Veronika Hackenbroch und die Taktik des „Spiegel“
Veronika Hackenbroch und die Taktik des „Spiegel“

Veronika Hackenbroch und die Taktik des „Spiegel“

Ein Artikel von Gerold Scholz | Verantwortlicher: Redaktion

Der SPIEGEL gehört zu den Medien, die in Sachen „Corona“ einen besonders alarmistischen Kurs fahren und er tut sich besonders in unsachlicher Berichterstattung über Kritiker der Regierungslinie hervor. Unser Leser Gerold Scholz hat dies am Beispiel der SPIEGEL-Journalistin Veronika Hackenbroch rekonstruiert.

In der Spiegel-Ausgabe Nr. 4 vom 23. 1. 2021 stellen die Spiegel-Journalistinnen Veronika Hackenbroch und Rafaela von Bredow dem Berliner Virologen Christian Drosten die folgende Frage:

„Einen größeren Schaden als Corona-Leugner haben im vergangenen Jahr wohl Experten angerichtet, die immer wieder gegen wissenschaftlich begründete Maßnahmen argumentiert haben, zum Beispiel Jonas Schmidt-Chanasit und Hendrik Streeck. Priorität müsse es haben, die Risikogruppen zu schützen, hörte man oft aus diesem Lager. Dabei ist längst klar, dass dies bei hohen Fallzahlen nicht funktioniert. Wann platzt Ihnen der Kragen?“ (S.94)

Diese Frage verstößt fundamental gegen journalistische Regeln. Es ehrt Christian Drosten, dass er sich in diesem Gespräch nicht darauf eingelassen hat und stattdessen antwortete:

„Wollen Sie, dass ich jetzt Kollegen namentlich kritisiere? Ich halte nichts davon, ad personam zu gehen“

In der folgenden Ausgabe Nr. 5. vom 30. 1. 2021 druckt der Spiegel drei Leserbriefe ab, wovon sich zwei sehr kritisch zu dem Interview äußern. Ein Peter Rohde schreibt:

„Ein so profanes und kritikloses Interview musste ich glücklicherweise schon länger nicht mehr im SPIEGEL lesen. (…) Bis zu diesem Interview meinte ich, dass nur der Papst als lebender Mensch unfehlbar wäre. Und dann maßen sich Ihre Redakteurinnen auch noch an, alle, die nicht Drostens Meinung sind, als wissenschaftliche Dilettanten zu diffamieren.“ (S.129)

Und Martin Heß aus Frankfurt schreibt:

„Zwei anerkannte Wissenschaftler wie die Herren Streeck und Schmidt-Chanasit so darzustellen, als hätten sie im `vergangenen Jahr wohl einen größeren Schaden als Corona-Leugner angerichtet´ ist nicht nur unter dem Niveau des SPIEGEL, sondern macht ihn nicht besser als genaue jene Medien, von denen er sich durch sachliche und fundierte Reportagen abheben will. Mit dem Trick, diese Behauptung noch einem dritten Wissenschaftler als Suggestivfrage zu stellen – der glücklicherweise nicht darauf hereingefallen ist – desavourieren sich die Interviewenden vollends.“ (S.129)

Herrn Heß ist zuzustimmen in der Interpretation, dass sich die beiden Interviewerinnen desavouiert haben. Er hat – und darum geht es in diesem Text – unrecht, wenn er glaubt, dies sei unter dem Niveau des SPIEGEL.

Ich bleibe zunächst bei Frau Hackenbroch. Am 19. September 2020 schrieb Frau Hackenbroch unter der Überschrift „Planlos durch die Pandemie“ einen Beitrag über das „Deutsche Netzwerk Evidenzbasierte Medizin“. Das Netzwerk hatte am 8. September 2020 eine Stellungnahme veröffentlicht unter der Überschrift „COVID-19: Wo ist die Evidenz?“

Der Tenor des Beitrags ergibt sich – in der Linie der bisherigen Stellungnahmen des Netzwerkes – aus dem letzten Absatz der Einleitung. Gefordert werden wissenschaftliche Studien:

„Es gibt insgesamt noch sehr wenig belastbare Evidenz, weder zu COVID-19 selbst noch zur Effektivität der derzeit ergriffenen Maßnahmen, aber es ist nicht auszuschließen, dass die trotz weitgehend fehlender Evidenz ergriffenen Maßnahmen inzwischen größeren Schaden anrichten könnten als das Virus selbst. Jegliche Maßnahmen sollten entsprechend wissenschaftlich begleitet werden, um den Nutzen und Schaden bzw. das Verhältnis von Nutzen und Schaden zu dokumentieren. Es werden insbesondere randomisierte Studien dringend benötigt um die politischen Entscheidungen angemessen zu stützen.

Mit dieser ausführlichen Stellungnahme möchten wir anregen, mit kritischem Blick aus der Perspektive der evidenzbasierten Medizin den derzeitigen Umgang mit SARS-CoV-2 und der möglicherweise resulierenden Erkrankung COVID-19 zu hinterfragen, um daraus Schlussfolgerungen für die Wissenschaft und den Umgang mit dem Virus zu entwickeln.“

Unter der Frage, wie gefährlich die Krankheit Covid 19 sei, bezieht sich die Stellungnahme auf erste Ergebnisse der Heinsberg-Studie und anderen und bewertet die Infection Fatility Rate zwischen 0,27 Prozent und 0,36 Prozent. Hinzugefügt wird auch: „Die Ergebnisse sind also mit großer Vorsicht zu interpretieren.“

Nach etwas Lob fällt Veronika Hackenbroch ein Urteil, das die Reputation des Netzwerkes vernichten soll:

„Haben die evidenzbasierten Mediziner recht mit ihrer Kritik? Oder spielen ausgerechnet die wissenschaftlichsten aller Ärzte mit falschen Argumenten Corona-Leugnern in die Hände?

Leider scheint eher Letzteres der Fall zu sein. Die Autoren der Stellungnahme scheinen nicht ganz begriffen zu haben, dass eine Pandemie ein hoch dynamisches Geschehen ist, bei dem sich die Situation innerhalb von Wochen dramatisch ändern kann. Zudem machen sie handwerkliche Fehler, die ihre Beurteilung der Lage grotesk falsch werden lassen. Was wissenschaftlich klingt, ist in Wahrheit planlos.

Zwar liegen die evidenzbasierten Mediziner nicht mit allen Kritikpunkten daneben; so ist es natürlich absolut berechtigt, bessere Forschung zu fordern. Doch gleich zu Anfang machen sie etwas, was sie sonst immer der Pharmaindustrie vorwerfen: Sie betreiben “Rosinenpickerei” – suchen nicht nach objektiven Qualitätskriterien die besten aller vorhandenen Studien zusammen, um deren Ergebnisse auszuwerten, sondern picken sich nur diejenigen Untersuchungen heraus, deren Resultate ihnen in den Kram passen.

Statt etwa bei der Angabe der Sterblichkeit große, qualitativ hochwertige Studien heranzuziehen, etwa eine landesweite Antikörperstudie aus Spanien und eine Antikörper-Untersuchung an 100.000 Menschen in Großbritannien, die eine Infektionssterblichkeit von 0,8 und 0,9 Prozent ergaben – rund acht- bis neunmal höher als bei Influenza -, berufen sie sich lediglich auf aktuelle Zahlen und Untersuchungen wie die umstrittene und vergleichsweise winzige “Heinsberg-Studie”, die auf 0,36 Prozent kommt. Würde jemandem so ein Fehler bei Krankheiten wie Krebs oder Herzinfarkt unterlaufen, gingen die evidenzbasierten Mediziner – völlig zu Recht – sofort auf die Barrikaden.“

Im September 2020 war noch offen, welche Zahl zutreffend ist, die 0,36 Prozent oder die 0,8 bis 0,9 Prozent. Ende des Jahres war sich der SPIEGEL allerdings sicher: Im Spiegel Nr. 53 ist unter der Überschrift „Warnung an die Welt“ auf Seite 20 die Rede von 4 Toten auf 1000 Einwohner, also 0,4 Prozent:

„Dringend geklärt werden muss auch die Frage: Wie gefährlich ist B.1.1.7? Bislang sind etwa 4 von 1000 Menschen, die sich mit VOC-202012/01 angesteckt haben, gestorben.“

Ich habe daraufhin Veronika Hackenbroch geschrieben, was nun stimme, aber keine Antwort erhalten.

Man kann über das Berufs- und Wissenschaftsverständnis von Veronika Hackenbroch länger nachdenken. Aus meiner Sicht ist aber die Frage interessanter, warum eine schlechte Journalistin wie Veronika Hackenbroch beim SPIEGEL Karriere machen konnte.

Damit komme ich zurück zu den Leserbriefen nach dem Interview mit Christian Drosten. Zwei von drei Lesern kritisierten, wie gesagt, die beiden Redakteurinnen scharf. Nun könnte man vermuten, dass es auch in der Redaktion des SPIEGEL Kolleginnen oder Kollegen gegeben habe, die für unmöglich hielten, was die beiden Journalistinnen schrieben. Dann stellt sich die Frage, warum die Chefredaktion regelmäßig Frau Hackenbroch schreiben lässt, was sie schreibt (Es gibt eine Reihe von Versuchen von Veronika Hackenbroch, sich selbst als seriöse Wissenschaftlerin darzustellen und Wissenschaftler mit anderer Position als unwissenschaftlich zu denunzieren). Schließlich ist auch die Chefredaktion am Ende dafür verantwortlich, was auf der Leserbriefseite steht.

Es gibt vermutlich einen einfachen Grund für das, was sich hier beobachten lässt. Es geht ums Geld, um Leserzahlen, um Aufmerksamkeit und um Klickzahlen. Ebenso wie die sozialen Medien wie Facebook bekanntermaßen dafür sorgen, dass emotionalisierende und aufregende Behauptungen das Netz dominieren, folgt offenbar auch der SPIEGEL dieser Strategie. Nur wenige, die sich über unmögliche Beiträge ärgern, kündigen auch tatsächlich. Die meisten werden davon erzählen und damit gewollt oder nicht Reklame für die Zeitschrift machen. Die alte Regel, dass auch negative Werbung Werbung sei, gilt hier wohl.

Aber es geht darüber hinaus. Wer über längere Zeit den SPIEGEL liest, kann eine Strategie entdecken, die sich den Mantel der Objektivität umhängt. In jedem Heft gibt es Positionen, die offensichtlich die Funktion haben, bei einem Teil der Leser Zustimmung bekommen zu sollen, und dafür einen Teil der Leser verärgern. Damit diese Positionen Aufmerksamkeit erhalten, werden sie radikalisiert und zugespitzt. Auf diese Weise hilft der SPIEGEL mit, die Spaltung der Gesellschaft voranzutreiben und unterscheidet sich in diesem Punkt nicht von den sogenannten sozialen Medien.

Titelbild: Chris Redan/shutterstock.com

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