische Integrationsministerin Bilkay Öney im SWR vermutet, der Zeitpunkt der Feier habe zu Missverständnissen geführt. Die zentrale Aufregung drehe sich wohl um die Frage, ob man Weihnachtsfeiern aus Rücksicht auf Migranten absagen müsse; dazu sage sie nein. So war das allerdings auch nicht. Die Feier war ein Projekt der ganzen Schule und hatte nichts mit der Absage einer Weihnachtsfeier zu tun. Abgesehen davon: Angesichts der Bemühungen, den Dialog zwischen den Abrahams-Religionen zu fördern, muss man nicht so zuspitzen. Hilfreicher ist da die Erklärung von Bildungsminister Adreas Stoch: Er fordert dazu auf, sich von Rechtspopulisten nicht beirren zu lassen.
 
Damit es nicht Schule macht, dass wir schon wieder vor Rechtspopulisten zurückweichen, ihnen das Heft des Handelns überlassen, müssen wir die „streitbare Demokratie“ auch leben. Erinnern wir uns doch mal daran, was die Menschen auf sich genommen haben, die sich Hitler entgegengestellt haben. Dagegen ist doch das, was wir heute an Mut aufbringen müssen, eigentlich nichts. Unsere Verantwortung vor der Geschichte und nicht zuletzt vor den Opfern der Nazi-Barbarei erfordert, dass wir aufrecht unsere Werte Freiheit und Demokratie, Ablehnung von Rassenhass und Fremdenfeindlichkeit verteidigen.
 
Somit stellen sich Fragen: Warum hat die Schulgemeinschaft nicht von Anfang an die Öffentlichkeit gesucht, informiert und um Solidarität geworben? Wie hat sich eigentlich der Schulträger, die Stadt Stuttgart, verhalten? Warum haben sich Schulleitung und Elternschaft zusammen mit den Schülerinnen und Schülern nicht entschlossen, demonstrativ in aller Öffentlichkeit das Fest zu feiern? – Die Fragen sollten diskutiert werden, nicht um Schuldige zu suchen, sondern um uns stark zu machen.
 
Hermann Zoller

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