Deutungen eines Mordes
Deutungen eines Mordes

Deutungen eines Mordes

Jörg Phil Friedrich
Ein Artikel von Jörg Phil Friedrich | Verantwortlicher: Redaktion

Es gibt Menschen, die hassen die Welt, wie sie ist. Sie hassen die Gesellschaft, sie hassen alle, die sich irgendwie an die Regeln dieser Gesellschaft halten, sie hassen vermutlich sich selbst dafür, dass sie selbst sich auch zumeist nach diesen Regeln richten. Ihren Hass nähren sie an allem, was sich in der Mehrheitsgesellschaft als Konsens etabliert oder sich zumindest in der Öffentlichkeit als Konsens durchzusetzen beginnt. Das kann die gendergerechte Sprache ebenso sein wie die Ehe für alle oder die Impfung gegen das Corona-Virus, aktuell die Corona-Maßnahmen überhaupt. Vom Kritiker unterscheidet sich der, der die Welt hasst, dadurch, dass er keine Argumente für seine Ablehnung hat, er lehnt all das ab, weil es in der Öffentlichkeit der Gesellschaft als gut und wünschenswert gilt, er ist Antisemit ebenso wie Feind der Geschlechtergerechtigkeit, er ist Impfgegner ebenso, wie er die demokratischen Institutionen und die Corona-Maßnahmen ablehnt, der Genderstern regt ihn ebenso auf wie ein schwules Paar, das sich auf der Straße küsst. Von Jörg Phil Friedrich.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Manche dieser Menschen werden zu Amokläufern, einige zu Terroristen, die meisten von ihnen leben vermutlich unauffällig und einsam ihr Leben, bis sie vom Hass zerfressen in Einsamkeit sterben.
Es spricht nach allem, was bisher bekannt ist, vieles dafür, dass der Mörder von Idar-Oberstein, der am Montag den Kassierer in einer Tankstelle erschossen hat, weil dieser ihn aufgefordert hatte, vorschriftsmäßig einen Mund-Nase-Schutz zu tragen, zu diesen hassenden Menschen gehört. Der Anlass hätte vielleicht auch ein anderer sein können, aber es ist naheliegend, dass die Menschen- und Gesellschaftshasser gegenwärtig gerade in den Corona-Maßnahmen ständig Anlässe finden, die ihren Hass zum Gewaltausbruch bringen.

Kaum war die Tat und ihr Anlass bekannt geworden, begann in den Medien eine Debatte, die den Mord von Idar-Oberstein als Zeichen für eine Radikalisierung der Corona-Maßnahmengegner, der Querdenker, der Anhänger von Verschwörungstheorien und der Impfgegner deutete. Das aber kehrt die Kausalität um. Es gibt keine Indizien dafür, dass die Proteste der Querdenker grundsätzlich radikaler oder gewalttätiger werden, dass Menschen, die den Impfungen kritisch, skeptisch oder ablehnend gegenüberstehen, im Laufe der Monate zunehmend zu Gewalttaten bereit wären. Radikalisierung von Menschen, das bedeutet im herkömmlichen Sinn – etwa im Zusammenhang mit Islamismus und islamistischem Terror – dass etwa junge Muslime, die zuvor keinen Hang zur Gewalt hatten, durch gezielte Beeinflussung durch charismatische Vorkämpfer die Bereitschaft entwickeln, selbst gewalttätig zu werden. Es ist nicht bekannt, dass in der Querdenkerszene oder bei Impfskeptikern solche Entwicklungen stattfinden. Zwar mag es sein, dass Menschen in ihren Protestformen radikaler und kompromissloser werden. Bei der Dynamik dieser Prozesse dürfte das Wechselspiel von Solidarisierung mit öffentlich geächteten Meinungsführern und der Zuschreibung radikaler Ansichten durch die Öffentlichkeit eine große Rolle spielen. Wer ein paar Mal Ansichten eines „Querdenkers“ gelesen und gehört hat und diesen spontan zugestimmt hat, und sodann die pauschale Behauptung hört, dass alle, die dem zustimmen, selbst Querdenker seien, kommt womöglich trotzig zu der Ansicht, dann eben lieber ein Querdenker zu sein, als sich die kritische Sicht verbieten zu lassen.

Aber das ist ein weites Feld und kann hier nicht detailliert ausdiskutiert werden. Klar ist aber, dass aus einer solchen Solidarisierung und Identifizierung mit Impfgegnern, Querdenkern oder auch Gender-Gegnern nicht folgt, dass diese Menschen dann auch eine Bereitschaft zur Aggression und Gewalttätigkeit entwickeln. Umgekehrt ist die Sache viel plausibler: Diejenigen, die aus ihrem grundsätzlichen Hass auf die Welt heraus ständig nach neuer Nahrung für Wut und nach Anlässen für Gewaltausbrüche suchen, nutzen begierig solche Anlässe und Gelegenheiten, um ihrem Hass freien Lauf zu lassen. Natürlich hasst, wer die ganze Gesellschaft hasst, auch die Corona-Maßnahmen, und solange es Corona-Maßnahmen gibt, werden diese Menschen die radikalsten, aggressivsten, gewaltbereitesten Corona-Maßnahmen-Gegner sein.

Es stellt sich die Frage, warum in den Kommentaren der Rundfunksender und Zeitungen eher von einer Radikalisierung der Querdenker und Impfgegner die Rede ist als von der Instrumentalisierung der skeptischen und kritischen Stimmen durch radikale Menschenhasser. Vermutlich sitzt die große Erzählung von der allmählichen Radikalisierung von Kritikern tief im Überzeugungssystem vieler Beobachter. Vielleicht meinen sie auch, dass durch die Deutung, der Mörder von Idar-Oberstein sei ein „radikalisierter Querdenker“, Menschen vor einer Begegnung mit den Querdenkern zurückschrecken könnten aus Angst, selbst ungewollt zu Radikalen und Gewalttätern zu werden. Als sei der Radikalismus, der Terrorismus oder die Gewalttätigkeit so etwas wie eine ansteckende Krankheit, die jeden erfasst, der einer kritischen Einstellung zu staatlichen Maßnahmen oder einer Skepsis gegenüber den etablierten Institutionen zu nahe kommt.

Umso wichtiger ist es, dieser Deutung eine andere entgegenzusetzen: Tatsächlich kann die Dynamik aus wechselseitiger Abgrenzung zwischen Mehrheitsprinzip-Konsens-Gesellschaft und Skeptikern, aus Fremdzuschreibung von Klischees und Solidarisierung mit diffamierten Aktivisten zu unkritischer Identifikation mit vereinfachenden Weltbildern führen. Das mag zur Aktivierung und zur Bereitschaft zum Protest führen. Keineswegs macht das aber automatisch aus friedlichen Bürgern Gewalttäter, Terroristen und Mörder. Umgekehrt nutzen gewaltbereite Menschen- und Gesellschaftshasser polarisierende Themen zum Ausleben ihrer Wut und ihrer Gewaltbereitschaft.

Die demokratische Gesellschaft braucht radikalen Protest, sie braucht, dass friedliche Menschen mutig werden und laut und standhaft ihre Kritik zum Ausdruck bringen. Sie braucht Querdenker, die sich dem allzu schnell hergestellten Konsens widersetzen und skeptisch bleiben, wenn die Mehrheit skeptische Distanz zu Institutionen vermissen lässt. Sie wissen, dass keine Autorität, weder die von Medien oder Politikern, noch die von Wissenschaftlern und Intellektuellen, nur auf der Kraft des besseren Arguments beruht, sondern immer auch auf Macht und Einfluss, und dass der Zugewinn von Macht und Einfluss in allen Institutionen immer auch eine Triebfeder ist, wegen der Fakten zurechtgebogen, Tatsachen verschwiegen und Argumente unterdrückt werden. Prinzipielle Skepsis und laute, kompromisslose Kritik helfen dabei, solche Mechanismen aufzudecken und in Schach zu halten.

Die Behauptung, kritische und skeptische Milieus würden ein Nährboden für Radikalisierung hin zur Gewalttätigkeit bis zum Mord sein, ist letztlich der Versuch, ihre kritisch-korrektive Funktion zu diskreditieren, um sich gegen Kritik überhaupt immun zu machen.

Titelbild: Burlingham/shutterstock.com

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