Der Extremismus der Mitte und das Peter-Prinzip
Der Extremismus der Mitte und das Peter-Prinzip

Der Extremismus der Mitte und das Peter-Prinzip

Udo Brandes
Ein Artikel von Udo Brandes | Verantwortlicher: Redaktion

Der französisch-kanadische Philosoph Alain Denault hat ein Buch über „Die Herrschaft der extremen Mitte“ geschrieben. Er ist der Auffassung, dass extremistische Regime der Mitte für die globalen Probleme verantwortlich sind, von der Klimakrise bis hin zum Problem der extremen sozialen Ungleichheit und Armut. Unser Autor Udo Brandes hat das Buch gelesen und stellt es vor.

Mehr als an anderen Orten, so Alain Denault, lasse sich in Deutschland das Phänomen der „extremen Mitte“ beobachten. Diese „Mitte“ treibe die Abschaffung des politischen Links-Rechts-Spektrums voran zugunsten einer extremistischen Ideologie. Durch die politische Eigenverortung als „Mitte“ gelinge es diesen politischen Kräften, ihre Politik als notwendig, rational, ausgewogen und daher als allein möglich darzustellen.

Ich denke, das ist eine zutreffende Beschreibung, was man allein schon daran erkennen kann, dass viele Jahre Angela Merkels Lieblingsvokabel das Wort „alternativlos“ war. Sie benutzte dieses Wort in den letzten Jahren allerdings nicht mehr. Vermutlich deshalb, weil Kritiker es ihr um die Ohren gehauen haben. Und weil durch diesen Begriff in Kombination mit ihrem historischen Wort von der „marktkonformen Demokratie“ nur allzu deutlich wurde, dass Angela Merkel Demokratie wohl eher als eine Veranstaltung ansieht, die nur so lange ihre Berechtigung hat, als der Kapitalismus nicht infrage gestellt und schon gar nicht angetastet wird.

Aber nicht nur die CDU, die sich auf ihren Parteitagen und Pressekonferenzen stets auf großen Hintergrundplakatwänden und dem Rednerpult als „Die Mitte“ deklariert, beansprucht diesen politischen Ort für sich. Die FDP würde sich nie als neoliberal-rechts bezeichnen. Und Olaf Scholz steigt in den Umfragen auch deshalb, weil er konservativen Wählern keine Angst macht und diesen quasi als der bessere CDU-Politiker erscheint. Oder anders ausgedrückt: Er verkörpert die Mitte noch perfekter und signalisiert schon durch seine Körpersprache: Keine Angst, ich werde nichts oder nur wenig ändern. Und warum werden die Grünen von Wohlhabenden und Reichen gewählt? Das ist die moderne Form des Ablasshandels. Wohlhabende und Reiche wählen grün, weil sie so ein gutes Gewissen haben können, ohne befürchten zu müssen, ihren Lebensstil gravierend ändern zu müssen. Man fährt dann eben einen Elektro-BMW statt den Benziner oder Diesel von BMW.

Alle genannten Parteien sind irgendwie liberal-mittig. Aber welches ideologische und politische Programm verbirgt sich hinter der „Politik der Mitte“? Denault schreibt:

Förderung von Gewinnmaximierung großer Unternehmen; Zahlung von Dividenden an Großaktionäre; Zugang zu Steueroasen im Ausland; Senkung von Steuern, Zöllen und Abgaben im Inland; Umwandlung ökologischer Standards zu bloßen Lippenbekenntnissen; Rückbau des Sozialstaats; Minimierung der Rechte zum Schutz der Arbeitnehmer. Es spielt überhaupt keine Rolle, ob man sich dann als sozialdemokratisch, sozialliberal, neoliberal oder christdemokratisch bezeichnet, solange derlei Orthodoxie (= Strengläubigkeit; reine Lehre; UB) unangetastet bleibt. Diese verschiedenen Hüllen aus Parteibezeichnungen lenken die Menschen von der Tatsache ab, dass die Politik der extremen Mitte insofern extremistisch agiert, als sie zerstörerisch ist, was die Ökologie betrifft, ungerecht, was die soziale Gerechtigkeit anbelangt, und imperialistisch, was die bevorzugten Wirkmaßnahmen angeht. Mitteextremistische Regime stehen für globale Erwärmung und massives Artensterben, sie vergrößern die Kluft zwischen den sehr Armen und den sehr Reichen und propagieren ihr Verhältnis zur Welt als das einzig maßgebliche unter den verschiedenen Kulturen und Glaubenssystemen“ (S. 8).

Warum können Paketboten in diesem Land immer noch ausgebeutet werden über ein System von Subunternehmern? Warum zahlen internationale Konzerne wie Amazon, Facebook, Google usw. immer noch keine adäquaten Steuern? Warum haben wir in Deutschland keine richtig schlagkräftige Steuerfahndung? Ich denke, weil genau das, wie von Denault beschrieben, zum politischen Programm der „Mitte“ gehört. Ein Programm, das er, wie ich meine, nicht zu Unrecht als „extremistisch“ bezeichnet.

Damit diese selbsternannte politische Mitte über eine entsprechende Wirkmacht verfügt, braucht sie, so Denault, öffentliche und private Medien, die dieser Mitte die legitimierenden Etiketten anheften:

Die Anhänger der herrschenden Ideologie werden immerfort als vernünftige, besonnene, normale, verantwortungsbewusste, gerechte Vertreter der Mitte ausgewiesen, während über all jene, die es wagen, diese Ordnung zu kritisieren oder von ihr abzuweichen, der Bann ausgesprochen wird, sie seien unverantwortliche, anarchistische, paranoide, verschwörerische, idealistische, verrückte oder extremistische Elemente (S.8).

Oder rote Socken, Querdenker, Populisten, Rechtsoffene usw., möchte man hinzufügen.

Das Peter-Prinzip: Die Herrschaft der Mittelmäßigen

Eine weitere These von Denault ist: Die extreme Mitte basiert auf der Herrschaft der Mittelmäßigkeit:

Laurence J. Peter und Raymond Hull haben als eine der ersten von einem solchen Mittelmäßigwerden eines ganzen Systems berichtet. Ihre in den Nachkriegsjahren entwickelte These (Ihr Buch heißt „Das Peter-Prinzip oder die Hierarchie der Unfähigen“; UB) lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Die systemimmanenten Prozesse begünstigen die Besetzung von Machtpositionen mit durchschnittlich begabten Akteuren und drängen sowohl die ‚Hochbegabten’ als auch die vollkommen Unbegabten an den Rand. Hier ein schlagendes Beispiel: In einer Lehranstalt will man niemanden arbeiten sehen, der unpünktlich ist und von der Sache nichts versteht, doch ebensowenig wird die Rebellin geduldet, die die Struktur der Lehre grundlegend verändern will, um die Klasse mit den benachteiligten Schülern zu einer der besten der gesamten Schule zu machen. Die Autoren des Buchs Das Peter-Prinzip oder die Hierarchie der Unfähigen geben an, dass der Hauptvorwurf, der einer derart engagierten Person gemacht werden wird, gewiss darin besteht, den formalen Kriterien der Lehre zuwider zu handeln, doch vor allem, dass sie dem Lehrer, der nun im nächsten Jahr mit den Kindern arbeiten müsse, die ihr Pensum längst beherrschten, große Sorgen bereitet’“ (S.15).

Auch wenn Denault hier aus einem alten soziologischen Klassiker zitiert: Das Beispiel trifft nach wie vor zu. Vor einigen Jahren gab es in Bayern einen ähnlichen Fall, der bundesweit Aufmerksamkeit erregte. Eine hochbegabte Lehrerin machte aus Schulversagern und Schulhassern wissbegierige Schüler, die wieder Lust auf Schule hatten und gute Noten erzielten. Und ihre Erfolge basierten nicht auf geringeren Anforderungen für gute Noten, sondern waren auf Basis klassenübergreifender Prüfungen nach objektiver Benotung erzielt worden. Nun hätte man annehmen können, dass das Lehrerkollegium versucht hätte, hinter das Geheimnis des Lehrerfolges dieser jungen Lehrerin zu kommen, und sie gebeten hätte, die Lehrer zu coachen. Weit gefehlt! Das Lehrerkollegium mobbte die erfolgreiche Lehrerin, und ebenso hielt es die Kultusbürokratie. Ein Schulrat verlangte von ihr, Fünfen und Sechsen zu vergeben, damit es einen gewissen Durchschnitt an Sitzenbleibern gebe. Die Lehrerin wurde an eine andere Schule versetzt. Dort ging das Spiel von vorne los. Am Ende gab sie auf und wechselte an eine private Schule, wo man ihre Qualitäten als Lehrerin wertschätzt (Wer sich für den Fall interessiert, kann hier einen Zeitungsbericht dazu einsehen). Mit Sicherheit kann man genau solche Prozesse an vielen Institutionen beobachten. Nicht zuletzt in der Politik. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass Heiko Maaß Außenminister geworden ist, weil er ein so brillanter Diplomat und Außenpolitiker ist.

Denaults Schlussfolgerung

Was folgt aus der Analyse von Denault? Er ist der Auffassung, dass

es gilt, sich letztlich einzugestehen, dass die Ordnung, in der wir heutzutage leben, nicht mehr die Demokratie gefährdet, sondern diese Drohung bereits wahr gemacht hat. Nennen wir sie Plutokratie, Oligarchie, parlamentarische Tyrannei, Finanztotalitarismus…..(….) Die angemessene Bezeichnung dieser Regime erfordert schließlich, dass wir uns ihnen widersetzen, wenn wir Demokraten sein, ja, wenn wir sie in der Geschichte stürzen sehen wollen. Deshalb: mit dieser Ordnung brechen. Den schädlichen und zerstörerischen Logiken Abbruch tun. Uns kollektiv befreien. Gemeinsam Schluss machen. Zusammen-brechen. Es ist an uns, die etablierte Ordnung grundlegend zu verändern“ (S. 180-181).

Fragt sich bloß, wie wir das anstellen sollen.

Resümee

Denault hatte eine sehr gute Idee, wie ich finde: Den neoliberalen politischen Einheitsbrei, der auch von ehemals linken Parteien wie der SPD und den Grünen im Kern nach wie vor getragen wird, als das zu benennen, was er ist: eine Form von zerstörerischem Extremismus, der überdies massenhaft Mittelmäßigkeit produziert. Es gibt in den folgenden vier Kapiteln von Denaults Buch dann noch die eine oder andere schöne Beschreibung und Charakterisierung der Verhältnisse in unserer Gesellschaft. Aber was in diesen Kapiteln nach dem Vorwort und der Einleitung zu lesen ist, hat alles keinen rechten Bezug mehr zum eigentlichen Thema. Dieses gewollt geheimnisvolle, intellektuelle Raunen über die Zustände an den Universitäten, der Finanz- und Wirtschaftswelt und der Kunst ist eigentlich nur ärgerlich. Den wesentlichen Kern von Denaults Buch findet man im Vorwort und der Einleitung. Als Leser fühlt man sich deshalb um das Eigentliche betrogen. Auch scheint mir die Übersetzung bisweilen schlecht zu sein, und an einigen Stellen ließ auch das Lektorat zu wünschen übrig.

Als ich bei der Lektüre am Schluss angekommen war und die Danksagungen las, wurde mir auch klar, warum das Buch nicht gut sein konnte: Weil hier Aufsätze des Autors, die schon in Zeitschriften veröffentlicht worden waren, zu einem Buch zusammengemixt worden sind. Denault hat sich also nicht die Mühe gemacht, das auf dem Cover deklarierte Thema eigens auszuarbeiten. Schade. Hier wurde eine wirklich gute Idee in den Sand gesetzt. Deshalb ist mein Resümee: Eine sehr gute Idee mit einem verheißungsvollen Auftakt im Vorwort und der Einleitung. Aber das war es auch schon. Unterm Strich kein Buch, das zu kaufen sich lohnt.

Alain Denault: Die Herrschaft der extremen Mitte, Westend Verlag, 2021, 192 Seiten, 18 Euro.

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