Die Notwendigkeit von Propaganda für die Demokratie
Die Notwendigkeit von Propaganda für die Demokratie

Die Notwendigkeit von Propaganda für die Demokratie

Ein Artikel von: Redaktion

Der französische Philosoph Jacques Ellul zeigt in seinen Arbeiten, dass die Natur der Propaganda in der Anpassung des Individuums an eine Gesellschaft besteht, die darauf abzielt, das Individuum dienstbar und konform zu machen. Er entschlüsselt, wie Propaganda im modernen demokratischen Staat in allen Bereichen des täglichen Lebens zum Einsatz kommt. Nun erscheint sein Buch unter dem Titel „Propaganda. Wie die öffentliche Meinung entsteht und geformt wird“ zum ersten Mal auf Deutsch. Rainer Mausfeld sagt über das Buch: „Ein bahnbrechender Klassiker der Propagandaforschung mit visionären Einsichten in die totalitären Gefährdungen der modernen Informationsgesellschaft – eine gedankliche Fundgrube für alle, die besser verstehen wollen, wie Menschen dazu gebracht werden können, freiwillig zu gehorchen.“ Ein Auszug.

Nicht bestreiten lässt sich die Tatsache, dass es für die heutige Demokratie notwendig ist, »Propaganda zu machen«. Halten wir außerdem dafür, dass Propaganda, nicht vonseiten des Staates, sondern besonders privatwirtschaftlich, mit der Demokratie verbunden zu sein scheint. Historisch betrachtet wird sich überall, wenn das demokratische Regime einmal etabliert ist, Propaganda in verschiedenen Formen festsetzen. Sie lässt sich insofern nicht vermeiden, als Demokratie einen Appell an die Meinung und den Wettbewerb zwischen mehreren Parteien voraussetzt. Um an der Macht zu bleiben, versuchen diese politischen Parteien, Wähler zu gewinnen und Propaganda zu betreiben.

Erinnern wir uns auch daran, dass das Aufkommen der Massen, gerade durch die Entwicklung der Demokratien, den Einsatz von Propaganda hervorgerufen hat und dass sie letztlich eines der Mittel zur Verteidigung des demokratischen Staates sein wird, wie der Appell an das Volk, mobilisiert durch die Propaganda, zeigt, ganz gleich, ob es sich dabei nun um die Verteidigung des Staates gegen private Interessen oder gegen eine antidemokratische Partei handelt. Es ist eine bemerkenswerte und recht erstaunliche Tatsache, dass große moderne Propaganda ihren Anfang in demokratischen Staaten genommen hat. Während des Ersten Weltkriegs kam zum ersten Mal das ganze massenmediale Spektrum zum Einsatz, die Methoden der Werbung wurden auf die Politik angewandt, und man suchte auch nach den wirksamsten psychologischen Methoden. Zu dieser Zeit war die deutsche Propaganda noch Mittelmaß, und es waren die französischen, englischen und amerikanischen Demokratien, die große Propaganda hervorbrachten. Desgleichen war es die leninistische Bewegung, zu Beginn zweifellos demokratisch, die alle Methoden von Propaganda weiterentwickelt und vervollkommnet hat. Entgegen dem, was man gemeinhin denken könnte, waren es also nicht die autoritären Regime, die als Erste diese Art von Maßnahmen ergriffen, wenn sie sie später auch ohne jegliche Skrupel durchführten. Diese Beobachtung sollte uns dazu veranlassen, über die Beziehung zwischen Demokratie und Propaganda nachzudenken.

Denn offenkundig besteht ein Widerspruch zwischen den Prinzipien der Demokratie, insbesondere ihrem Menschenbild, und den propagandistischen Verfahren. Die Vorstellung vom rationalen Menschen, der fähig ist, der Vernunft gemäß zu denken und zu leben, der in der Lage ist, seine Leidenschaften zu beherrschen und sein Leben an wissenschaftlichen Erkenntnissen und Schemata auszurichten, frei zwischen Gut und Böse zu wählen, all das scheint im Gegensatz zu den geheimen Einflüssen, dem Ingangsetzen von Mythen und dem Appell an das Irrationale zu stehen, wodurch Propaganda gekennzeichnet ist.

Diese Entwicklung unter demokratischen Rahmenbedingungen lässt sich dennoch sehr gut erklären, wenn man sich nicht auf die Ebene der Prinzipien, sondern auf jene der konkreten Situationen begibt. Waren wir bisher davon ausgegangen, dass es innerhalb einer Demokratie normal und sogar unverzichtbar ist und im Einklang mit dem Regime steht, dass es eine oder mehrere Propagandaaktivitäten gibt, so existiert gleichwohl nichts, was nach außen gerichtete Propaganda zwingend notwendig macht. Die Situation ist eine völlig andere. Hier würde nämlich der demokratische Staat veranlasst, sich als Sprachrohr der gesamten öffentlichen Meinung, und die demokratische Nation, sich als ein zusammenhängendes Ganzes zu präsentieren, was eine gewisse Schwierigkeit darstellt, da es nicht dem getreuen, genauen Bild eines demokratischen Landes entspricht. Zudem würde dies einen endemischen, permanenten Kriegszustand voraussetzen. Wenn nun aber leicht nachzuweisen ist, dass dauerhafte Kriege zur gleichen Zeit wie demokratische Regime aufgekommen sind, so kann nicht weniger leicht gezeigt werden, dass diese Regime einen ausdrücklichen, formalen Friedenswillen haben und sich nicht systematisch auf einen Krieg vorbereiten. Damit will ich sagen, dass die faktischen ökonomischen und soziologischen Bedingungen von Demokratien zwar übergreifende Konflikte hervorrufen können, das Regime als solches aber nicht von Natur aus mit Krieg im Zusammenhang steht. Es wird nolens volens dahin gebracht. Daher passt es sich nur schlecht an diese im Grunde psychologische Situation eines kalten Krieges an.

Darüber hinaus gibt es eine weitere Tatsache, die die Demokratie auf ihrem propagandistischen Pfad erheblich behindert: das Fortbestehen bestimmter Merkmale der demokratischen Ideologie.

Der Glaube an die unbesiegbare Macht der Wahrheit ist mit dem Begriff des Fortschritts verbunden und gehört zu dieser Ideologie. Die Demokratien sind von der Vorstellung genährt worden, dass die Wahrheit eine Zeit lang zwar verschleiert werden kann, am Ende aber triumphiert; dass die Wahrheit eine explosive, gärende Kraft in sich trägt, die zwangsläufig zur Zerstörung der Lüge und zum blendenden Erscheinen des Wahren führt. Dieses Wahre stellte sich nun implizit als demokratische Doktrin heraus. Außerdem muss betont werden, dass es sich dabei um eine Wahrheit rein ideologischer Natur handelte, die am Ende Geschichte machte, weil sie sich letztlich der Geschichte aufzwang. Diese Haltung steckte bereits im Keim, war (und ist) aber das genaue Gegenteil der heutigen aus dem Marxismus hervorgegangenen Haltung, die Geschichte sei die Wahrheit. Der Beweis durch Geschichte wird heute als der Beweis anerkannt. Wer von der Geschichte bestätigt wird, hat recht gehabt. Aber was bedeutet »recht zu haben«, wenn wir von Geschichte sprechen? Es bedeutet zu gewinnen, zu überleben und deshalb der Stärkste zu sein. Der Stärkste, das heißt heutzutage der Tüchtigste, hat also die Wahrheit inne. Diese hat keinen Inhalt an sich, sie existiert nur insofern, als Geschichte sie gestaltet. Die Wahrheit wird Wirklichkeit, und zwar durch die Geschichte. Man kann leicht erkennen, in welchem Verhältnis die beiden Haltungen zueinander stehen und wie leicht man von der einen zur anderen übergehen kann. Denn wenn es stimmt, dass die Wahrheit jene unbesiegbare Macht besitzt, die sie von selbst triumphieren lässt, dann wird es durch eine einfache (aber sehr gefährliche) Verschiebung wahr, dass damit die Wahrheit triumphiert. Allein – und das ist das Schlimme –, was aus diesen beiden Haltungen folgt, gestaltet sich radikal verschieden.

Zu denken, die Demokratie würde zwangsläufig triumphieren, weil sie die Wahrheit selbst sei, führt dazu, schlicht demokratisch zu sein, zu glauben, dass angesichts der unterdrückerischen Regime die Vorzüglichkeit des demokratischen Regimes, dem unfehlbaren Urteil der Menschen und der Geschichte gemäß, sofort ins Auge springe. Wofür wir uns also entscheiden, dürfte sicher sein. Wie müssen doch die Demokraten, insbesondere die angelsächsischen, immerzu von Neuem erstaunen, wenn sie gewahr werden, dass der Mensch etwas anderes wählt und die Geschichte offenbleibt. Im besten Fall wird man sich dann auf folgende Erklärung verlegen: »Wir haben schlecht gewählt, weil wir nichts von der Demokratie wussten.« Doch auch hier treffen wir auf die gleiche Überzeugung von der Tugend der Wahrheit. Dass diese aber ohne Fürsprache für sich zu stehen vermag, stimmt einfach nicht mehr. Wir wollen hier natürlich keine allgemeine Regel formulieren, und so reicht es hin, dass es nicht mehr als allgemeines Gesetz gilt, die Wahrheit triumphiere automatisch. Dies mag zwar für bestimmte Epochen oder für bestimmte Wahrheiten gegolten haben, verallgemeinern lässt es sich aber nicht. Die Geschichte zeigt, dass die nackte Wahrheit sehr gut unterdrückt werden kann, dass sie ganz verschwindet und dass zu bestimmten Zeiten die Lüge am mächtigsten ist.

Jacques Ellul: „Propaganda. Wie die öffentliche Meinung entsteht und geformt wird“, 468 Seiten, aus dem Französischen von Christian Driesen, Westend Verlag 2021

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