Was die ÖR leisten. Was die ÖR sich so leisten…
Was die ÖR leisten. Was die ÖR sich so leisten…

Was die ÖR leisten. Was die ÖR sich so leisten…

Ein Artikel von Hermann Zoller

Ein Kommentar von Hermann Zoller zur Ausgabe von SWR AKTUELL am 7. Februar. – Einen „Blick in Putins Kopf“ würde sicherlich so mancher gerne werfen. Evi Seibert, Studioleiterin SWR Hauptstadtstudio Berlin, überschreibt so ihren Aufmacher für „SWR AKTUELL“ vom 7. Februar 2022. (Siehe Anlage unten) Wahrscheinlich soll so Neugierde erzeugt, Leselust angeregt werden. – Na, dann schau’n wir mal.

Es gebe jetzt wieder „Reisediplomatie“, ein Wort, das man schon lange nicht mehr gehört habe, schreibt Seibert. Scholz fliege in die USA, dann nach Moskau und Kiew und Baerbock sei „schon zum zweiten Mal in die Ukraine“ – ein gewiss wichtiges Ziel verfolgend: „kein neuer Krieg in Europa“. Das ist ja aller Mühen wert.

Aber warum ist es notwendig, dafür so viele Reisekilometer zurückzulegen? Evi Seibert Seibert weiß es: „Weil der russische Staatschef Wladimir Putin Unruhe stiftet. Keiner der europäischen und amerikanischen Verbündeten kann sich bisher erklären, warum Putin sich so verhält – und was er vorhat. Da hört man dann Antworten wie: ‚Ich kann nicht in Putins Kopf sehen‘.“

Na, das wäre doch die Stunde für die Studioleiterin und den öffentlich-rechtlichen SWR. Sein Archiv enthält bestimmt genug Material, um unsere großen Politiker (und auch uns kleine Bürgerinnen und Bürger) schlau zu machen: Da gibt es die Rede Putins im Deutschen Bundestag. Und seine Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz könnten die Kollegen vom BR zumindest leihweise zur Verfügung stellen. Material über den Abschied von der UdSSR und den Wechsel zu Russland steht auch genug in den Bücherregalen. Das Wachsen der Nato in Richtung Osten lässt sich chronologisch nachvollziehen. Und da haben die Historiker bereits schon noch einiges mehr zusammengetragen…

Aber statt sich auf den Recherche-Pfad zu begeben und Infos zu präsentieren, schildert Evi Seibert uns Leserinnen und Lesern, was sie mit Sorgen erfüllt: „Welchen Vorteil hat Putin von dem Aufmarsch an der ukrainischen Grenze, außer dass sich die ganze Welt jetzt um ihn dreht? Bringt ihm die Kraftmeierei innenpolitisch Vorteile? Und wie kommt er da gesichtswahrend wieder raus? Eigentlich hat die Welt so viel dringendere Probleme als sich mit dieser völlig unnötigen Drohkulisse zu beschäftigen.“

Nun – wer das eine nicht weiß, der wird auf die Fragen keine Antworten finden – und schon gar nicht Wege aufzeigen können, wie man aus einem Konflikt wieder herausfinden kann. Wer nicht journalistische Neugier in sich trägt, der wird sich erst gar nicht auf die Suche nach Informationen machen. – Allerdings: Wir Leserinnen und Leser von „SWR AKTUELL“ möchten schon ein bisschen mehr wissen. Wir sollten doch aufgeklärt, informiert werden. Dafür gibt es eigentlich doch die Öffentlich-Rechtlichen?

Allerdings: Dieses Vorwort zu diesem „SWR AKTUELL“ macht nicht neugierig, macht nicht hungrig auf mehr Informationen, ist keine Ermunterung für die Bildung einer eigenen Meinung. Aber wenn schon die Studioleiterin im Hauptstadtstudio keine Antworten weiß, wo soll ich dann welche finden…, da muss auch ich mich erst gar nicht auf die Suche machen. Zumal es noch anderes Wichtiges gibt: „So ist die Corona-Lage“, „Omikron bedroht Müllentsorgung“, „‘Nachhaltige Geldanlagen‘ – darauf sollten Sie achten“ …

… Alles einen Hinweis wert – aber nach der Ankündigung „Blick in Putins Kopf“ doch ein bisschen wenig. – Vielleicht wäre es interessant, auch mal in diesen oder jenen Journalisten-Kopf blicken zu können.

Hermann Zoller

Anlage

„SWR AKTUELL“ vom 7. Februar 2022

Blick in Putins Kopf

Das Wort hatten wir lange nicht mehr gehört – aber jetzt ist es wieder in aller Munde: Reisediplomatie.

Der Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) fliegt erst nach Westen in die USA dann nach Osten Richtung Moskau und Kiew. Die neue Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) ist schon zum zweiten Mal in der Ukraine. Alle haben dasselbe Ziel: kein neuer Krieg in Europa.

Und warum tun sie das? Weil der russische Staatschef Wladimir Putin Unruhe stiftet. Keiner der europäischen und amerikanischen Verbündeten kann sich bisher erklären, warum Putin sich so verhält – und was er vorhat. Da hört man dann Antworten wie: „Ich kann nicht in Putins Kopf sehen“.

Welchen Vorteil hat Putin von dem Aufmarsch an der ukrainischen Grenze, außer dass sich die ganze Welt jetzt um ihn dreht? Bringt ihm die Kraftmeierei innenpolitisch Vorteile? Und wie kommt er da gesichtswahrend wieder raus? Eigentlich hat die Welt so viel dringendere Probleme als sich mit dieser völlig unnötigen Drohkulisse zu beschäftigen.

Das einzig Positive: Die Europäer sehen mal wieder, dass sie zusammenhalten müssen. Mit dem lebhaften französischen Präsidenten Emmanuel Macron und dem leisen deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz als Team sind da nicht die schlechtesten Reisediplomaten unterwegs.

Ihre
Evi Seibert
Studioleiterin SWR Hauptstadtstudio Berlin

Titelbild: Arthur Palmer / Shutterstock

Die NachDenkSeiten sind für eine kritische Meinungsbildung wichtig, das sagen uns sehr, sehr viele - aber sie kosten auch Geld und deshalb bitten wir Sie, liebe LeserInnen, um Ihre Unterstützung.
Herzlichen Dank!