Nachtrag zur abgesprochenen Meinungsmache: Sie verfängt … und sie verfängt nicht.

Albrecht Müller
Ein Artikel von:

Auf den Beitrag zur Sendung Maischberger erreichten uns einige interessante Mails. Drei davon sind in den Anlagen wieder gegeben. In der ersten Mail wird beklagt, dass die beschriebene Propaganda verfange und dass viele Menschen sogar glauben würden, jene, die uns in das Malheur hinein geführt hätten, führten und auch wieder heraus. Da ist einiges dran. Da die Propaganda massiv und abgesprochen betrieben wird, wirkt sie in weiten Kreisen. Sie wirkt nicht nur bei Lesern der Bild-Zeitung zum Beispiel sondern besonders auch in Kreisen, die sich für gebildet halten und dies auf anderen Feldern als jenen der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik auch wirklich sind. Albrecht Müller

In den beiden anderen Mails B und C wird davon berichtet, in das unsere gemeinsamen Versuche zum Aufbau einer Gegenöffentlichkeit Wirkung zeigt. Ich sehe in beiden Beobachtungen keinen Widerspruch. Den kritischen Bericht in der Mail A möchte ich zum Anlass dafür nehmen zu empfehlen,

  • solche Sendungen wie Maischberger vom 30.9. zu nutzen, um die Methoden der Meinungsmache sichtbar zu machen: Wiederholung, gleiche falsche Botschaft aus verschiedenen Ecken, Haltet den Dieb;
  • sichtbar zu machen, wie angeblich liberale bis kritische Blätter und Medien in die Meinungsmache eingespannt sind beziehungsweise sich einsparen lassen. Ich denke dabei vor allem an die Zeit, an den Spiegel, den Stern, die FAZ und die verschiedenen Talkshows sowieso. Es ist wirklich wichtig, die Glaubwürdigkeit, dieser Medien in Zweifel zu ziehen;
  • es ist wichtig, kritisch zu bleiben und zu hinterfragen auch dann, wenn sozial engagiert und systemkritisch geredet wird. Wenn zum Beispiel Helmut Schmidt von „Raubtierkapitalismus“ spricht, dann klingt das prima, aber es ist ohne Bedeutung für die Sache, die kritischen Sprüche erhöhen aber seine Glaubwürdigkeit für die ansonsten äußerst problematischen Einlassungen. Ähnliches gilt für Heiner Geißler; er bringt es fertig, über den „Kapitalismus“ und die „reine Marktideologie“ her zu ziehen (Siehe Anlage D – Interview mit der HNA) und Argumente zu gebrauchen, wie wir sie sonst bei attac finden, um dann am Schluss die Bundeskanzlerin Merkel und ihr Management der Finanzkrise über den grünen Klee zu loben. Kein Wort zur tiefen Verfilzung der Bundeskanzlerin mit der Finanzindustrie. – Es geht mir hier nicht um Geißler. Es geht darum, dass sich kritische Geister nicht leichtfertig still stellen lassen.

Anlagen

Mail A:

Ich stelle derzeit in meinem privaten Umfeld auch immer mehr fest, wie die Menschen, trotz Finanzkrise, nur über Lafontaine schimpfen. Häufig sind das Menschen, die eigentlich zum Nachdenken fähig sind. Da heißt es, Lafontaine kennt keine Verantwortung, er ist faul, es ist ein Schluri, er ist Populist und Demagoge oder gar ein Kommunist. Auf die Nachfrage, bitte liefert dazu Fakten, kommt nichts. Wenn man Glück hat, eine Antwort zu erhalten, geht sie ungefähr so: Wer so tut, als gäbe es für unsere Probleme eine Lösung, ist ein Demagoge und Populist.

Die Menschen glauben, wer uns in das Malheur hineingeführt hat, führt uns da auch wieder raus. Die Nachsicht mit Schröder, Clement, Müntefering, Fischer, Merkel und Co. ist unglaublich. Mich würde interessieren, woher kommt diese Gleichgültigkeit, dieser unerschütterliche Glaube, unsere Elite wird es schon richten?

Bei Ihrem Aufruf, im eigenen Umfeld aufklärerisch tätig zu sein, sehe ich mit der Zeit ein Problem. Da man als Einzelkämpfer agiert, wird man schnell als Sektierer wahrgenommen, auch wenn man sich bemüht, mit Fakten untermauert, zu argumentieren. Wenn man Glück hat, wird man als Hofnarr akzeptiert.

Werte, die in unserer Gesellschaft, sei es im Elternhaus, der Kirche, den Schulen und Vereinen, so gerne als furchtbar wichtig dargestellt werden, sind in der realen Welt keinen Pfifferling wert. So auch bei Wahlen. Es zählt nur eines, die Hoffnung bei den Gewinnern zu sein. Moral, Ethik oder humanistische Werte bringen keine Prozente.

Ich frage mich immer wieder als einer, der nach dem Krieg geboren wurde: Wie haben denkende Menschen Anfang der dreißiger Jahre die politischen Verhältnisse privat verarbeitet. Mir jedenfalls versaut das Verhalten unserer Gesellschaft (Kirche, Medien, Parteien, Wirtschaft usw.) immer öfter die Lebensfreude.

Mit freundlichen Grüßen,
H.-J. M.

Mail B:

Als ehemaliger Lehrer, der politisch und vereinsmäßig sehr lange tätig war und in einem Heimatkundekreis immer noch aktiv bin, komme ich viel mit Leuten ins Gespräch. Glauben Sie mir, diese Herren Vogel (bis) und andere – v. Dohnanyi und leider auch H. Schmidt – haben kaum noch Glaubwürdigkeit und machen sich nur noch lächerlicher mit ihrem Populismus Vorwurf gegen Oskar und die Linke. Wie Sie sagen, ist das schade bei H-J. Vogel und auch bei H. Schmidt. Ich habe Schmidt bei Kerner (oder war es der andere?) erlebt: schon peinlich, wie er ausgetretene Pfade bedient (Überalterung). Das Wort Journal kommt bekanntlich von lateinisch diurnalia, das waren tägliche Berichte, die Cäsar nach Rom schickte, quasi als BILD Berichter über seine Verbrechen in Gallien, um die Stimmung zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Es tut mir leid, aber Schmidt hat mehr als Alltäglichkeiten nicht mehr zu bieten.
Nochmals: machen Sie sich wenig Sorgen, dass die Leute die diurnalia dieser Gernegroßen allzu ernst nehmen.

PS. Am vergangenen Freitag bei einem Kollegiumsausflug wurde ich von mehrmals auf Ihre Nds hingewiesen; da könnte ich noch was lernen. Toll!

Viele Grüße
J. M.

Mail C:

Vielen Dank für aufschlussreichen Erläuterungen insbesondere zu den Äußerungen von Herrn Henkel. Als interessierter Nutzer der Nachdenkseiten waren mir die meisten Sachverhalte gottlob bereits bekannt.
 
Ich habe die Sendung ebenfalls mit Interesse verfolgt und fand es äußerst befremdlich, wie sich die Herren H.J. Vogel und Henkel mit Ihren Äußerungen über Oskar Lafontaine immer weiter in dummblöde Argumentationen verstiegen haben.
 
Nicht nur, dass immer wieder der geradezu abstruse Vorwurf des Populismus zum x-ten Mal vorgetragen wurde. Wenn man es nur oft genug wiederholt, dann glaubt es auch der letzte Hinterwäldler.
 
Nein, besonders abartig erschien mir die übereinstimmende Meinung der genannten Herren, dass es von Oskar Lafontaine zwei Ausgaben gibt: Nämlich „Lafontaine 1“ und „Lafontaine 2“ (Zitat H.J. Vogel). Lafontaine 1 wurde dabei gleich gesetzt mit Oskar Lafontaine vor dem gegen ihn verübten Attentat und Lafontaine 2 wurde gleich gesetzt mit Oskar Lafontaine nach dem Attentat.
 
Demzufolge wäre Lafontaine nach dem Attentat nicht mehr derselbe gewesen und möglicherweise darin die Ursache dafür gewesen, dass er einfach so sein Amt als Parteivorsitzender und als Bundesfinanzminister hingeschmissen habe. Die Aussagen von Herrn Henkel kamen bei mir so an als ob Oskar Lafontaine seit dem Attentat und speziell seit er Vorsitzender der Linken ist einen an der Waffel hätte und nicht mehr zurechnungsfähig sei.
 
Vogelwild im wahrsten Sinne des Wortes war auch, dass Hans-Jochen Vogel zunächst den Namen seines ehemaligen Parteifreundes Lafontaine nicht einmal aussprechen wollte. Er fabulierte von einer Person von vorher und einer Person von jetzt.
 
Da scheinen einige Leute – ganz besonders unter dem Eindruck der Wahl in Bayern und den daraus resultierenden Konsequenzen für die bevorstehende Bundestagswahl – gewaltige Angst vor „Lafontaine 2“ zu haben.
 
Wer so verbohrt ist, sämtliche Tatsachen medienwirksam verdreht, über einen Gerhard Schröder Lobeshymnen anstimmt und behauptet, Frau Merkel und Herr Steinbrück würden alles richtig machen, dem sei diese Angst auch von Herzen vergönnt.
 
Übrigens: Ich habe das Ende der Sendung schließlich nicht mehr mit anschauen können, weil ich mich so hätte aufregen müssen, dass mich das glatt um den Schlaf hätte bringen können.
 
Viele Grüße aus Oberbayern und machen Sie weiter so. Sie haben mit den Nachdenkseiten dazu beigetragen, dass es Gegenmeinungen zur “herrschenden” Ideologie gibt und wie wir in Bayern gesehen haben, wirken diese Gegenmeinungen auch.

C. B.

Anlage D:

Interview HNA mit Heiner Geißler vom 27.9.2008
„US-Regierung ist abhängig vom Kapital“
Quelle: HNA online

Auszug:

Geißler: „… Die CDU muss also realisieren, was im letzten Grundsatzprogramm beschlossen wurde, nämlich die Humanisierung des Globalisierungsprozesses jetzt in die Tat umzusetzen. Den Menschen müssen Perspektiven gegeben werden, weil sie Angst um ihr Geld haben und verzweifeln.

HNA: Ist in der CDU, die zugleich die Regierung mitträgt, das Bewusstsein für die notwendigen Reformen vorhanden?

Geißler: Ich bin optimistisch, dass die Kanzlerin mit ihrem naturwissenschaftlichen Sachverstand die Zusammenhänge erkennt. …“

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