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21. Dezember 2014
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ARD Satire-Gipfel vom 05.11.2012: Neues vom toten Pferd

Verantwortlich:

Satire im Ersten west dahin wie das tote Pferd an der deutsch-österreichischen Grenze in dem bekannten Gottschalk-Witz. Doch anders als die Grenzbeamten beider Nationalitäten scheuen sich beim Satire-Gipfel die Verantwortlichen auf beiden Seiten, den Kadaver mit einem wehmütigen „in memoriam Scheibenwischer“ endlich zu verscharren. Weder gelingt es dem bestallten Moderator, Dieter Nuhr, den einst zugkräftigen Gaul des politischen Kabaretts im Ersten zu reanimieren, noch macht die Programmdirektion Schluss mit der Schinderei.
Es blähen sich die Nüstern im Neid auf den Satire-Säuregrad und die analytische Sprungkraft von „Neues aus der Anstalt“. Mit Zweiten sieht man Satire nicht nur besser; man wiehert auch herzhafter. Von Karin Burger

Mit dem Vitalitätsgrad einer Pferdeleiche agiert Dieter Nuhr am seichten Strand der ARD-Abendunterhaltung: arrogant, satt, arriviert, FDP! Zu Schande geritten durch den Erfolg, dem ihm die Privatsender als Comedian verpasst haben. So verkommt im Öffentlich-Rechtlichen politisches Kabarett zur witzelnde Cavaletti-Arbeit anstelle eines Sprungs über einen satirischen Doppeloxer. Er sagt es selbst: „ […] geht mir am Arsch vorbei!“ Das merkt man dann auch: apolitische Gags über Hurrikan Sandy und das Ozonloch. Die Friedhofs-Assoziation (für gescheiterte Weltuntergangsphantasien) muss man einem toten Pferd wohl nur noch nachsehen.

Quotenstute

Was den Gaul der ARD-Satire unter wechselnden Etikettierungen so tot geritten hat, ist die komplette Abwesenheit des politischen Witzes und des zornigen satirischen Bisses in alles was faul ist im Staate Deutschland. Da tröstet auch die gelungene Performance von Gerburg Jahnke nur wenig. Apolitisch auch sie, wenngleich die unterhaltsame Beschreibung der Dynamik weiblichen Bindegewebes im Klimakterium vielleicht noch eine gewisse Bindungskraft für müde Hausfrauen entfaltet haben dürfte. Wenn das aber der Gipfel der ARD-Satire sein soll, dann möchte keiner ins Tal schauen müssen!

Auch im zweiten Moderationsblock leidet der Satire-Gipfel unter der bremsenden Kandare der schieren Witze-Stapelei Nuhrs, der über die Sprunghöhe eines Comedian nicht mehr hinaus kommt: von japanischen Forschern über die viel zu kurz getaktete Medienkritik hin zum Dobermann und zur argentinischen Ruderente. Nuhr ist nur noch doof.

Marc-Uwe Kling: politisch und atemberaubend

Die anspruchsvolle Last des politischen Kabaretts müssen die Nuhr-Gäste ganz alleine tragen. Bescheiden, leise, kraftvoll dabei Marc-Uwe Kling. Ein satirischer Parforceritt durch die schiere Umsortierung von Spruchweisheiten zu deren Emittenten: Merkel, Euro-Rettungsschirm, Standard & Poors, Afghanistan und ein Syrien-Diktum, dessen zutreffender Zynismus dem Zuschauer das Lachen in den Hals zurückstopfte; „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute: aus dem Abschlussbericht der UN-Beobachter in Syrien.“ Gipfel-Arbeit!

Max Uthoff: aktuelle Referenzen

Gute Zugarbeit auch von Gastgaul Max Uthoff, dem man sofort glauben würde, den Scheibenwischer noch selbst gesehen zu haben. Die eher außenpolitischen Orientierung Klings gleicht er mit dem innenpolitischen und bayernzentrierten Blick auf Seehofer, Söder, Dobrindt aus. Hier verdichten sich Gags zu roten Fäden, die immer wieder durchschimmern. Dynamik in der politischen Analyse und Kreativität in deren Darstellung kulminieren in dem herrlichen Spiel „Des traust di net“ des Seehofer-Umfelds. Der Zuschauer wird mitgerissen von der nicht digitalen Interaktion aus seinem Wissen: Der bayerische Ministerpräsident traut(e) es sich doch!

Andreas Rebers: artikulatorische Meisterleistung

Es gehört zu den ewigen Ungerechtigkeiten auf dem Pferdefriedhof der ARD-Satire, dass Rebers zwar fast in jedem Gipfel einen Auftritt hat, ihm aber nicht schon längst und verdient die Moderation übertragen wurde. Die Schmerzhaftigkeit seiner verlässlichen satirischen Huftritte ist so nachhaltig, dass ihm die apolitische Performance in diesem Satire-Gipfel auch nicht gegen den Strich striegeln kann. Dafür war die artikulatorische Meisterleistung, mit perfektionierten Sprachfehlern zu singen, zu beeindruckend.

Die Zuggäule leisteten also durchgehend ehrliche und den Anspruch des politischen Kabaretts streckenweise gut deckende Arbeit, die wie im Falle von Kling punktuell Schramm-Schärfe erreichte.
Aber auf dem Kutschbock kaspert Nuhr nur herum, der matte Satte, dem das alles, wir erinnern uns, am Arsch vorbeigeht. Dem Kind im Nuhr-Manne brennt nur noch an einer Stelle der Gaul durch, als er seine Bier-App vorführen darf. In vergleichbar mühsamen Runden wie beim Ponyreiten führt er sie wieder und wieder vor. Und er kann die Faszination an dieser Technik auch begründen: „Denken ist eine Wahrnehmungstäuschung.“
Das wäre dann die zutreffende Diagnose auf dem Totenschein des ARD-Satiregauls!

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