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7. Dezember 2016
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Darf man von Gleichschaltung der Medien sprechen? Und davon, dass die Demokratie höchst gefährdet ist?

Veröffentlicht in: Aktuelles, Erosion der Demokratie, Medien und Medienanalyse, Strategien der Meinungsmache

In einem Beitrag für die Wochenzeitung „Kontext“ hatte ich Anfang April im Blick auf das Netz von US-nahen Medienvertretern in Deutschland davon geschrieben, wir hätten es hier „mit einem gut ausgeklügelten System der Gleichschaltung zu tun“. Siehe auch die Beiträge in den NDS hier und hier. Daraufhin hat sich der frühere Stuttgarter FR-Korrespondent Peter Henkel mit einer Mail bei mir beklagt. Henkel hält die Verwendung des Begriffs Gleichschaltung für eine Beleidigung; Henkel meint, wir würden in den NachDenkSeiten dramatisieren, wir würden die Arbeit der Journalisten und Medien viel zu kritisch sehen. Und wenn ich schreibe, was sich bei uns an Manipulation abspiele, ruiniere den Rest an Demokratie, den wir noch haben, dann sei dies „ödester Stammtisch“ und „paranoid“. Und wenn ich schreibe, „die Oberen bestimmen mit Meinungsmache, wo es langgehen soll“, dann sei das eine „konspirative Scheindiagnose“. Albrecht Müller.

Da es hier um ein zentrales Thema der NachDenkSeiten und auch meiner Arbeit als Autor („Meinungsmache“, „Die Reformlüge“, „Von der Parteiendemokratie zur Mediendemokratie“) geht, veröffentlichen wir den Text der Mail/des Briefes von Peter Henkel wie auch meine Antwort in der Form eines Artikels zum Thema. Da es um ein grundlegenderes Problem geht, ist der Text lang geworden. Pardon.

Den Brief Henkels vom 12. April finden Sie im Anhang. Wir veröffentlichen ihn trotz einiger beleidigender Formulierungen. An diesem Dokument wird sichtbar, wie unkritisch und weltfremd selbst früher einmal ehrenwert kritische Journalisten geworden sind. Henkels Empörung bestätigt die Feststellung von Gabriele Krone-Schmalz in ihrem Interview mit ZAPP vom 16.4. 2014. Sie meinte damals, es grenze an Selbstmord, wenn man als Journalistin oder Journalist Kollegen kritisiere.
Die Erfahrung von Frau Krone-Schmalz machen wir NachDenkSeiten Redakteure oft. Zwar profitieren viele Journalisten von unserer Arbeit. So ist sie auch angelegt. Aber viele ärgern sich auch und fühlen sich wie Peter Henkel schlecht behandelt. Ich habe das vor vier Jahren, am 30. April 2010, geballt erlebt, als ich vor einem Kreis von Medienwissenschaftlern, Medienjournalisten, Chefredakteuren und anderen wichtigen Journalisten unter anderem über Kampagnenjournalismus sprach.

  1. Gleichschaltung – ein unpassender Begriff für eine zu beobachtende Entwicklung?

    Was kundige und aufmerksame Beobachter quasi jeden Tag aufwühlt, das lässt die offensichtlich abgebrühten Journalisten vom Schlage eines Peter Henkel kalt:
    Wenn ich zum Beispiel des Abends im Heute Journal Claus Kleber über den Ukraine-Konflikt moderieren höre und sehe, wenn ich eine halbe Stunde später den Tagesthemen-Moderator Thomas Roth verfolge, dann kann ich Gleichschaltung am lebenden Objekt studieren: Der Russe ist das böse, der Westen ist das gute. Das Schema liegt fest. Und nicht nur bei diesen öffentlich-rechtlichen Sendern, sondern auch beim Gros der anderen Medien. Was nicht in dieses Schema passt, wird weggelassen. So zum Beispiel Informationen über das Engagement der USA in der Ukraine mit 5 Milliarden $ und mit Militär und die Promotion des jetzigen Ministerpräsidenten durch die USA. Das Böse in Moskau wird mit Hähme überzogen. Nicht berichtet wurde und wird vieles, was darauf hindeutet, dass die neue Konfrontation zwischen Ost und West von westlicher Seite angetrieben worden ist. Gabriele Krone-Schmalz berichtete in dem verlinkten Interview von einem solchen Fall: dem Verschweigen der im Assoziierungsvertrag der EU mit der Ukraine vorgesehenen militärischen Zusammenarbeit. Davon wurde in westlichen Medien kaum berichtet, weil dies die übliche Zuordnung von gut und böse erschwert hätte.

    Nie würden wir behaupten und haben wir behauptet, es gäbe keine kritischen Stimmen unter deutschen und ausländischen Journalisten. Von ihnen und ihren oft großartigen Leistungen berichten wir in den Hinweisen des Tages und auch in gesonderten Artikeln der NachDenkSeiten regelmäßig, eigentlich täglich. Vor den Journalistinnen und Journalisten, die den Mut haben, gegen die von ihren Kollegen nachvollzogene große Linie anzuschreiben und anzusprechen, ziehen wir den Hut. Deshalb trifft uns der Vorwurf von Henkel, wir würden die Journalisten beleidigen, nicht.

  2. Der Kern unserer Kritik an den Medien

    Der Kern dessen, was wir beobachten und beschreiben, ist folgender: Bei vielen wichtigen Fragen unserer Zeit in der Außen- und Sicherheitspolitik wie auch in der Innen-, Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik gibt es eine große Linie, für deren Penetration das große Heer der Journalistinnen und Journalisten schreiben und senden, und dann gibt es einige aufmerksame kritische Kolleginnen und Kollegen, die gegen den Strom schwimmen. Ihnen verdanken wir viel. Aber oft sind sie wie wir, die NachDenkSeiten selbst, auch nur eine Art Alibi für den angeblich demokratischen Disput. Und viele Journalistinnen und Journalisten der gerade von Henkel genannten und bewunderten Medien wie die Frankfurter Rundschau, Panorama, TAZ und Süddeutsche Zeitung dienen leider der Erhöhung der Glaubwürdigkeit des Mainstreams in ihren eigenen Blättern und Sendern. Peter Henkel lebt offenbar so weit weg von der Wirklichkeit, dass er diesen Mechanismus schon gar nicht mehr wahrnimmt oder versteht.

    Ich bestreite nicht, dass man darüber streiten kann, ob man die skizzierte Realität mit dem Begriff Gleichschaltung richtig erfasst und ob dies statthaft ist. Ich für mich habe entschieden, dass ich einen Begriff, der trifft, nicht schon deshalb nicht gebrauche, weil er zur Kennzeichnung der Verhältnisse bei „Goebbels und Honecker“ – so die von Henkel gewählte gleichschaltende Formulierung – gebraucht wird. – Aber ich gestehe gerne zu, dass ich niemandem den Gebrauch dieses Begriffes aufzwingen will und auch gar nicht anrate. Ich gebrauche diesen Begriff, weil er die Verhältnisse hierzulande wie auch in anderen Teilen des Westens – und des Ostens sowieso – trifft.

  3. Vierzehn beispielhafte Fälle nahezu perfekt gelungener Gleichschaltung
    1. Nahezu alle Medienmacher sprechen von Reformen, wenn sie Veränderungen zulasten der sozialen Sicherheit, der Sozialstaatlichkeit und der großen Mehrheit der Menschen kennzeichnen und beschreiben wollen. Reformen sind die Veränderungen, die die Agenda 2010 für uns gebracht hat, Reformen ist das, was die europäische Union, der Internationale Währungsfonds und die Weltbank den Völkern Italiens, Spaniens, Griechenlands und Portugals aufgezwungen hat und aufzwingt. Damit ist in den letzten 40 Jahren eine nahezu totale Neudefinition dieses ehedem schönen Begriffes „Reformen“ gelungen. Der gute Klang dieses Begriffes wird heute missbraucht und dies in einem atemberaubenden Gleichklang.
    2. Nahezu alle Medienmacher nennen die Finanzkrise heute Staatsschuldenkrise. Uie sind damit das Opfer jener Spekulanten und Banken geworden, die die Verantwortung für die Krise von 2007, 2008 und 2009 von den Spekulanten ablenken und den Staaten zuschieben wollen.
    3. Nahezu alle Medienmacher haben 2007 und 2008 unkritisch die Parole der Bundesregierung und der Finanzwirtschaft übernommen, jede Bank sei systemrelevant. Diese Gleichschaltung kostet uns Steuerzahler vermutlich weit über 100 Milliarden €.
    4. Nahezu alle Medienmacher sprechen von Sparen, wenn sie Austerität, also das Sparenwollen meinen und zugleich darauf verzichten, den Spar-Erfolg überhaupt zu prüfen, geschweige denn zu messen.
    5. Nahezu alle Medienmacher, fast 100 %, halten bzw. hielten die Privatisierung der Altersvorsorge für notwendig, um damit dem demographischen Wandel gerecht zu werden und zu begegnen. Kleinlaut rücken sie neuerdings von ihrem jahrelang verbreiteten Glauben an die Privatvorsorge ab. Kleinlaut und zögerlich, weil es immer peinlicher wird, die von Unsicherheit und hohen Betriebs- und Vertriebskosten charakterisierte Riester-Rente hochzuhalten. Dem Kritiker Henkel wäre anzuraten, sich das Thema Demographie und Altersvorsorge genau anzuschauen. Hier könnte er vieles lernen, beispielsweise über das Zusammenspiel von „Wissenschaft“, Versicherungswirtschaft, Politik und Medien beim (gelungenen) Versuch der Erosion der Leistungsfähigkeit der gesetzlichen Rente. An diesem Beispiel könnten wir ihm auch zeigen, dass es Gleichschaltung und kritischen Journalismus nebeneinander gibt und dass wir von den NachDenkSeiten immer wieder versuchen, den kritischen Journalisten Gehör zu verschaffen. Im konkreten Fall hat Henkels Stuttgarter Landsmann Dietrich Kraus zusammen mit dem Journalisten Ingo Blank ein Leuchtfeuer des kritischen Journalismus gezündet, den Fernsehfilm „Rentenangst“. Vermutlich gibt es kein anderes Medium, das so oft wie die NachDenkSeiten auf diese großartige Dokumentation hingewiesen hat. Aber auch dieses Werk kritischen Journalismus konnte nicht verhindern, dass bei uns die Leistungsfähigkeit der gesetzlichen Rente ruiniert worden ist und Milliarden in die Privatvorsorge gesteckt worden sind und werden – weil die Gleichschaltung der Mehrheit der Medien funktioniert hat und die Szene beherrschte.
    6. Nahezu alle Medienmacher haben uns verschwiegen, dass der Wiederaufbau eines Ost-West-Konfliktes dem widersprach und widerspricht, was Westen und Osten sich 1990 zugesichert haben: den Abbau der Konfrontation und den Aufbau von Zusammenarbeit und Freundschaft auf allen Gebieten.
    7. Nahezu alle Medien in Deutschland haben applaudiert, als der Bundespräsident, die Bundesverteidigungsministerin und der Bundesaußenminister im Umfeld der Sicherheitskonferenz in München Ende Januar/Anfang Februar 2014 quasi gleich lautend verkündeten, die Bundesrepublik müsse mehr Verantwortung im internationalen Bereich übernehmen, auch militärische.
    8. Nahezu alle Medien haben uns erzählt, niedrige Löhne und niedrige Lohnnebenkosten seien wichtig. Jetzt stehen sie mit staunenden Augen vor dem Desaster, dass sich die Leistungsbilanzen der Völker Europas wegen dieser falschen Lohnpolitik gefährlich auseinander entwickelt haben.
    9. Nahezu alle Medienmacher haben eine große Sympathie für die europäische Union und sehen der Brüsseler Kommission quasi alles nach, was sie an Unbill in Europa anrichtet, weil sie von einer Ideologie und nicht von einer pragmatischen Politik zum Wohle Europas angetrieben wird.
    10. Nahezu alle Medien haben jahrelang verkündet, Pisa sei eine quasi objektive Messung der Bildungsunterschiede und der Ursachen dieser Unterschiede. Wer dagegen anging, wer bezweifelte, was der OECD-Beauftragte Schleicher in Deutschland verkündete, war ein einsamer Stänkerer.
    11. Nahezu alle Medienmacher bewundern im Schulterschluss mit Angela Merkel und Wolfgang Schäuble unsere Exportüberschüsse. Sie sehen nicht, dass Exportüberschüsse ein Verzicht auf Wohlstand darstellen und dass sie außerdem anderen Ländern unendlich viele Probleme bringen. Wir erleben gerade in der Ökonomie eine Gleichschaltung auf einem wahrlich niedrigen Niveau ökonomischen Verständnisses.
    12. Nahezu alle Medienmacher reden von großem Wachstum und von einem deutlichen Anziehen der Konjunktur und des Konsums, wenn vom Statistischen Bundesamt oder von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) auch nur kleine Veränderungen gemeldet werden. So wird auch heute wieder eine Veränderung des Bruttoinlandsproduktes von 0,4 % im vierten Quartal des Jahres 2013 auf 0,8 % im ersten Quartal des Jahres 2014 aufgeblasen: „Wirtschaftswachstum in Deutschland verdoppelt sich“, meldete SpiegelOnline. Dass die berichteten Veränderungen im Bereich von Fehlergrenzen liegen können und dass das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes im Jahresvergleich mit 2,5 % ausgesprochen bescheiden ist, stört bei der Verkündung der gleichgeschalteten Botschaft „uns allen geht es gut“ nicht.
    13. Nahezu alle Medienmacher reagieren geplant und aggressiv auf eine mögliche politische Alternative zur konservativen Regierung, im konkreten Fall auf eine Alternative zu Frau Merkel. Rot-Rot-Grün wird systematisch bekämpft. Das beste Beispiel: die Verhinderung eines Regierungswechsels in Hessen unter der Führung von Andrea Ypsilanti. Damals traten die Bild-Zeitung und der Spiegel/Spiegel online gemeinsam an, unterstützt vom rechten Flügel der SPD und seinen Förderern bei der CDU sowie interessierten Gewerkschaftern. Peter Henkel hat ja sicher noch gute Kontakte nach Frankfurt. Unser Tipp: Recherchieren Sie doch mal, welche Rolle die genannten Medien im Zusammenspiel mit der CDU Führung Hessens, den rechten Sozialdemokraten und Chemiegewerkschaftern gespielt haben, um den Einfluss des Schwaben Hermann Scheer auf die Umweltpolitik des Landes Hessen zu stoppen. Sie könnten dabei lernen, wie gleichgeschaltet und mit welchen Methoden die Verhinderung einer politischen Alternative hierzulande abläuft.
    14. Überhaupt: das TINA-Prinzip. Zu behaupten und diesen Glauben durchzusetzen, es gäbe keine Alternative zur herrschenden neoliberalen Ideologie, ist ohne weit gehende Gleichschaltung nicht denkbar.

    Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Durchgehend gilt dabei: es hat sich eine Mehrheitswillensbildung als quasi Mehrheitsmeinung durchgesetzt. Und selbst da, wo die Vertreter der Mehrheitsmeinung, aus meiner Sicht der gleich geschalteten Mehrheitsmeinung, zugeben müssen, dass sie sich unendlich vertan haben, geschieht dies nicht in demokratischer Freimut, sondern in einer unendlichen Herumdruckserei:
    PISA ist sogar in bürgerlichen Kreisen zur Lachnummer geworden, ein paar Leute mehr haben erkannt, dass Exportüberschüsse nicht das Gelbe vom Ei sind, selbst die OECD bemerkt inzwischen, dass Reformen zulasten der Mehrheit nicht gerade angebracht sind; die Risiken und die mangelnde Rentabilität der Privatvorsorge nach dem Modell der Riester-Rente sehen inzwischen ein paar mehr Leute als noch vor zwei Jahren. – Also ein bisschen etwas ist gelernt geworden. Aber die Gleichschaltung ist stärker. Zur grundlegenden Revision der Politik kommt es nicht.

  4. Gleichschaltung kann von oben kommen und auch selbst gemacht werden.

    Die Beeinflussung der Medien läuft heute auf subtilere Weise und mit anderen Methoden als bei Goebbels und auch bei Honecker. Und die Akteure der Beeinflussung sind nicht zentralisiert. Und die Grenzen zwischen Beeinflussung und „Einsicht“ bzw. Fügung sind fließend.
    Es folgen ein paar praktische Beispiele für die Methoden der Beeinflussung:

    1. Personalpolitik. Selbst politisch blinden Beobachtern fällt inzwischen auf, wie professionell Angela Merkel und ihre CDU nicht nur in privaten Medien sondern in den öffentlich-rechtlichen, beispielsweise beim ZDF, Personalpolitik gemacht haben. Die der Union nahestehenden Medienkonzerne haben das in ihrem Bereich inzwischen ähnlich besorgt. Chefredakteure sind heute weit mehr als zu Henkels Glanzzeiten als Korrespondent der FR auf Linie gebracht. – Zur Personalpolitik könnte man auch noch das Eingreifen von Schlägertrupps zum Zwecke der Beseitigung des Chefs des ukrainischen Fernsehens aus dem Amt zählen. Bei uns geht das um vieles subtiler und friedlicher vor sich.
    2. Der Einsatz von Spindoktoren. Das gab es zwar immer schon aber um vieles weniger ausgeprägt als heute.
    3. Gespräche der Regierungsspitze mit Chefredakteuren. Das beste Beispiel dafür war die Verständigung darauf, dass in Deutschland alle Banken systemrelevant seien. Das ist im Oktober 2008 von Angela Merkel und ihrem damaligen Finanzminister Steinbrück im Gespräch mit den wichtigsten Chefredakteuren arrangiert worden.
    4. Freundschaftsbünde, im konkreten Fall Frauenbünde. Angela Merkel pflegt die Freundschaften mit Friede Springer, Liz Mohn von Bertelsmann, Alice Schwarzer von Emma. Damit erfasst sie schon ein weites Feld der deutschen Medien.
    5. Public Relations oder Die Rolle von PR und die Naivität des Journalisten vom Typ Henkel. Der frühere Korrespondent der Frankfurter Rundschau Peter Henkel schreibt so, als gäbe es Public Relations nicht. Dabei wissen wir, dass die bezahlte PR heute die Print- und die elektronischen Medien wesentlich beeinflussen. Wahrscheinlich will der frühere Stuttgarter FR-Korrespondent Henkel auch nicht wissen, inwieweit sein Blatt schon vor 45 Jahren von Public Relations beeinflusst war. Der Zufall will es, dass ich damals, 1969, vom Bonner Wirtschaftskorrespondenten seines Blattes erfuhr, dass das Schreiben von Artikeln und Kommentaren für die Frankfurter Rundschau und die anderen Blätter nur den geringeren Teil des Einkommens ausmachte. Mehr lief bei vielen Wirtschaftskorrespondenten über Texte für Broschüren und Jahresberichte für Verbände und große Unternehmen und auch das Bundespresseamt. Über den Sparkassenverband zum Beispiel las man deshalb wenig Kritisches in den Blättern dieser Kollegen. – Es gibt unendlich viele Fälle von Public-Relations-Kampagnen, die die Politik bestimmten bzw. schmierten. So zum Beispiel die von Public Relations Agenturen gefertigten Filme über angebliche Vergehen irakischer Soldaten an Neugeborenen in Kuwait. Damit wurde der erste Irakkrieg in den USA innenpolitisch abgesichert. Der Eintritt Deutschlands in den Kosovo Krieg wurde bei uns mit einer wahren Orgie von Medienauftritten des damaligen deutschen Verteidigungsministers Rudolf Scharping und des NATO-Sprechers Shea begleitet.

      Der ehemalige Korrespondent der Frankfurter Rundschau Henkel hat offenbar nicht wahrgenommen, dass Honeckers Machtapparat zum einen oder zum andern das PR-Geld und die PR-Aktivitäten der Finanzwirtschaft, der Verbände, der Bundesbank, der NATO oder der EU in der Wirkung das Gleiche, in den Methoden formal unterschiedlich sind. Mit Wirkung ist gemeint, dass diese verschiedenen Interessen mit ihren Methoden die veröffentlichte Meinung, Teile der öffentlichen Meinung und damit auch die politischen Entscheidungen weit gehend bestimmen können.

    6. Begleitende Werbemittel machen Meinung. Beispielhaft dafür war eine massive Kampagne der Versicherungswirtschaft und der Banken für die kommerzielle Gesundheits- und Altersvorsorge im Wahlkampf 1998. Die Finanzwirtschaft hat soviel Geld ausgegeben, dass Medienkonzerne davon beeindruckt sein mussten, jedenfalls damals schon eine Beißhemmung lernten im Umgang mit der Propaganda für die Privatvorsorge. – Ähnliches ist zeitlich parallel auch mit der Werbung für das Engagement einer breiteren Öffentlichkeit in Aktien und an den Börsen passiert. Die Finanzwirtschaft hat damals massiv für den Aktienkauf geworben, unterstützt von einzelnen Aktionen der an die Börse gehenden Unternehmen. Typisch und begleitet von verlustreicher Erfahrung von begeisterten Aktienkäufern war die Kampagne zur Privatisierung der Telekom mit dem Schauspieler Krug. Der Hype um die angebliche New Economy hatte die Dimension und den Charakter einer Gleichschaltung. Selbst im privaten Bereich musste man sich rechtfertigen, wenn man den Wahnsinn des Aktienkaufs nicht mitgemacht hat.
    7. Netze von unter Einfluss stehenden Journalisten, konkret unter dem Einfluss der USA. Davon hatten wir in den NachDenkSeiten auf der Basis der Studien von Uwe Krüger berichtet. Siehe dazu die schon zuvor genannten Links hier und hier. Das Netz hält. Die Mehrheit der deutschen Medien berichtet zum Beispiel auch vier Tage nach Bekanntwerden der Information, dass der ehemalige amerikanische Präsident Nixon und sein Sicherheitsberater Kissinger Willy Brandt 1973 den Tod gewünscht haben (Siehe die Meldung im Spiegel [PDF – 479 KB]), nicht über diesen Vorgang, obwohl er eigentlich sehr aktuell wäre: So geht die politische Führung in den USA mit Politikern befreundeter Länder um, die ihnen nicht passen.
    8. Gleichschaltung durch Gruppenzugehörigkeit. Die führenden Journalistinnen und Journalisten, die Talkmaster und die Chefs der Medienkonzerne kommen inzwischen alle aus den gleichen Schichten. Das war tendenziell auch früher so, aber es gab tendenziell mehr kritischem Geist auch in den „gehobenen Ständen“. Mit wachsendem Abstand zum Zweiten Weltkrieg und der Hitler Diktatur hat die radikal demokratische und kriegsfeindliche Grundeinstellung mancher aus diesen Kreisen abgenommen. Die Gruppenzugehörigkeit und die Interessen der Gruppe, der Oberschicht, schlagen deshalb mehr zu Buche. Die Arbeitnehmerschaft und ihre betriebliche Realität kommen in den deutschen Medien nur noch wenig vor. Auch das ist eine Art von Gleichschaltung, eben die Konzentration auf die Interessen der Eliten und der „gehobenen Schichten“. Gerade die Frankfurter Rundschau hat übrigens früher Wesentliches zur besseren Kenntnis der betrieblichen Wirklichkeit aus der Sicht von Lohnabhängigen und Gewerkschaften geleistet. Fehlt dem Peter Henkel das heute nicht? – Richtig deprimierend finde ich die Kritik Henkels an der Erkenntnis, dass die „Oberen“ mit Meinungsmache bestimmen können, wo es politisch langgehen soll. Das ist eine so fundamentale Erkenntnis der heutigen Realität, dass einem wirklich Zweifel kommen, ob der Peter Henkel noch willens ist, die Wirklichkeit wahrzunehmen.

    An den genannten Beispielen wurde sichtbar, wie vielfältig die Methoden der Einflussnahme sind, und es wurde auch sichtbar, dass vieles ohne Kommando und ohne permanente Steuerung abläuft.

  5. Noch etwas bleibt anzumerken: Die Gleichschaltung ist nie total. In den meisten Fällen reicht es zur Durchsetzung von wirtschaftlichen und politischen Interessen, wenn die dafür nützliche Meinungsbildung vorherrschend ist und die kritische Begleitung quasi zum Zierrat wird.
  6. Beneidenswerter Peter Henkel

    Ihm ist es gelungen, von wesentlichen Veränderungen, die an der Substanz unserer Demokratie zehren, nicht bedrängt worden zu sein:

    • Nicht von der Konzentration der Medien,
    • nicht von den vielen Monopolstrukturen in großen Regionen unserer Republik, Vielfalt ist der Einfalt gewichen,
    • nicht von der Kommerzialisierung der elektronischen Medien und der Auswirkung der Kommerzialisierung auf die öffentlich-rechtlichen Medien,
    • nicht von der weitgehenden Vermischung der Richtung von ehedem konservativ geprägten Medienkonzernen wie etwa Springer und Bauer und den ehedem linksliberal geprägten wie Spiegel, Zeit, Süddeutscher Zeitung, Stern und anderen Gruner+Jahr-Medien etc.,
    • nicht von PR,
    • und nicht vom Verlust an kritischer Substanz in den Reihen seiner Kolleginnen und Kollegen.

    Die beneidenswerte Fähigkeit zur selektiven Wahrnehmung macht die Debatte mit Peter Henkel schwierig. Wenn ein Journalist nicht einmal den Verlust an kritischen Medien und an ihrer Distanz zum politischen Geschehen wahrnimmt, wenn er Sorgen um die demokratische Willensbildung so abkanzelt, wie Peter Henkel das tut, dann kann man sich mit ihm nur schwer verständigen. Das ist schade, aber offenbar die Wirklichkeit.

Anhang:
Brief von Peter Henkel vom 12.4.2014 an Albrecht Müller:

peter henkel
stuttgart

Lieber Albrecht Müller,

vielleicht erinnern Sie sich noch an den einstigen Korrespondenten der Frankfurter Rundschau. Auch wenn nicht, möchte ich mich mit einer wahrscheinlich nicht sehr aussichtsreichen, aber doch dringenden Bitte an Sie wenden. Dies in dem Bewusstsein, dass Sie und die nachdenkseiten alles in allem eine wichtige und wertvolle Stimme in unserer Medienlandschaft sind.

Anlass meiner Bitte sind Ihr jüngster Artikel in kontext und Ihre einschlägigen Betrachtungen zu den Medien auf den nds. Lieber Herr Müller, was Sie da schreiben, ist im Kern falsch. Und es befördert diese fatale Medienphobie, der man auf Schritt und Tritt begegnet und die bei vielen Zeitgenossen längst mit einer irrationalen Politik- und Demokratieverachtung einhergeht.

Scharf formuliert ließe sich auch sagen: Sie selber verkörpern diese Phobie. Denn Sie halten es leider für angemessen, von einem „ausgeklügelten System der Gleichschaltung“ zu schreiben. Das ist abwegig. Der linke Sektor ist unterbesetzt, das ist leider wahr; aber was hat das mit Gleichschaltung zu tun? Sie ziehen sich unvermeidlich den Vorwurf zu, gewollt oder fahrlässig Parallelen heraufzubeschwören, die keine sind. Die Letzten, die mediale Gleischschaltung in Deutschland organisierten, waren Goebbels und Honecker – warum, lieber Herr Müller, belegen Sie unsere heutigen medialen Zustände mit einem Begriff für Verhältnisse, in denen es tatsächlich nur uniforme Meinungen und Nachrichten gibt, d.h. Abweichungen von der vorgegebenen engen Linie von vornherein unmöglich gemacht oder bestraft werden? Wollen Sie denn ernsthaft behaupten, wir hätten solche Verhältnisse, trotz nds und taz und frontal 21 und Panorama und Blätter für deutsche und internationale Politik und Süddeutsche Zeitung (ja, auch die gehört hierher) und Frankfurter Rundschau und Urban Priol und den Stammplätzen, die Gysi und Wagenknecht und Dirk Müller in Talkshows vor einem Millionenpublikum innehaben?

Und weil zur Gleichschaltung zwei Seiten gehören – die, die sie verordnen, und die, die sie mit sich machen lassen -, nenne ich diesen Begriff eine ebenso haltlose wie unverschämte Beleidigung von einigen tausend journalisten ist, die diesen abwegigen und ehrabschneidenden Vorwurf nicht verdient haben. ein vorwurf übrigens, der so tut, als seien Menschen (und speziell Journalisten) mit anderen Ansichten als den eigenen schon deshalb wahlweise entweder dumm oder korrupt oder beides. So zeigen sich Blindheit und Hybris.

Ihre dramatiserenden und generalisierenden Texte, lieber Albrecht Müller, leisten keineswegs durchgängig Erhellendes, sondern zu oft das Gegenteil: Wenn sie verfinsternde Fantasien befeuern. „Konservative Denkfabriken mit angeschlosssenen Medien“ – „die Oberen bestimmen mit Meinungsmache, wo es langgehen soll“ – das sind Beispiele für konspirative Scheindiagnosen, deren Entlarvungsinteresse alles andere übersteigt. Und keinen erkennbaren Wert mehr darauf legen, dem beurteilten Gegenstand leidlich gerecht zu werden. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass es Situationen und Vorgänge gibt, auf die Ihre Beschreibung mehr oder weniger zutrifft. Nur machen Sie daraus einen riesigen Wandteppich. Vor ihm versammeln sich in freudiger Erregung alle, die schon immer gewusst haben, dass deutsche Redaktionsstuben ein Exerzierplatz sind für Opportunisten, Heuchler, Schleimschreiber und gekaufte Kriegstreiber, die von morgens bis abend schwindeln, unterdrücken und manipulieren.

Diesem Irrsinn, lieber Herr Müller, liefern Sie Nahrung. Und ganz nebenbei selber einen klaren Fall von Manipulation. Es gebe da, schreiben Sie, eine „Meldung“ der Telekom in deren Unternehmensorgan im Netz: „Wladimir Putin will auch Finnland und Georgien annektieren.“ Womit Sie, lieber Herr Müller, ja zeigen wollen, welche Propagandalügen über Putin in Umlauf gesetzt werden. Was aber steht dort tatsächlich? Die Dachzeile lautet: „Schlimme Vermutung“, und sogleich im Vorspann wird das nun Folgende als „Gedankenspiele“ eines Putin-Kritikers bezeichnet. So etwas deuten Sie um zu einer „Meldung“ der Telekom? Das ist Falschmünzerei durch das kritische medium nachdenkseiten. Was würden Sie sagen, wenn ich in einer derartigen Irreführung ein Symptom sähe von fehlender Redlichkeit und Kompetenz der nds, der Linken in der BRD überhaupt, womöglich von deren Fernsteuerung durch Moskau?

Den Vogel schießen Sie aber hiermit ab: „Was sich da abspielt, ruiniert den Rest an Demokratie, den wir noch haben.“ Das ist ödester Stammtisch ohne jedes Augenmaß und hat mit seriöser linker Kritik an den realen Zu- und Missständen der deutschen Gesellschaft von 2014 nichts mehr zu tun. Es ist, sorry, lieber Herr Müller, paranoid.

Und nun die vermutlich erfolglose Bitte: Tun Sie was gegen diese obsessive Medienverächtlichmachung, Ihre eigene wie die unzähliger Mitbürger. Sie ist in dieser oft hasserfüllten Radikalität unbegründet und auf die Dauer hochgefährlich. Wie weit sie schon gediehen ist in diesem unserem Lande, zeigen einige hundert youtube-Kommentare zu dem (wohlgemerkt: inakzeptablen) ZDF-Interview von Claus Kleber mit Joe Kaeser über dessen Besuch bei Putin. Was sich da entlädt an Brutalität, Dummheit und Uniformität, macht schaudern. Und ist eine Aufforderung (auch an Albrecht Müller), dem entgegenzutreten – es ist mindestens so alarmierend wie die Nähe einer Handvoll Journalisten zur Deutsch-Atlantischen Gesellschaft.

Mit den besten Grüßen

Ihr
Peter Henkel

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