Die Undercover-Arbeit der Privatvorsorge Lobby

Albrecht Müller
Ein Artikel von:

Letzthin meinte einer unserer Leser, wir sähen den SPIEGEL zu kritisch. Das geht gar nicht. Mit einem neuen Beispiel der Irreführung durch Nichtinformation möchte ich Sie bekannt machen: SPIEGEL ONLINE berichtet unter der Überschrift „Altersvorsorge – Deutsche verpassen zu sparen“, das Deutsche Institut für Altersvorsorge (DIA) habe eine Studie bei dem Forschungsinstitut Empirica in Auftrag gegeben. Diese zeige, dass die Deutschen zu wenig sparen, jedenfalls reiche die Spar-Summe für die Erhaltung des jetzigen Lebensstandards nicht aus. Auch die Riester-Rente werde zu wenig genutzt. Deshalb schlage das Deutsche Institut für Altersvorsorge Alarm: Viele Erwerbstätige werden mehr sparen oder deutlich länger arbeiten müssen, wenn sie ihren Lebensstandard im Alter erhalten wollen. ”
Der Beitrag mündet zwangsläufig in der nicht formulierten Empfehlung: Jetzt hilft nur noch Privatvorsorge. – Die Autoren verschweigen wesentliche Informationen zur Einordnung dieser sachlich daherkommenden Story.

  1. Dass das DIA eine Tochter der Deutschen Bank und ihrer Unterorganisationen im Banken- und Versicherungsbereich ist. Lt. Homepage:

    Gesellschafter des Instituts sind die Deutsche Bank AG, Deutsche Bank Bauspar AG, DWS Investment GmbH und Deutscher Herold Lebensversicherung AG, Kooperationspartner ist die Deutsche Bank 24 AG. – Das DIA arbeitet vollkommen unabhängig von den Marketing- und Verkaufsaktivitäten seiner Gesellschafter.

    Der letzte Satz beeindruckt uns sehr.

  2. Dass der Privatvorsorge-Lobbyist Meinhard Miegel im Wissenschaftlichen Beirat dieses Instituts sitzt.
  3. Dass der Büroleiter des SPIEGEL in Berlin, Gabor Steingart, eng mit dem Chef der Forschungsabteilung der Deutschen Bank, Norbert Walter verbunden ist. Viele Materialien im Buch des SPIEGEL-Manns „Der Abstieg eines Superstars“ stammen erkennbar aus dieser Quelle. Ihm gilt auch ein besonderer Dank im Buch von Gabor Steingart.
  4. Dass der Chef von Empirica Sprecher des Managerkreises der Friedrich-Ebert-Stiftung ist. Der Managerkreis macht seit längerem in sozialdemokratischen Kreisen Stimmung für neoliberale Positionen.

Das hätten wir eigentlich auch gerne alles von den Schreibern von SPIEGEL ONLINE gewusst. Dann könnten wir ihre Meldung besser einordnen. So ist es ein Stück, das wegen Weglassens wichtige Informationen in unsere Rubrik „Manipulation des Monats“ gehört. Es zeigt, wie die Lobby bei uns arbeitet und wie eng sie mit Publizistik und Forschung verbunden ist.

Hier noch Zitate aus dem SPIEGEL ONLINE Bericht:

Bislang galten die Deutschen als Sparweltmeister. Doch das hat sich entweder geändert oder es reichte nie. … Das Forschungsinstitut Empirica kam in seiner im Auftrag des DIA erstellten Studie zu dem Ergebnis, dass nur rund ein Viertel der 30 bis 49-Jährigen für eine private oder betriebliche Altersvorsorge spart. Selbst wenn man die Sparquote der Haushalte in Rechnung stellt, reiche die Summe für die Erhaltung des jetzigen Lebensstandards nicht aus, erklärten die Renten-Forscher. Die “Babyboomer” müssten schon seit Jahren rund sechs Prozent ihres Bruttoeinkommens für das Alter zurücklegen, um die künftig niedrigeren Nettorenten ausgleichen zu können. ….
Nach dem in einer repräsentativen Umfrage erstellten Rentenbarometer haben nur 19 Prozent einen förderfähigen Altersvorsorge-Vertrag abgeschlossen. Die konstante Verweigerungsrate von 73 Prozent sei ernüchternd, sagten die Experten des DIA. Als Grund gab die große Mehrheit der Befragten an, die Riester-Rente sei zu kompliziert. 20 Prozent meinten, es gebe bessere Möglichkeiten. Ebenso viele gaben an, sie hätten schon ausreichend vorgesorgt. 13 Prozent nannten finanzielle Gründe (…)”

Weitere Beträge zur privaten Altersvorsorge:

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