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3. Dezember 2016
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FAZ-Ökonomenranking – ein Armutszeugnis für die Massenmedien

Veröffentlicht in: Ökonomie, Medien und Medienanalyse, Strategien der Meinungsmache

Nun haben wir schwarz auf weiß, was wir eigentlich schon immer wussten. In den deutschen Medien kommen nahezu ausschließlich neoliberale Ökonomen zu Wort, wobei ein beängstigend großer Teil von ihnen direkt in Diensten der Finanzinstitute steht. So kann – und muss – man ein Teilergebnis des in der letzten Woche veröffentlichten FAZ-Ökonomenrankings interpretieren. Wenig überraschend ist auch das Ergebnis, dass Hans-Werner Sinn, das Enfant terrible der Talkshow-Ökonomen, sowohl für die Medien auch als auch für die Politik der einflussreichste Ökonom des Landes ist. Von Jens Berger.

Rankings sind, das ist bekannt, nicht nur bei den klassischen Medien, sondern auch bei wirtschaftsliberalen Lobbyorganisationen sehr beliebt. Egal ob es um Standortfaktoren, das Bildungssystem oder die Steuergesetzgebung geht – Rankings liefern stets eine klare Reihenfolge, mit der komplexe Zusammenhänge abstrahiert werden. Und da die Faktoren und Gewichtungen, mit denen diese Reihenfolge aufgestellt wird, dem Betrachter meist unbekannt ist, eignen sich Rankings auch ganz hervorragend zur Meinungsmache. Wer nur lange genug an den Faktoren und Gewichtungen herumdreht, bekommt stets genau das Ranking, das er sich wünscht.

Nach diesem Prinzip wurde auch das FAZ-Ökonomenranking aufgestellt, bei dem vor allem in der Kategorie „Forschung“ ein – für Außenstehende – kaum zu durchschauender Schlüssel angelegt wurde. Da dieses Teilergebnis massiv in das Endergebnis mit eingeht, macht es auch keinen Sinn, sich ernsthaft mit diesen beiden Rankings auseinanderzusetzen. Interessanter und transparenter sind hingegen die beiden Teildisziplinen „Medien“ und „Politik“.

Medien-Ranking – nun haben wir es schwarz auf weiß

Für das Medien-Ranking hat die FAZ das Schweizer Institut Media Tenor beauftragt, die einschlägigen Zeitschriften (u.a. SPIEGEL, Capital), Zeitungen (u.a. FAZ, SZ), Fernsehsendungen (u.a. Tagesschau, Heute) und die Radionachrichten des Deutschlandfunks auszuwerten. Betrachtet wurden die letzten zwölf Monate und in die Wertung flossen nur „fachliche Einschätzungen“ mit einem Umfang von mehr als fünf Zeilen ein. Das Ergebnis überrascht nicht:

Unter den Top 10 findet man altbekannte Namen wieder, die (nicht nur) regelmäßigen NachDenkSeiten-Lesern sicher ein Begriff sind. Hans-Werner Sinn, Michael Hüther und Wolfgang Franz beherrschen beispielsweise schon seit Jahren den medialen Ökonomenstammtisch (und das ist sogar wörtlich zu nehmen) mit ihrem ewigen Gerede von den zu hohen Lohnkosten in Deutschland. Da spielt es offenbar auch keine Rolle, dass ein Mann wie Hans-Werner Sinn zwar für die BILD-Zeitung „Deutschlands klügster Professor“ sein mag, international jedoch bestenfalls belächelt wird.

Unter den 45 Ökonomen, deren Statements in den Massenmedien im letzten Jahr am häufigsten zitiert wurden, befinden sich mit Gustav Horn (Platz 13), Peter Bofinger (Platz 24) und Rudolf Hickel (Platz 32) gerade einmal drei Vertreter der nachfragetheoretischen Seite. Zusammengenommen kommen sie auf 79 von 1674 erfassten Zitate. Oder um es anders zu sagen: Im letzten Jahr kamen nur 4,7% der Expertenaussagen in dem Massenmedien von Ökonomen, die nicht dem neoklassischen und neoliberalen Mainstream angehören. Es ist schon erstaunlich und überaus ärgerlich, dass hier der durchaus vorhandene Meinungspluralismus in den Massenmedien überhaupt nicht wahrgenommen wird. Stattdessen gilt die einfache Formel „Ökonomie = Neoklassik und Neoliberalismus“. Muss man sich dann noch wundern, dass auch die FDP als wirtschaftskompetente Partei dargestellt wird?

Die verantwortlichen Redakteure haben ganz offensichtlich Scheuklappen und nehmen noch nicht einmal wahr, was abseits des deutschen Mainstreams gedacht und gesagt wird. In diesem Punkt könnten die deutschen Medien viel von ihren Kollegen in Großbritannien und den USA lernen. Vergleich man einmal den Wirtschaftsteil der FAZ mit dem der New York Times, der Washington Post, dem Guardian oder dem Telegraph, wirkt die FAZ schon fast wie ein Kampfblatt, bei dem nur Personen zu Wort kommen, die das „richtige“ Weltbild haben. Selbst das wirtschaftsliberale Wall Street Journal lässt da bedeutend mehr Vielfalt zu. Und auch in unseren deutschsprachigen Nachbarländern Österreich und der Schweiz ist die Berichterstattung zu ökonomischen Themen wesentlich vielfältiger. Auch hier sind die Medien jedoch nur ein Spiegel der Gesellschaft. Während der Disput zwischen den Salzwasser- und den Süßwasserökonomen in den USA eine lange Tradition hat, haben die Vertreter der nachfrageorientierten, keynesianischen oder heterodoxen Ökonomie es im „arbeitgeberfreundlichen“ Deutschland traditionell schwer. Massenmedien, die die Welt ausschließlich mit der neoliberalen Brille betrachten, verfestigen diese grobe Schieflage noch mehr.

Die Banken sind auch im Kampf um die Deutungshoheit ganz vorne mit dabei

Ferner ist es bemerkenswert, dass 19 der 45 medial präsentesten Ökonomen direkt bei Finanzinstituten angestellt sind. Die sogenannten „Chefvolkswirte“ der Banken und Versicherungen stehen für 678 der 1674 protokollierten Zitate in den Massenmedien, also für mehr als 40%. Dabei gilt natürlich auch hier der alte Spruch „Wes´ Brot ich ess, des´ Lied ich sing“. Es darf niemanden wundern, dass Angestellte einer Bank zuallererst die Interessen ihres Brötchengebers vertreten. Es wäre auch sehr erstaunlich, wenn beispielsweise ein Jörg Krämer von der Commerzbank, der im Medien-Ranking der FAZ Platz Nummer Zwei belegt, ernsthaft vorschlagen würde, die Gläubiger der Banken an deren „Rettungskosten“ zu beteiligen oder eine wirksame Bankenregulierung durchzusetzen.

Auch bei tagesaktuellen Themen sind Angestellte von Banken die denkbar schlechtesten Zitatlieferanten für die Medien. Wer weiß denn schon, welche Positionen der Brötchengeber dieser „Ökonomen“ im Moment an den internationalen Finanzmärkten hält? So manches negative Zitat zur Zukunft des Euro dürfte auch darin begründet sein, dass die betreffende Bank gerade eben am Derivatemarkt mit hohem Einsatz gegen den Euro wettet – und umgekehrt. Offensichtlich werden diese Zusammenhänge, wenn man sich beispielsweise einmal die Zitate von Thorsten Polleit (Platz 19) zu Gemüte führt. Polleits Arbeitgeber ist Deutschland größter Goldhändler, der fürstlich daran verdient, wenn Kleinsparer Angst vor der Zukunft des Euro haben und sich Goldbarren ins Depot legen. Wen kann es da ernsthaft wundern, dass Polleit bei jeder Gelegenheit den Untergang des Abendlandes beschwört und vor der „ganz sicher kommenden“ Hyperinflation warnt? Wes´ Brot ich ess, des´ Lied ich sing. Eigentlich haben Personen wie Polleit in seriösen Medien überhaupt nichts verloren. Da könnte man auch einen Vertreter der chinesischen Wettmafia als Fußballexperten interviewen.

Bevor ein „Chefvolkswirt“ eines Finanzinstituts irgendetwas zu einem Thema sagen darf, müsste dem Leser/Zuschauer/Hörer eigentlich transparent dargelegt werden, welche geschäftlichen Interessen das betreffende Institut verfolgt. Da dies wohl nicht möglich ist, sollten die Medien eigentlich so konsequent sein, interessengesteuerte Sprachrohre überhaupt nicht zu zitieren. Das FAZ-Ranking belegt schwarz auf weiß, dass hier das exakte Gegenteil die Regel ist.

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