Die vier Tode des Pablo Neruda – Chilenischer Staat schloss sich Mordklage an.

Frederico Füllgraf
Ein Artikel von Frederico Füllgraf | Verantwortlicher:

Am 20. Oktober 2017 wird in Chile – hoffentlich aufschlussreich und endgültig – geklärt, wie Pablo Neruda, der Nobelpreisträger, linke Chilene und Freund von Präsident Allende, zu Tode gekommen ist – an einer Krankheit gestorben oder von Pinochets Militär ermordet. Am 20. Oktober legen Forensiker ihren Schlussbericht vor. Im Anschluss dürfte der zuständige Richter Carroza ein mit Spannung erwartetes, historisches Urteil sprechen. Unser südamerikanischer Korrespondent Frederico Füllgraf berichtet darüber. Lesenswert. Es täte der demokratischen Weltöffentlichkeit und der deutschen Öffentlichkeit gut, wenn andere Medien sich dieses Themas wenigstens noch einmal annähmen. Albrecht Müller.

Zwölf Tage nach dem blutigen Militärputsch gegen die demokratische Regierung Salvador Allendes und dem Tod des Präsidenten in den Ruinen des von der eigenen Luftwaffe bombardierten Regierungspalastes La Moneda verstarb am 23. September 1973 der renommierte chilenische Dichter und Literatur-Nobelpreisträger Pablo Neruda.

Der Arzt Roberto Vargas Salazar von der Santiagoer Klinik Santa María schrieb auf die Todesbescheinigung: „Gestorben an einer degenerativen Kachexie als Folge von Prostata-Krebs“. Der wohlgenährte Pablo Neruda, mit seiner rundlichen Figur, als Opfer einer Kachexie, jener krankhaften, sehr starken Abmagerung? Mit dem Totenschein (siehe Facsimile) stimmte etwas nicht.

Die widersprüchlichen Todesscheine

Doch die Ungereimtheiten überstürzten sich bald. Die Tageszeitung El Mercurio, eine Art „medialer Arm“ des Putsches, schrieb am 24. September (siehe Repro): „Der Dichter Pablo Neruda starb an einem Herzversagen infolge einer Spritze“.

Ein Mann hatte die Beschwerden des Dichters über die Spritze in seinen Unterleib behandelt: Manuel Araya Osorio, Nerudas Fahrer und Leibwächter, legte ihm eine Kompresse auf die Einstichwunde. Als er sich danach dazu aufmachte, im Auftrag des wachhabenden Klinikarztes ein dringendes Schmerzlinderungsmittel in einer Apotheke aufzutreiben, verschwand er spurlos.

Der damalige Erzbischof Santiagos, Raúl Silva Ehnríquez, entdeckte Araya am nächsten Tag im Nationalstadion Chile, das von der Militärjunta als Konzentrationslager und Folterzentrum für tausende von Anhängern Allendes genutzt wurde. Er erzählte ihm von Nerudas Tod und forderte von den Militärs seine Freilassung, die erst 42 Tage später erfolgte.

Während Araya, der wie der Dichter Mitglied der Kommunistischen Partei Chiles war, seine seelischen und körperlichen Misshandlungen, vor allem eine unbehandelte Schusswunde im linken Bein, behandelte, trat er entschlossen einen neuen Leidensweg an: seine Parteigenossen, Juristen und Medien von einem Giftanschlag gegen Neruda zu überzeugen. Doch seine Mutmaßung wurde 38 Jahre lang als abwegige Phantasie, gar als Verschwörungstheorie abgetan.

Doch Ende 2011 kam der Stein ins Rollen, als eine mexikanische Wochenzeitung und die spanische El País mit dem Titel „Wurde Neruda umgebracht?” Arayas Geschichte in Umlauf brachten, die weltweite Resonanz auslöste. Beim Appellationsgericht in Santiago wurde sofort Mordanzeige erstattet, der auch mit dem Fall Colonia Dignidad beauftragte Richter Mario Carroza legte die Akte “Der Fall Neruda” an und verfügte im April 2013 die Exhumierung Nerudas, dessen Leiche seit 1973 zum dritten Mal aus ihrer Gruft geborgen wurde.

Seitdem ermittelten zwei aufeinanderfolgende, internationale Forensiker-Gruppen über die Hypothese fremder Einwirkung durch ein Giftattentat auf den kränkelnden Nobelpreisträger – ein Narrativ, das selbst Werke von Leuchten der Kriminalliteratur wie Arthur Conan Doyle und John le Carré in den Schatten stellt.

Der leere Mittagstisch vom 11. September

Den Beginn der Chronik von den vier Toden Nerudas könnte man auf den 10. September 1973, einen Montag, datieren. Da überbrachte Fahrer Manuel Araya dem Präsidenten Salvador Allende eine unerwartete Einladung seines engen Freundes Pablo Neruda. Er wolle dem Präsidenten und einem intimen Kreis sein Stiftungsprojekt „Cantalao“ vorstellen, eine Residenz nicht nur für mittellose, angehende Schriftsteller, sondern auch für geschundene Minenarbeiter aus den Kupferbergwerken in der Atacama. Also solle Allende am darauffolgenden Tag, den 11. September, bitte zum festlichen Mittagessen nach Isla Negra kommen! Gerührt sagte Allende zu, riss jedoch eine Seite aus seinem Protokollheft, schrieb einen Zettel und drückte ihn Arayad in die Hand, erzählt mir der ehemalige Dichter-Fahrer.

Allende fühlte sich Neruda außerordentlich dankbar verbunden, immerhin hatte der ehemalige Senator und zwei Jahre zuvor ausgezeichnete Literatur-Nobelpreisträger 1970 seine Präsidentschaftskandidatur auf der Liste der Kommunistischen Partei Chiles großzügig zugunsten Allendes zurückgezogen.

Um 5 Uhr in der darauffolgenden Nacht wurde Araya jedoch von Dueña Matilde, Nerudas Ehefrau, mit Rufen und Faustschlägen an seiner Kammertür aus dem Schlaf gerissen. Ein Schaudern fuhr ihm durch die Rippen. Es war noch sehr kühl im September, doch ahnte er sofort, dass der Zettel des Präsidenten – den er selbstverständlich nicht gelesen hatte, sowas tat er niemals! – ein Unheil ankündigte. Das hatte er dem Chicho, wie Allendes Freunde den Präsidenten nannten, allerdings angesehen.

Zähneknirschend – ja, Don Pablo hatte so seine nächtlichen Macken! – streifte er sich ein Jackett über den Schlafanzug, warf einen Blick auf seine Pistole auf dem Nachttisch und eilte zu seinem Dienstherrn. Der saß aufrecht in seinem Bett und hörte gespannt einen argentinischen Sender auf einem Kofferradio: Truppen seien im Anmarsch auf Santiago, hieß es. Nerudas Antlitz war kreidebleich.

„Ich hatte einige Röhren im Fernseher gelöst, damit er nicht sehen konnte, was in Santiago los war, doch er war ja nicht blöd und machte sich einen Reim drauf“, erzählt er 40 Jahre später, als sei es gerade gestern gewesen.

In ganz Chile herrschte Ausgangssperre, der Strand war gespickt mit Polizei. „Sie werden uns alle umbringen!“, schrie Neruda, er sprach vom spanischen Bürgerkrieg, immerhin war er als chilenischer Konsul in Spanien Zeuge von Francos Terror gewesen.

Und Nerudas Prostata-Krebs? Nun ja, den hatte er sozusagen „im Griff“. Dr. Vargas Salazar hatte Matilde zugesichert,
mit einigen Behandlungen aus der Kobalt-Kanone wären ihm noch ein paar Lebensjahre gegönnt. Aber die Gicht hatte ihm wieder zugesetzt, auch seine alte Phlebitis plagte ihn wieder, er konnte oft nicht auf seinen Beinen stehen.

Und nun das! Der Morgen wurde zum Albtraum. Um 9 Uhr 20 hielt Allende seine historische Ansprache, diesmal auf Radio Magallanes: „¡Yo no voy a renunciar! – Ich werde nicht zurücktreten!“, waren seine mitreißenden, letzten Worte.

Um 10 Uhr war Nerudas Telefonleitung stumm, um 11 Uhr 30 war der Präsident tot – das Mittagessen in Isla Negra fiel aus.

Am 14. September überfielen sie Nerudas Haus, zuerst das Heer, dann die Marine. Sie suchten nach „Waffen und versteckten Führern der KP“, fanden weder das Eine noch die Anderen und plünderten des Dichters Eigentum. Aus Santiago erreichte ihn die Mitteilung, das „Struwelpeterhaus“, „Chascona“ genannt, das er in den 1950-er Jahren seiner damals geheimen Liebe Matilde Urrutia in Santiago hatte bauen lassen, sei schlimm verwüstet worden.

Die Kanonen und die unheimliche Klinik

Am 18. September erlaubten sich die Militärs das Unfassbare: Ein Kriegsschiff war wenige hundert Meter vor dem Strand in Stellung gefahren und richtete seine Geschütze auf Nerudas Haus! Von der Außenwelt abgeschnitten, dennoch im Bilde von der entfesselten Hetzjagd auf den Straßen, verzweifelte der Poet an der eigenen Ohnmacht. Die Trauer über Allende setzte ihm schwer zu.

Einer Weisung des mexikanischen Staatspräsidenten Luis Echeverría Álvarez folgend hatte sein Botschafter in Chile, Gonzalo Martínez Corbalá, Vorbereitungen getroffen: Mit den Putschisten handelte er Nerudas Ausreise aus, versah seinen Pass mit einem diplomatischen Visum und buchte eine Linienmaschine von Aeromexico, die am 20. September auf dem Santiagoer Flughafen Pudahuel landete; zwei Tage später sollte der weltbekannte Chilene ins mexikanische Exil ausgeflogen werden.

Doch nach der Bedrohung durch das Kriegsschiff sollte Neruda lieber sofort aus der sprichwörtlichen Schusslinie entfernt werden, riet Corbalá und reservierte ihm ein Zimmer in der Prestigeklinik Santa María in Santiago, wo der Dichter nach vielfältigen Polizei- und Miltiärschikanen am frühen Abend des 19. September eintraf. Neruda solle erst einmal entspannen, einigte man sich. Der Abflugtermin nach Mexiko wurde auf den 22. September vertagt.

In des Dichters Klinikzimmer herrschte in den folgenden Tagen reger Besucherverkehr, darunter Schwedens Botschafter Harald Edelstam, der in jenen Tagen bedrohte Regimegegner im Kofferraum seines Privatwagens durch die Militärsperren zu seiner Botschaft schleuste.

Wie verabredet erschien Botschafter Corbalá am Samstag, den 22. September, um den Dichter und seine Frau zum Abflug abzuholen, ihre Koffer waren bereits in der startbereiten Maschine verstaut. Neruda hatte jedoch seinen Jugendfreund und Lektor, Homero Arce, in die Klinik gerufen, mit dem er munter an seinen Memoiren, „Ich bekenne, ich habe gelebt“, arbeitete. Er brauche noch zwei Tage, erwiderte er. Am Montag, den 24. September, stehe er aber startbereit in der Tür.

Der abgekämpfte Corbalá biss die Zähne zusammen. Immerhin sollte Neruda bereits am 16. September eine Hundertschaft führender Politiker der Volkseinheits-Koalition – darunter Allendes Witwe, Hortencia Bussi, und ihre Töchter – auf ihrem Flug ins mexikanische Exil begleiten. Der Dichter hatte jedoch abgewiegelt, er wolle Chile nicht als „Feigling“ verlassen. Indes, kaum in Mexiko angekommen, erteilte Staatspräsident Echeverría seinem Botschafter den Befehl, sofort nach Santiago zurückzufliegen, um Neruda in Sicherheit zu bringen.

Einen Tag vor Abflug bat der Poet, Ehefrau und Fahrer mögen doch nochmal nach Isla Negra fahren, um ein paar Bücher, Bilder und Dekorationsgegenstände einzupacken. Jedoch wenige Stunden später ließ Neruda sie ans Telefon der benachbarten Pension Santa Elena rufen: Sie sollten dringend zurückfahren, man habe ihm in der Klinik eine Spritze verpasst, es ginge ihm schlecht!

Außer Atem raste der Fahrer die Sierra wieder hoch. Als er mit Matilde in der Klinik eintraf, lag Neruda schweißgebadet auf seinem Bett und deutete auf einen rötlichen Einstich auf Magenhöhe. Da trat der wachhabende Arzt ins Zimmer und bat den Fahrer, er solle rasch in eine nahe gelegene Apotheke fahren, um ein Schmerzlinderungsmittel zu holen, die Klinik hatte es angeblich nicht vorrätig. Das war gegen 19 Uhr. Der Fahrer fuhr mit dem Fiat davon und kehrte nie mehr zurück.

Um 22 Uhr 30 starb Pablo Neruda.

Erste Wende in der „Causa Neruda“: die geheimen Fotos im Leichenhaus

Nerudas ehemaliger Fahrer, Manuel Araya, lud mich im April 2013 zur Exhumierung auf die Residenz Nerudas am Strand von Isla Negra ein, wo er ein ganzes Jahr dem Dichter gedient hatte und nun seinen großen Tag hatte.

Während meiner Recherchen für die Exhumierungs-Reportage für das brasilianische Monatsmagazin Brasileiros stieß ich auf einen einsamen Nachrichtenhinweis, dass ein brasilianisches Team der inzwischen eingestellten Tageszeitung Jornal do Brasil aus Rio de Janeiro mit der Klinik gesprochen und im Leichenhaus insgeheim Fotos des toten Dichters geknipst hatte. Es gelang mir, aus dem historischen Archiv der Zeitung die Ausgabe vom 24. September 1973 und die nicht genehmigten Fotos Nerudas abzurufen.

In der Todesmeldung erklärte nun der Direktor der Klinik, Dr. Sérgio Drapper, dem Reporter Paulo César Araújo, Neruda sei an einer „chronischen Infektion der Harnwege und einer Venenentzündung“ gestorben (siehe Repro). Im krassen Widerspruch zum ersten Totenschein zeigten die heimlichen schwarz-weiß-Fotos des Jornal-do-Brasil-Fotografen Evandro Teixeira im Leichenhaus der Klinik den aufgebahrten Poeten mit seiner üblichen, etwa 200 Pfund schweren, pummeligen Figur.

In einem Interview, 40 Jahre nach dem Geschehen, erzählte mir Teixeira, dass er am Tag zuvor versucht hatte, Neruda in der Klinik zu fotografieren, er sei jedoch freundlich vom Direktor daran gehindert worden. Die Absage stimmte ihn skeptisch, so schlich er sich bei Tagesanbruch des 24. September 1973 durch eine offene Seitentür ein zweites Mal in die Klinik ein und stieß direkt auf das Leichenhaus, in dem Matilde Urrutia, Nerudas Ehefrau, einsame Totenwache hielt. Da sie ihm das Fotografieren genehmigte, ging er ihr nicht mehr von der Seite bis zur Bestattung des Dichters noch am gleichen Tag.

Meine Reportage und die in Chile unbekannten Bilder Teixeiras wurden von den Familienangehörigen und Richter Carroza als sensationelle Wende in den Ermittlungen gefeiert.

In ihrer Ausgabe vom 13.6.2013 hinterfragte die chilenische Wochenzeitung Cambio 21, „Ist die Klinik Santa María etwa ein Labyrinth?“ (¿Es la Clínica Santa María un laberinto?), und warnte: „Es ist notwendig, sich daran zu erinnern, dass in derselben Klinik der Präsident Eduardo Frei Montalva im Januar 1982 umkam“. In der Tat war der chilenischen Justiz nach 30 Jahre langen Ermittlungen der Beweis gelungen, dass Allendes christdemokratischer Vorgänger Frei, der zunächst den Putsch begrüßt hatte, jedoch sehr bald zu den verhasstesten Feinden der Pinochet-Junta aufstieg, mit aufeinanderfolgenden, geringen Verabreichungen von Senfgas, das in Laboren der Geheimpolizei DINA u.a. auf dem Gelände von Colonia Dignidad produziert wurde, ermordet worden war. Die Mörder, darunter Militärs und Ärzte, wurden verurteilt.

Die Ermittlungen Richter Carrozas konzentrierten sich nun auf einen immer engeren Personenkreis in der Klinik Santa María.

Die einhellig in Kreisen der ehemaligen Volkseinheit Chiles heute noch vertretene These ist, dass die Militärs, die zunächst Nerudas Ausreise zugestimmt hatten, darin einen Fehler erkannten. Zu groß war die Gefahr, dass der weltweit prestigeumrankte Nobelpreisträger in Mexiko eine chilenische Exilregierung ausrufen könnte, deren Konsequenz eine ebenso weltweite politische Isolierung und rechtliche Verfolgung der Pinochet-Junta gewesen wäre. Demnach sei die Entsendung des Neruda-Fahrers Araya in eine Apotheke womöglich ein raffinierter Trick gewesen, um von vornherein Zeugen der Spritze in Nerudas Bauch auszuschalten.

Die „goldenen Trauben“ und die definitive Wende

Sechs Monate nach der Exhumierung meldete das gerichtsmedizinische Institut Chiles Anfang November 2013, Neruda sei nicht aufgrund eines nachweisbaren Giftanschlags, sondern tatsächlich an den Folgen eines Krebses gestorben, wie die ursprüngliche Sterbeurkunde meldete.

Die Kläger – die Kommunistische Partei Chiles und Nerudas Angehörige, vertreten durch Neffe und Anwalt Rodolfo Reyes – fochten das Ergebnis an. Richter Carroza gab dem Einspruch nach und ordnete weitere Ermittlungen an.

Nach zweijährigen Laboruntersuchungen revidierte die zweite von Carroza beauftragte, aus 13 Wissenschaftlern bestehende, internationale Forensiker-Gemeinschaft den Befund des gerichtsmedizinischen Instituts von 2013 und gab im Mai 2015 bekannt, in Knochengeweben des Poeten sei die Staphylococcus aureus („Goldene Trauben“)-Bakterie gefunden worden, die nichts mit seinem Prostata-Krebs zu tun hatte. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass sie durch äußere Einwirkung Zugang zu Nerudas Körper gefunden habe, doch müsse deren DNA nachgezeichnet werden.

Richter Carroza ermutigte die Wissenschaftler zum Weitermachen. Er selbst fühlte sich auf sicherer Spur: Zwei Monate zuvor, am 25. März 2015, hatte nämlich das Menschenrechts-Schutzprogramm des chilenischen Innenministeriums einen 11 Seiten langen Geheimbericht an den Richter geschickt. Das mit Zeugnissen und Beweisen angereicherte Dokument warnte nun auch staatlicherseits, dass beim Tod des Nobelpreisträgers „eine fremde Einwirkung ausgesprochen möglich und sehr wahrscheinlich“ sei (siehe PDF). Damit schloss sich auch der chilenische Staat der Mordklage an.

Im Dezember 2016 ordnete Richter Carroza die Rückführung der zwischenzeitlich über die Welt verstreuten Gebeine des Dichters in seine Gruft in Isla Negra an. Es war das vierte Begräbnis Nerudas, der am 24. September 1973 provisorisch im Familien-Mausoleum der Schriftstellerin Adriana Dittborn beigesetzt wurde. Im Mai 1974 wurde der Dichter in ein eigenes Grab umgebettet, jedoch heimlich, damit die Junta ihn nicht orten und sein Grab nicht schänden konnte.

Erst 1992 erfüllte Patricio Aylwin, der erste demokratische Präsident nach 17 Jahren Militärdiktatur, Nerudas ausdrücklichen Wunsch zu Lebenszeiten, in Isla Negra zu ruhen. Also wurde sein zweites Grab in Santiago geöffnet und der Nobelpreisträger mit seiner Frau Matilde Urrutia vor den rauschenden Wellen des tiefblauen Pazifiks beigesetzt.

Doch der ungeklärte „Fall Neruda” ließ dem Dichter keinen Frieden. Den soll er endgültig am kommenden 20. Oktober 2017 finden. Dann legen die Forensiker ihren Schlussbericht vor. Im Anschluss dürfte Richter Carroza ein mit Spannung erwartetes, historisches Urteil sprechen.

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