Habecks Twitter-Rückzug – ein erster Schritt auf einem langen Marsch
Habecks Twitter-Rückzug – ein erster Schritt auf einem langen Marsch

Habecks Twitter-Rückzug – ein erster Schritt auf einem langen Marsch

Jens Berger
Ein Artikel von: Jens Berger

Grünen-Chef Robert Habeck kündigt seinen Rückzug von Twitter an und begründet dies mit dem negativen Einfluss, den das Medium unterbewusst auf ihn ausübe – es mache ihn aggressiv, laut, polemisch und zugespitzt. Und genauso kommentierten dann auch viele Journalisten und Politiker den Fall #Habeck auf Twitter – aggressiv, laut, polemisch und zugespitzt. Quod erat demonstrandum. Würde man Habecks selbstkritische Analyse fortsetzen, wäre der Rückzug aus der belanglosen Zwitscherei jedoch nur der erste Schritt eines langen Marsches in Richtung Entschleunigung und zur Rückbesinnung auf echte inhaltliche Debatten. Daran dürfte die große Filterblase des „Hauptstadtjournalismus“ samt assoziierter Politiker jedoch kein gesteigertes Interesse haben. Von Jens Berger.

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Shit happens. Ein kickender Fußballmillionär lichtet sich mit vergoldetem Steak für 1.200 Euro ab, stellt das Bild auf Instagram und pöbelt dann gegen seine Follower, die seine Leidenschaft für Dekadenz nicht teilen. #Fail.

Eine Landespolitikerin der Grünen fliegt – CO2-Bilanz hin oder her – über den Jahreswechsel ins warme Kalifornien und lässt ihre daheimgebliebenen Follower via Facebook an ihrer #SonneStattBöller-Aktion teilhaben. Die äußerten sich jedoch zunehmend kritisch, worauf die Politikerin die Kommentierung kurzerhand abschaltet. #Fail.

Und dann noch Robert Habeck, der es in einem via Twitter verbreiteten Wahlkampfvideo für die Thüringer Parteifreunde doch tatsächlich in Sachen Polemik angeblich übertrieb, was jedem halbwegs talentierten Korinthenkacker die Möglichkeit gab, seinerseits Habecks missverständliche Äußerung missverständlich und polemisch zuzuspitzen. #Fail? Nein, während Franck Ribery und Katharina Schulze tatsächlich gelungene Beispiele dafür sind, wie man nicht mit den „sozialen“ Netzwerken umgehen sollte, ist der Fall Habeck trauriger Alltag im Neuland der „sozialen“ Netzwerke.

Früher erlaubte der Kurznachrichtendienst Twitter seinen Nutzern, Tweets mit maximal 140 Zeichen Länge abzusetzen – heute sind es 280 Zeichen. Überflüssig zu erwähnen, dass in einem solchen Format keine ausführliche Analyse, kein hintergründiger Dialog und auch kein gepflegter Austausch von Gedanken erfolgen kann. Twitter ist schon vom Format her ein Medium, das zur Zuspitzung zwingt. Folgerichtig waren und sind es auch die „Sprücheklopfer“, die auf Twitter reüssieren und sich mit Gleichgesinnten einen schlagfertigen und oft durchaus unterhaltsamen Austausch liefern. Das ist ja alles auch ganz nett. Man sollte nur nicht der Illusion verfallen, dies hätte etwas mit der Realität „da draußen“ zu tun.

Selbst die politischen und journalistischen Zwitscherkönige kommunizieren via Twitter vor allem mit ihrer Echokammer. Der gestern von Twitter zurückgetretene Grüne Habeck hatte beispielsweise 50.000 Follower – das ist nur etwas mehr als ein Promille aller Wahlberechtigten. Und diese Zahl beinhaltet auch noch all die Karteileichen und passiven Nutzer. Wenn ein Tweet aktiv von 500 Menschen kommentiert, weiterverbreitet oder geliket wird, ist er schon sehr erfolgreich. Selbst in „hitzigen“ Debatten kommen nur selten mehr als fünfzig aktive Nutzer zusammen. Auch wenn Twitter pro forma ein offenes Medium ist, spielen sich die Dialoge der politischen und journalistischen Heroen der Plattform zuallermeist in einem überschaubaren Kreis ab. Man polemisiert vornehmlich mit seiner Echokammer. Erstaunlicherweise merken die Beteiligten dies oft gar nicht und verwechseln ihre virtuelle Kommunikation mit einigen wenigen Mitgliedern der „Berliner Blase“ mit der realen Kommunikation mit realen Menschen.

Wäre Twitter in der Politik nur eine Randerscheinung, könnte man darüber ja hinwegsehen. Dem ist jedoch nicht so. Haben Sie sich schon einmal gewundert, warum gestandene Politiker selbst im Bundestag wie rollige Teenager pausenlos mit ihrem Smartphone herumspielen? Irgendwoher müssen die gefühlt hunderten Tweets der Berliner Nomenklatura ja auch herkommen. In seinem „Abschiedsbrief“ beschreibt Robert Habeck den inneren Zwang sehr anschaulich, ständig auf sein Smartphone zu schauen und auch seine eigene „Performance“ vor allem an den Reaktionen der „Twitter-Welt“ zu messen.

Habeck erwähnt auch die „Schere im Kopf“ und den inneren Drang, sich so zu benehmen und zu äußern, dass es den Followern auf Twitter gefällt. Hundebesitzern ist dieses Verhalten übrigens sehr gut bekannt – es nennt sich „will to please“ und beschreibt den Drang bestimmter Hunderassen, ihrer menschlichen Kontaktperson Freude zu machen und dafür dann ausgiebig gelobt zu werden. So gesehen sind twitternde Politiker auf ihre Art auch nur Labradore, die sich nach Zuspruch und Liebe sehnen. Diese Erkenntnis kommt Habeck jedoch nicht, da er die Zusammensetzung seiner „Twitter-Welt“ analytisch ausklammert. Und dies sicher aus gutem Grund. Denn die Erkenntnis, dieses ganze Spektakel nur für die Zustimmung der eigenen kleinen Filterblase aufzuführen, muss schon deprimierend sein; so deprimierend, dass sie von der „Twitter-Welt“, die sich ohnehin gerne mit der „echten Welt“ verwechselt, meist verdrängt wird.

Damit hören die Probleme jedoch nicht auf, sondern fangen gerade erst an. Ein weiteres Merkmal von Twitter und Co. ist die schon fast perverse Schlagzahl. Was morgens noch „trending topic“ war, kann am Nachmittag schon kalter Kaffee sein. Ging es gestern morgen um den #Datendiebstahl, war der Nachmittag für #Habeck reserviert. Und spätestens, nachdem jeder Quatschkopp seine zwei Cent zum Thema hinzugezwitschert hat, konnte die virtuelle Karawane weiterziehen und sich trendigeren Topics zuwenden. Heute wird schon wieder die nächste Sau durchs virtuelle Dorf getrieben. Dort, wo der Verzicht auf Inhalte schon durch das Medium selbst vorgegeben wird, ist freilich auch kein echtes ehrliches Interesse für die Inhalte vorhanden und alles zischt nur so an einem vorbei.

Sprüche statt Analyse, Meinung statt Inhalt – streng genommen ist Twitter wie die „Post von Wagner“ auf Speed und digital. Das Schöne: Jeder kommt mit. Man muss nicht sonderlich klug oder informiert sein, um die Hahnenkämpfe der Sprücheklopfer zu verfolgen. Schopenhauer hätte seine wahre Freude, wenn er mitbekommen würde, wie seine „eristische Dialektik“ (zugespitzt: die Kunst, rhetorisch zuzuspitzen und Recht zu bekommen, ohne Recht zu haben) sich im digitalen Zeitalter zur vorherrschenden Kommunikationsform der politischen und publizistischen „Eliten“ gemausert hat.

Leider bleibt dabei jedoch jegliche Ernsthaftigkeit auf der Strecke. Wenn die führenden Köpfe der Blase des Hauptstadtjournalismus und der Bundespolitik sich tagaus, tagein mit digitalem Entertainment nur selbst bespaßen, ist dies ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft. Oft fragen wir uns, wo die wichtigen Debatten denn bleiben. Warum werden die drängendsten Fragen unserer Zeit von der Politik und den Edelfedern nicht gestellt? Vielleicht liegt es – natürlich nicht nur, aber auch – daran, dass für derlei Debatten zwischen den „trending topics“ schlichtweg keine Zeit mehr vorhanden ist und diese Debatten auch nicht sonderlich gut dafür geeignet sind, in 280-Zeichen-Sprücheklopfer-Manier mediengerecht so aufbereitet zu werden, dass man sein Leckerli von der Echokammer bekommt.

Habeck formuliert das etwas defensiver. Er beklagt die „Schnelligkeit, die es schwer macht, dem Nachdenken Raum zu lassen“ und „möchte gern wieder konzentrierter sein, fokussierter und auf die lange Distanz geeicht, nicht auf den kurzfristigen Geländegewinn“. Nun kann man Robert Habeck ja durchaus kritisch sehen – auch ich bin bekanntlich kein großer Habeck-Fan – aber solche Worte – so sie denn auch ernst gemeint sind – würde zumindest ich mir von viel mehr Politikern wünschen. Allerdings muss man sich auch wundern, dass Habeck auf noch nicht einmal halber Strecke die Luft ausgeht. Denn was unterscheidet die inzestuöse Zwitscherei im Netz eigentlich von der nicht minder inzestuösen Medienarbeit im analogen politischen Berlin?

Bleibt in Zeitungsinterviews oder den berüchtigten TV-Talks von Maischberger bis Will Raum für die „lange Distanz“? Es ist ja richtig, dass das Medium Twitter negativ auf die eigene politische Kommunikation abfärbt. Aber ist das bei der Kommunikation über andere Medien und Kanäle – das Medium „Buch“ lassen wir mal raus – eigentlich anders? Machen Sie sich doch einmal den Spaß und schauen Sie sich auf YouTube alte „Talkshows“ an – z.B. die Gesprächssendung von Günter Gaus. Und nun vergleichen Sie diese tiefgründigen Debatten einmal mit dem ganzen schnelllebigen und oberflächlichen Unterhaltungskokolores, der uns heute als „Gesprächssendung“ angeboten wird. Twitter ist überall.

Es wäre daher schön, wenn der Twitter-Rücktritt des Robert Habeck ein erster Schritt auf einem langen gesamtgesellschaftlichen Marsch wäre; ein Marsch, der weg von der Schnelllebigkeit, der Oberflächlichkeit, der Selbstbezogenheit, der Schnatterhaftigkeit, der Angst vor Inhalten und dem Unwillen zu echten Debatten führt. Aber morgen wird ja schon die nächste Sau durchs Dorf getrieben und Entschleunigung, Ernsthaftigkeit und Debattenkultur sind wohl ohnehin inkompatibel mit der „Twitter-Welt“.

Titelbild: Tero Vesalainen/shutterstock.com