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Journalisten haben es schwer. Das ist aber kein Grund, die wahren Gründe des Versagens der Medien nicht beim Namen zu nennen

Veröffentlicht in: Medien und Medienanalyse, Medienkritik

Jeden Tag könnte man an unseren Medien verzweifeln: Üble pauschale Kampagnen gegen die Griechen und andere Völker, dumpfer Nationalismus, unbegründeter, fast schon gleichgeschalteter Jubel über Angela Merkels Gipfelleistung, kein Biss, oft bar jeden kritischen Verstands, Denkfehler, voll von PR und Kampagnen, etc.. Ein Musterbeispiel waren die Tagesthemen vom 3.11.2011. – Wenn man Journalisten ob ihrer oft mangelhaften Leistung kritisiert, reagieren sie höchst pikiert. Kritik vertragen sie nicht oder schieben sie ab. Jetzt sind auch noch wir Internet-Blogger schuld an ihrer Misere. Albrecht Müller.

Die Blogger sind schuld an der Orientierungslosigkeit der Journalistinnen und Journalisten?

Journalisten/innen, vor allem die nicht etablierten, haben es wirklich schwer. Sie leiden unter der Konzentration der Verlage. Sie leiden unter dem Outsourcing der Medienkonzerne und dem Überangebot an journalistischen Kolleginnen und Kollegen. Sie leiden unter dem Kampf um Einschaltquoten und dem zu diesem Zweck verordneten Schrumpfen der Wortbeiträge. Aber sie leiden eben auch unter mangelnder Ausbildung und ihrem Anspruch, insbesondere bei wirtschaftspolitischen Themen ohne ausreichende Sachkenntnis eine feste Meinung zu haben. Die Mehrheit der Journalisten insbesondere der oberen Etagen sind unfähig zur Selbstkritik und unfähig die wirklichen Mängel zu sehen. Ich habe es in den letzten Monaten mehrmals erlebt, dass auch Journalisten, denen ich einen Rest von kritischen Verstand zugetraut habe, behaupteten, bei uns im Land sei anders als in Italien, in Großbritannien und in den USA die Medienwelt noch einigermaßen in Ordnung, wir hätten ein beachtliches Maß an Pluralität.
Dass hierzulande die journalistische Arbeit über weite Strecken von strategisch ausgedachten Kampagnen bestimmt wird, dass PR Artikel – beispielsweise zum demographischen Wandel, zur Riester-Rente und zur Finanzkrise – am laufenden Band erscheinen. Dass es hierzulande möglich ist, aus einer vor allem von Spekulanten und Banken gemachten Krise eine „Schuldenkrise“ der Staaten zu machen, merken große Teile des Journalismus nicht, obwohl sie genau diese Kampagne mitmachen.

In Mainz kommen jeweils im Herbst Journalistinnen und Journalisten zusammen, von denen man nach erstem Augenschein annehmen könnte, sie würden sich einen Rest an Kritikfähigkeit erhalten haben – beim MainzerMedienDisput, dieses Jahr am 23. und 24. November zum Thema „Interessant vor relevant? Orientierungslosigkeit und Identitätsverluste – Wohin steuert der Journalismus?“
Die Projektgruppe zur Vorbereitung dieses 16. MainzerMedienDisputs, bestehend aus Claudia Deeg, Michael Grabenstroer, Professor Dr. Thomas Leif und Thomas Meyer, schreibt in einer Art thematischen Einführung folgendes:

„Der klassische Journalismus leidet. Verleger und Sender sparen. Weniger Geld, weniger Zeit, weniger Sorgfalt. Recherche wird klein geschrieben. All dies unterhöhlt das journalistische Fundament, die Qualität von Zeitungen, Magazinen, Funk und Fernsehen. Demgegenüber suggerieren Internet-Blogger und „Social Media“ eine neue „Wahrhaftigkeit“. Sie haben einen Mythos freier, allgegenwärtiger Informationen geschaffen. Die Folge: klassische Medien und ihre Macher geraten auf die Verliererstraße. Viele Journalistinnen und Journalisten finden sich plötzlich in der Orientierungslosigkeit wieder. Das geht einher mit Verlust ihrer Identität und der ehemals vorhandenen „Deutungshoheit“ im gesellschaftlichen Diskurs.

Wir also, die NachDenkSeiten-Macher und die Blogger ansonsten sind schuld an der Orientierungslosigkeit und am Identitätsverlust der Journalistinnen und Journalisten. Auch sind wir verantwortlich für den Verlust der „Deutungshoheit“ der in den herkömmlichen Medien tätigen Journalistinnen und Journalisten.

Wenn das so ist, wenn das so wäre, dann wären wir richtig stolz darauf. Und wie begründet dieser Stolz ist, das erfahren Sie anschaulich, wenn Sie sich die Tagesthemen von gestern noch einmal anschauen.

Tagesthemen am 3. November so mies wie so oft – voller Kampagnenelemente, Unkenntnis und umso festeren Urteilen

Zur Begründung einige Beispiele aus der Sendung:

  • Bundesfinanzminister Schäuble darf in einem Interview dreimal hintereinander dem Sinne nach sagen, Griechenland müsse die Maßnahmen umsetzen, die vereinbart worden sind, „was beschlossen ist, muss umgesetzt werden“, usw. Und vom Interviewer Buhrow kommt dazu nicht die Andeutung einer kritischen Frage danach, ob die verlangten Spar- und Reformmaßnahmen richtig sind.
  • Die minimale Absenkung des Leitzinses durch die Europäische Zentralbank von 1,5 % auf 1,25 % wird ohne jeden leichten Zweifel als inflationsfördernd dargestellt. Die Preissteigerung von 3 % in Europa wird einfach als zu hoch deklariert, und dies gleich mehrmals, von Anja Kohl und von Tom Buhrow. Damit wird Inflationsangst geschürt, obwohl wir sehr viel näher an einer Rezession stehen.
  • Rolf Dieter Krause behauptet, wir könnten uns unsere Verschiedenheit in der Eurozone nicht mehr leisten und deshalb müsse es möglich sein, dass einzelne Länder das Euro-Gebiet verlassen. Die Frage, ob man sich innerhalb eines Währungsraumes verschiedene Gewohnheiten leisten kann, ist ein interessantes Thema. Aber die Antwort von Krause ist einfach zu billig. Selbstverständlich ist es möglich, auch innerhalb eines Währungsgebietes verschiedene Gewohnheiten zu haben. Der Ausgleich für die Verschiedenheiten ist nicht nur durch Austritt aus dem Währungsgebiet und Abwertung bzw. Aufwertung möglich. Es wäre ähnlich gut und ohne größeren Aufwand möglich, durch verschiedene Lohnentwicklungen in einem Währungsgebiet einen Ausgleich zu schaffen.
  • Dann kommt auch noch der Deutschland Trend, von Jörg Schönenborn präsentiert. Die Zustimmung zur Bundeskanzlerin steigt, genauso die Skepsis gegenüber dem Verbleib Griechenlands im Eurogebiet und die Krisenangst. Dass die Ergebnisse dieser Umfragen über weite Strecken das Spiegelbild der laufenden Kampagnen zum Beispiel gegen Griechenland, für Frau Merkel und für Steinbrück sind, wird nicht einmal angedeutet.

Die – von einzelnen Beiträgen abgesehen – über weite Strecken miserable Leistung der Tagesthemenredaktion hat mit der von der Projektgruppe des MainzerMedienDisputs aufgezählten Beschwernisse der Journalistinnen und Journalisten in Deutschland wenig zu tun. Das, was wir gestern zu sehen bekamen, ist über weite Strecken die schlechte Leistung von Redaktionen, die nicht nur bei den Themen von gestern, voll im Mainstream und von ihm bestimmten Kampagnen eingebunden sind.

Es fehlt an kritischem Verstand. Daher die Orientierungslosigkeit.

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