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Albrecht Müller Wolfgang Lieb
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19. Dezember 2014
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Ein typisches Beispiel dafür, dass Wirtschaftsminister Glos in seiner ökonomischen Halb-Weltsicht ein kleiner Müller geblieben ist

Verantwortlich:

In einem Namensartikel im Handelsblatt poltert Michael Glos gegen den Mindestlohn. Für den gelernten Müller ist der Arbeitsmarkt nichts anderes als der Handel mit Getreide: Sinkt der Preis des Mehls nur tief genug, dann wird man das Mehl auch los. Glos: „Mindestlöhne sind Jobvernichter“ weil sie den Preis der Arbeit nicht so weit fallen lassen, dass die Anbieter von Arbeit „am Arbeitsmarkt Fuß fassen“ können. Im ökonomischen Weltbild des mittelständischen Müllers Glos gibt es offenbar nur zwei Grundwahrheiten: Erstens der Arbeitsmarkt ist ein Markt wie der Getreidemarkt und zweitens, die Erde ist eine Scheibe. Wolfgang Lieb.

Dieses Weltbild entspricht weder der Wirklichkeit – denn in den meisten Ländern mit Mindestlöhnen gibt es weniger Arbeitslosigkeit – noch berücksichtigt diese frühgeschichtliche Vorstellung von der flachen Erdscheibe, dass der Lohn nicht nur ein Kostenfaktor in der Glosschen Mühle ist, sondern zugleich ein Nachfragefaktor für das vom Müller Glos produzierte Mehl ist. Der flache Horizont des als bayerische Notlösung zum Wirtschaftsminister aufgestiegenen Müllers, lässt ihn nicht erkennen, dass Getreide kein Getreide kauft.

  • Dass in 20 von 27 Ländern der Europäischen Union gesetzliche Mindestlöhne existieren und
  • dass es in weiteren fünf Mitgliedstaaten – nämlich Schweden, Dänemark und Finnland sowie Österreich und Italien – wegen einer sehr hohen Tarifbindung über eine tarifliche Mindestlohnsicherung de facto einen Mindestlohn gibt,
  • selbst dass in den arbeitsmarktliberalen USA der Mindestlohn gleich um 40% auf 7,25 Dollar angehoben wird,

alle diese Tatsachen fechten das Weltbild von Glos nicht an: Er glaubt an seine „Wissenschaft“, die vor allem in Deutschland gleichfalls immer noch das frühgeschichtliche mesopotamische Weltbild von Scheibenwelt vertritt: „Von insgesamt 86 neueren Studien liefern zwei Drittel Anzeichen für negative Beschäftigungseffekte“. „Mindestlöhne – in welcher Form auch immer – (seien) ein beschäftigungspolitischer Irrweg“. Dies „Wissenschafts“-Gläubigkeit folgt dem trotzigen Motto: Umso schlimmer für die Wirklichkeit, wenn sie nicht mit der Theorie übereinstimmt.

Auch die Tatsache, dass es schon seit Anfang der 90er Jahre eine dramatische Wende in der Einkommensentwicklung gab und die Verdienstspannen immer weiter auseinander gingen und dass die unteren Einkommen immer mehr sanken, ist für Glos kein Anlass zum Zweifel an seinem Weltbild. Für ihn sind die Löhne eben immer noch nicht niedrig genug, damit die Arbeitnehmer „auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen“ können. Und wenn dann der Lohn zum Überleben nicht mehr reicht und „ein Arbeitnehmer unter das Existenzminimum zu fallen (drohe), kann er seinen Lohn aufstocken“, meint Müller Glos großherzig.

  • Dass immer mehr Arbeitnehmer – im Jahr 2005 367.000 und inzwischen schon 550.000 Arbeitnehmer – staatliche Hilfen neben ihrer regulären Beschäftigung brauchen, damit ihr Existenzminimum gesichert ist,
  • dass 1,2 Millionen Vollzeitbeschäftigte weniger als 1.200 Euro Brutto im Monat bekommen und der Niedriglohnsektor mittlerweile je nach Berechnung zwei bis 4 Millionen Erwerbstätige umfasst (Ingrid Kurz-Scherf in der FR vom 23.2.07 S.23),
  • dass also unser Müller Glos – wie einst Don Quichote – nur gegen Windmühlen ankämpft,

das ist für Glos noch lange kein Anlass zu zweifeln, dass an seinem Weltbild irgendetwas nicht stimmen könnte.

Aus der Sicht unseres mittelständischen Unternehmers heißt das eben nur, dass eben noch ein paar Millionen mehr Menschen ihre Arbeit zu noch geringeren Hungerlöhnen anbieten müssten, damit ihr Arbeitsangebot für die Arbeitgeber annehmbar ist.
Das gesteht Glos auch ganz ungeschminkt ein, wenn er sagt, schon bei „einem Mindestlohn von 4,50 Euro wären 1,2 Millionen Arbeitnehmer betroffen, viele davon in Ostdeutschland. Besonders gefährdet wären Frauen, die 70 Prozent der Niedriglohnempfänger ausmachen.“ Er bestreitet also gar nicht, dass schon derzeit weit über eine Million Menschen einen Stundenlohn von unter 4,50 Euro bekommen.

„Sozial ist, was Arbeit schafft“ resümiert Glos – Arbeit, egal zu welchem Preis und auf wessen Kosten, müsste er, wenn er ehrlich wäre, hinzufügen.

Und für diejenigen, die dann schließlich auf das Existenzminimum heruntergekommen sind und immer noch keine Arbeit finden, gibt es dann ja immer noch die Arbeitspflicht. Erst dann würden sich die Leute nämlich endlich sagen: „Wenn ich auch für das Arbeitslosengeld II etwas tun muss, dann kann ich auch gleich einen Job annehmen, selbst wenn der nur ein bisschen besser bezahlt ist.” (Quelle: SPIEGEL ONLINE)

Aus seiner mittelständischen Unternehmersicht ergibt sich für ihn zwingend: „Kleine Unternehmen mit weniger als 20 Mitarbeitern sind durch einen Mindestlohn besonders gefährdet, weil sie mehr als die Hälfte der Beschäftigten im Niedriglohnbereich stellen. Vielen dieser Betriebe steht das Wasser bis zum Hals; bereits kleinste Kostenanstiege führen zu Entlassungen.“
Diese unternehmerische In-Sich-Logik verschließt sich notwendigerweise der eigentlich doch ganz nahe liegenden Frage danach, warum es den Unternehmern, denen angeblich das Wasser bis zum Hals steht eigentlich besser gehen soll, als denjenigen, die sich mit einem Niedriglohn schon lange nicht mehr über Wasser halten können. Warum gilt bei Unternehmern eigentlich nicht auch der zynische Hinweis von Müller Glos, dass doch „die Mindesteinkommenssicherung …gewährleistet“ ist?
(Damit ich nicht missverstanden werde: Diese Frage stelle ich natürlich nicht ernsthaft. Daran mag man aber erkennen, dass in diesem Weltbild im Brechtschen Sinne zwischen „Haifischen“ und „kleinen Fischen“ unterschieden wird.)

Aber auch eine den betriebswirtschaftlichen Horizont des kleinen Unternehmers übersteigende gesamtwirtschaftliche Sichtweise, ist unserem „Wirtschafts“-Minister verstellt: Dass gerade kleine Betriebe, die nicht auf dem Weltmarkt mitspielen können – weil, wie Glos richtig erkennt, nur „wenige Unternehmen … ihre Produktion nach Tschechien oder sogar China verlagern“ können -, dass also gerade diese kleinen Unternehmer, die auf die Nachfrage auf dem Binnenmarkt angewiesen sind, ihre Angebote wieder besser absetzen könnten, wenn wieder mehr Arbeitnehmer es sich mit ihren Löhnen leisten könnten, solche Angebote auch zu kaufen – diese Gesamtsicht auf die Dinge lässt das flache Weltbild unseres „Wirtschafts“-Ministers nicht zu.

„Schwarzarbeit und Scheinselbstständigkeit sind die Kehrseite von Mindestlöhnen“ meint unser „Wirtschafts“-Minister, denn „die Kunden brauchen gar nicht ins Ausland zu reisen, wenn der befreundete Friseur um die Ecke wohnt und die Haare zu Hause schneidet.“ Der Gedanke, dass die Mitarbeiter seiner Getreidemühle wieder ganz normal in den Laden des „befreundeten Friseurs“ kommen würden, wenn sie wieder einen Lohn bekämen, mit dem sie den (nötigen) Haarschnitt auch bezahlen könnten, kommt in der Halbwelt-Sicht von Michael Glos nicht mehr auf.
Und genauso wenig findet dort die Vorstellung Platz, dass die Menschen es einfach nicht mehr hinnehmen wollen, dass der Lohn ihrer Arbeit zum Leben nicht reicht und gleichzeitig die Firmengewinne explodieren und die Manager und Aktionäre sich die Taschen voll stopfen, während ihnen ein Mindestlohn versagt wird.

P.S.: Es erstaunt nicht weiter, dass die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ dieser Weltsicht unseres „Wirtschafts“-Ministers mit einer Extra-Meldung vom 23.2.07 wohlgefällig zustimmt.

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