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Albrecht Müller Wolfgang Lieb
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23. Dezember 2014
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Wie können sich Mehrheiten vor (einfluss)reichen Minderheiten schützen?

Verantwortlich:

Die 100-Millionen-Kopie der Potsdamer Garnisonkirche soll plötzlich aus Bundesmitteln „mit“finanziert werden.
Architektur ist immer politisch: Jedes Bauwerk deutet einen Raum. Jeder, der vorbeikommt, ist dieser Deutung ausgesetzt. Ein Bauwerk kann aus einem Stadtraum eine optische Kloake machen oder einen Rosenhain.
Wird ein Bauwerk mit öffentlichen Geldern gebaut, dann tritt zum ästhetischen Diskurs der merkantile hinzu.
Und wenn ein Gebäude nachgebaut werden soll, dessen Symbolgehalt so massiv war, dass Hitler und Hindenburg sich gerade in diesem Gebäude 1933 öffentlich verbrüdern wollten, dann tritt ins öffentliche Bewusstsein, dass jedes Bauwerk auch eine Deutung der Geschichte eines Ortes ist.
Als Walter Ulbricht die Ruine der Garnisonkirche in Potsdam 1968 sprengen ließ, erbrachte er einen geradezu exemplarisch „barbarischen“ Akt, wenn Barbarei die Zerstörung der religiösen Symbole des Gegners ist. Die Religionen Christentum, Militarismus, Nationalismus und Nationalsozialismus hatten sich in Potsdam einzigartig amalgamiert. Dass diese Religionen sich nun zusammenschließen, um ihr gemeinsames Symbol wiederzubekommen, führt zu aufschlussreichen Verwerfungen – denn alle haben sich verändert und passen in gewisser Weise nicht mehr recht zusammen. Von Wolfram Meyerhöfer [*]

Bundes-CDU stellt Potsdamer Bürger kalt

Es gibt zur Garnisonkirche seit langem einen intensiven Diskurs in der Potsdamer Bürgerschaft. In diesem Diskurs zeigt sich, dass es nur eine – gleichwohl reiche bzw. einflussreiche – Minderheit ist, die den Nachbau der Kirche möchte. Beispielhaft ist da zum einen der alte reiche Westdeutsche, dessen Oma (oft eine Hofschranze) immer vom alten Potsdam geschwärmt hat. Er zog nach der Wende nach Potsdam, „weil es hier noch so viele Möglichkeiten gibt“. Zum anderen ist es aber auch die evangelische Funktionärselite, die es nach der Wende verstanden hat, sich als einzig saubere und gleichzeitig kompetente Ost-Gruppierung an zentralen Schaltstellen zu positionieren.

Die Mehrheit der Bürger spürt, dass die Errichtung einer Garnisonkirchenkopie irgendetwas Ungutes in sich birgt. So landete z.B. die Forderung „Kein städtisches Geld für den Aufbau der Garnisonkirche“ mit einer Rekordpunktzahl auf dem Spitzenplatz auf der „Liste der Bürgerinnen und Bürger“ im Potsdamer Bürgerhaushalt. Die Kopisten hatten die Bürger immer damit beruhigt, dass die Kopie ausschließlich aus Spendengeldern finanziert werden solle. Diese Gelder flossen aber nicht. Eine SPD-CDU-Grünen-Koalition in der Potsdamer Stadtverordnetenversammlung schenkte daraufhin den Kopisten das Grundstück und finanziert diverse Baufeldfreimachungen.

Bislang hatte die Mehrheit ein einfaches Mittel, ihre Position gegen die Minderheit durchzusetzen: Die Mehrheit hat einfach nicht für das Projekt gespendet. Es war absehbar, dass es nicht gelingen wird, die notwendigen Mittel zu beschaffen.

Nun teilte der CDU-Kulturstaatsminister Bernd Neumann mit, dass er in den Jahren 2014 und 2015 jeweils sechs Millionen Euro für die Kopie der Kirche bereitstellen werde. Wenn der Bund jenes Geld gibt, das die Bürger nicht geben möchten, dann hintertreibt er den deutlich artikulierten Bürgerwillen. Dagegen richtet sich nun eine Petition auf change.org.

Betrug am Stadtnutzer

Minister Neumann behauptet, hier würde „ein national bedeutsames Bauwerk wiederhergestellt“. Hier wird aber gerade kein Bauwerk wiederhergestellt. Es wird eine Kopie eines Bauwerks errichtet. Eine solche Kopie protokolliert nicht – wie das Original – das monarchische Denken des 18. Jahrhunderts und den Umgang mit diesem Denken in der Zeit danach.

Eine Kopie aus Bundesmitteln protokolliert vielmehr, wie die Herrschenden des 21. Jahrhunderts über das monarchische Denken des 18. Jahrhunderts urteilen oder fühlen. Es protokolliert eine positive Hinwendung zu diesem monarchischen Denken, es protokolliert Nichtachtung gegenüber dem Original und es protokolliert städtebauliche Einfallslosigkeit sowie Angst vor einer Deutung städtischer Räume durch Architektur.

Dass Kopien die Aura des Originals auch in der Architektur nicht wiederauferstehen lassen, sieht man sehr schön an der bereits errichteten Kopie des Potsdamer Stadtschlosses. Es atmet nichts von den „alten Preußen“, sondern hier zeigt einfach ein Landesparlament, dass es keinen Mut hatte, die Idee des Parlamentarismus architektonisch zu deuten. Die Kopie sorgt allerdings dafür, dass es dem Stadtnutzer schwer gemacht wird, diese Geschichte zu „lesen“: In 50 Jahren kann der uninformierte Gast denken, dass hier einstmals ein Parlament ein Schloss erobert hat. Wenn er dann die wahre Geschichte erzählt bekommt, dann wird er sich gefoppt fühlen, sagen wir einmal, wie jemand, der im Kreismuseum von Prenzlau vor einer Kopie der Mona Lisa steht und vor Rührung weint, bis ihm jemand erklärt, dass es nicht das Original ist. Es ist recht einfach, uninformierte Rezipienten mit Kopien zu betrügen, aber das heißt eben immer auch, dass man die Menschen nicht ernst nimmt, sondern ihnen etwas vorgaukelt.

Der deutsche Yasukuni-Schrein

Nachbaugegner verweisen immer wieder darauf, dass die Garnisonkirche der symbolträchtig gewählte Ort der Verbrüderung der deutschen Konservativen mit den Nationalsozialisten war. Sie fürchten die Entstehung eines Wallfahrtsortes für Neonazis. Das würde aber heißen, dass die Aura des Originals auf die Kopie übergehen könnte. Es müsste in der Kopie quasi der Geist von Friedrich Wilhelm oder von Hitler auferstehen. Mir scheint, dass das nicht funktionieren kann, weil das Gebäude, in dem diese Personen gebetet haben, anderswo als Baustoff eingearbeitet ist. Die Garnisonkirch-Kopie dürfte auch kein Ort für die Freunde des historischen Preußens mit seinen Licht- und Schattenseiten werden, sondern für die Freunde einer bestimmten Projektion von Preußen. Und diese Leute könnten nicht erst noch kommen, sie sind schon da.

Wenn konservative Deutschnationale sich mit konservativen Reichen, mit evangelischen Kirchenfunktionären und mit Politikern gegen die Bürgerschaft verbünden, dann schaffen sich eben genau diese Bündnispartner ihren Ort. Hier wird man nicht nur hören: „Die heutigen Architekten können eben nichts Schönes mehr bauen.“ oder „Demokratien können eben nichts Schönes bauen.“ Potsdamer SPD-CDU-Grünen-Politiker glauben genau das, und sie werden nicht ausgepfiffen, wenn sie es laut sagen und auch so handeln.

Man wird hier aber ebenso hören: „Das Militärische hatte auch sein Gutes“ oder „Wer gefoltert wird, der hat sich doch auch etwas zuschulden kommen lassen“.

Ich bin nicht so sicher, ob Neonazis da aufsatteln können und wollen. Vielleicht passt gerade die Komplexität der Machtübergabe des deutschnationalen Konservativismus an Hitler gar nicht in ihr Weltbild, weil sie lieber dem Mythos folgen, Hitler wäre durch eine Mehrheit an die Macht gekommen. Sicher bin ich mir aber, dass die deutschnationalen Wiederaufbauer unserer Demokratie eher abgewandt sind. Hier droht eher eine Art deutscher Yasukuni-Schrein, also ein Wallfahrtsort für Ultrakonservative und für Verherrlicher des preußisch-deutschen Militarismus. Der dadurch entstehende Konflikt mit den evangelischen Kirchenfunktionären und manchen der beteiligten Politiker mag noch unter der Oberfläche bleiben, solange man eine gemeinsame Front gegen die Bevölkerungsmehrheit bilden muss. Spätestens dann aber, wenn die Kirche am Ort ernsthaft versuchen sollte, – wie behauptet -ein Versöhnungszentrum einzurichten, wird der Konflikt aufbrechen.

Eine einfache Auflösung

Die evangelische Kirche dürfte zerrieben werden zwischen ihrem Wunsch, ein Versöhnungszentrum zu schaffen, und der dazu nicht passenden Hülle einer Garnisonkirch-Kopie. Die einzige Auflösung bestünde darin, die Idee eines Versöhnungszentrums auch architektonisch ernst zu nehmen. Dazu gehörte aber ein Architekturwettbewerb, der der Form des Gebäudes weitgehend freie Hand lässt. Würden dann die Architekten die Funktion der Versöhnung zum Ausgangspunkt ihrer gestalterischen Überlegungen nehmen, dann könnten sie und den jetzt vorhandenen Stadtraum neu deuten. Die Garnisonkirche könnte dabei einerseits in vielerlei Zitaten und Strukturideen auftauchen, andererseits würde die Negierung des preußischen Militarismus durch das Versöhnen eben auch zu architektonischen Negierungen führen. Zudem würde dies ein Bau, der viele Jahrzehnte auf seine Vollendung warten wird. Er müsste also in separat realisierbaren Segmenten geplant werden, die ein organisches Wachstum des Baus über mehrere Generationen von Spendern hinweg ermöglichte.

Brandenburg hat das erste Parlamentsgebäude, das den Parlamentarismus zu verstecken versucht. Brandenburg sollte nicht auch noch das erste Versöhnungszentrum kriegen, das den Militarismus zum Kristallisationspunkt seiner Identität macht.

[«*] Wolfram Meyerhöfer ist Professor für Didaktik der Mathematik an der Universität Paderborn. Er arbeitete mehrere Jahre an der Universität Potsdam. Er ist ausgewiesener PISA-Kritiker.

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