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„Macht braucht Kontrolle!“ – Gustl Mollath in Gießen

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Auf Initiative der Gießener Akademischen Gesellschaft, die sich der Aufgabe verschrieben hat, die Wissenschaft in den Dienst der Menschen zu stellen, fand am Samstag, dem 24. August 2013 in Gießen ein Symposion unter dem Titel Die Richter und ihre Denker – Strukturen in der Justiz und im Gutachterwesen statt. An der Veranstaltung nahm auch Gustl Mollath teil.
Ruhig und sachlich und ohne jeden Belastungseifer trug Gustl Mollath seine Kritik vor und appellierte an ein dem Anspruch nach demokratisches Gemeinwesen, längst fällige Reformen einzuleiten. Es sei nicht länger hinzunehmen, dass Menschen systematisch ihrer Würde beraubt und auf Gedeih und Verderb einer willkürlich verfahrenden Herrschaft ausgeliefert werden. Von Götz Eisenberg

„Man wird sich seinen gesunden Menschenverstand nicht dadurch beweisen können, dass man seinen Nachbarn einsperrt.“
(Dostojewski: Tagebuch eines Schriftstellers)

An der Veranstaltung, verkündete der Veranstalter zu Beginn mit einem gewissen Stolz, werde auch Gustl Mollath teilnehmen. Es sei dies, abgesehen von seinem Besuch in einer Talkshow – der erste öffentliche Auftritt Gustl Mollaths nach seiner Freilassung aus der Psychiatrie.

Gustl Mollath nahm auf dem Podium Platz neben dem Psychiater Friedrich Weinberger Platz, der ein Gutachten über ihn erstellt hat, das ihn entlastete und für psychisch vollkommen normal erklärte. Es wurde von den Behörden ignoriert und vom Tisch gewischt. Gustl Mollath ergriff als erster Redner das Wort und hielt in freier Rede ein kurzes Eingangsreferat. Er bedankte sich für die Einladung und die Unterstützung, die ihm während seiner Unterbringung und seit seiner Freilassung zuteil geworden sei. Es sei höchste Zeit, dass öffentlich wird, was in Psychiatrien geschieht. Es lägen schlimme Zeiten hinter ihm. Die Zustände in der forensischen Psychiatrie seien „unsäglich“ und Außenstehenden schwer zu vermitteln. Er habe junge Frauen kennengelernt, die seit vielen Jahren gegen ihren Willen dort untergebracht seien, deren Gesichter von der Medikamenteneinnahme derart aufgedunsen seien, dass selbst die eigenen Eltern sie nicht mehr erkennen würden.

Niemand solle glauben, ihm könne so etwas nicht passieren! Er selbst sei vor zehn Jahren noch ein argloser und politisch relativ unbedarfter Autoschrauber gewesen, der angenommen habe, dass ihm so etwas nie zustoßen könne. Doch dann sei er plötzlich auf Initiative seiner ehemaligen Frau in ein Räderwerk geraten, das ihn beinahe verschlungen und zerrieben hätte. Nur seiner Beharrlichkeit und Unbeugsamkeit sei es zu verdanken, dass er das überstanden habe. Er habe es nicht für möglich gehalten, dass in einer sich demokratisch nennenden Gesellschaft solch perfide Seilschaften existieren, die dafür sorgen, dass unliebsame und unbequeme Menschen alles verlieren und in psychiatrischen Anstalten verschwinden. Diese unterlägen keinerlei öffentlicher Kontrolle. Als Insasse sei man praktisch rechtlos und hilflos dem Regime der Ärzte und Gutachter ausgeliefert, unter denen es auch Scharlatane gebe. Nur dem öffentlichen Druck der letzten Monate habe er es zu verdanken, dass man ihn freigelassen und ihm die Chance eines neuen Verfahrens eingeräumt habe. Wir alle müssten uns mehr dafür interessieren, was in unserem Namen geschehe und dafür sorgen, dass das öffentlich wird. Die Dunkelzonen des Sozialsystems müssten einer demokratischen Kontrolle unterstellt werden, die Insassen solcher Institutionen dürften nicht länger in einem quasi-rechtlosen Zustand verbleiben. Das sei eine Schande und eines demokratischen Gemeinwesens nicht würdig. Zumal uns ja die halbe Welt zum Vorbild nehme. Wir dürften es nicht zulassen, dass Menschen einfach so „schwuppdiwupp verräumt“ werden können. „Macht braucht Kontrolle und zwar wirksame Kontrolle“, sagte er zum Schluss seiner Ausführungen und erhielt lang anhaltenden Beifall.

Nach allem, was dieser Mann durchgemacht und an Demütigungen erlebt hat, entwickelte er keinen Kohlhaas’schen Furor und rief nicht zum Kreuzzug gegen Justiz und Psychiatrie auf. Ruhig und sachlich und ohne jeden Belastungseifer trug Gustl Mollath seine Kritik vor und appellierte an ein dem Anspruch nach demokratisches Gemeinwesen, längst fällige Reformen einzuleiten. Es sei nicht länger hinzunehmen, dass Menschen systematisch ihrer Würde beraubt und auf Gedeih und Verderb einer willkürlich verfahrenden Herrschaft ausgeliefert werden.

Hut ab und Respekt vor diesem Mann! Er hat sich keineswegs in einen „Menschen des Ressentiments“ (Max Scheler) verwandelt, dessen Seele vom Nachgefühl erlittenen Unrechts vergiftet ist und der nun ständig Klage darüber führt, was man ihm angetan hat. Woher nimmt dieser Mann bloß die Kraft, das alles durchzustehen und keinen Hass zu entwickeln? Er muss über ein solides persönliches Fundament und innere Glückvorräte verfügen, von denen er in schweren Zeiten zehren kann. Aber er wird weiter unsere Solidarität und Unterstützung benötigen. Er hat sie verdient.

Strafvollzug und psychiatrische Anstalten gehören seit eh und je zu den vergessenen Provinzen. Wir sollten an die 1960er und 70er Jahre anknüpfen, als diese Gegenstand allgemeiner Sorge und Beunruhigung wurden. Man begann sich dafür zu interessieren, was hinter den Mauern von Strafanstalten und psychiatrischen Anstalten vor sich ging. Die diversen Dunkelzonen des Sozialsystems sollten systematisch durchleuchtet und, wenn möglich, abgeschafft oder doch einer demokratischen Kontrolle zugänglich gemacht werden. Viele teilten damals Dostojewskis Einsicht, dass „man sich seinen gesunden Menschenverstand nicht dadurch beweisen kann, dass man seinen Nachbarn einsperrt“.

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