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Hoffnung kam nach Köln und zur Welt

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Eine NachDenkSeite aus der Ferne von Friedrich Hitzer, 24.08.2005

Als Benutzer der NachDenkSeiten möchte ich auf den Beitrag von Wolfgang Lieb über den Weltjugendtag in Köln mit besonderem Dank eingehen, zumal der Verfasser sich hier persönlich einbringt, seine Stellung zur Religion umreißt und als Bewohner Kölns seine Beobachtungen von diesem bedeutsamen Ereignis schildert und wertet. Der Mitherausgeber und Kommentator von zumeist politischen und sozialökonomischen Beiträgen, die den kritischen Blick auf Staat und Gesellschaft in unseren Tagen schärfen und ein selbständiges Urteil bilden helfen, weitet damit die Perspektive auf all die Felder aus, die ich seit vielen Jahren an den Akademien der Katholischen und Evangelischen Kirche als unverzichtbaren Dialog zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen über die drängenden Fragen des Lebens in mir aufnehmen und zum Teil mitgestalten durfte. Und wenn ich mich, dem Beispiel Liebs folgend, zu Religiösem äußere, sei erwähnt, dass ich Glaube und Wissen, Bindung und Ferne zwischen Menschen – so sehe ich religio – nicht trennen kann: Ein Gläubiger, der am Glauben nicht zweifelt, ist mir so unverständlich wie ein Agnostiker oder gar Atheist, der die Wissenschaft als unzweifelhafte Grundlage seines Bewusstseins und Daseins wertet und nichts anderes gelten lässt. Erst recht gilt das für die Politik in unserer Zeit, deren Päpste und Weltweise für “alternativlose Reformen” werben, die immer mehr Menschen fürchten wie das Hochwasser, das derzeit unsere Gebiete überflutet und Stoibers Bayern so hilflos macht wie noch vor kurzem Biedenkopfs Sachsen.

Mein “Zwillingsbruder” unterm Firmament, der orthodoxe Erzpriester Alexander Men, Reformator und Dissident seiner Kirche, bedeutender Schriftsteller und Prediger, erzählte mir im Jahr der Wende (als die Berliner Mauer fiel), die wir beide nicht erwarteten, warum und wie er, ein bedeutender Biologe, sich weihen ließ – nämlich in der Zeit, als Chruschtschow erklärte, die Menschheit werde zwanzig Jahre später alle Religionen überwunden haben. Darauf erwiderte ich, evangelisch getauft, in einer gemischt katholischen und protestantischen Verwandtschaft aufgewachsen, zu jener Zeit hätte ich den Marxismus entdeckt. Wie sich herausstellte, waren wir – unter Berücksichtigung der Datierung nach dem gregorianischen und julianischen Kalender – am selben Tag, im selben Jahr, geboren worden. In Ländern mit Mächtigen an der Spitze, die im 20. Jahrhundert mit großen Lügen Millionen Menschen zum Hass erzogen, in Vernichtungskriege führten und damit zu Weltmeistern im Blutvergießen wurden. Wenige Monate vor der Ermordung Mens übersetzte ich, auch im Gedankenaustausch mit seinem damaligen Gesprächspartner, Hans Küng, Dissident für die Kurie in Rom, dessen Worte – (er berief sich auf Paulus in einem Brief an die Römer:“Löscht den Geist nicht aus!”): “Wenn bei uns der Geist erlischt, ob im Westen oder im Osten, werden wir allmählich verfallen, ob unter den Bedingungen des Komforts oder der Armut.”

An diese Worte Alexander Mens denke ich unentwegt. Angesichts so vieler Zeichen der Verdummung und Gleichschaltung des Denkens und Fühlens, ob in der politischen Kultur, dem Gebrauch der Sprache, dem Grundwissen über Religionen, Geschichte, Philosophie und Naturwissenschaft, über Gesellschaften und die weitverbreitete Reduzierung des Daseins auf den homo oeconomicus. Flankiert von den täglichen Gebetsmühlen der TV-Börsenbeschwörer und absurder Wirtschaftsweiser, denen viele Intellektuelle und Politiker aus allen Parteien nachplappern wie Papageien. Und eben deshalb möchte ich – angeregt von Wolfgang Liebs “persönlichem Eindruck” in Köln – die Gedanken eines Fernsehers in Wolfratshausen beisteuern.

Vorweg sei gesagt, dass mich die Fragen nach Wandel oder Kontinuität, dem Verhalten, der Körpersprache und Ausdrucksweise des Papstes aus Bayern zwar auch interessieren, aber die Bilder, Worte und Klänge, die über Lautsprecher und Monitor der Television ins Zimmer kamen, zogen mehr Aufmerksamkeit auf sich als die Persönlichkeit des Papstes und die unterschiedlichen Meinungen über den Streit innerhalb der katholischen Kirche, den dieser mit verursachte.

Die Gedanken aus der Ferne, ausgelöst durch intensives Fernsehen bei der Vigil in der Nacht und der Messe am Morgen, kreisten vor allem um die Frage nach der Form des Massenspektakels, die einst der polnische Papst im Vatikan durchsetzte. Karol Woityla wollte, als der reale Weltkommunismus scheinbar unbezwingbar schien, ein Gegenfest zu den Weltjugendfestivals der “Kommunistischen und Arbeiterbewegung” für die Rechristianisierung ins Leben rufen, ohne zu ahnen, dass die Perestroika aus dem Kreml selbst kommen würde. Woityla erlebte diese Festivals hautnah, bevor er Papst wurde. Er rechnete mit einem langen Wettbewerb zwischen katholischen und kommunistischen Festivals der Weltjugend. Zugleich wusste er aus unmittelbarer Nähe, wie die “Ideale des Kommunismus” gerade die jungen Menschen im Regime des “realen Sozialismus” frustrierten. Manche nutzten die aktive Teilnahme als Sprungbrett für Karrieren in der Nomenklatura von Staat und Partei. Sie schufen damit ein geistiges Vakuum, so dass, wie mir scheint, Karol Woityla die alten Herren der Kurie leichter davon überzeugen konnte, die Pilger nicht mehr nur in Rom zu empfangen, sondern zu den Massen in aller Welt zu gehen. Wie lange das gut geht, wird man sehen. Jetzt ist alles noch frisch und neu. Auch die Doppelpremiere des ersten Nachfolgers – nach 500 Jahren leitet der erste Deutsche auf dem Stuhl des Heiligen Vaters sein erstes katholisches Weltjugendfest im vereinten und doch vielfach gespaltenen Deutschland. Wir sollten uns aber davor hüten, dieses Weltfest nur am Profil und der Akzeptanz des in Bayern geborenen Benedikt XVI. zu messen.

Man hat auch die Formate der Organisation und des Theaters für Massen zu beachten und blickt auf Inszenierungen der weltlichen Konkurrenten für Weltübertragungen. Nicht nur die der untergegangenen kommunistischen Weltjugendfestspiele. Der Held ist nicht nur der Papst und seine professionellen Mitspieler in kostbaren Soutanen. Die Teilnehmenden sind hier so wichtig wie das Volk im Amphitheater der Antike, geht es doch auch um Grundfragen des Daseins und nicht nur um ein atemberaubendes Rockkonzert. Es geht um Freud und Leid. Leben und Tod. Elend und Glanz einer immer vergänglichen Existenz. Die Million Menschen aus allen Kontinenten an der Basis in Köln verbinden viele Fäden mit den höchsten Würdeträgern unter dem modernen Baldachin und auf freiem Feld. Diese Fäden können halten oder reißen. Zunächst habe ich – bequem im Stuhl zu Hause sitzend – die physische, psychische und spirituelle Kraft und Ausdauer des fast achtzigjährigen Papstes Benedikt XVI. bewundert und neugierig angenommen, wie er sich bewegte und redete.

Der Beobachter auf Plätzen und Straßen, in Wirtschaften und Bussen in und um Köln teilt die Freude der Gäste und Gastgeber. Auch in vielen Familien, die zusammenrücken und Fremden gern ein Nachtquartier und Essen anbieten. Alle Menschen scheinen nur freundlich und heiter zu sein, nicht so hektisch und hysterisch wie bei Pop und Rock, erst recht nicht so aggressiv wie bei manchen Fußballkriegen. Ängste vor mutwilliger Randale bei so vielen Menschen sind wie weggeblasen … All das übertrug sich auch ins Wohnzimmer des Betrachters aus der Ferne. Man kriegte auch akustisch mit, dass rund eine Million vor allem junger Menschen, die gerade noch ihre Arme schwangen oder in rhythmischem Klatschen und Sprechchören (“Be-ne-dé-tt-o”), plötzlich still sein konnten. Ich erlaube mir hier eine persönliche Deutung:

Bleiben wir beim Stück, das im Wechsel von Musik, Bildern und Wörtern in vielen Sprachen und Trachten aufgeführt wurde. Dass solch ein Ruhe einkehrte und kein Gelächter ausbrach, wo doch Weihnachten im August und nicht im Dezember gefeiert wird, ist gar nicht selbstverständlich. Dazu bedarf es nicht nur guter Organisation und Technik, Ausstattung und Regie, sondern auch der angemessenen Sprache, die der Begeisterung nicht den Elan nimmt und zur Stille einlädt. Man spürte, neben der Logik im Aufbau der gesprochenen Botschaften, den Gestus der Überzeugung und nicht des Verkaufens einer Botschaft. Ja, es wirkte, bei aller Dogmatik, um die ein Protestant den Katholiken mal beneidet, mal ablehnt, ein Geist der Duldsamkeit.

Was mich am meisten irritierte, war die Unfähigkeit der Reporter, die Besucher sich selbst erzählen zu lassen: Warum bist du, der keine Mittel und Wege scheute, nach Köln gereist? Man fragte nach Banalitäten, als ob man gar nicht wissen wollte, was diese heitere, freundliche und zur Welt hin offene Jugend bewegt.

In seinen Worten brachte der Papst sehr oft die Begriffe Gerechtigkeit und Frieden zu Gehör. Die Versammelten hörten zu, dass ein Kind (vor über 2000 Jahren!) zur Welt kam. Auf das sogar mächtige Leute wie Könige neugierig waren. Sie gingen erst zum Regenten des Landes. Der wusste davon gar nichts. War sofort misstrauisch. Aber da musste doch etwas dran sein, war unübersehbar. Auch an der Hoffnung so vieler Menschen, die nach Köln kamen. Hoffnung aus fast 200 Ländern aller Kontinente. Ganz gleich, ob sie zu Hause regelmäßig in die Kirche gehen, morgens die Hostie und abends die Pille nehmen (wie Franz Alt meint). Mir teilte sich die Fähigkeit einer Million Menschen zur Stille darin mit, dass sie genau das hören wollten, wonach sie sich zu Hause sehnen und was sie sich für die Welt heute und morgen wünschen. Auf der großen Wiese vor Köln hörten sie nicht das Gequassel der üblichen Politiker und Moderatoren im Fernsehen. Nicht die aufgeblasenen Sprüche der Präsidenten und Weltweisen des Geldes, die Aggressionskriege schönreden, dabei mit Worten “Frieden” auf den Lippen nur Furcht und Schrecken, Tod und Zerstörung bringen, in einem angeblichen “Krieg gegen den Terror”. Hier hörten sie etwas anderes. Ihre Hoffnung war zu Wort gekommen. Deshalb sind ihnen die Streitereien zwischen den Theologen, unter den Pharisäern der Medien die Hauptsache, nicht so wichtig. Die Botschaft des sie einenden Glaubens wiegt mehr: Statt Hass komme Liebe unter die Menschen, statt Vergeltung die Versöhnung, statt Krieg der Friede, statt der Lüge die Wahrheit. Für einen jeden einzelnen gibt es eine Chance der Hoffnung, wenn er sie ergreift. Und bei einer Million Menschen will das schon etwas heißen … Hat man unter den Besuchern vielleicht deshalb nur banale Fragen stellen lassen? Was hätte denn Sabine Christiansen am Tag, als das Fest zu Ende war, bei einer solchen Botschaft in ihrer sonntäglichen Vigil mit “Königin” Merkel und “Pharisäer” Miegel noch ausrichten können? Wenn junge Menschen, die in unserer Region im Kloster Benediktbeuren, die Schizophrenie unserer Ernährungs- und Lebensweise in Zahlen, Zeugnissen und Bildern verdeutlichen, wo knapp eine Milliarde Menschen ständig hungert und über eine Milliarde geistig und körperlich verfettet, spirituell verelendet und vereinsamt? Wo die Jugend das Alter nicht zum Teufel wünscht, weil sie den Demagogen der privaten Versicherungswirtschaft nicht auf den Leim gehen? Wo der alte Papst vor dem jungen Menschen im Rollstuhl aufsteht …

An diesem Abend erlebte ich auch Daniel Barenboim mit der Witwe des Edvard Said, beim Konzert für den Frieden, der in einem sonst von Rache und Vergeltung, Hass und Zerstörung geprägten Ramallah Beethovens Schicksalsinfonie fulminanter als je zuvor zu Gehör brachte … Da wie dort sah und hörte ich aus der Ferne junge Menschen, die andere Wege gehen als die der Verführung zur Sucht der Zerstörung und Selbstzerstörung, des geschürten Krieges zwischen Jung und Alt …

Natürlich verstört es einen, wenn man sich die Belehrungen eines Mannes, viele Jahre zuständig für den richtigen Glauben, vergegenwärtigt, die beharrliche Weigerung, die Hälfte der Menschheit – die Frauen – vom Priesteramt fernzuhalten. Mir ist jedoch die Herausforderung wichtiger, der sich der Papst stellt. Auch wenn er nicht so redet, wie das im politischen Diskurs der Aufklärung in klaren Botschaften (nach Interessen und Parteien) erwartet wird. Die Million Menschen, die sich als Hoffnung in Köln einfanden, bindet ihn nämlich genau so ein wie er es von denen erwartet, für die er das Menschsein eines katholischen Christen auslegt. Mit dem hohen Anspruch einer Macht, die keine PR-Agentur braucht. Die Stille wäre nicht denkbar gewesen, hätte es die falschen Töne von Scholz & Friends gegeben. Bei diesem Teatrum Mundi, auch einem Festival der vielen Sprachen, Instrumente und Wörter für Frieden, Gerechtigkeit und das Geistige hieß die Hauptfigur: Hoffnung, die ohne Liebe und Glaube stirbt, bevor sie auflebt. Das verpflichtet auch den Papst, vor allem in dem Punkt, wo er davon redete, dass die Welt nicht von den Mächtigen (des Hasses, der Gewalt und Ausbeutung) erneuert werden wird, sondern von solch einer Million lebendiger Menschen, die aus ihrem Glauben heraus die Zukunft der Menschheit verkörpern. In Köln waren es vor allem die Katholiken, die sich der Welt erschlossen. So wie sich zeigten, wissen sie auch: ihren Weg machen sie nicht allein, sondern mit vielen anderen, Gläubigen und Nichtgläubigen, die auf der Grundlage “vernünftigen Vertrauens” eine menschenwürdige Zukunft für alle erstreben. Die Modelle unter dem Diktat des Geldes um des Geldes willen (derzeit verkauft als “Globalisierung” und “Reform des Sozialstaates”) kommen bei solcher Hoffnung nicht mehr an. Noch ein Blick zurück ohne Zorn auf den charismatischen Papst aus Polen: Als er die katholische Kirche mit Erfolg in den Wettbewerb mit den kommunistischen Weltjugendfestspielen führte, war nicht abzusehen, dass aus der Nomenklatura des sowjetischen Komsomol die raffgierigsten Milliardäre, so genannte “Oligarchen”, hervorgingen. Die “Ideale des Kommunismus”, mit denen sie ihre Karriere begannen, mündeten nicht in Kanäle der christlichen Soziallehre, sondern die der neoliberalen Dogmatik für Globalisierungskonzerne, denen der Kanadier Joel Bakat das “pathologische Streben nach Profit und Macht” nachweist (vgl. Joel Bakat. “Das Ende der Konzerne. Die selbstzerstörerische Kraft der Unternehmen”, Hamburg-Leipzig-Wien, 2005) und nicht wenigen, ach so linkischen Intellektuellen zwischen München und Berlin, Stuttgart und Hamburg den Verstand trübt, jedenfalls weit mehr als Dr. Joseph Ratzinger, Präfekt der Römischen Glaubenskongregation, jetzt Papst Benedikt XVI.

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