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22. Dezember 2014
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Sozialarbeiter, das „Schmierfett“ der Gesellschaft

Verantwortlich:

Als damals die Gewalt in England eskalierte, die sogenannten Riots, da fragten hier alle, ob das auch bei uns passieren könnte. Hat da jemand mal die Sozialarbeiter gefragt? Natürlich nicht! Unter mir und meinen Kollegen herrscht Einigkeit diesbezüglich…unter der Oberfläche brodelt es bei weitem mehr als die Öffentlichkeit wissen möchte…deshalb werden wir auch nicht gefragt – clever! Von Tim Schumacher.

Ich bin seit etwa 15 Jahren in der Sozialen Arbeit tätig (Dipl. Sozialpädagoge/Sozialarbeiter) und habe verschiedene Berufsfelder kennengelernt.
Ich hatte das Pech, direkt in der Zeit des Niedergangs der Sozialen Arbeit in diese Profession geraten zu sein (Ökonomisierung, Kolonialisierung durch das System, etc.).
Meine Eltern, beide Erzieher im öffentlichen Dienst seit über 25 Jahren, konnten vernünftig von ihrem Gehalt leben (Hauskauf, Abbezahlt bis zur Rente, hoher Lebensstandart ohne Angst vorm Alter)…den ökonomischen Druck freilich haben auch sie gespürt, ähnlich einer Schraubzwinge, die immer fester zugreift. Stressbedingte Krankheiten inklusive. Aber, sie haben es geschafft.

Ich dagegen habe nun nach etwa 15 Jahren in der Sozialen Arbeit meinen ersten unbefristeten Anstellungsvertrag bekommen und arbeite seit 2 Jahren bei einem kleinen, etwas sozialistisch geprägten Bildungsträger im Berliner Wedding. Ich habe hier im Soldiner Kiez auch schon 5 Jahre gelebt, in der Koloniestraße. Hier in Berlin gilt diese Gegend als berüchtigt. Noch vor wenigen Jahren haben sich die Gangs dieser überwiegend durch Menschen mit arabischen Hintergrund geprägten Wohngegend auf offener Straße erschossen und Raub und Mord standen auf der Tagesordnung.

Das Projekt “Soziale Stadt” brachte hier den Wandel. Intensive Betreuung des Stadtteils zeigten Erfolge, das scharfe Eingreifen der Polizei zerstreute die Banden (Die meisten Anführer mussten lange Haftstrafen verbüßen). Der Kiez war im Aufbau als ich dort hin zog. Ich arbeitete etwa 2 Jahre als Schulsozialarbeiter an den Oberschulen entlang der Pankstraße in Wedding. Die Theodor-Plivier-Oberschule und die Oberschule-Am-Brunnenplatz. Jeweils eine ganze Stelle pro Schule. Diese Schulen waren in großen Schwierigkeiten, ähnlich der Rütlischule damals, aber eigentlich geht es fast allen Oberschulen ähnlich, zumindest in den Problemvierteln.

In diesen Schulen lernt man nicht mehr, man kämpft die ganze Zeit. Um Geduld, um Aufmerksamkeit, um Anerkennung, um Ruhe…ein ewiger Kampf. Die Lehrer sind erschöpft. Viele von ihnen methodisch und didaktisch total überfordert mit dieser Art Schülerschaft. Sie sind zu wenige und von den wenigen werden viele auch noch Stressbedingt krank. Der Rest kämpft meist verbissen ums Überleben. Mangelnder Respekt vor den Lehrern bis hin zu offenen Drohungen, Erpressung, Dealerei, Gewalt auf dem Schulhof und bei den Schülern ist eine Neigung zur Schulverweigerung weit verbreitet. Etliche verlassen die Schulen ohne Abschluss.

Nach der Schulsozialarbeit übernahm ich mit einer Kollegin zusammen ein Jugendzentrum direkt in meiner Straße, Ecke Kolonie-/Soldienerstraße. Die Jugendbanden hatten das Jugendzentrum, das ehemals unter staatlicher Trägerschaft stand, gesprengt. Die Sozialarbeiter kamen mit den massiven Gewaltübergriffen und dem Druck durch die Gangs nicht klar und verließen nach und nach das Jugendzentrum, bis es ganz geschlossen wurde und nun in freie Trägerschaft übergehen sollte.

Mein damaliger Träger gewann die Ausschreibung und aus ehemals 5 eingeplanten Vollzeitstellen, wurden 2 x 30 Std.  Stellen. Diese wurden jeweils mit etwa 1250 Euro brutto vergütet. Unser Träger hingegen konnte bei diesem Geschäft wunderbare Gewinne einstreichen. Er darf als gemeinnütziger Träger zwar keine Gewinne erzielen, um sie auszuschütten, aber er darf erzielte Gewinne reinvestieren. Dieser Träger kauft sich z.B. gerne Gebäude und bezahlt seine höchsten Angestellten in der Etappe bei weitem nicht so mies, wie seine Mitarbeiter an der Front. Das, so habe ich gelernt, nennt man Sozial Management! Ich musste mich von diesem Träger nach kurzer Zeit trennen, obwohl mir die Arbeit in meinem “eigenen” Jugendclub sehr gefiel, doch das Gehalt sank immer weiter, es wurde immer weiter eingespart und gepresst, da habe ich dann irgendwann aufgegeben und bin gegangen.

Nun bin ich bei besagten Bildungsträger, immer noch im Kiez und immer noch gerne hier im Wedding. Allerdings wohne ich hier nicht mehr, das wurde meiner Freundin doch zu unheimlich hier. Nachts mit der U-Bahn und durch (kaputtgesparte) dunkle Straßen? In manchen Vierteln ein Risiko in Berlin.

Mein Träger bewirbt sich sowohl auf Ausschreibungen für Maßnahmen des Jobcenters, als auch um Projekte des ESF (Europäischer Sozial Fond). Das sind unsere Hauptarbeitsfelder. Eine Hälfte des Teams betreut und qualifiziert Erwachsene, ich mit der anderen Hälfte betreue und schule Jugendliche zwischen 16 und 24 Jahren. Wir bereiten sie auf die externen Schulprüfungen der Stadt Berlin vor, bei denen sie den einfachen und erweiterten Hauptschulabschluss, sowie den mittleren Schulabschluss mit einer staatlichen Prüfung nachholen können. Die meisten haben keinen, oder einen sehr schlechten Hauptschulabschluss, aber es gibt auch viele, die hier bei uns auf den mittleren Abschluss hinarbeiten.

Bei uns sind die absoluten „Knaller“. Oft Jugendliche die kaum eine Schule von innen gesehen haben. Oft mehrfach vorbestraft, manche auf Freigang. Wir arbeiten mit der Jugendgerichtshilfe, dem Jobcenter, dem Jugendamt und diverser anderer Träger Sozialer Dienste zusammen und stehen bei Bedarf auch mit den Sozialarbeitern im Gefängnis, den Eltern der Jugendlichen oder den Anwälten in Kontakt. Wir rufen im Notfall die Härtefallkommission an oder begleiten die Jungs zur Ausländerbehörde oder ins Gericht. Wir sind ein Team aus überwiegend Sozialarbeitern und Lehrern. Wir sind ein gutes Beispiel dafür, dass ein Träger, der seine Angestellten gut behandelt und Teams mit Bedacht und unter Einbindung der Mitarbeiter bildet, auch großen Erfolg bei der Arbeit haben kann. Dennoch: Trotz aller Erfolge, trotz des guten Klimas bei der Arbeit, wir, die wir an der Basis dieser gesellschaftlichen Pathologien arbeiten, sehen den Abgrund auf den wir zurasen genau. Die Soziale Arbeit dieser Zeit wurde von einem Kollegen von mir auf den Punkt gebracht: “Wir”, sagte er, “sind das Schmierfett der Gesellschaft”. Klingt banal, aber wenn man länger drüber nachdenkt…

Exakt während meiner “Karriere” in der Sozialen Arbeit hat sich diese, ähnlich wie der Rest unseres Landes, auf bizarre Art verändert. Gerade als sich die Profession als “Sozialarbeitswissenschaft” eine eigene handlungswissenschaftliche Disziplin schaffen wollte, kam die Ökonomisierung mit Neusprech und normierten Beobachtungsbögen. Mensch, mehre deinen Nutzwert. Der Staat gab seine Einrichtungen und Aufgaben an nun freie Träger der Wohlfahrtshilfe. Die “Alteingesessenen” AWO, CARITAS; DIAKONIE; usw. wurden nervös. Schnell kroch der Kapitalismus in alle Ecken und die angedachte, anregende “Trägervielfalt” verkam zu großen Monopolen. Korruption und Veruntreuung, wohin man auch schaut.
Der kleine Mitarbeiter in diesem “Sozial Management Betrieb” wird mit unangemessenen Löhnen ausgebeutet und kann praktisch zu keiner Zeit den Idealen der professionellen Sozialen Arbeit gerecht werden, die noch vor gar nicht so langer Zeit, das “Jahrhundert der sozialen Arbeit” ausgerufen hat. Wir hatten damals die Chance eine echte Wissenschaft zu werden. Eine eigene Ethik, einen eigenen Forschungsgegenstand, eine eigene Definitionshoheit in unserer Profession. Nichts davon ist geblieben. Die getroffenen Positionsbestimmungen der akademischen Impulsgeber haben uns an das Monster verraten.

Nun sind wir für “Soziale Probleme” zuständig und was ein “Soziales Problem” ist, das sagt uns der Staat. Der gleiche Staat, das System, das unsere “Klienten” zu Hauf ins Unglück drängt, beauftragt uns, sie zu ”disziplinieren”, sie auf “Kurs” zu bringen, “Fit” zu machen…usw. Für Menschlichkeiten zahlt aber keiner, nur für Fallzahlen. Wir sind das Schmierfett der Gesellschaft.

Unsere Aufgabe ist es den sozialen Frieden, den “Status Quo” aufrecht zu erhalten. Wenn dabei noch ein paar “verwertbare” Individuen rauskommen, umso besser. Da der Sozialarbeiter, ebenso wie der Pfleger oder Erzieher, keine “Werte” produziert – es wird ja nichts verkauft, nicht wahr? – so hat auch der Sozialarbeiter, Erzieher, Pfleger an sich keinen Wert. Ganz im Gegenteil. Er ist potentiell gefährlich. Denn würde er sich auf das besinnen, was unsere Profession im Kern eigentlich ausmacht; käme er zurück auf die altruistisch/humanistischen Wurzeln der Sozialen Arbeit, der grandiosen theoretischen Aufbauarbeit unserer Vordenker, nicht nur aus den Bezugswissenschaften der Soziologie und Philosophie, sondern auch aus unserer eigener Profession (z.B. die lebensweltorientierte Soziale Arbeit nach Thiersch 1992). Würden wir das alles, was uns in diese neue, aufregende Wissenschaft mitgegeben wurde verstehen und auch umsetzen…herje, wir wären eine echte Gefahr für das Establishment. Wir wären Kämpfer im Namen “Lebenswelt”. Wir würden zusammen mit der Soziologie (Protosoziologie) das destruktive Wirken des “Systems” auf die Lebenswelt untersuchen, dokumentieren. Wir wären auf der Seite der Menschen, die unter diesem System leiden. Wir würden uns verbandlich organisieren, politisch wirken, öffentlich Stellung beziehen, Nachhaltig und ganzheitlich arbeiten und forschen. Wir wären der Chefankläger dieses Menschenverachtenden Systems…denn wir sind es, die bei den Menschen sind und alles “erleben” was sie erleben…
 
Doch nichts davon ist geblieben…Wir sind das Schmierfett der Gesellschaft…
Als damals die Gewalt in England eskalierte, die sogenannten Riots, da fragten hier alle, ob das auch bei uns passieren könnte. Hat da jemand mal die Sozialarbeiter gefragt? Natürlich nicht! Unter mir und meinen Kollegen herrscht Einigkeit diesbezüglich…unter der Oberfläche brodelt es bei weitem mehr als die Öffentlichkeit wissen möchte…deshalb wird auch nicht gefragt – clever.
Mechthild Seithes Appell an meine Kollegen kann ich nur unterstützen. Wenn wir uns gegen diese Instrumentalisierung nicht wehren, scheitern wir als Professionelle und als Menschen. Ich möchte nicht als Schmierfett enden…

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