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21. Dezember 2014
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Vergabe des Ökonomie-Nobelpreises an die beiden Neoliberalen Kydland und Prescott

Verantwortlich:

Ein Bericht von Gerhard Kilper über die kritische Würdigung der Preisverleihung durch die beiden französischen Wirtschaftsprofessoren Antoine d’Autume und Jean-Olivier Hairault (Universitäten Paris-I und Institut universitaire de France) in Le Monde vom 19.10.2004

Nach den Darlegungen der beiden Le Monde-Autoren d’Autume und Hairault wurde der diesjährige Ökonomie-Nobelpreis an den Norweger Finn E. Kydland und den Amerikaner Edward C. Prescott insbesondere für zwei in den Jahren 1977 und 1982 veröffentlichte Artikel verliehen.

Beide Publikationen beruhten auf der impliziten Arbeitshypothese wirtschaftlich-rationalen Verhaltens bzw. rationaler Antizipation wirtschaftlicher Entscheidungen der privaten Wirtschaftssubjekte in entwickelten Volkswirtschaften. In direkter Anlehnung an die Nobelpreisträger Milton Friedman und Robert Lucas versuchten die beiden Preisträger in ihren Arbeiten eine Brücken von der mikroökonomischen Analyse zur Makroökonomie zu schlagen. Sie gingen dabei davon aus, dass es möglich sei, mikroökonomische Modell-Erkenntnisse in die Makroökonomie zu integrieren – ein Vorgehen das bisher in der makroökonomischem Analyse undenkbar war (insbesondere aufgrund der fundierten Kritik der „Allgemeinverbindlichkeit“ der Aussagen der Klassik durch John Maynard Keynes in seinem Hauptwerk „The General Theory of Employment, Interest and Money“, 13.Auflage, Cambridge 1973).
Kydland und Prescott lehnen kategorisch die Aussagen der Keynes’schen Analyse ab, größere Schwankungen der Gesamtnachfrage könnten Konjunkturschwankungen zur Folge haben. So stellte ihr erster Artikel von 1977 grundsätzlich die Keynes’schen Aussagen und Erkenntnisse und seine Konzeption einer aktiven staatlichen Wirtschaftspolitik zur globalen Konjunktursteuerung in Frage.

Kydland und Prescott sehen die „Makroökonomie“ schematisch vereinfachend als ein permanentes, komplexes Wechselspiel zwischen den rational entscheidenden, privaten Wirtschaftssubjekten einerseits und dem wirtschaftspolitischen Handeln staatlicher Organe andererseits. In diesem Spiel seien die privaten Wirtschaftssubjekte die wirtschaftlichen Hauptakteure der Volkswirtschaft. Im Anschluss an Friedman und Lucas behaupten Kydland und Prescott nach Aussagen der beiden Le Monde-Autoren, die privaten Wirtschaftssubjekte bräuchten für kohärente wirtschaftlich-rationale Entscheidungen insbesondere stabile Vorgaben der staatlichen Politik. Am Ende ihrer Analyse kommen die beiden Nobelpreisträger zum Schluss, zur Vermeidung zyklischer Schwankungen sei es empfehlenswert, den wirtschaftspolitischen Handlungsspielraum des Staates so weit wie möglich einzuschränken. Ein Beispiel dafür sei die Geldpolitik: die Regierung habe nicht nur eine Politik des stabilen Geldwertes als wirtschaftliches Ziel programmatisch anzukündigen, sondern müsse eine solche Politik auch, komme was wolle, strikt einhalten. Nur so könne vermieden werden, dass die privaten Wirtschaftssubjekte implizit davon ausgehen, in der Krise werde die Regierung vom Tugendpfad der Stabilität abweichen, Nachfrage ankurbelnde Maßnahmen einleiten und damit die Preisstabilität gefährden. Und nur wenn die privaten Wirtschaftssubjekte ein solches Kalkül nicht antizipierten, weil sie dem Regierungshandeln voll vertrauen können, könnten auch krisenhafte Entwicklungen vermieden werden.
Diese –im Hinblick auf staatliches Handeln im Bereich der Wirtschaftspolitik- pessimistische Analyse trifft sich mit den Friedmanschen Empfehlungen zur Wirtschaftspolitik. Inflation ist für die beiden neuen Nobelpreisträger nur noch das Ergebnis einer institutionell falsch angelegten Wirtschaftspolitik. Der einzige Ausweg liege darin, die Unabhängigkeit der Zentralbanken verfassungsrechtlich zu verankern und diese in ihrer Politik allein auf das Ziel der Preisstabilität zu verpflichten.

In ihrer zweiten, 1982 veröffentlichten Arbeit kamen, nach dem Le Monde- Bericht, Kyldand und Prescott zu dem Ergebnis, Konjunkturschwankungen seien insbesondere auf technologische Entwicklungsschocks zurück zu führen – Schocks auf die die Wirtschaftssubjekte nur wirtschaftlich-rational reagiert hätten.
Sie stellen diese „neue“ Konjunktursicht gegen die Keynes’sche Sicht konjunktureller Schwankungen und heben ausdrücklich drei Gründe hervor, mit denen Keynes Konjunkturzyklen und insbesondere lange rezessive Phasen erklärt habe:

  • die Realität des Marktgeschehens auf tatsächlich unvollständigen und eben nicht vollständigen Märkten. (Keynes meinte, da in der Realität die Prämissen der vollständigen Märkte nicht gegeben seien, könne es auch die Tendenz zum automatischen Marktgleichgewicht und die damit verbundenen Erkenntnisse nicht geben; auch könne die Denk- und Vorgehensweise der Newtonsche Mechanik nicht einfach schematisch auf den Bereich von Wirtschaft und Gesellschaft übertragen werden)
  • das überwiegend nicht-rationale Verhalten der Wirtschaftssubjekte bei ihren faktischen Entscheidungen und Antizipationen
  • das in der Gesellschaft verbreitete Verhalten der Wirtschaftssubjekte, in kollektiven Panikreaktionen die Kauf- oder Verkaufentscheidungen von angeblichen Autoritäten nachzuahmen, so z.B. im Börsengeschehen. Kydland und Prescott verneinen ausdrücklich, dass diese nach ihrer Meinung „typisch Keynes’schen Gründe“ dafür verantwortlich sein könnten, dass das angebotene Sozialprodukt von der Gesamtnachfrage nicht absorbiert und eine rezessive Abwärtsbewegung der Konjunktur ausgelöst werden könne. Ebenso verwerfen Kydland und Prescott, nach Angaben der beiden Autoren, die von Keynes vorgeschlagenen Instrumente zur globalen Konjunktursteuerung.

Konjunkturelle Bewegungen entstehen nach Kydland und Prescott als Antwort der rational handelnden privaten Wirtschaftssubjekte auf strukturelle Änderungen des wirtschaftlichen Umfeldes, aus dem sich der Staat, bitte schön, ganz herauszuhalten habe. Die beiden Nobelpreisträger sind weiter der Meinung, bei vielen aktuellen Problemen des Wirtschaftsgeschehens spiele die temporär angemessene Kohärenz eingeleiteter Maßnahmen der Wirtschaftspolitik eine tragende Rolle, so auch bei der Einführung einer Kapitalsteuer, die beide Nobelpreisträger befürworten.
Die beiden Le Monde-Autoren äußern zum Schluss die Ansicht, die vorgestellten Hypothesen und Aussagen der beiden Nobelpreisträger seien wohl in sich wissenschaftlich kohärent und könnten Arbeitsgrundlage für weiterführende Arbeiten sein. Allerdings müsse die Arbeitshypothese des rational-wirtschaftlichen Verhaltens der privaten Wirtschaftssubjekte durch empirische Analysen erhärtet werden. Sie warnen gleichzeitig davor, den „theoretischen Wurf“ der beiden Schriften über zu bewerten. So habe die amerikanische Zentralbank unter Greenspan immer sehr flexibel auf sich rasch ändernde strukturelle Gegebenheiten reagiert und auch ohne die, von den beiden Nobelpreisträgern so nachdrücklich empfohlenen, starren Regeln inflationäre Tendenzen immer wieder rechtzeitig in Griff bekommen und neues Wachstum anregen können.

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