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Vermeintliche Kapitalflucht aus Russland wirft Frage auf: Was für Kapital und welche Gefahren?

Veröffentlicht in: Ökonomie, Banken, Börse, Spekulation, Länderberichte

Gibt man die drei Worte Flucht, Investitionen, Russland bei Google ein, erhält man am 27.03.2014 gegen 17 Uhr 4.480.000 Ergebnisse. Schränkt man die Suche ein auf „News“, sind es immerhin noch 1.300 Ergebnisse. Ganz oben bei den Suchergebnissen steht: „Investoren ziehen massiv Kapital aus Russland ab“, Quelle: Cash. Das wirft die Frage auf, um was für Kapital es sich denn da handelt? Und inwiefern jener Abzug von Kapital geeignet ist, Russland zu schaden? Von Thorsten Hild.
 
Das Handelsblatt titelt zum selben Zeitpunkt: „Russland-Investments – Pokern mit Putin„. Gegenstand des Artikels ist die russische Börse. Die russische Börse war laut Weltbank (2012) 875 Mrd. US-Dollar (USD) schwer. Das entsprach rund 43 Prozent des russischen Bruttoinlandsprodukts. Zum Vergleich: In den USA entsprach der Wert der Börse 2012 nach derselben Quelle 115 Prozent, in Deutschland 43,3 Prozent, in England 122,2 Prozent (Quellen zur Berechnung: hier und hier). Eine Unternehmensliste von Bloomberg lässt darauf schließen, dass sich ein durchaus beachtlicher Teil der in der Realwirtschaft tätigen russischen Unternehmen an der Börse finanziert. Was aber finanzieren deutsche Unternehmen und ausländische Investitionen in Russland überhaupt?

Was ersteres anbelangt, ist der Artikel des Handelsblatts durchaus aufschlussreich:

„Das Handels-Gesamtvolumen beträgt insgesamt rund 76 Milliarden Euro, mehr als 6.300 deutsche Firmen haben sich in Russland niedergelassen. So unterhält beispielsweise Adidas dort mehr als 1.000 Shops. ´Russland ist das Land mit den meisten Adidas-Mitarbeitern´, erklärt Markus Steinbeis. Nicht nur der Sportartikelhersteller ist in Russland prominent vertreten: Allein der Baustoffhersteller Knauf beispielsweise beschäftigt dort 5.000 Menschen in seinen Betrieben.
Manche deutsche Mittelständler produzieren in Russland, viele haben dort Vertriebsstrukturen aufgebaut. Denn Russland ist vor allem als Absatzmarkt für deutsche Produkte interessant. Glaubt man Egon Cordes, dem Sprecher des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, hängen mehr als 300.000 deutsche Arbeitsplätze direkt oder indirekt vom Geschäft mit Russland ab.“

Adidas Investment erscheint mir doch eine relativ vernachlässigbare Größe für die russische Volkswirtschaft und ihr Fortkommen. Letzteres wird wohl nicht von einigen Adidas-Shops mehr oder weniger abhängen, die vielleicht eh nur einer vergleichsweise schmalen, kaufkräftigen Schicht zum Vorteil gereichen. Ähnlich ist das Investment des Baustoffherstellers einzuschätzen. Nicht, dass es nicht zu begrüßen wäre, wenn diese Unternehmen in Russland investieren; es erscheint eben nur nicht existenziell. Das aber schwingt ja in der aktuellen Diskussion immer mit.

Ganz anders, nämlich bedeutsam für die Entwicklung der russischen Volkswirtschaft, verhält es sich mit dem Hinweis im Handelsblatt-Artikel, dass „manche deutsche Mittelständler“ in Russland produzieren und Vertriebsstrukturen aufgebaut haben, weil Russland „vor allem als Absatzmarkt für deutsche Produkte interessant“ sei. Diese Mitteilung wird durch unsere ausführlicheren Analysen zum deutschen Außenhandel mit Russland gestützt (erschienen in Wirtschaft und Gesellschaft – Analyse & Meinung im Abonnement), und hierin liegt tatsächlich viel Potenzial für beide Handelspartner, nicht nur auf einzelbetrieblicher Ebene, sondern auch auf volkswirtschaftlicher Ebene – und hierin liegt natürlich auch das ökonomische und politische Zerstörungspotenzial, das mit dem derzeitigen Zerschlagen politischen Porzellans einhergeht.

Ein Blick in die Zahlen des russischen Amts für Statistik zeigt, dass der Anteil an von in Russland investiertem Auslandskapital insgesamt (also nicht nur Deutschland) mit etwa 18 Prozent am russischen Bruttoinlandsprodukt durchaus bemerkenswert ist (eigene Berechnung auf Basis von hier und hier; erfahrungsgemäß führen mögliche Differenzen bei den Umrechnungskursen nicht zu erheblichen Abweichungen). Und immerhin sind von den 362 Mrd. USD über 114 Mrd. (31,6%) in der verarbeitenden Industrie investiert.Dieser Eindruck relativiert sich jedoch stark, sobald man berücksichtigt, in welche verarbeitenden Produktionsbereiche das Ausland in Russland investiert hat. Acht Prozent sind in die Lebensmittelindustrie geflossen. Rund vier Prozent in die Papier- und Holzindustrie. Rund zehn Prozent in die Erdölindustrie. Rund zehn Prozent in die Grundverarbeitung von Metall.

In die eigentlich interessanten Produktionsbereiche, die für das technologische Aufschließen Russlands wohl von Bedeutung wären, wurde hingegen kaum investiert: Maschinen und Ausrüstung 1 Prozent, Elektroindustrie 0,7 Prozent, Transportausrüstung 1,9 Prozent (davon Schiffe, Flugzeuge, Raumfahrt 0,2%). Während Russland auf den Bau von Einkaufszentren durch das Ausland sicherlich verzichten könnte, liegt in jenen Produktionsbereichen potenziell der technische Fortschritt, um nachhaltig Produktivitätsgewinne und Produktinnovationen zu verwirklichen und dadurch die Wettbewerbsfähigkeit, den Verteilungsspielraum und den Wohlstand zu erhöhen. In den Groß- und Einzelhandel aber wurden 18,4 Prozent der gesamten Investitionssumme investiert, in das Immobilien, Vermietung und ähnliches noch einmal über 11 Prozent (davon 0,1 % in Forschung und Entwicklung).

Zu einer solchen Investitionsstruktur gehören natürlich immer zwei: Eine russische Wirtschaftspolitik, die möglicherweise jene skizzierten Potenziale nicht im Blick hat oder keinen Wert darauf legt, und ausländische Unternehmen, denen es mehrheitlich in erster Linie darum geht, das schnelle Geld zu machen und von der bisher relativ einseitigen Produktionsstruktur Russlands zu profitieren.

Flieht nun jenes schnelllebige Kapital aus Russland, ist die negative Auswirkung auf die russische Konjunktur möglicherweise durchaus erheblich, für die mittel- bis langfristige Entwicklung kann es aber wiederum von Vorteil sein. Dann nämlich, wenn die Verantwortlichen in Russland die Zeichen der Zeit erkennen und sie als Chance nutzen, die Modernisierung ihrer Volkswirtschaft voranzutreiben – und dafür möglicherweise sogar deutsche Unternehmen wie Siemens bei der Stange halten können. Am vorteilhaftesten wäre es natürlich, wenn „der Osten“ wie „der Westen“ das damit verbundene wirtschaftliche, soziale und politische Potenzial erkennen und zu einer dieses fördernden Politik zurückkehren würden.

Thorsten Hild arbeitet als Journalist und Volkswirt in Berlin und ist Herausgeber von Wirtschaft und Gesellschaft – Analyse & Meinung.

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