Das scheinbar ganz normale Leben
Das scheinbar ganz normale Leben

Das scheinbar ganz normale Leben

Ein Artikel von: Redaktion

Wolfgang Bittners Roman „Die Heimat, der Krieg und der Goldene Westen“ ist ein Stück fesselnd geschriebener Zeitgeschichte. Dem Autor gelingt es, Privates mit gesellschaftlichen Ereignissen zu verknüpfen und ein reales Mosaik des gesellschaftlichen Klimas der Kriegs- und Nachkriegszeit entstehen zu lassen. Eine Rezension von Winfried Wolk.

„Banausen und Spießbürger, wohin man blickt“, lässt Wolfgang Bittner fast am Ende seines Romans den Großvater zu seinem Enkel sagen. Da leben sie schon jahrelang im Westen Deutschlands, weit von der verlorenen Heimat entfernt und das Kind, die Hauptperson des Romans, ist schon zwölf Jahre alt.

Im Jahre 1941 in einer gutbürgerlichen deutschen Familie in Gleiwitz in Oberschlesien geboren, erlebt es wie die meisten der in Deutschland in diesen Jahren Geborenen eine Zeit, die anfangs noch scheinbar normal, immer weiter außer Rand und Band gerät und letztlich in einer unaufhaltsamen und ewig nachwirkenden Katastrophe endet. Das desaströse Kriegsende hat die einstmals eng beieinander lebende Familie weit im Land verstreut, den einstigen Besitz der Angehörigen, Freunde und Verwandten und deren Lebensprogramme vernichtet.

Der Wahnsinn des Krieges – Aus Sicht eines Kindes

Das Kind erlebt den Wahnsinn dieser Zeit, auch wenn es von Vielem die Bedeutung noch gar nicht kennt, gar nicht kennen kann. Es sieht Männer, denen Gliedmaßen fehlen und die mühsam an Krücken gehen, erlebt die Tante, die eine Vergewaltigung erleidet und nur schwer verkraftet, spürt die Angst der Erwachsenen beim Einschlag der Bomben, übersteht die heillose Flucht auf dem Zugdach, Überfall und Gewalt, Mord und Totschlag. Alles das wird für das Kind das scheinbar ganz normale Leben. Bittner gelingt es auf großartige Weise, Privates mit den gesellschaftlichen Ereignissen so zu verknüpfen, dass ein bestechend reales Mosaik des gesellschaftlichen Klimas der Zeit sichtbar wird.

In den vielen, oft kontroversen Diskussionen der Erwachsenen holt der Autor wichtige historische Details ans Licht, die uns heute einen Blick auf die oft wenig bekannten oder gern verdrängten Fakten erlauben, und offenbart auf diese Weise oft lange Zeit verborgene Hintergründe der Ereignisse der Kriegs- und Nachkriegszeit. Die Tatsache, dass Viele gern bis zuletzt den optimistischen Prophezeiungen glauben und damit der verbreiteten Propaganda zum Opfer fallen, auch wenn die Fakten ganz andere Erkenntnisse nahelegen, ist ein Phänomen, das wahrscheinlich zu jeder Zeit und in jeder Gesellschaft die Durchsetzung noch so absurder Ziele ermöglicht.

Die unglaubliche Katastrophe dieses Krieges verhinderte auch ganz kurz nach seinem Ende nicht, dass sich die von den westlichen Siegermächten neu gegründete Bundesrepublik Deutschland ohne größeren Widerstand in einen neuen, kalten Krieg verwickeln lässt, von den vielen als „Mitläufer“ reingewaschenen Altnazis dankbar befördert.

Das alte und das neue Feindbild: die Sowjetunion

Zwar sind die Wunden noch lange nicht verheilt, die aus den verlorenen Ostgebieten Vertriebenen längst nicht integriert, schon wird gegen alle Logik und wider jede Vernunft ein neues Feindbild projiziert. Es ist bemerkenswerterweise das altbekannte, bereits vom besiegten faschistischen Deutschland propagandistisch verteufelte geblieben: die Sowjetunion, der ehemalige Kriegsverbündete der westlichen alliierten Siegermächte.

Vertragsbrüchig wurde dieses Land im Geburtsjahr des Kindes von der deutschen Wehrmacht überfallen. 27 Millionen Tote hat Deutschland dort zu verantworten. Wiederbewaffnung und der Eintritt in die neugeschaffene westliche Kriegskoalition, die sich nun allerdings viel wohlklingender „Verteidigungsbündnis“ nennt, schaffen handfeste Fakten. Die Frontlinie läuft nun mitten durch Deutschland und macht die verordnete Teilung endgültig. Auch wenn sich im Lande nun das Leben langsam normalisiert und der Hunger kaum noch quält, wird das Kind noch lange die Schimpfworte „Polacke“ und „Rucksackgesindel“ zu hören bekommen.

Altnazis, Trauma, Flucht

Die Wendung strammer Nazis zu neudemokratischen Bürgern erlebt er unmittelbar in seinem Schulalltag. Doch nicht nur das, die Folgen der eigenen Traumatisierung durch erlebten Krieg und Flucht, die auch die Eltern erheblich aus der Bahn geworfen haben, wird das Kind, das mittlerweile ein Junge geworden ist, ein Leben lang prägen und begleiten. Den späteren Erwachsenen wird das Erlebte empfindsam machen für die Lügen, mit denen immer wieder noch so abstruse Entscheidungen begründet werden.

Er wird einen Weg finden, sich zur Wehr zu setzen, seine Erkenntnisse und Wahrheiten zu verbreiten, um Anderen die Augen zu öffnen. Er hat das als eine wichtige Aufgabe von Menschen dieses Geburtsjahrgangs verstanden, denn es gibt leider immer noch und immer wieder „Banausen und Spießbürger, wohin man blickt“.

Der Roman „Die Heimat, der Krieg und der Goldene Westen“ von Wolfgang Bittner ist ein Stück fesselnd geschriebener, Augen öffnender Zeitgeschichte, den man nur ungern aus der Hand legt.

Titelbild: Verlag Zeitgeist

Wolfgang Bittner, „Die Heimat, der Krieg und der Goldene Westen“, Roman, Verlag zeitgeist Print & Online, Höhr-Grenzhausen 2019, 352 Seiten, 21,90 Euro.

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