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Sprachspiele nach Pegida – Über einen „islamkritischen“ Beitrag in TTT am 1. Februar

Veröffentlicht in: Anti-Islamismus,Sarrazin, Medienkritik, Strategien der Meinungsmache

Oh ja, die bürgerliche Mitte – was immer das sein mag – und ihre politischen Bodentruppen haben klar Stellung bezogen: Pegida Pfui! Vom Mob und seinen rassistischen Pöbeleien wollte man sich klar abgrenzen. Doch jetzt, da die Straße sich wieder ins Häuschen zurückzieht, da muss doch noch mal in wolkigen Worten gefragt werden, ob der Islam zivilisatorische Reife hat. Anders kann man den Beitrag – „Der Islam gehört zu Deutschland – aber welcher?“ – in TTT am Sonntagabend kaum verstehen. Weder findet man hier etwas Neues noch einen originellen Gedanken – nur der antiislamistische Brühwürfel wird mal wieder ausgekocht. Von Walter van Rossum.

So erfahren wir: „Das Problem: Der Islam hält den Koran für das Wort Gottes, das 1:1 umgesetzt werden muss und über allen von Menschen gemachten Gesetzen steht.“ Das Problem: den Islam gibt es nicht und es gibt auch nicht die Scharia, es gibt keinen Katechismus, es gibt ein Buch – den Koran – mit ein paar tausend, meist mündlichen und lokalen Auslegungen. Auftritt des Anklägers im Namen einer eher sehr hausgemachten Aufklärung: Der Schweizer Publizist Frank A. Meyer. Er erklärt uns noch ein Problem, nämlich, „dass beispielsweise der Islam nicht kompatibel ist – im Prinzip, von seiner Lehre her, die sieht das auch nicht vor – mit der Demokratie. Man will aber auch das Problem nicht diskutieren.“ Doch ich will gerne diskutieren oder wenigstens fragen: welche Religion ist denn kompatibel mit der Demokratie? Religionen sind notwendigerweise immer im Konflikt mit der laizistischen Moderne. Gott ist nun mal kein Demokrat. Allein, das Problem ist nicht neu. Relativ neu ist nur, dass ein paar Kirchenvertreter sich mit der Moderne arrangiert haben und die Größe ihrer Götter eher im Innenleben stattfinden lassen.

Und mit ein paar Wikipedia-Studien könnten sogar TTT-Autoren herausbekommen, dass „der“ Islam vor allem in den Ländern mächtig ist, die nach über zweihundert Jahren westlicher Kolonialherrschaft gewissermaßen als politische Missgeburten das Licht der Welt erblickt haben und als Staaten eben deshalb nie funktioniert haben. Die Fürsten dieser Länder haben alles Erdenkliche getan, um keine funktionierende Gesellschaft zu errichten. Trotzdem waren und sind sie in den meisten Fällen enge, um nicht zu sagen: innige Freunde des supermodernen Westens. Denn es ist so: die Speerspitze der Moderne und also der Menschheit überhaupt hat überhaupt kein Problem mit Diktatoren. Hauptsache kein Islam – da verliert man schnell die Kontrolle. Das ist eigentlich so peinlich, dass Aufklärer sich krümmen müssten. Wären sie denn welche.

Jeder Frame diese Beitrags atmet den Geist unerträglicher westlicher Überlegenheit: Man plaudert von Muslimen als vormodernen Barbaren. Und unvermeidlich kommt ein absolut schlagendes Beispiel: die Ungleichheit der Geschlechter. Wer hätte damit gerechnet? Man möchte den Schweizer Frank A. Meyer nur dran erinnern, dass in der Schweiz erst 1971 das Wahlrecht für Frauen eingeführt worden ist – in manchen Kantonen hat es sogar noch 20 Jahre länger gedauert. Da war die Schweiz längst ein hochmoderner Industrie- und Bankenstaat, schwer laizistisch und mit jeder Menge Aufklärung hinter sich. Ich wage mal eine ganz ganz heikle These: Könnte es nicht sein, dass Geschlechterungleichheit (und auch Homophobie) nicht unbedingt was mit Moderne, Religion und Laizismus oder Aufklärung zu tun haben? Ansonsten erkläre ich mich bereit bis zur nächsten Ausgabe von TTT ein Dutzend Muslima vors Mikrofon zu bringen, die durchaus charmant und sexy und wahlweise in fünf Sprache sehr präzise erklären können, warum ihnen das Kopftuch so wichtig ist, an dem die westliche Toleranz seit 20 Jahren zerbricht. Und sie werden sicherlich ausdrücklich hinzufügen, dass sie ihre Interessen nicht von Frank A. Meyer, Alice Schwarzer oder amerikanischen Drohnen vertreten wünschen. Irgendwann ist das ganz einfach nur noch eine Angelegenheit der Höflichkeit und des Respekts – übrigens auch vor der Aufklärung.

Doch ich fürchte, unsere Aufklärer faseln deshalb so gerne über Barbaren, weil sie nur so noch der Wonnen der Moderne teilhaftig werden. Sonst leuchtet hier ja nicht mehr allzu viel. Der Autor des TTT-Beitrags sieht sich leider gezwungen, den Muslimen weiterhin „eine anstrengende Debatte zumuten zu müssen“. Ich würde solchen Wichtigtuern hingegen eher empfehlen, sich vielleicht mal auf die Grundlagen der Moderne zu besinnen. Einfach ein bisschen lesen. Diderot, Kant, Voltaire. Dann würden unsere Zivilisationsphilosophen bald merken, dass die meisten der Fragen, die sie erfunden zu haben glauben, bereits im 18. Jahrhundert auf wesentlich komplexerem Niveau diskutiert worden sind als die kulturellen Bodentruppen der laufenden Geostrategien wahrscheinlich ahnen.

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