Corona, Corona, Corona – ich kann es nicht mehr hören
Corona, Corona, Corona – ich kann es nicht mehr hören

Corona, Corona, Corona – ich kann es nicht mehr hören

Jens Berger
Ein Artikel von: Jens Berger

Seit zwei Jahren scheint Medien-Deutschland nur noch ein Thema zu kennen: Corona. Eine Auswertung der Talkshow-Themen des letzten Jahres durch den Mediendienst Meedia ergab, dass von den 108 ausgestrahlten Ausgaben von „Anne Will“, „Hart aber fair“ und „Maybrit Illner“ ganze 63 Sendungen das Thema „Corona“ hatten. Haben wir wirklich keine anderen wichtigen Debatten zu führen? Je mehr unsere Aufmerksamkeit um die Pandemie kreist, desto mehr geraten auch wichtige Themen wie die Vermögensverteilung, die Gerechtigkeit, Krieg und Frieden oder die Rententhematik in den Hintergrund. Zugespitzt könnte man sagen, Corona ist die Mutter aller Blendgranaten und es fällt auch mir schwer, dem zu widerstehen. Von Jens Berger.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Es gab sie noch, die Zeiten, in denen man in den großen ARD- und ZDF-Talkshows über Themen sprach, die gesellschaftspolitische Relevanz haben. So war 2016 und 2017 die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht mit neun bzw. zehn Auftritten der meisteingeladene Gast in den drei großen wöchentlichen Talkshows des Öffentlich-Rechtlichen. Im letzten Jahr nahm Karl Lauterbach diesen Titel einmal mehr ein. Nicht nur thematisch ist dies ein Paradigmenwechsel. Lauterbach war sagenhafte 29-mal zu Gast in diesen drei Sendungen. Zählt man noch die Talkrunde von Markus Lanz hinzu, kommt der SPD-Politiker sogar auf 40 Auftritte. Inklusive der Dritten und Sandra Maischbergers Plauderrunde werden es wohl über 100 TV-Auftritte sein – Interviews für die Nachrichten nicht einmal mitgezählt. Lauterbach auf allen Kanälen, Corona überall.

Und es ist ja nicht nur das Fernsehen. Es verging auch im letzten Jahr kaum ein Tag, an dem das Thema Corona nicht in sämtlichen Tageszeitungen und Zeitschriften prominent auf der Titelseite zu finden war. Online gibt es heute noch überall Corona-Ticker mit News-Schnipseln, die man aufgrund des Formats nicht einmal einordnen muss. Alles schön selektiv – fällt die Inzidenz, gibt es keine Meldung, steigt sie, berichtet der Ticker prominent. Und in irgendeinem Land wird sie sicher steigen.

Berichtet wird dabei selbstverständlich nicht etwa im Rahmen einer offenen oder gar kritischen Berichterstattung. Stattdessen dominiert klar der Alarmismus. Und ja, auch die sozialen Medien konnten sich vom allgegenwärtigen Thema Corona nicht lossagen. Das war aber auch bitter nötig, da sie im letzten Jahr das einzige mediale Korrektiv waren und die alarmistische Sichtweise geradezurücken versuchten. Der Preis dafür war, dass es andere Themen auch hier nicht immer leicht hatten. Wir von den NachDenkSeiten haben zumindest unser Bestes gegeben, gerade beim Thema Krieg und Frieden immer wieder mit Zwischenrufen durch den allgegenwärtigen Coronanebel zu dringen. Wir hoffen, dass wir damit auch wahrgenommen wurden.

Immer wenn es mal wieder ein großes Fußball-Turnier gibt, schreiben uns viele Leser, dass im Windschatten der allgemeinen Fokussierung auf diese Form von Brot und Spielen wichtigere Themen in den Hintergrund rücken und der Michel vor lauter Fußball zu vergessen scheint, was um ihn herum passiert. Da ist was dran. Doch was hat der Michel in zwei Jahren Corona alles vergessen? Ist die massive Fokussierung auf dieses eine Thema nicht auch eine Steilvorlage für alle, die unpopuläre Maßnahmen auf anderen Feldern forcieren wollen?

Wie konnte es sein, dass sich zum Beispiel die deutsche Außenpolitik in den letzten zwei Jahren noch mehr als zuvor in die NATO-Eskalationsspirale gegen Russland und immer stärker auch gegen China hat einspannen lassen? Wie kann es sein, dass die Vermögensschere – nicht trotz, sondern teils auch wegen Corona – sich seit Beginn der Pandemie noch weiter geöffnet hat? Ist die Wohnungsfrage in den Metropolen in den letzten beiden Jahren besser geworden? Haben sich sozialpolitische Probleme, Lobbyismus, Privatisierung, Arbeitslosigkeit oder Altersarmut seit Beginn der Pandemie in Luft aufgelöst?

In den großen Talkshows waren sozialpolitische Themen und die Wohnungssituation nur zweimal Thema – Letzteres wohl auch nur wegen des Enteignungs-Volksentscheides in Berlin. Der gesamte Themenkomplex Armut kam kein einziges Mal vor. Ebenso der Themenkomplex Krieg und Frieden. Wenn nicht debattiert wird, haben es die „Entscheider“ natürlich einfach, ihre Positionen ohne Kontrolle, ohne öffentliche Kritik und ohne vernehmbaren politischen Widerstand durchzudrücken. So gesehen war Corona ein Geschenk für Falken, Miethaie und Neoliberale. Im Windschatten der Pandemie lässt sich eine ihnen genehme Politik halt noch viel einfacher durchdrücken als während einer Fußball-WM.

War es vor Corona anders? Ja und nein. Einerseits dominierten immer wieder irgendwelche Aufregerthemen einen medialen Raum, der ihrer gesellschaftspolitischen Bedeutung einfach nicht entsprach. So war es beim Terrorismus, dem Islam und der Zuwanderungs- und Flüchtlingsdebatte, die damals die AfD in die Parlamente brachten. Die Frage der Gerechtigkeit, Armut und progressive außen- und sicherheitspolitische Positionen hatten es noch nie einfach, wahrgenommen zu werden. Aber immerhin gab es vor Corona noch diese Debatten. Ist nun alles anders?

Wie lange wollen wir noch Debatten über eine Pandemie folgen, die ohnehin einseitig sind und die in der Tat wichtigen Aspekte auf diesem Themenfeld ignorieren? Es wäre ja sogar löblich, wenn man das Thema auch mal kritisch beleuchten würde. Aber das findet ja nicht statt. Stattdessen Alarmismus und Panikmache auf allen Kanälen, von morgens früh, bis abends spät. Ganz ehrlich – ich kann es nicht mehr hören und will mich endlich mal wieder über die wichtigen Dinge in unserer Gesellschaft unterhalten. Wie geht es Ihnen?

Titelbild: Screencap ARD

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