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18. Dezember 2014
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Gerd Bosbach: Achtung: Falschmeldungen unterwegs!!!

Verantwortlich:

„Deutschland hat weltweit mit der niedrigsten Geburtenrate zu kämpfen.“ „Statistisch gesehen bringt jede Frau nur noch 1,36 Kinder zur Welt. Damit hat die Geburtenrate den Tiefstand des letzten Kriegsjahres 1945 erreicht.“So berichtete dpa über eine Pressekonferenz und Veröffentlichung des Berlin-Institutes für Bevölkerung und Entwicklung. Und fast alle Medien teilten uns diese alarmierenden „Forschungsergebnisse“ mit, oft als großer Aufreißer auf Seite 1 oder zu Beginn der Sendung.
Beide „Fakten“ sind falsch.

“Deutschland hat weltweit mit der niedrigsten Geburtenrate zu kämpfen.”

Von Gerd Bosbach.

Statistisch gesehen bringt jede Frau nur noch 1,36 Kinder zur Welt. Damit hat die Geburtenrate den Tiefstand des letzten Kriegsjahres 1945 erreicht.”

So berichtete dpa über eine Pressekonferenz und Veröffentlichung des Berlin-Institutes für Bevölkerung und Entwicklung. Und fast alle Medien teilten uns diese alarmierenden „Forschungsergebnisse“ mit, oft als großer Aufreißer auf Seite 1 oder zu Beginn der Sendung. Beide „Fakten“ sind falsch.
Das zeigt ein Blick in das Statistische Jahrbuch des Statistischen Bundesamtes, das belegen die Pressemeldungen des Statistischen Amtes der Europäischen Gemeinschaften (Eurostat). Aber auch ein Anruf bei den zuständigen Mitarbeitern des Statistischen Bundesamtes hätte zuerst ein überraschtes: „Was, das haben die behauptet?“ und anschließend eine Korrektur gebracht. (statistische Fakten s. unten)

Die Medien sind einfach auf den „wissenschaftlichen“ Ruf hereingefallen – die Tendenz stimmt ja und das dramatische Ausmaß ist eine Schlagzeile wert – und haben nicht geprüft. Dabei hätte ein Blick in die verteilte Kurzfassung der Veröffentlichung genügt, um Zweifel zu bekommen: Was soll in einer wissenschaftlichen Studie zur deutschen Bevölkerung die in riesigen Lettern dargestellte Formulierung:
„NACH DEM MENSCH KOMMT DER WOLF“, also ein Spiel mit menschlichen Urängsten. Einmal skeptisch, kann man auf der Homepage des privaten Institutes auch ihre Selbstdarstellung nachlesen: “Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung verfolgt das Ziel, die öffentliche Wahrnehmung der weltweiten demographischen Veränderungen zu verbessern.“, also ein privates Meinungsbildungsinstitut!

Unzweifelhaft gibt es in Deutschland eine niedrige Geburtenrate. Aber die wenigen Kinder und Jugendlichen bekommen schon nicht genug Bildung, Ausbildung und Arbeitsplätze. Für die gibt es schon zu wenig Kinder­betreuungsplätze, Lehrer, moderne Schulen, Ausbildungs- und Arbeitsstellen! Was würden da jetzt mehr Kinder nutzen. Die Demografie-Debatte ist also eher nachrangig.

Wir sind zu wenige, als dass wir es uns leisten könnten, nur ein einziges Kind in seiner schulischen Entwicklung aufgeben zu können.”


Finnische Weisheit

Übrigens an den o.g. Punkten Bildung, Ausbildung und Arbeitsstellen könnte und müsste Politik und Industrie sofort ansetzen! Dient die Demografie-Debatte der Ablenkung?

Zu den statistischen Fakten:

Für die Geburtenrate gibt es zwei Betrachtungsweisen:

  1. Anzahl der Kinder pro Frau
  2. Anzahl der Kinder pro 1000 Einwohner

Da die erste Definition für die Stärke der nachfolgenden Generation aussage­kräftiger ist, wird sie vom Berlin-Institut zu Ihren Berechnungen und Grafiken fast ausschließlich benutzt. Zu beachten ist dabei, dass so definierte aktuelle Geburtenraten nur Schätzwerte sein können. Die Gesamtanzahl der Kinder einer gebärfähigen Frau steht ja noch nicht fest. Aufgrund der Ungenauigkeiten der Schätzungen bevorzuge ich, die Werte nur mit einer Nachkommastelle (z.B. 1,4 Kinder pro Frau) zu betrachten, berücksichtige hier aber die veröffentlichten Daten wegen der Vergleichbarkeit mit zwei Stellen hinter dem Komma. Ein Blick in die Pressemitteilung von Eurostat vom 25. Oktober 2005 zeigt, dass Deutschland 2004 in der EU der 25 auf Platz 14 liegt, also alleine dort 10 Länder niedrigere Geburtenraten hatten (ein Land lag gleichauf). Von den neun, von Eurostat aufgeführten Ländern, die nicht der EU der 25 angehören, hatten vier eine niedrigere Geburtenrate und Japan lag nur minimal höher (+0,01). Also 34 Länder, davon 14 unter Deutschland alleine im Jahre 2004. Das hat Nichts aber auch gar Nichts mit dem weltweit letzten Platz zu tun! Der gleichen Quelle ist direkt zu entnehmen, dass die Geburtenrate gegenüber 2003 angestiegen ist. Auch ein Blick zurück in die achtziger Jahre zeigt: Die Geburtenraten waren 1983 bis 1986 schon niedriger als 2004. Also auch nicht der Tiefstand seit 1945!

Bezüglich der zweiten Definition zeigt das Statistische Jahrbuch 2005 für das Ausland (Hrsg.: Statistisches Bundesamt) auf S. 228, dass Deutschland unter 69 ausgewählten Ländern im Jahr 2000 auf Platz 61 und 2002 auf Platz 64 liegt. Die Formulierung des Institutes „…, so liegt Deutschland seit über 30 Jahren weltweit auf dem letzten Platz.“ ist also wieder offensichtlich falsch. Die Aussagekraft dieser Definition ist wesentlich geringer, weil dabei die Anzahl alter Menschen, die mit Geburt von Kindern nichts mehr zu tun haben, eine große Rolle spielen.

Das ein Institut für Bevölkerung und Entwicklung die o.g. Fakten nicht kennt, erscheint mir unwahrscheinlich. Es muss also von einer bewussten Manipulierung durch Übertreibung ausgegangen werden. Es ist eben ein finanzkräftiges privates Meinungsbildungsinstitut.

Prof. Dr. Gerd Bosbach, Fachhochschule Remagen, bosbach@rheinahrcampus.de

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