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6. Dezember 2016
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Der SPIEGEL und sein „Netz der Islamisten“

Veröffentlicht in: Aktuelles, Anti-Islamismus,Sarrazin, Audio-Podcast, Medienkritik, Strategien der Meinungsmache

Keine Frage, das Thema „deutsche Islamisten“ ist angesichts der aktuellen Geschehnisse in Syrien durchaus von Interesse. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht in einem der großen Nachrichtenportale über deutsche Staatsbürger muslimischen Glaubens geschrieben wird, die in Syrien und im Irak an der Seite der IS kämpfen. Das Problem: Wirklich belastbare Informationen zu diesem Thema sind rar. Seit gestern versucht SPIEGEL Online dieses Informationsvakuum durch eine vermeintlich umfassende hausinterne „Datenanalyse“ zu schließen. Die Qualität dieser Daten scheint jedoch unzureichend zu sein, wie eine kleine Stichprobe zeigt. Von Jens Berger

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Glaubt man der Datenanalyse des SPIEGEL gibt es in Deutschland 380 Personen, „die sich offen zum gewalttätigen Islamismus bekennen oder von Behörden als gefährliche Islamisten eingestuft wurden“. Bereits an dieser Stelle ist Obacht geboten. Der SPIEGEL benutzt hier die Vergangenheitsform – eigentlich wäre es in diesem Kontext doch viel interessanter zu erfahren, welche Personen von Behörden als gefährliche Islamisten eingestuft werden. Doch über aktuelle und belastbare Informationen scheint der SPIEGEL offenbar gar nicht zu verfügen. Dies legt zumindest eine kleine Stichprobe nahe.

Laut der geografischen Analyse der Daten, die bei SPIEGEL Online auf einer Deutschlandkarte visualisiert werden, nimmt die niedersächsische Kleinstadt Bad Harzburg hinter den Großstädten Berlin, Hamburg, Bonn, Frankfurt und München den sechsten Platz in der Rangliste der „Islamisten-Wohnorte“ ein. Das war für mich schon eine Überraschung, schließlich lebe ich ganz in der Nähe von Bad Harzburg und hatte bis dato noch nie das Gefühl, dass die verschlafene Kurstadt eine Islamistenhochburg sein könnte. Genau so überrascht war auch die zuständige Lokalzeitung, die ihrerseits Nachforschungen anstellte und mit wenigen Anrufen für Klarheit sorgen konnte. Ein Sprecher der zuständigen Goslarer Polizeiinspektionen erklärte der Goslarschen Zeitung, dass es sich bei den Personen aus der SPIEGEL-Datenanalyse offenbar „um Personen handeln dürfte, die vor einigen Jahren im Fokus der Ermittler gestanden hätten“. „Damals waren sie“, so der Sprecher, „im Rahmen der Ermittlungen gegen die sogenannte Sauerland-Gruppe zum Kreis der Verdächtigen gezählt worden“. Handelt es sich also doch um gefährliche Islamisten, deren Taten lediglich schon etwas zurückliegen? Nein. Denn „schon kurz darauf seien sie wieder als nicht gefährlich eingestuft worden“, so die Polizei – aktuell gäbe es keine Erkenntnisse über gewaltbereite Islamistengruppen im Landkreis Goslar.

So, so – es reicht also bereits aus, vor vielen Jahren einmal von den Behörden für kurze Zeit ungerechtfertigt als gefährlich eingestuft worden zu sein, um in der SPIEGEL-Datenanalyse erfasst zu werden. Der SPIEGEL räumt zwar selbst ein, dass die Daten „naturgemäß oft nicht anhand weiterer Quellen überprüfbar, lückenhaft und teils veraltet“ sind – aber diese Vorwegverteidigung greift hier nicht. Im Falle der „Harzburger Islamisten“ hätte ein einziger Anruf bei der zuständigen Polizeibehörde ausgereicht, um aufzuzeigen, dass der dazugehörige Datenbankeintrag schlichtweg falsch ist. Was eine kleine Lokalzeitung kann, sollte doch der große SPIEGEL auch können. Oder?

Zugegeben, aus dieser einzigen Stichprobe kann man nicht auf die Gesamtheit der Daten schließen. Wenn jedoch bereits eine einzige Stichprobe den Verdacht erhärtet, dass der SPIEGEL bei der Analyse der Daten unsauber gearbeitet hat, entwertet dies die gesamte Analyse. Offenbar ging es dem SPIEGEL nicht darum, die zur Verfügung stehenden Daten sauber aufzubereiten, sondern darum, möglichst viele – zur Not auch falsche – Einträge zu generieren, um das Problem größer darzustellen als es in Wirklichkeit ist. Und dies ist nur ein kleines Beispiel, wie der SPIEGEL fahrlässig oder mutwillig manipuliert.

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