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Offener Brief an den Chefredakteur von Tagesschau und Tagesthemen wegen der Ukraine-Berichterstattung

Veröffentlicht in: Aufbau Gegenöffentlichkeit, Medienkritik, Strategien der Meinungsmache

Der Chefredakteur von ARD-aktuell und somit auch der Tagesschau und der Tagesthemen, Dr. Kai Gniffke hat sich am 29. September 2014 um 23:57 auf dem Blog der Tagesschau mit einem kritischen und selbstkritischen Text zu den Vorwürfen des Programmbeirats der ARD und der damit ausgelösten weiteren Diskussion zu Wort gemeldet. Siehe hier und Text im Anhang. Weil dieser Disput in vielerlei Hinsicht wichtig für die demokratische Willensbildung in unserem Land wie auch für die Eindämmung des neu ausgebrochenen Ost-West-Konfliktes wichtig ist, haben die Nachdenkseiten schon mehrmals davon berichtet. Hier und hier u.a.m. Ich antworte auf den Blog-Eintrag von Dr. Kai Gniffke und werde dabei einen konkreten Vorschlag zur genaueren Beobachtung und Bewertung der weiteren Berichterstattung und Kommentierung der Öffentlich-rechtlichen Sender im Allgemeinen und der ARD im Besonderen machen. Albrecht Müller

Offener Brief an den Chefredakteur von ARD Aktuell, Dr. Kai Gniffke
30.9.2014

Sehr geehrter Herr Dr. Gniffke,

Sie haben sich am 29. September zu der Kritik an der Berichterstattung und Kommentierung der ARD geäußert. Man kann sich mit Ihrem Text sehr kritisch und distanziert auseinandersetzen, wie das heute bei Meedia geschehen ist: Dr. Kai Gniffke, die Ukraine und die Arroganz der “Tagesschau”. Ich will meine kritischen Anmerkungen mit einem konstruktiven Vorschlag verbinden. Ich tue dies auch deshalb, weil ich immer schon ein engagierter, wenn auch nüchterner Verfechter der öffentlich-rechtlichen Konstruktion der elektronischen Medien war und mich dafür auch öffentlich und intern als Leiter der Planungsabteilung Bundeskanzleramt „geschlagen“ habe. (Ich verweise dazu auf das Jahrbuch der ARD von 1994, Seite 18 folgende).

Ich kann nicht verschweigen, dass die damals vorhergesagte und jetzt eingetretene Anpassung des Öffentlich-rechtlichen Rundfunks an die kommerzielle Konkurrenz für die Sympathisanten des Öffentlich-rechtlichen Rundfunks schwer zu ertragen ist. Die einseitige Berichterstattung und Kommentierung des neu ausgebrochenen Konflikts zwischen Ost und West ist eine besonders bittere Erfahrung für Ihre Sympathisanten.

Sie haben erfreulicherweise etwas anders, weniger abwiegelnd reagiert als einige Ihrer Mitstreiter, die sich in den letzten Tagen geäußert haben. Aber auch Ihre Einlassungen lassen erkennen, dass es weiterer, auch empirisch fundierter Kommentare und Berichte zu den Sendungen geben sollte. Darauf zielt mein unten angefügter Vorschlag ab.

Vorweg aber noch ein paar Anmerkungen zu Ihrem Text:

Sie schreiben:

„Wir wollen es uns nicht zu einfach machen und alles als gesteuerte Kampagnen und Spielwiese für Verschwörungstheoretiker abtun (obwohl das zum Teil der Fall ist).“

Merken Sie nicht, dass diese Formulierung unterschwellig eine bösartige Attacke darstellt? Nicht alles, was an Kritik an der Ukraine-Berichterstattung ruchbar wurde, sei gesteuert. Wir von den Nachdenkseiten wie auch die älteren Politiker Schmidt, Genscher, Kohl und Wimmer müssen Ihre Formulierung als massiven Angriff verstehen. Erlauben Sie mir, dass ich das deutlich formuliere: die Formulierung ist unverschämt. Schmidt ist nicht gesteuert, Genscher ist nicht gesteuert, Kohl ist nicht gesteuert, die Herausgeber und Mitarbeiter der Nachdenkseiten sind noch von keinem einzigen Russen kontaktiert worden, und schon gar nicht gesteuert oder bezahlt.

Sie schreiben:

„Die scheinbare Wiederkehr von Kaltem Krieg und Ost-West-Konflikt scheint aber die Gemüter viel stärker zu bewegen als andere Konflikte.“

Dazu ist anzumerken:

Es ist keine scheinbare Wiederkehr. Siehe die Bedeutung von scheinbar. Die oben erwähnten, früher aktiven Politiker sind in Sorge um ihr verdienstvolles Lebenswerk, weil der Kalte Krieg massiv wiedergekehrt ist. Und weil Versprechen gegenüber den Vertretern der damaligen Sowjetunion und damit auch des heutigen Russlands vom Westen gebrochen worden sind. Darauf gehen Sie in Ihrem Text vernünftigerweise ein.

Die ältere Generation weiß noch, wie der Kalte Krieg aussieht und wie gefährlich er sich zum konkreten militärischen Konflikt ausweiten kann. Es wäre gut, man würde diese Erfahrungen beachten und nicht leichtfertig über die Sorgen hinweggehen. Das geschieht sehr oft in den Sendungen der Öffentlich-rechtlichen Sender (wie der kommerziellen Sender sowieso).

Sie schreiben:

„Wir widersprechen aber ganz energisch den Vorwürfen einer gezielten Desinformation oder beabsichtigten Manipulation von Informationen in der Tagesschau. Wir haben stets nach bestem Wissen und Gewissen sowie sorgfältiger Recherche berichtet. Es gibt keinen Grund, sich für Fehler zu entschuldigen oder in der Berichterstattung nun gar “gegenzusteuern”. …

Vielleicht haben wir die russischen Interessen zu wenig für den deutschen Zuschauer “übersetzt”. Wir hätten evtl. die NATO-Position noch kritischer hinterfragen können.“

Dazu ist anzumerken:

Sie gehen, siehe oben, davon aus, dass Teile der Kritik an der ARD und anderen Medien gesteuert sei, von der Regierung Russlands direkt oder über Public-Relations-Agenturen. Dass das für manche Veröffentlichungen zutrifft, nehme auch ich an. Aber Sie unterstellen, dass es diesen Public Relations-Einfluss von westlicher Seite, also von den USA, der NATO, der Europäischen Union und einzelnen westlichen Regierungen nicht gäbe; Sie nehmen offenbar an, dass es unter Ihren Kolleginnen und Kollegen keine gibt, die offen sind für die gezielte Desinformation und Manipulation von Informationen? Verzeihen Sie, das ist unglaublich blauäugig. Ihre Kolleginnen und Kollegen haben nicht alle nach bestem Wissen und Gewissen sowie nach sorgfältiger Recherche berichtet. Einige sind zu sehr eingebunden in die Beziehungsgeflechte und Netze, die die genannten Einrichtungen und Regierungen geflochten haben.

Vielleicht sollten Sie sich einmal Vorgänger der jetzigen PR-Arbeit und ihren Niederschlag in Berichterstattung und Kommentierung zum Konflikt zwischen Russland und dem Westen anschauen. Lassen Sie sich dazu einfach einmal eine Woche Berichterstattung und Kommentierung zum Kosovo-Krieg von 1999 auf den Bildschirm laden. Dann werden Sie das „evtl.“ in Ihrer Einlassung zur NATO-Position sofort streichen wollen.

Damit bin ich auch noch bei einigen Defiziten der Berichterstattung, der Recherche und der Kommentierung durch die ARD wie auch das ZDF:

  • Sie berichten leider nie – von winzigen Ausnahmen abgesehen – über die Netze und Beziehungsstrukturen zwischen Politik, Publizistik und Wissenschaft.
  • Sie sind ausgesprochen freundlich mit den Positionen und Positionsänderungen der herrschenden Parteien umgegangen. Haben Sie irgendwann die Bundeskanzlerin ernsthaft mit den Sorgen ihres Vorgängers Helmut Kohl konfrontiert? Haben Sie irgendwann den Bundesaußenminister von der SPD und den SPD-Vorsitzenden mit den Einsichten ihrer Partei, der SPD, konfrontiert, die im Berliner Programm von Dezember 1989 festgeschrieben sind, nämlich deren Willen zum Ende der Blockkonfrontation und dem Abbau der Blöcke einschließlich der NATO?
  • Ist irgendwo in den Sendungen der ARD und des ZDF die Politik der Sanktionen konfrontiert worden mit den früheren und nicht veralteten Einsichten, dass man in Konfliktsituationen Vertrauen bilden muss statt die Eskalation anzuheizen? Vertrauensbildende Maßnahmen, Gewaltverzicht, Strukturen gemeinsamer Sicherheit – das sind doch keine vergangenen Erkenntnisse. Wenn Ihre Redaktionen nach bestem Wissen und Gewissen vorgegangen wären, dann hätten sie diese Einsichten zur Debatte gestellt und hätten die heutigen Politiker damit konfrontiert.

Es fehlt bei den öffentlich-rechtlichen der kritische Biss.

Sie schreiben:

„Vor allem aber haben wir uns heute eines vorgenommen: Wir werden auch künftig Kritik nicht einfach an uns abtropfen lassen, sondern uns immer wieder prüfen, ob wir richtig liegen.“

An dieser Einsicht setzt mein Vorschlag an. Wir würden Ihnen gerne bei dieser Prüfung helfen:

Die Nachdenkseiten könnten, möglicherweise in Kooperation mit anderen kritischen Medien, einen Kreis von medienwissenschaftlich trainierten Beobachtern zusammen holen. Diese würden auf absehbare Zeit Tagesschau, Tagesthemen, Brennpunkte, Talkshows und andere einschlägige Sendungen beobachten und umgehend eine Kurzanalyse und Beschreibung schreiben.

Diese Analysen würden Ihnen zur Verfügung stehen und auf Ihrem Blog und bei den Nachdenkseiten (und eventuell anderen Medien) veröffentlicht. Die Veröffentlichung wäre allerdings nicht zwingend. Der interne Lerneffekt wäre das eigentlich wichtige Ereignis.

Aus eigener Kraft würden wir diese Beobachtung und Analysen nur schwer finanzieren können. Ich denke jedoch, dass es im Interesse der ARD läge, ein solches Unternehmen finanziell zu fördern. Es wäre vermutlich ein wichtiger Beitrag zur Förderung des Ansehens des Ersten.

Mit freundlichen Grüßen

Albrecht Müller

Herausgeber von www.nachdenkseiten.de


Anhang für NachDenkSeiten Leserinnen und Leser:

ARD-aktuell
29. September 2014
Von Dr. Kai Gniffke

Zwischenbilanz: Der Ukraine-Konflikt in der Tagesschau

Der Ukraine-Konflikt ist längst nicht beigelegt. Aber der Krieg in Syrien und Irak sowie die Bombardements gegen den “Islamischen Staat” haben dem osteuropäischen Konfliktherd in den Nachrichten wieder den Rang abgelaufen. Der Pulverdampf über der Ukraine hat sich erst einmal verzogen. Und allmählich auch der Pulverdampf der emotionsgeladenen Diskussion über die Ukraine-Berichterstattung. Für unsere Redaktion heute Gelegenheit für eine Zwischenbilanz.

Mit rund 30 Redakteurinnen und Redakteuren haben wir uns heute morgen zusammengesetzt, um die Kritik von Nutzern, Zuschauern und Aufsichtsgremien zu diskutieren. Die Kritik an unserer Ukraine-Berichterstattung hat ein Echo von bislang ungekanntem Ausmaß hervorgerufen. Wir wollen es uns nicht zu einfach machen und alles als gesteuerte Kampagnen und Spielwiese für Verschwörungstheoretiker abtun (obwohl das zum Teil der Fall ist). Die scheinbare Wiederkehr von Kaltem Krieg und Ost-West-Konflikt scheint aber die Gemüter viel stärker zu bewegen als andere Konflikte. Deshalb nehmen wir Kritik sehr ernst. Wir widersprechen aber ganz energisch den Vorwürfen einer gezielten Desinformation oder beabsichtigten Manipulation von Informationen in der Tagesschau. Wir haben stets nach bestem Wissen und Gewissen sowie sorgfältiger Recherche berichtet. Es gibt keinen Grund, sich für Fehler zu entschuldigen oder in der Berichterstattung nun gar “gegenzusteuern”.

Doch bevor uns unsere Kritiker nun für arrogante Dumpfbacken halten – es gab heute auch sehr viel Selbstkritisches. Hier einige Punkte, die wir aufgelistet haben:

Mit dem Wissen von heute hätten wir manchen Akzent anders gesetzt und manche Formulierung anders gewählt (hinterher ist man halt schlauer). Möglicherweise sind wir zu leicht dem Nachrichten-Mainstream gefolgt. Vielleicht hätten wir rechte Gruppierungen in der Ukraine früher thematisieren sollen. Der falsche Hubschrauber war sehr ärgerlich, aber wir sind damit wenigstens richtig (weil transparent) umgegangen. Wir hätten uns bei der Formulierung “OSZE-Beobachter” eher eine andere Formulierung wählen können. Vielleicht haben wir die russischen Interessen zu wenig für den deutschen Zuschauer “übersetzt”. Wir hätten evtl. die NATO-Position noch kritischer hinterfragen können.

Ausdrücklich haben wir in der Diskussion unsere Korrespondentinnen und Korrespondenten vor Kritik in Schutz genommen. Sie haben unter physisch und psychisch äußerst strapaziösen Bedingungen hervorragende Arbeit geleistet. Sie haben zu jeder Zeit gewissenhaft recherchiert. Dabei ist klar, dass die Recherche auf Seiten der Separatisten zeitweise nicht möglich war und die Informationen der ukrainischen Seite interessengesteuert waren. Insgesamt haben sie exzellente Arbeit geleistet. Die Korrespondenten verdienen unseren Respekt und unsere Rückendeckung.

Bleibt die Frage, was wir für unsere künftige Arbeit daraus lernen können. Wir sollten noch klarer offenlegen, wenn wir etwas nicht (!) wissen. Oft hilft die Frage “Wem nützt es?”, um mögliche Manipulationen von Informationen zu erkennen. Wir werden weiterhin die Schwerpunkte unserer Berichte nach journalistischen Kriterien festlegen und nicht nach sturem Proporzdenken. Wir werden immer die Genauigkeit und Trennschärfe unser Terminologie prüfen. Vor allem aber haben wir uns heute eines vorgenommen: Wir werden auch künftig Kritik nicht einfach an uns abtropfen lassen, sondern uns immer wieder prüfen, ob wir richtig liegen.

Dr. Kai Gniffke

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