„Spiegel“-Experten erklären schon wieder im Namen Russlands einen Krieg, den es nicht gibt
„Spiegel“-Experten erklären schon wieder im Namen Russlands einen Krieg, den es nicht gibt

„Spiegel“-Experten erklären schon wieder im Namen Russlands einen Krieg, den es nicht gibt

Ein Artikel von Liudmila Kotlyarova | Verantwortlicher: Redaktion

Auf den Punkt gebracht: SPIEGEL-“Experten” unterstellen Russland einen Wirtschaftskrieg, den es nicht gibt*. Schon öfter interviewte der „Spiegel“ russische Experten, die zwar als unabhängig gelten, in ihrer Einschätzung jedoch – vor allem – ins überzogen russland-kritische „Konzept“ passen sollten. So ist es laut eines gewissen Energieexperten Michail Krutichin gerade Russland, das die Energiepreise in Europa hochtreibt – obwohl selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel solche Vorwürfe bereits zurückgewiesen hat. Ein Kommentar von Liudmila Kotlyarova.

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Schon länger schreiben deutsche Medien von der Tagesschau bis zum Bayerischen Rundfunk, dass die Energiepreise in Europa vor allem deswegen explodieren würden, weil die Wirtschaft sich nach der Corona-Krise ziemlich schnell erhole und die Nachfrage nach Gas und Öl steige. Auch die Gasspeicher seien in Europa nach dem vergleichsweise kalten Winter 2020/21 noch nicht wieder komplett aufgefüllt, hieß es.

Die Versuchung ist groß

Jedoch neigen einige Journalisten dazu, gerade den russischen Energiekonzern Gazprom, der wie alle Konzerne kein Image eines unschuldigen Lämmchens hat, wegen der steigenden Gaspreise zu beschuldigen. Der „Zeit“-Autor Michael Thumann verdächtigte in einem Kommentar unter dem Namen „Raus aus der Falle!“ die Machenschaften Gazproms und Russlands – Stichwörter: „Russland hält Mutmaßungen zufolge Gaslieferungen zurück“. Zuvor durfte in einem „FAZ“-Artikel auch der Energieexperte Stefan Meister von der DGAP (wieder unbegründet) behaupten, Gazprom halte Gaslieferungen an Europa zurück. Auf Meisters Fehleinschätzung wies auch der österreichische Russland-Experte Gerhard Mangott hin: Nein, alle vertraglich vereinbarten Liefermengen würden von Gazprom geliefert und würden auf dem Stand von 2019 liegen, argumentierte Mangott.

Auch Rainer Seele, Präsident der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK), forderte öffentlich Kooperation statt Konfrontation mit Moskau: „Die Vorwürfe in Richtung Moskau, seine Partner zu erpressen, um die Ostseepipeline Nord Stream 2 schneller mit Gas zu füllen, sind haltlos und absurd“, erklärte Seele aus Anlass des St. Petersburger Internationalen Gasforums (SPIGF).

Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte Vorsicht und nahm Russland angesichts hoher Gaspreise in Schutz. Mit Blick auf Vorwürfe einer Verknappung der Gaslieferungen aus Russland sagte sie noch am 6. Oktober: „Russland kann ja nur Gas liefern auf der Grundlage von vertraglichen Bindungen und nicht einfach so.“ Ende Oktober soll das Problem auf einem EU-Gipfel genauer besprochen werden.

Doch die Versuchung, die Russen mal wieder anzugreifen, ist allzu groß. Deswegen geben einige Korrespondenten nicht auf, darunter der Moskauer „Spiegel“-Reporter Christian Esch. „Hier wird faktisch ein Krieg erklärt“, heißt sein Artikel vom 17. Oktober, für den er den Moskauer Energieexperten Michail Krutichin interviewte. (Anmerkung der Redaktion: Die Überschrift wurde inzwischen vom Spiegel geändert und lautet nun: “Gazprom sagt, im Winter werdet ihr frieren“.) „Treibt Russland die Gaspreise in Europa in die Höhe?“, lautet die Frage zu Beginn des Artikels. Ja, sagt Krutichin dazu. Er ist sich sicher: Putin wolle die Europäer zwingen, den Übergang zu erneuerbaren Energien zu verschieben. Gazprom und Russland hätten die Preissteigerung bewusst angeheizt und sich für „​​Erpressung“ und „​​Konfrontation“ entschieden. Es folgen viele weitere Einschätzungen von ihm in dieser Art.

Wirtschaftliche Aufklärung?

Ein Blick in seine professionellen Tätigkeiten könnte die Einschätzungen Krutichins verständlicher machen. Aktuell arbeiten Krutichin und sein jetziger Chef Yuri Kogtev, wie aus der Selbstbeschreibung der Agentur „Rusenergy“ hervorgeht, für US-amerikanische Auftraggeber und sollen etwa aufklären, wo die „weakness“ (Schwäche) des russischen Gegners liegt – eine Art wirtschaftliche Aufklärung. Gleichzeitig geben die beiden Herren gegenüber „bürgerlichen“ Medien die „​​unabhängigen“ und „kremlkritischen“ Wissenschaftler. Das ist ungefähr so, als würde man Prostituierte als Sexualforscher vorstellen, welche die Dienstleistungen ihrer Bordelle aus der Sicht unabhängiger Wissenschaftler empfehlen.

Dass diese Leute mit solchen Schauspielen durchkommen, wirft auch ein Licht auf den Zustand des „bürgerlichen“ Journalismus in Deutschland, der sich gern mit seinem investigativen Potenzial brüstet. Zusätzlich stellt sich mal wieder die Frage: Was ist aus dem „Spiegel“ als Magazin geworden, das unter seinem Herausgeber Rudolf Augstein „ein liberales, im Zweifel linkes Blatt“ sein wollte?

Augstein vermittelte seinen Lesern noch einen kritischen Blick auf die Motive und Methoden amerikanischer Geostrategen. Seine publizistischen Erbschleicher hingegen, wie der keineswegs neutrale Schweizer und Auslandsressortleiter Mathieu von Rohr, dem der Moskauer Korrespondent Christian Esch zuarbeitet, haben das Blatt in eine deutschsprachige Beilage der „New York Times“ verwandelt. Daher zitiert von Rohr, wie ein „Spiegel“-Autor mir in einem vertraulichen Gespräch gesagt hat, auf den morgendlichen Redaktionskonferenzen häufiger die „New York Times“, als Redakteure des „Neuen Deutschland“ früher Leonid Breschnew.

Habeck legt nach

Zufälligerweise – oder doch nicht? – hat der Grünen-Chef Robert Habeck an demselben Tag, an dem Russland der EU „faktisch einen Krieg erklärte“ – also, als der „Spiegel“-Artikel veröffentlicht wurde – nun wieder die Russland-Pfeife hervorgeholt. „Russland scheint so eine Art Pokerspiel mit uns zu spielen“, sagte Habeck am Sonntagabend in der ARD-Sendung „Bericht aus Berlin“, Russland drossele die Gaszufuhr. „Die Speicher sind nicht voll und die Nachfrage ist hoch. Noch die amtierende Bundesregierung sollte schnell mit Russland reden, dass sich das ändert“, forderte er. Na, wenigstens wirken seine Vorwürfe nicht hysterisch. Seine Kollegin Annalena Baerbock hatte Ende September noch Russland direkt für die „Leiden“ der Kunden in Deutschland verantwortlich gemacht, „deren Gaspreise steigen werden oder die im Extremfall sogar im Kalten sitzen müssen“.

Titelbild: WindVector / Shutterstock

*Aktualisierung 19.10.2021: Dieser Satz wurde nachträglich eingefügt.

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