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100 Jahre Ende des Ersten Weltkrieges. Über das Gemetzel der weißen Herren.

Veröffentlicht in: Gedenktage/Jahrestage, Militäreinsätze/Kriege

In der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift „Lettre International“ berichtet der Kulturwissenschaftler Franz Maciejewski über das „Schlachten im Ersten Weltkrieg“ und die politischen Spätfolgen. Hier eine Zusammenfassung des Essays. Von Heiko Flottau.

Im „Großen Krieg der weißen Männer“ (so nannte Arnold Zweig den Ersten Weltkrieg) wurden keine Schlachten geschlagen, in denen eine Armee den Sieg davontrug, Territorien eroberte und den Krieg zu einem schnellen Ende brachte. Im Gegenteil. In dem von Historikern etwas verharmlosend als „Stellungskrieg“ charakterisierten Geschehen wurden, zumindest an der Westfront, Menschen und Tiere über Jahre regelrecht abgeschlachtet, ohne dass ein Ende dieses Gemetzels sichtbar gewesen wäre, das den Krieg zu einem frühen Ende geführt hätte. Dieses eigentlich unvorstellbare Szenario beschreibt einhundert Jahre nach dem von Historikern als „Urkatastrophe des 20.Jahrhunderts“ bezeichneten Krieg der Kulturwissenschaftler Franz Maciejewski in der Herbstausgabe der europäischen Kulturzeitschrift „Lettre International“.[1]

In der Geschichte industriellen Tötens sei der Erste Weltkrieg die „zweite große Attacke auf das Leben“ gewesen, schreibt der Autor; eine Generation zuvor „wurde in den Union Stockyards, den Schlachthöfen von Chicago, die mechanisierte Massentötung im Stundentakt erstmals in Szene gesetzt, am Vieh“. In den Schützengräben des Ersten Weltkrieges , „Pferche und Unterstände der anderen Art, wiederholte sich das Gemetzel am Menschen. In Ypern, vor Verdun oder an der Somme wurden keine Schlachten geschlagen, es wurde geschlachtet“, schreibt der Autor. Nachdem die weißen Herren jahrhundertelang die Völker in den von ihnen eroberten Ländern, Kolonien genannt, ausgebeutet, erniedrigt und vielfach getötet hatten, „fielen die Herren der weißen, der westlichen Zivilisation nun mit gleicher Brutalität übereinander her – nicht ohne zynische Zwangsrekrutierung von Mitstreitern aus dem Reservoir eben jener unterworfenen Völker“.

„Die Kriegsherren des Westens dezimierten ganze Jahrgänge junger Franzosen, Engländer und Deutscher um ein geschätztes Drittel (was der Ausrottungsrate der Pest im Mittelalter entsprach). So setzten sie in vier langen Jahren, Widerholungstäter allesamt, die Überlebensfähigkeit ihrer Nationen aufs Spiel. Aber nicht nur das; sie wüteten ebenso gnadenlos gegen Tiere und Pflanzen, setzten Mensch und Natur mythischen Gewalten aus. … Auf jeden toten Soldaten kamen vier, fünf tote Pferde. … Sie starben qualvoll. Ich habe nie zuvor ein Pferd stöhnen gehört, läßt Erich Maria Remarque seinen Antihelden (Paul Bäumer) verlauten. Es ist der Jammer der Welt, es ist die gemarterte Kreatur ein wilder, grauenvoller Schmerz.“

Doch nach Auffassung des Autors war das Schlachten im Ersten Weltkrieg nur der Beginn „weißer Gewalt“. Kolyma (der zentrale Ort des Archipels Gulag), Auschwitz und Hiroshima bezeichneten die „nächsten Einschläge weißer Gewalt auf der nach oben offenen Skala menschlicher Grausamkeit“.

Natürlich habe der Krieg die Überlebenden des Gemetzels als Traumatisierte zurückgelassen, denn die Soldaten seien den Herausforderungen des „fahrlässig in Gang gesetzten Maschinenkrieges“ mental nicht gewachsen gewesen, schreibt der Autor. „Der Tod als seelenloser Maschinist gab auf den infernalischen killing fields den Takt vor.“ Wie, fragt der Autor, ist es „zur Geburt der männlichen Hysterie aus dem Geiste einer entfesselten Technik, also zum Phänomen der Umwandlung außer Kontrolle geratener emotionaler Zustände in körperliche Gebärden gekommen“? Die Soldaten „hatten ihre Glieder und Sinnesorgane nicht mehr unter Kontrolle. Mit Symptomen wie Lähmungen und Erblindungen, dem Verlust von Stimme und Gehör, unwillkürlichen Zuckungen von Gliedmaßen … wiederholten sie das Grauen des Erlebten in einer verstellten Sprache einer traumatischen Verwirrtheit.“

Das Phänomen der Kriegstraumata schildert Autor Franz Maciejewski dann an Hand der Forschungen von Jonathan Shay, der als Psychiater mit traumatisierten Veteranen des Vietnamkrieges gesprochen hat. „Folgen wir diesen (in Shays Therapiegesprächen zur Sprache gebrachten) Erinnerungen, so reichten offenbar wenige Monate aus, um aus jungen Männern ebenso wütende wie verzweifelte Krieger zu machen, die an Leib und Seele Böses erfuhren und übernahmen, um schließlich gegen andere – Krieger wie Zivilisten – selbst unmenschlich zu handeln.“ Zu den posttraumatischen Symptomen der Vietnamkrieger gehörten nach der Studie von Shay „Gedächtnisverlust, Schlafstörungen, Alkohol- und Drogenmißbrauch, aggressive Ausbrüche und Selbstmordneigungen …. tiefes soziales Mißtrauen und das Gefühl des Verraten- und Betrogenseins“. Diese traumatischen Kriegsfolgen führten nach Angabe des Psychiaters Shay bis heute zu Scheidungen, Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, zu Gewaltdelikten und zu Selbstmorden; auch jetzt noch begingen etwa 22 Vietnamveteranen pro Tag Selbstmord, schreibt Shay. (Das wären, wenn diese hohe Zahl stimmt, gut 8000 Selbstmorde pro Jahr).

Was bedeutet es, fragt Autor Franz Maciejewski, „wenn wir die Bilanz des Schreckens, die Shay für den Vietnamkrieg vorgelegt hat, cum grano salis auf den Ersten Weltkrieg übertragen? Wir sind mit der absolut zwingenden Schlussfolgerung konfrontiert, dass bei Kriegsende im November 1918 Millionen hochtraumatisierter Soldaten in ihre Heimat zurückkehrten, Veteranen, die … in der Regel keine therapeutische Hilfe erwarten konnten.“

„Der antike Schreckensruf Vae Victis verschmolz auf deutscher Seite … mit der als untragbar empfundenen Bürde des Versailler Vertrages, den Reparationsleistungen, den Gebietsabtretungen, der insgesamt herabgestuften Souveränität. Aber schon am Tag des Waffenstillstandes braute sich ein anderes Weh über den Köpfen der Besiegten zusammen, von kaum einem Zeitgenossen verstanden; das anschwellende Grauen der in den Gräben erworbenen Kriegstraumata, das mit dem Mantra Im Kriege unbesiegt nicht abzuwenden war. und das Land mit der Geißel nie zuvor erlebter Persönlichkeitsverluste heimsuchen sollte.“

Denn die am 5.Oktober 1918 erstmals von der neuen Reichsregierung unter dem Kanzler Max von Baden ausgesprochene Ankündigung eines Waffenstillstandes traf auf ein geteiltes Echo. Viele waren, einerseits, froh über das nahende Ende des Gemetzels. Andere hatten Fragen: wieso betteln die neu an die Macht gekommenen Politiker um Frieden, wenn die Armee „im Kriege unbesiegt“ gewesen sein soll?

Das Ränkespiel, das hinter den Kulissen stattgefunden und zu der Bitte um Frieden geführt hatte, konnten die heimkehrenden Soldaten natürlich nicht durchschauen. Schon im September nämlich hatte die Oberste Heeresleitung (OHL) unter Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg und unter Generalquartiermeister Erich Ludendorff, dem eigentlichen Machthaber in der OHL, erkannt, dass die Westfront vor dem Kollaps stand. Doch die Verantwortung für die drohende Niederlage wollten die Kriegsherren nicht übernehmen, um Waffenstillstand sollten nicht Militärs, sondern Politiker betteln. Deshalb forderten sie vom Kaiser Wilhelm II. die Einsetzung einer neuen Regierung unter Einschluss der Sozialdemokraten. Die Politiker sollten mit ihrer Bitte um Waffenstillstand das Versagen der Militärs vertuschen. So entstand die „Dolchstoßlegende“: obwohl das Heer „im Felde unbesiegt“ gewesen sei, argumentierte die politische Rechte später, hätten die Politiker mit der Bitte um Frieden der Armee einen „Dolchstoß“ in den Rücken versetzt. Autor Franz Maciejewski schreibt: „Es war die Oberste Heeresleitung unter Federführung von Ludendorff, die, – um die Ehre der Armee zu retten – die Verantwortung für die drohende Niederlage im letzten Augenblick auf die Politik abwälzen und letztendlich den Sozialdemokraten als vergiftete Morgengabe in die Hand drücken wollte.“

Doch dann geschah etwas Unerwartetes. Die deutsche Flottenführung entschloss sich, einen letzten, „ehrenvollen Opfergang“ zu wagen, in die Nordsee auszulaufen und die britischen Flottenverbände in einer Schlacht zu stellen. Die Matrosen aber erkannten sofort, dass sie für die sogenannte Ehre des Militärs in den Tod geschickt werden sollten – denn ein Sieg über die Briten war unmöglich. „Am Abend es 4.November“, schreibt der Autor, „war Kiel in der Hand von 40 000 bewaffneten Matrosen und Marinesoldaten. Wie ein Lauffeuer erfasste der Aufstand von Norden her den Westen und Süden Deutschlands. Überall im Land wählten die Soldaten der Garnisonen Soldatenräte, die mobilisierten Arbeiter Arbeiterräte, kapitulierten die erschrockenen Militärbehörden vor den Revolutionären …“

Die Revolutionäre sahen in der Sozialdemokratie ihre politische Heimat und ihre politische Führung. Die jedoch zollte den kriegsmüden Aufständischen nur Lippenbekenntnisse. Friedrich Ebert, inzwischen Reichskanzler, schloss, wie der Autor schreibt, „mit der Obersten Heeresleitung einen faustischen Pakt“. Er wollte die von ihm als „bolschewistisch“ bezeichnete Revolution mit Hilfe des heimkehrenden Westheeres unterdrücken. Doch die meisten Soldaten wollten, kriegsmüde wie sie waren, nichts anderes als in Frieden nach Hause gehen.

Doch es gab einen dunklen, zahlenmäßig aber nicht unbedeutenden Rest. Der Autor schreibt:

„Zurück blieben die Offiziere und von den Mannschaften diejenigen, die vom Krieg nicht lassen konnten. Es war die Spreu der extrem traumatisierten Frontsoldaten, für die sich der verlorene Krieg, der geflohene Kaiser, die ausgerufene Republik, die unterschriebene Kapitulation zu einem nicht enden wollenden Alptraum verschmolzen hatten … Ihr Tunnelblick zurück verlor sich in der Düsternis der untergegangen Welt … Weil sie alles verloren hatten, waren sie zu allem bereit … Krieger auf Abruf, die nur darauf aus waren, weiterzukämpfen, um ihre grenzenlose Wut über den Zusammenbruch ihrer Welt ausagieren zu können“.

Aus dieser blinden Masse entstanden jene Freikorps, mit denen die politische Führung unter Friedrich Ebert und dem sozialdemokratischen Verteidigungsminister Gustav Noske in der Folgezeit die revolutionären Räte besiegten und die Rosa Luxemburg , Karl Liebknecht sowie den Führer der Münchner Räterepublik, Kurt Eisner, ermordeten.

Diese brutalen Morde bedeuteten zwar das Ende der Revolution. Aber die bedrückenden politischen und historischen Folgeschäden des Weltkrieges, der Niederschlagung der Revolution durch die Freikorps mit ihren „finsteren Desperados“ und zu „seelischen Wracks“ (Franz Maciejewski) verkommenen ehemaligen Frontsoldaten zeigten sich unmittelbar.

Der Autor schreibt:

„Hier, an dieser geschichtlichen Stelle des Nachkrieges, vollzog sich in Wahrheit die Bühnenprobe für Auschwitz. Die bevorzugte Art des brutalen Dreinschlagens und Vernichtens zeigt bereits alle Züge, welche die späteren SA- und SS-Horden aufweisen. Die Nazis wußten also, was sie taten, als sie die Freikorpssoldaten in ihrer Rückerinnerung zu den ersten Soldaten des Dritten Reiches erhoben.“

Zu den Führern des Nazireiches gehörten dann in der Tat, wie der Autor schreibt, ehemalige Freikorpsangehörige wie SA-Führer Ernst Röhm (1934 auf Befehl Hitlers ermordet), Hermann Göring (später Oberbefehlshaber der Luftwaffe) , Rudolf Heß (Hitlers Stellvertreter) , Rudolf Höß (später Kommandant des Vernichtungslagers Auschwitz) , und Martin Bormann, später Leiter der NSDAP-Reichskanzlei im Range eines Reichsministers.

Ein bedrückendes Kontinuum. Ein Kontinuum, in dem sich Adolf Hitler nicht nur bewegte, um den nächsten Krieg vorzubereiten, sondern auch, um als Sühnemaßnahme „an den Verderbern Deutschlands,, an den Novemberverbrechern, den Juden, den Kommunisten und all den anderen Volksfeinden“ (Franz Maciejewski) Rache zu üben.

Diese Rache endete in der zweiten Katastrophe des 20. Jahrhunderts – im Zweiten Weltkrieg mit seinen ca. 50 Millionen Toten, dem Holocaust, der Vertreibung von Millionen Menschen und der Zweiteilung Europas durch den „Eisernen Vorhang“.

Und heute? Die Zweiteilung Europas ist zwar verschwunden. Aber die trüben Geister der Vergangenheit treiben erneut ihr Unwesen – etwa im kriminellen Milieu des „Nationalsozialistischen Untergrundes“. Mehr noch. Einen „Vogelschiss in der tausendjährigen erfolgreichen Geschichte Deutschlands“ nannte AfD-Politiker Alexander Gauland – offenbar traumatisiert durch die Tatsache, dass er in seiner ursprünglichen politischen Heimat, der CDU, keine Verwendung mehr fand – die Epoche des „Dritten Reiches“.

Nur: Nationalismus weist keinen soliden Weg, der in eine gedeihliche Zukunft führt. Vielmehr lässt er Gesellschaften zurück – der Zerfall Jugoslawiens ist ein erschreckendes Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit – in denen die Menschen in dumpfem Stammesdenken und Hass gegen den Nachbarn versinken. Wer heute die unheilbringenden Geister der Vergangenheit beschwört, müsste eigentlich wissen, dass diese Geister Deutschland und Europa schon einmal in eine Katastrophe geführt haben.


[«1] Lettre International, Ausgabe 122, Berlin, Herbst 2018. Der Autor Franz Maciejewski wird als Kulturwissenschaftler vorgestellt, der an den Universitäten Frankfurt, Gießen, Paris und Heidelberg arbeitete, heute in Heidelberg lebt und über Gedächtsnisgeschichte, Psychohistorie und Biographik arbeitet.

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