Papst Franziskus in Chile: Über die Kunst, die indigenen Völker zu schützen und die anstößigste Kirche Lateinamerikas zu retten

Frederico Füllgraf
Ein Artikel von Frederico Füllgraf | Verantwortlicher:

Papst Franziskus landete am vergangenen 15. Januar zu einem dreitägigen Besuch in Chile, dem sich ein ebenso langer Besuch im benachbarten Peru anschließen wird. Der Auftritt in Chile steht unter der Missions-Devise „Meinen Frieden gebe ich Euch“. Der Besuch war bereits seit Jahren von der Regierung Michelle Bachelet mit Nachdruck erbeten worden, nachdem Franziskus Mitte 2015 Bolivien einen überwältigenden Besuch abgestattet hatte, dem sich damals jedoch kein Auftritt im benachbarten Chile anschloss. Ein Bericht von Frederico Füllgraf.

Als Präsident Evo Morales danach verbreiten ließ, der Papst unterstütze als Vermittler die „gerechte Forderung Boliviens“ nach einem souveränen Zugang zum Pazifik, schaltete die erschrockene chilenische Diplomatie auf Alarmstufe Rot und umso mehr bestanden Bachelet und ihr Außenminister Heraldo Muñoz auf diesem „Ausgleichsbesuch“. Wenn es einen politischen Konsens im ideologisch sonst unversöhnlich entzweiten Chile gibt, dann ist es ein sonderbarer, von extrem-rechts bis links reichender Staatserhaltungs-Pakt. Er besagt: „Mit Bolivien gibt es keine Territorialverhandlungen – Punkt!“. Diese Vermittler-Rolle wollte die Regierung Bachelet Papst Franziskus auf Biegen und Brechen ausreden, und vielleicht gelingt es ihr.

Doch da ist noch jene Messe, die der argentinische Pontifex am 18. Januar am Strand von Lobito im nördlichen Iquique dirigieren wird. Wie die meisten Auftritte Franziskus´ könnte auch die Messe an den Ufern des Pazifik eine subtile Symbolwirkung in Richtung Bolivien haben. Präsident Evo Morales nutzte jedenfalls die Gunst der Stunde und erinnerte mit einem Tweet vom 17. Januar an die Wiederaufnahme der Verhandlungen über den bolivianischen Anspruch auf Meereszugang vor dem Haager Gerichtshof: „Wir begrüßen und schätzen die rasche Durchführung der mündlichen Verhandlungen über unseren maritimen Anspruch für den nächsten 18. bis 28. März. Auf der Grundlage von Gerechtigkeit, Recht und Vernunft werden wir mit unserem Volk unser Recht auf eine souveräne Rückkehr zum Meer verteidigen“.

Subtile erlauchte Zeichen

Nur wenige haben beobachtet, dass der in der Regel jovial, redegewandt und gestenreich auftretende ehemalige Erzbischof von Buenos Aires, Jorge Bergoglio, sich auch diskreter Signale bedient, um seine Botschaften unter die Menschen und die Mächtigen zu bringen.
So ließ Franziskus die chilenische Kirche und Regierung wissen, dass sein von einer Tausend-Schar von Polizisten und Sicherheitsbeamten abgeschirmter Konvoi bei der Anfahrt vom Flughafen in die Innenstadt Santiagos in der bescheidenen Pfarrei St. Louis Beltrán stoppen werde, weil er am Grab des 1982 verstorbenen Priesters Enrique Alvear – im Volksmund bekannt als „Bischof der Armen”, der sich mit der Diktatur Pinochet angelegt hatte – sein erstes Gebet auf chilenischem Boden sprechen wolle.

Erst nach diesem maximal 15 Minuten dauernden Gebets-Boxenstopp nahm der Konvoi wieder Kurs auf Santiago, dessen Hauptstraßen Franziskus nun im offenen Wagen bis zum Sitz seiner Herberge, die Apostolische Nuntiatur in Chile, durchfuhr, vor dem Eingang sich wenig um seinen Personenschutz scherte und das tat, was er am liebsten mag: sich unters einfache Volk mischen und – wie die beredten Fernsehbilder zeigen – Lächeln verschenken, bewegenden Körperkontakt suchen, Hände drücken, Köpfe und von Freudentränen übergossene Wangen betätscheln, geküsst werden (siehe Video). Jorge Bergoglio sei ein „Populist” mit peronistischen Wurzeln, ironisieren einige seiner Kritiker. „Populist” ist nicht gerade ein korrekt angewandter Begriff, doch Herz hat der Mann.

Am ersten vollen Tag seines Chile-Besuchs trat der Papst mit verteilten Rollen auf. Zunächst als Oberhaupt des Vatikans beim Staatsbesuch im Regierungspalast La Moneda, mit jenem Protokoll, zu dem er sich anscheinend zwingen muss, anschließend jedoch als Dirigent einer Mammut-Messe im Santiagoer O´Higgins-Park, für die die Gläubigen bereits nachts um 1 Uhr Schlange standen und nach Auskunft von Kirche und Regierung den eineinhalbstündigen, multikulturellen Gottesdienst mit mindestens 420.000 Menschen auf dem traditionellen Ausstellungsgelände restlos und friedlich ausfüllten (Video).

Unter den Gläubigen befanden sich zigtausende Argentinier, die mit langen Anreisen über die Anden-Grenze dem Ruf ihres Landsmannes folgten, der sich seit seiner Weihe zum Papst weigert, Argentinien einen ähnlichen Besuch abzustatten, um der politischen Polarisierung nicht in die Hände zu spielen. Schon gar nicht, solange Mauricio Macri an der Macht ist, heißt es aus dem Umkreis des Papstes.

Straflose Sexual-Verbrechen, Kirchen-Verdrossenheit, rückläufiger Katholizismus

„Heute machen wir mehr, als nur die Türen des Moneda-Palasts zu öffnen, heute öffnen wir die Türen Chiles einem Freund, deshalb sind wir glücklich”, zelebrierte Staatspräsidentin Michelle Bachelet die Ankunft Franziskus auf Twitter. Dieses Glücksempfinden wurde von gesamt Chile nicht geteilt. Im Vorfeld der Landung von Franziskus wurden Attentate mit Graffitis, Brand- und Bombenanschlägen auf mindestens 5 Kirchen in Santiago de Chile verübt.

Im Protest gegen den Papst-Besuch mischen sich minoritäre Anarchisten-Gruppen mit Feministinnen, die auf das Bollwerk der Kirchenleitung gegen die jüngst erlassene Lockerung des Abtreibungsrechts mit öffentlichen Demonstrationen unter der Devise „Nehmt Euren Rosenkranz weg von unseren Eierstöcken!” reagierten. Dazu paarte sich die LGTB-Szene, deren Recht auf Homo-Ehe ebenfalls nicht von der Kirche anerkannt wird.

In den Medien hatte sich auch eine gemischte Phalanx zu Wort gemeldet, die die hohen Staatskosten für den Besuch für absurd erklärte – etwas wie 5 Millionen Dollar für den Sicherheitsaufwand – abgesehen von ähnlich hohen Veranstaltungskosten, die jedoch von der katholischen Kirche übernommen wurden. Jedenfalls landete Franziskus in Chile auf dem Tiefpunkt einer krisen- und vertrauensgeschüttelten Kirche. Alle Zeichen deuten darauf hin, dass der Papst als oberster Feuerwehrmann dies mit der Absicht tat, seine Kirche vorm Untergang zu retten.

Die schwindende Glaubwürdigkeit der chilenischen Kirche riss nämlich seine Popularität mit in die Tiefe. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungs-Instituts Latinbarometro von Mitte 2017 genießt das Papsttum Franziskus´ auf einer Skala von 1 bis 10 eine Bewertung von 6,8 Punkten. In Paraguay (8,3) und Brasilien (8,0) wird sein Amt am besten, in Chile und Uruguay, mit 5,3 und 5,9 Punkten, am schlechtesten bewertet. Als Alarmzeichen wertet die Kirchenleitung die Schätzung, dass seit 1995 die Zahl der gläubigen Katholiken um 24 Prozent gesunken ist. Das hat verschiedene Gründe. Zum einen, dass die Zahl der Laien in gesamt Lateinamerika wächst, zum anderen, dass evangelikale Kirchen und Sekten im Vormarsch sind.

Doch hat die Abkehr vom Katholizismus im chilenischen Fall einen entscheidenden Grund: die Verwicklung der Institution in Dutzende sexueller Übergriffe ihrer „Würdenträger“, die seit Jahrzehnten verschleiert oder totgeschwiegen wurden und straflos blieben. Selbstverständlich waren sie dem Vatikan, ergo auch Papst Franziskus bekannt, der nur angesichts massiver, öffentlicher Empörung und unter dem Druck renommierter Opfer der Forderung nach einem privaten Gespräch nachgab, das am Abend des vergangenen 16. Januar am Sitz der Nuntiatur stattfand, bei dem offenbar die hunderten, missbrauchten, anonym gebliebenen, armen Heimkinder kein Thema waren (siehe dazu: Artikel vom 13.08.2017). Der Papst habe „mit den Opfern geweint“, hieß es in den Medien.

Jedoch „in der chilenischen Bischofskonferenz gibt es Bischöfe, die Missbräuche bezeugt und verschleiert haben, in ihren Diözesen aber immer noch belohnt werden. Und der Papst weiß es. Warum feuert er nicht die Bischöfe Barros, Koljatic und Valenzuela?”, protestierte Juan Carlos Cruz, ein renommiertes Sexualopfer des 2010 aus der Kirche entlassenen Priesters und Vergewaltigers Fernando Karadima gegenüber der Tageszeitung El País.

Der zitierte Juan Barros, Erzbischof im südchilenischen Osorno, Heimatstadt des Ehegatten der stellvertretenden AfD-Bundesvorsitzenden Beatrix von Storch, sorgte denn auch für den einzigen Skandal während des Papst-Besuchs. Anstatt wegen der öffentlichen Beschuldigungen und Animositäten nicht aufzufallen, setzte er sich bar jeder Bescheidenheit hochmütig und medial in Szene. Die Öffentlichkeit empfand den Auftritt Barros´ als Provokation. „Barros und Joannon nehmen an den Messen von Papst Franziskus in Chile teil. Das ist die Kirche, die vertreibt, unwürdig und beleidigend ist!“, protestierte der kritische Jesuit Felipe Berríos.

Hier scheiterte Franziskus´ Devise „Meinen Frieden gebe ich Euch“ aufs Erbärmlichste. Dem Papst fehlte der Mut, den Schweinestall auszumisten. Zu den staunenden Augenzeugen zählte der deutsche Priester und Kanzler des Erzbistums Santiago de Chile, Hans Kast.

Im Herzen des Mapuche-Konflikts

Szenenwechsel. Ein besonderes Augenmerk richteten Medien und Politik auf die Messe, die Franziskus am 17. Januar im 700 Kilometer südlich von Santiago gelegenen Temuco, der Hauptstadt Araukaniens, in Begleitung von 20 Schamanen und Lonkos (Sprecher) der Mapuche-Ethnie abhielt, die rund 8 Prozent der chilenischen Bevölkerung ausmacht.

Von poetischer Inspiration beseelt huldigte er Araukanien: „Wenn wir es mit den Augen eines Touristen betrachten, wird es uns sehr wohl verzücken, doch wir werden ohne Nachdenklichkeit unseren Weg fortsetzen. Wenn wir uns aber seinem Boden nähern, werden wir es singen hören“, warnte der Papst und zitierte eine populäre Lied-Strophe Violeta Parras: „Arauco ist gepeinigt von einem Schmerz, den ich nicht kann ersticken, Jahrhunderte alte Ungerechtigkeit, die jeder kann erblicken”.

Und dann setzte sich vor den staunenden Gesichtern der 250.000 Gottesdienst-Besucher ein heidnisches Ritual in Szene, dass unter dogmatischen Christen nach wie vor als „Häresie“ verflucht wird: Zum Takt von Blashörnern und Trommeln verbrannten zwei Dutzend Mapuche-Schamanen heilige Kräuter und wedelten den Weihrauch unter die Nasen des Papstes und der neben ihm auf dem Podium versammelten, weißen Kirchen-Hierarchie.

„Wir müssen Schluss machen mit der Logik eines Glaubens an, einerseits, überlegene, und andererseits, minderwertige Kulturen.”, warnte der Papst in seiner Predigt vor Hochnäsigkeit und Rassismus der Nachkommen weißer Siedler – Schweizer, Deutsche, Franzosen, Briten und Kroaten – die der chilenische Staat ab Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa anwarb und in Araukanien auf dem Ur-Territorium der Mapuches ansiedelte. Weswegen nicht nur die jungen, radikalisierten Mapuches, sondern vor ihnen die seriöse Geschichtsschreibung, Soziologie und Ethnologie Chiles seit Jahrzehnten von territorialer Usurpation spricht.

Gleichwohl, mit seinem Ruf nach Einheit erteilte Franziskus auch eine Absage an Gewalt als Trug politischer Lösungen. Diejenigen, die eine energische Schelte der sogenannten „Gewalttäter“ unter den jungen Mapuches erwarteten, sahen sich zwar von der Warnung des Kirchenfürsten bestätigt, doch bald auch enttäuscht: „Es gibt zwei Formen von Gewalt, die den Prozess der Einheit nicht fördern, sondern ihn bedrohen. In erster Linie sollten wir auf die Folgen schöner Absichten achten, die niemals zum Tragen kommen“, provozierte der Papst und entlieh sich einen Spruch vom Volksmund: „Nette Worte, die der Ellenbogen löscht, was die Hand geschrieben hat, wenn ihnen keine konkreten Taten folgen“.

Die Kritik saß. Gemeint waren jahrzehntelang gemachte, jedoch niemals eingehaltene Versprechen der Regierungen Chiles und Argentiniens, die Landrückgabe an die Mapuches ernsthaft voranzutreiben und ihre kulturelle und politische Autonomie zu gewährleisten. Der Auftritt gilt als programmiertes Signal an die am kommenden 1. März abdankende Regierung Bachelet und ihren gewählten, konservativen Amtsnachfolger Sebastián Piñera. Im Vorfeld der Messe in Temuco beklagte Franziskus, die indigenen Völker „werden oft vergessen“, und forderte die chilenische Gesellschaft und politische Führung dazu auf, ihnen „zuzuhören“. „Ihre Rechte sollten geachtet und ihre Kultur gepflegt werden, damit die Identität und der Reichtum dieser Nation nicht verloren gehen“, warnte der Papst.

Präsidentin Bachelet hatte im Juli 2017 die Mapuche-Ureinwohner um Vergebung der „Fehler und Schrecken” gebeten, die der chilenische Staat im Laufe der Geschichte begangen habe. Der Papst signalisiert jedoch, den Worten sollten nun Handlungen folgen – eine zähneknirschende Herausforderung an Sebastián Piñera, Anhänger der Verschwörungstheorie, wonach die Mapuches von „Terroristen“ unterwandert seien, wogegen er statt eines ernsthaften Dialogs noch drakonischere Polizeieinsätze in Araukanien verspricht, die für ihren blutigen Ausgang bekannt sind.

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