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23. Dezember 2014
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Der Untergrund des NSU war ein Aquarium der Geheimdienste

Verantwortlich:

Hartnäckig wird die Legende aufrechterhalten, dass die im Jahr 1998 abgetauchten Neonazis ›spurlos‹ verschwunden seien und man seitdem keine “heiße Spur” gehabt hätte.
Das widerspricht allen Fakten, die bislang an die Öffentlichkeit gelangt sind.
Fasst man die auszugsweise gewährten Einblick in das Leben derer, die »spurlos« verschwunden sind, zu denen über 13 Jahre keine »heiße Spur« geführt haben soll, zusammen, lässt sich eines sicher sagen: In der Geschichte des ›Untergrundes‹ gibt es nicht viele Gruppen, deren Untergrund so transparent war, wie der des NSU. Es war ein Aquarium, in dem die NSU-Mitglieder wie Goldfische gehalten wurden.
Der Verfassungsschutz tappte nicht im Dunklen – er saß quasi am Küchentisch des NSU. Von Wolf Wetzel.

Kurz bevor die ehemaligen Mitglieder des Thüringer Heimatschutzes/THS abtauchten, wurden bei Durchsuchungen von Garagen in Jena am 26. Januar 1998 über 1,4 Kilo Sprengstoff und Rohrbomben beschlagnahmt. Die späteren Mitglieder des Nationalsozialistischen Untergrundes/NSU konnten in aller Seeelenruhe fliehen – auch dank der Warnung eines Polizisten.
Vierzehn Jahre später erfahren wir, dass das bei weitem nicht alles war: Es wurde auch eine Namensliste gefunden, »ein ›Who is Who‹ der mutmaßlichen Unterstützer des rechtsextremen Terrortrios ›Nationalsozialistischer Untergrund‹ (NSU) … Vielfach handelt es sich um Personen, die heute beschuldigt werden, Hilfsdienste für Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe geleistet zu haben.
So ist der Name von Rolf Wohlleben handschriftlich in das Verzeichnis gekritzelt – der einstige NPD-Funktionär aus Jena sitzt derzeit in Untersuchungshaft, weil er verdächtigt wird, eine Schusswaffe für das Terror-Trio besorgt zu haben.« (SZ vom 13.7.2012).
Auf dieser Telefon-Adressenliste stand auch Thomas Starke, damals einer der führenden Köpfe der sächsischen ›Blood & Honour‹-Sektion. Weiterhin befindet sich darauf Matthias Fischer, heute Anführer des militanten bayrischen Kameradschafts-Verbandes ›Freies Netz Süd‹. Fischer kommt aus Nürnberg. Zwischen 2000 – der erste Mord – und 2005 wird der NSU hier drei Migranten regelrecht hinrichten.
Interessant ist noch ein weiterer Name auf der Liste: Thomas Richter aus Halle, damals ebenfalls im ›Blood & Honour‹-Spektrum aktiv.

Der Fund einer solchen Namensliste ist keine belanglose Nebensächlichkeit, sondern der Traum eines jeden Ermittlers: Mithilfe dieser Liste ist es ein Kinderspiel, über das neonazistische Umfeld direkt an die NSU-Mitglieder heranzukommen.

Und was sagen die Ermittler heute dazu? Man mag es kaum glauben: Man habe die Telefon- und Adressenliste gesichtet und nichts Relevantes entdecken können. Daraufhin sei dieser Fund in der Asservatenkammer verschwunden. Diese Version ist vorgetäuscht dämlich. Jede Antifa-Gruppe in dieser Gegend hätte in fünf Minuten sagen können, dass es sich um wichtige Figuren im neonazistischen Netzwerk handelt. Abgesehen davon standen fast alle Neonazis auf dieser Liste in irgendeiner Datei der Polizei und/oder des Verfassungsschutzes.

Die Version der Ermittler hat einen ganz anderen Grund:

Man will heute verschweigen, vertuschen und ggf. vernichten, was belegen hilft, dass die Verfolgungsbehörden den Kontakt zu den abgetauchten NSU-Mitgliedern nie verloren hatten!

Tatsächlich hatten die Ermittler auch mithilfe dieser Telefon- und Adressenliste, (die man aus gutem Grund nicht in der Wohnung aufbewahrte) traumhafte Bedingungen, um das Abtauchen der NSU-Mitglieder zu begleiten.

Aus einem Bericht, den der Thüringer Verfassungsschutz im November 2011 (Az. 293-S-400 062-000110/11 VS-NfD) erstellt hatte, geht eindrucksvoll hervor, dass alleine dieser Landesverfassungsschutz über zahlreiche Helfer des NSU aufs Beste über die nächsten Schritte dieser neonazistischen Terrorgruppe im Bilde war. In diesem Erkenntnisstandbericht werden verschiedene Protokolle von Telefonüberwachungen, Observationen, V-Mann-Führern und anderen Quellen (»Hinweisgebern«) aufgeführt.

Alle markanten Umstände, die angeblich erst 2011/2012 in ihrer Brisanz verstanden wurden, waren bereits 1998/99 bekannt.

  1. Bereits 1998 entschlossen sich die NSU-Mitglieder, einen Caravan anzumieten: »Es sei bekannt gewesen, dass die BÖHNISCH in Berlin-Adlershof, Waldstraße 21, einen Wohnmobil-Verleih (ca. fünf Wohnmobile) betreibe. Da sich KAPKE zu dieser Zeit nicht mehr für Adressen im Ausland interessiert habe, sei davon auszugehen, dass den drei Flüchtigen möglicherweise ein Wohnmobil zur Verfügung gestellt werden sollte oder wurde.« (Hinweis vom 20.02.1998)
  2. Wesentliche Unterstützer des NSU waren seit 1998 bekannt. So wurden u.a. Ralf WOHLLEBEN und Jürgen HELBIG mittels einer G-10-Maßnahme (damit werden alle “nachrichtendienstliche Maßnahmen” legalisiert) überwacht: »In dem Begründungsvermerk für eine gegen Ralf WOHLLEBEN und Jürgen HELBIG gerichtete G10-Maßnahme wird u.a. festgehalten, „dass ein bestimmter Personenkreis um den Neonazi Andre KAPKE aus Jena unmittelbare Verbindungen zu den drei Gesuchten hat.« (Vermerk zu G10 – Maßnahmen vom 11.08.1998, Verfasser: TLfV)
  3. Chemnitz als Standort, wo sich die NSU-Mitglieder im Untergrund aufhalten, war ebenfalls seit 1998 bekannt: »Die Gesuchten sollen sich in Sachsen in der Nähe von Chemnitz aufhalten. Es sei eine Ausreise nach Südafrika geplant. Der Unterkunftsgeber sei bekannt…« (Erkenntnismitteilung vom 17.09.1998, Verfasser LfV Brandenburg)
  4. Ein für den Verfassungsschutz arbeitender »Hinweisgeber« hatte direkten Telefonkontakt zu Uwe Böhnhardt. Man vereinbarte für einen bestimmten Zeitpunkt ein Telefongespräch von jeweils anrufbaren Telefonzellen in Chemnitz und Coburg. Da der Standort der Telefonzelle in Chemnitz, von wo aus Uwe Böhnhardt telefonieren wollte, bekannt war, wäre eine Festnahme möglich gewesen. Sie blieb aus: »Am 22.02.1999, gegen 19:00 Uhr, wurde von einem Münzfernsprecher in Chemnitz, Bernsbachplatz 2 (0371-6946258), eine der benannten Telefonzellen in Coburg angerufen, ohne dass der Kontakt zum Hinweisgeber zustande kam … Nach mehreren Fehlanläufen sei der telefonische Kontakt schließlich am 08.03.1999 zustande gekommen. Der Hinweisgeber will die Gesprächsperson am anderen Ende der Leitung zweifelsfrei als den flüchtigen Uwe BÖHNHARDT erkannt haben. BÖHNHARDT soll u. a. nach einem neuen Quartier für die drei Gesuchten gefragt haben.« (Hinweis vom 22.03.1999)
  5. Auch über die Tatsache, dass sich die ›Abgetauchten‹ bewaffnen wollen, wusste der Verfassungsschutz seit ihrem ›Verschwinden‹: »Das LfV Brandenburg überstellte Erkenntnisse zu einem B&H-Konzert der Sektion Südbrandenburg am 05.09.1998 in Hirschfeld bei Lauchhammer. Daran nahmen u a Thomas STARKE und Jan WERNER teil. Zu den ›drei sächsischen Skinheads‹ habe Jan WERNER persönlichen Kontakt. WERNER soll damals den Auftrag gehabt haben, ›die drei Skinheads mit Waffen zu versorgen‹. Gelder hierfür soll die B&H-Sektion Sachsen bereitgestellt haben. Die Gelder stammen aus Einnahmen aus Konzerten und dem CD-Verkauf. Nach der Entgegennahme der Waffen – noch vor der beabsichtigten Flucht nach Südafrika – soll das Trio einen weiteren Überfall planen, um mit dem Geld sofort Deutschland verlassen zu können. Der weiblichen Person des Trios wolle Antje PROBST ihren Pass zur Verfügung stellen.« (Meldung an TLfV und LfV SN vom 11.09.1998)

Fasst man diesen auszugsweise gewährten Einblick in das Leben derer, die »spurlos« verschwunden sind, zu denen über 13 Jahre keine »heiße Spur« geführt haben soll, zusammen, lässt sich eines sicher sagen:

In der Geschichte des ›Untergrundes‹ gibt es nicht viele Gruppen, deren Untergrund so transparent war, wie der des NSU. Es war ein Aquarium, in dem die NSU-Mitglieder wie Goldfische gehalten wurden.

Der Verfassungsschutz tappte nicht im Dunklen – er saß quasi am Küchentisch des NSU.

Siehe auch den früheren Text von Wolf Wetzel.

Die hier ausgewerteten Fakten aus dem Thüringer Verfassungsschutz wurden von NSULeak der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und sind nun für alle überprüfbar.

Die nun über sechsmonatige Recherche, die ständig aktualisiert wird, ist im Internet nachzulesen.

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