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Über die Strategie zur Steuerung der zerstörenden Bildungs“reform“

Veröffentlicht in: Hochschulen und Wissenschaft, Lobbyorganisationen und interessengebundene Wissenschaft, Strategien der Meinungsmache

In der FAZ vom 29. September erschien ein interessanter Beitrag von Jochen Krautz („Die sanfte Steuerung der Bildung [PDF – 35 KB]“). Der Autor beschreibt, wie das deutsche Bildungswesen mit Hilfe einer für dieses Thema demokratisch nicht legitimierten OECD (=PISA) und bei strategischer Anleitung durch den Bertelsmann-Ableger CHE ausgehöhlt worden ist. Lesenswert. Albrecht Müller.

Einige Ergänzungen:

  1. Vieles ist für Leser der NachDenkSeiten und der einschlägigen Kapitel in „Meinungsmache“, namentlich Kapitel 14 („Die Auslieferung der Universitäten an die Wirtschaft“), Kapitel 15 („Mit Bachelor und Master die Hochschulabschlüsse verschlimmbessert“) und 16 („Der stärkste Motor beim Zerstörungswerk – die Bertelsmann Stiftung“ eine passende und weiterführende Ergänzung. Der Autor beschreibt in wenigen Sätzen das Zusammenwirken von einer geplanten Strategie mit der gleichzeitig laufenden Propaganda.
  2. Der Autor zitiert aus einem Papier der Bertelsmann Stiftung „Die Kunst des Reformierens. Konzeptionelle Uberlegungen zu einer erfolgreichen Regierungsstrategie.“ Hier ist der Link [PDF – 2.8 MB] auf dieses erhellende Stück strategisch geplanter Einflussnahme. Sie trägt im Kern einen antidemokratischen Charakter.
  3. Es erstaunt mich immer noch, wie spät – oder gar nicht – die direkt Betroffenen, die Professoren und die Bildungspolitiker, die geplante Umwälzung des Deutschen Hochschulwesens begriffen haben. Auch die Umstände, die arrangierten Organisationen wie das CHE und dessen Gebaren, haben offensichtlich nur wenige irritiert. Nur wenige haben den undemokratischen Charakter dieser Art von Bildungsreform wahr genommen. Den Hinweis auf den FAZ-Artikel bekam ich von einem befreundeten früheren Hochschulrektor. Er hatte auch schon vor fast zehn Jahren begriffen, was hier ablief. Er hat mich zum Beispiel damals schon davon unterrichtet, dass bei Konferenzen der Hochschulrektoren im Rahmen des CHE die Pressemitteilung über das Ergebnis der Konferenz schon zu Beginn der Konferenz fertig war. Die Mehrheit der Hochschulrektoren hat dieses Verfahren hingenommen wie auch insgesamt die seltsame Konstruktion, dass nämlich eine private Einrichtung wie die Bertelsmann Stiftung in eine gemeinsame Einrichtung mit der quasi staatlichen Institution Hochschulrektorenkonferenz (HRK) aufgenommen wird. Das ist eine klare Verletzung demokratischer Regeln. –
    Die Bertelsmann-Stiftung gilt übrigens immer noch als gemeinnützig, obwohl sie eher gemeingefährlich ist, wie man an ihrem bildungspolitischen Wirken sehen kann.
  4. Genauso hätte über die Jahre hinweg auffallen müssen, dass es allen Regeln einer demokratischen Verfassung widerspricht, wenn sich ein Volk von einer internationalen Organisation wie der OECD über die so genannten Pisa Studien vorschreiben lässt, was es von seinem Bildungswesen zu halten hat und wie es zu verändern wäre. Die OECD ist dazu nicht legitimiert. Sie hat allerdings wie die Bertelsmann Stiftung das notwendige Kleingeld, um Studien zu finanzieren, Öffentlichkeitsarbeit zu machen, Schlüsselprofessoren und andere Bildungsfunktionäre einzukaufen und damit ihre Ideologie durchzusetzen. Ich habe immer wieder erleben müssen, dass auch Menschen, die ich für einigermaßen kritisch und in jedem Fall für intelligent hielt, auf Pisa und die Machenschaften der OECD hereingefallen sind. Immer noch wird der Vertreter der OECD in Deutschland wie ein sachverständiger Heiliger herumgereicht. Selbst wenn er sachverständig wäre, müsste sein Auftreten wegen der mangelnden Legitimation von vornherein skeptisch betrachtet werden.
  5. Die Propaganda zur Durchsetzung des Bolognaprozesses ist vermutlich wesentlich dadurch erleichtert worden, dass die Macher des CHE in Teilbereichen eine Medienpartnerschaft mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ eingegangen sind. „Die Zeit“ hatte – und hat vielleicht immer noch – eine hohe Glaubwürdigkeit beim Bildungsbürgertum.
  6. Der Autor des Beitrags in der FAZ Jochen Krautz (Alfter) wird eine längere Fassung seines Textes bei einer Tagung unter dem Thema „Bildungsreform und Propaganda: Durchsetzungsstrategien in einer gesteuerten Demokratie“ vortragen. Der Vortrag wird in den nächsten Wochen als Tagungsdokumentation beim Deutschen Lehrerverband erscheinen und als pdf im Netz stehen (hier unter „Dokumentationen von Fachtagungen„).
  7. In diesem Vortrag wird der Bildungswissenschaftler Dr. Jochen Krautz dann ausführlicher auf eine Vermutung eingehen, die im letzten Absatz seines Beitrages in der FAZ auftaucht. Ich zitiere:

    „Das neue Bild von Bildung und Wissenschaft als Dienstleistungsfaktor, der primär Stakeholder-Interessen zu bedienen habe, wurde auch in der Öffentlichkeit selbstverständlich. Sind all das nur unbeabsichtigte Nebeneffekte gutgemeinter Reformen? Oder wozu ruinieren wir mit vermeintlich angloamerikanischen Ideen unser Bildungswesen und lassen dabei die wirklichen Erziehungs- und Bildungsprobleme ungelöst? Hier denkt inzwischen mancher weiter: Das sind wohl eine Art verspätete Reparationszahlungen, bemerkte trocken ein Bildungsökonom neulich in der Kaffeepause einer Tagung. Denn was schwächt eine starke Volkswirtschaft, der man anders nicht beikommen kann, mehr, als deren Bildungswesen zu torpedieren?“

    Die Vermutung, es sei eine Art verspätete Reparationszahlung, halte ich für weit hergeholt. Auch die Annahme, die Angelsachsen wollten unsere Volkswirtschaft schwächen, ist aus meiner Sicht ziemlich abenteuerlich. Aber richtig ist, dass die dortigen Ideologen ihre Ideologie auch bei uns durchsetzen wollten, auch deshalb, weil damit die Herausforderung durch und der Vergleich mit einem Konkurrenzmodell, dem kontinentaleuropäischen, zumindest sozialstaatlich orientierten Modell der Organisation einer Gesellschaft, wegfällt. Auf den missionarischen Charakter der neoliberalen Ideologie und ihr Unwesen habe ich mit Berufung auf Naomi Kleins „Schockstrategie“ ebenfalls in „Meinungsmache“ hingewiesen.

  8. nach oben

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