Helene – inszenierte Echtheit
Helene – inszenierte Echtheit

Helene – inszenierte Echtheit

Ein Artikel von Frank Blenz | Verantwortlicher: Redaktion

Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, konkret im ZDF, ist einem Superstar der leichten Muse ein prominenter Sendeplatz eingeräumt worden: Helene Fischer. Gezeigt wurde ihr neuer Musikfilm „Im Rausch der Sinne“. Der ist aber genauer ein PR-Film, der nach langer Konzertpause zeigen sollte, wie aktiv sich das Musikunternehmen Fischer neu positioniert, um mit neuer CD, neuem Bühnenprogramm usw. die Gelddruckmaschine neu anzuwerfen. Ein Fazit: Der Streifen ist eine 60-minütige Beweihräucherung, eine öffentlich-rechtlich unterstützte Werbeaktion für Fischers neues Album, für die Persönlichkeit Fischer sowieso, angekündigt als Reise durch die Seele der Künstlerin. Von wegen. Von Frank Blenz.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Tatsächlich redet die Künstlerin in den (gestellten) Interviewpassagen viel, verrät aber von sich rein gar nichts. Ihre Lied-Texte lesen sich ebenso, zeugen von Beliebigkeit und Trivialität, die als Schlager akzeptabel sind, als das „Besondere“ (wie angekündigt) aber mit keinem Reim gelten können. Sobald Fischer behauptet, sie öffne sich wie nie, dann ist das schlicht nicht wahr. Einen Moment des Staunens gibt es für die Zuschauer: Helene präsentiert das Stück „Wann wachen wir auf?“, das wie ein Protestlied daherkam. Es scheint einen Moment so. Doch aalglatt bietet sie mit ihren schwammigen Liedaussagen keinerlei Angriffsfläche etwa in der Art, dass Frau Fischer nun vielleicht gar zur Revoluzzerin mutiert ist.

Es ist Samstagabend, bester Sendeplatz, ZDF. Helene Fischer schreitet in schwarzem Outfit zu ihrem Arbeitsort – einem Tanzsaal mit allerlei Technik. Die Show beginnt. Perfekt muss es sein, perfekt wird es. Kein Ton, kein Satz, kein Foto, keine Einstellung, keine Szene – sind in der Produktion „Im Rausch der Sinne“ Zufall. Alles ist inszeniert, alles geschieht mit Kalkül – das vernehmen kritische ZDF-Zuseher. Das Licht, die Kleidung, der Hintergrund, die „spontanen Szenen“ beim Umarmen von Kollegen der Tanzcrew vor den Aufnahmen zum Beispiel wirken samt und sonders einstudiert und korrigiert, wenn sie bis dahin noch nicht perfekt erscheinen. Im Beitrag wird davon gesprochen, dass Helene Fischer so an Perfektion orientiert sei, dass Wiederholungen schon zig Mal ausfallen können. Und damit bleiben Zufall und Lebendigkeit außen vor.

Dem Publikum wird Helene Fischer seitens des ZDF so angekündigt:

Magische Gänsehautmomente auf der Bühne, State-of-the-Art-Inszenierungen eines internationalen Teams und den größten deutschen Superstar so persönlich und nah erleben wie noch nie zuvor: Helene Fischer setzt mit „Im Rausch der Sinne“ neue künstlerische Maßstäbe.
Die beliebte Entertainerin stellt ihre neuen Songs, jeder auf besondere Weise neu und aufregend inszeniert, in einem ungewöhnlichen Showcase vor. Durch den High-End inszenierten Konzertfilm mit persönlichen Backstage-Storys führt die Künstlerin selbst. Das gab es im deutschen Fernsehen noch nie. Ihre Fans haben lange darauf gewartet und dürfen sich nun freuen.
Der mehrfach Grammy-nominierte britische Regisseur Russell Thomas und der international erfolgreiche Show-Designer Florian Wieder verantworten die künstlerische Umsetzung des Konzertfilms und versprechen besondere Show-Momente.

Derlei Fragen stellten sich: Magische Gänsehautmomente? Neue künstlerische Maßstäbe? So persönlich und nah erleben wie nie zuvor? Auf besondere Weise neu und aufregend inszeniert? Das gab es im deutschen Fernsehen noch nie?

Künstlerisch innovativ soll es wirken, wenn der künstlerische Designer Florian Wieder ans Werk geht. Allenfalls neue Lichttechnik in Form überaus beweglicher Bühnen-„Roboter“ können unter Innovation verbucht werden. Aber warum braucht es solche Vehikel, wenn Helene trivial über Drama singend, schmachtend tanzt und in die Kamera blickt? Dass alle Szenen und Choreografien (jede andere gute Profi-Company kann so etwas) in einer Art Filmhalle wie in Babelsberg mit stets ähnlicher Beleuchtung und Farbigkeit daherkommen, oft schon ist das in vielen anderen Videos gesehen worden, hier wird derlei allenfalls wiederholt. Das firmiert unter „Künstlerischer Freiheit“, okay. Über Geschmack lässt sich (nicht) streiten.

Auch in Sachen Musik und Texte. Ja, Helene Fischer ist ein Superstar – die Lieder sind formatradio-kompatibel bis zum Abwinken, ja bis zur Schmerzgrenze, die Songs sind übervoll arrangiert, dicht gepackt mit Instrumentarium (vor allem Keyboards im immer gleichen wiederkehrenden Klangcharakter) und Rhythmuselementen, die sich mal dem Disko-Sound, mal ein bisschen dem Latinostil, mal ein bisschen sich dem Tanzschritt Foxtrott annähern – kompatibel also für Massenhörgewohnheiten.

Helene Fischer hebt an mit ihrer hellen Stimme, die immer gleich klingt, die immer so klingt, als sänge sie in einem Musical mit, sie kommt ja aus diesem Genre. Es wird behauptet, es klänge vielschichtig, neu gar. Nein, es ist stets das Gleiche. Sie ist und bleibt dabei stets überpräsent. Alles dreht sich um sie, trotz dessen, dass sie oft von „wir“ spricht. Die riesige Mannschaft von Tänzern, Musikern, Technikern, persönlicher Crew – da müssen viele CDs und viele Tickets verkauft werden, in Sachen Werbung läuft die Maschine ja auf Hochtouren bis ins ZDF.

Die Fans lieben Helene ja innig und weiter. Gut. Sie ersehnen die Liveauftritte in großen Hallen, Stadien gar, tatsächlich wird dann enorm aufgefahren, was die deutsche Unterhaltungsindustrie auffahren kann: Bühnentechnik, Licht, Tanzensemble, Band, Garderobe. Die Musik, um die es eigentlich geht: Text, Lied, Aussage, Botschaft, Inhalte – die bleiben hinter der gigantischen Form, der wunderschönen Fassade Helene Fischer zurück. Eine Botschaft ist indes stets von Frau Fischer zu vernehmen: Das Hamsterrad der Leistungsgesellschaft lohnt es, durchzutreten bis zum Anschlag, um von unten nach oben zu kommen. Wie singt sie gleich noch, so als Beispiel?

Du bist die Erste deiner Art. Es zählt nicht, dass Dich jeder mag. Lass Dir nicht sagen, Du wärst schwach. Du hast es schon so weit geschafft. Du bist die Erste, die es wagt. Dein Weg wird steinig und wird hart. Du gehst hinauf für die danach.

Titelbild: Marcel Paschertz/shutterstock.com

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