DDR-Dämonisierung mit Grusel-Märchen, Meinungsmache mit „wahren Begebenheiten“

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Eine aktuelle Debatte um den Film „Das Leben der Anderen“, den Schriftsteller Christoph Hein und den Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck wirft ein Licht auf potenzielle Manipulationen durch „historische“ Filmstoffe: Die Übergänge zwischen Doku, Fiktion und Propaganda sind zunehmend fließend. Von Tobias Riegel.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

„Nein, ‚Das Leben der Anderen‘ beschreibt nicht die 80er Jahre in der DDR – der Film ist ein Gruselmärchen“. Dieser kürzlich geäußerte Satz entlarvt in wohltuender Deutlichkeit sowohl den Film von 2006, als auch jene Medien, die den fragwürdigen weltweiten Kassenschlager in den Stand einer realistischen DDR-Darstellung erhoben haben. Aufgeschrieben hat die kritischen Worte der Schriftsteller Christoph Hein in einem Artikel für die „Süddeutsche Zeitung“.

In dem Beitrag geht Hein mit dem Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck hart ins Gericht. Nach seiner Darstellung hat Donnersmarck Heins Biografie verzerrt und als klischeehafte Basis für den im Film porträtierten „typischen DDR-Dramatiker“ ausgebeutet: Alles, was Hein dem Regisseur in Interviews erzählt habe, sei von diesem „bunt durcheinandergemischt und dramatisch oder vielmehr sehr effektvoll melodramatisch neu zusammengesetzt worden“. Anlass für Heins Artikel sind auch aktuelle Vorwürfe, die der Maler Gerhard Richter gegen Donnersmarck wegen dessem neuen Film „Werk ohne Autor“ richtet – der Regisseur habe Richters Lebensgeschichte „missbraucht und grob verzerrt“.

Unterhaltsame Anti-DDR-Propaganda

„Das Leben der Anderen“ ist kurzweilige Unterhaltung auf hohem schauspielerischen Niveau – aber er ist auch reißerisch, klischeehaft und historisch an zahlreichen Stellen ungenau. Dennoch wurde er durch die zahllosen hymnischen Kritiken zur realistischen DDR-Darstellung verklärt. Durch diesen medialen Chor wurde auch die seit 2006 artikulierte Kritik übertönt und der Film entwickelte sich nahezu ungebremst zu einer bis heute höchst wirkungsvollen DDR-Dämonisierung.

Es ist gut, dass Hein dem endlich etwas entgegensetzt. Er schätzt allerdings auch seinen Wirkungsgrad realistisch ein:

„Der Film wurde ein Welterfolg. Es ist aussichtslos für mich, meine Lebensgeschichte dagegensetzen zu wollen. Ich werde meine Erinnerungen dem Kino anpassen müssen.“ Diese Resignation teilt Hein mutmaßlich mit zahlreichen DDR-Bürgern.

Medien: „Realistisches DDR-Bild“

Aber man muss Hein leider Recht geben: Gegen die große Medien-Koalition, die dem Film eine historisch-politische Authentizität bescheinigte, war und ist kaum anzukommen: Die „Welt“ schwärmte, Donnersmarck treffe den Tonfall des DDR-Lebens, als hätte er es miterlebt. Die „Süddeutsche Zeitung“ unterstellte dem formal bemerkenswerten Film, dass die Schönheit der Bilder stets „der Wahrheitsfindung“ diene. Der katholische „Filmdienst“ lobte das Werk, für eine „präzise Darstellung der Milieus“: Die DDR erscheine „erschreckend authentisch“. Die „Zeit“ konnte den „bisher besten Nachwende-Film über die DDR“ gar nicht genug loben: „‚Das Leben der Anderen‘ ist politischer als ‚Sonnenallee‘, philosophischer als ‚Good Bye, Lenin!‘, sarkastischer als ‚Berlin is in Germany‘ – eine Kinonovelle, die deprimierende Einsichten in die Herrschaftsmechanismen der Diktatur gewährt.“

Der Film wurde Schülern als realistische Beschreibung der DDR in der 80er Jahren serviert und sowohl das Goethe-Institut als auch die Bundeszentrale für Politische Bildung widmen dem Film eigene, wohlwollende Materialien: „Eindringlich und dramatisch akzentuiert versucht „Das Leben der Anderen“ eine Zustandsbeschreibung der Kulturszene der 1980er-Jahre in einem repressiven Staat.“

Die Kritiker das Films hatten und haben keine Chance

Treffende Analysen des Films wurden von den kritiklosen Beiträgen zugeschüttet – etwa die der „taz“, die urteilte , der Film scheitere an billigen Klischees. „Das leben der Anderen“ erhebe den Anspruch historischer Wahrhaftigkeit, leiste sich aber Ungenauigkeiten. Der gezeigte Hochstalinismus treffe für die DDR um 1985 nicht zu. Fazit: „Es sind diese Vermischungen von behaupteter Geschichtsschreibung und ungehemmter Kolportage, die ‚Das Leben der Anderen‘ letztlich scheitern lassen.“

Mit seinem aktuellen Versuch, den Film als die unterhaltsame, aber verfälschende Fiktion zu beschreiben, die er ist, tritt Hein sowohl den fundamentalistischen DDR-Gegnern als auch den medialen Unterstützern von „Das Leben der Anderen“ auf die Füße. Einigen Journalisten ist ihr damaliges kritikloses Wohlwollen inzwischen mutmaßlich peinlich. Entsprechend harsch wollte etwa Andreas Platthaus Hein in der „FAZ“ zurechtweisen, was aber nicht recht gelingen wollte. In dem Artikel wird auf allerhand Formalien hingewiesen, um Hein Falschaussagen zu unterstellen und um zu „beweisen“, dass der Film gar nicht auf den Gesprächen mit Hein beruhe. Auf den „gravierenden“ Vorwurf, eine von Hein angesprochene Stelle befinde sich im Abspann und nicht im Vorspann, hat Hein inzwischen entsprechend trocken reagiert: “In dieser ,Kernfrage’ will ich nach einem Jahrzehnt gern einen Irrtum einräumen”. Das Unbehagen im Zusammenhang mit dem Film aber bleibe, so Hein.

Einerseits „authentisch“ – andererseits „Fiktion mit künstlerischer Freiheit“

Bei der Beurteilung des Films als reales DDR-Bild wird stets eine Hintertür offen gehalten: Wenn konkrete historische Falschdarstellungen moniert werden, betonen die Journalisten und der Regisseur plötzlich den „fiktionalen Charakter“ und die künstlerische Freiheit der „authentischen“ Geschichte. Zusätzlich wird Kritik abgewehrt, indem genaue Analysen der realen DDR-Zustände als „zynisch“ und „verharmlosend“ diffamiert werden.

„Das Leben der Anderen” hat aber durch die mediale Erhöhung den Stand der reinen Fiktion lange verlassen. Und wenn es reine Fiktion ist, dann darf man den Film auch als propagandistisches Märchen bezeichnen. Im Falle „Das Leben der Anderen“ konnte man ein ähnliches Phänomen wie bereits bei den Genres Western und Kriegsfilm feststellen: Geschickt gemachte Fiktion entwickelte sich durch fehlendes mediales Hinterfragen zur Hyperrealität.

Die FAZ spricht in diesem Zusammenhang einen interessanten Punkt an: „Und nebenbei offenbart seine (Heins) Anekdote zum ‚Leben der Anderen‘ ein Fiktionsverständnis, das für einen Romancier in der Tat als Offenbarungseid gewertet werden muss.“ „Das Leben der Anderen“ sei ein Spielfilm, der nicht für sich in Anspruch nehme, nach einer wahren Geschichte gearbeitet zu sein: “Er ist eine qua Gattung ausgewiesene Fiktion.“

Manipulationen mit „historischen Stoffen“ – auch bei Netflix

Das Phänomen einer medial ins angeblich Reale erhobenen Fiktion lenkt den Blick auf die zahlreichen Mischformen der historischen Betrachtungen in Filmen: Die Kontur zwischen Fiktion und „Dokumentation“ verschwimmt zusehends. Das ist vor allem bei sogenannten Dokudramen der Fall: TV-Serien, die auf „wahren Begebenheiten“ beruhen, etwa die Netflix-Produktionen „Narcos“, „O.J. Simpson“ oder „The Assasination Of Gianni Versace“.

Diese „Dokus“ werden mit Fiktionen aufgepeppt und politisch aufgeladen. Für dieses Verfahren blenden die Produzenten vor den Filmen mittlerweile standardmäßig diesen Freifahrtschein für Manipulationen ein: „Nach wahren Begebenheiten. Einige Szenen, Namen, Charaktere, Vorfälle und Orte sind aus dramaturgischen Gründen fiktiv.“ Es sind dann aber gerade die fiktiven Szenen und Dialoge, in denen eine politische Tendenz gelegt wird. Etwa in der Serie „Narcos“ zum US-Drogenkrieg wird dieses Stilmittel exzessiv genutzt, um die historisch schwer belasteten DEA-Beamten in „privaten“ (historisch nicht belegten) Szenen als ums „Gute“ bemühte Agenten zu zeichnen.

Diese Filme nach angeblich wahren Begebenheiten sind prinzipiell völlig anders gelagert als „Das Leben der Anderen“, dessen Fiktionalität bei Bedarf(!) sogar betont wird. Aber die Fälle hängen doch zusammen, da beide Varianten ein großes Potenzial für Kultur- und Geschichts-Propaganda bieten. Im Fall „Das Leben der Anderen“ wird eine Fiktion medial so lange als real dargestellt, bis Unstimmigkeiten zur Klassifizierung als Fiktion zwingen. Anschließend wird wieder zur Aussage von der „realistischen Darstellung“ zurückgekehrt. Im Fall „Narcos“ wiederum werden angeblich „wahre“ Doku-Dramen durch (kleingeredete) fiktive Elemente für Propaganda missbraucht.

Dreiste historisch-politische Propaganda

Zwei besonders dreiste Beispiele für Propaganda mit angeblich wahren Begebenheiten ist der Anti-Wikileaks-Film »Inside Wikileaks« von Bill Condon oder das Machwerk „U-571″, in dem Hollywood das Erbeuten der Enigma-Code-Maschine der US-Armee und nicht den Briten zuschlägt. Die Liste ähnlich gelagerter Filme ließe sich lange fortsetzen. Auch ist die Kollaboration zwischen US-Armee und Hollywood längst kein Geheimnis mehr.

„Westdeutsche Fantasie“ dominiert DDR-Geschichtsschreibung

Hein wird aktuell auch in Schutz genommen – vielleicht ist das Anzeichen für einen langsamen Paradigmenwechsel? So verteidigt ihn sein ehemaliger Lektor Thorsten Ahrend, und in diesem Gespräch mit dem „Deutschlandfunk“ werden auch endlich die richtigen Fragen gestellt:

„Im vergangenen Jahr wurde ja viel geredet über die Ostdeutschen, auch über die Anerkennung von ostdeutschen Biografien und Lebenserfahrungen. Geht es darum im Prinzip auch hier (…)? Ein ostdeutscher Christoph Hein erinnert sich an sein Leben in der DDR, er spricht über einen Film, der sich mit dieser Zeit, seiner Lebenszeit, beschäftigt, und dann haben wir einen westdeutschen Journalisten, eben Andreas Platthaus, der erklärt Christoph Hein, du erinnerst dich falsch, und dass du dich falsch erinnerst, das macht dich politisch verdächtig.“

Und auch die „Zeit“ wendet sich gegen die „Denunziation“ Christoph Heins:

„Vielleicht hat nicht mehr jeder in Erinnerung, dass Hein zu jenen Schriftstellern in der DDR gehörte, die sich der Diktatur mit einem Mut entgegenstemmten wie nur ganz wenige. Auf dem 10. Schriftstellerkongress der DDR mit einer aufsehenerregenden Rede die Abschaffung der Zensur zu verlangen, dafür brauchte man mehr Rückgrat, als die westdeutsche Fantasie heute hergibt.“

Zahlreiche Beispiele – etwa dieser Beitrag über „ostdeutsches Demokratieverständnis“ im Deutschlandfunk vom Donnerstag – belegen, dass diese „westdeutsche Fantasie“ die DDR-Geschichtsschreibung noch immer in destruktiver Weise dominiert.

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