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Auszug aus „Machtwahn“: Fall 3: Über 40 Prozent Kinderlosigkeit bei Akademikerinnen

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Auszug aus „Machtwahn“ Seite 246 bis 248

Ein ziemlich dreister Fall von Manipulation auf dem Feld der Demographie ist mir persönlich im Oktober 2005 begegnet. Ich hatte bis dahin geglaubt, ungefähr 40 Prozent der Akademikerinnen in Deutschland blieben kinderlos. Von verschiedenen an der Debatte Beteiligten wie der ehemaligen Bundesministerin Renate Schmidt, dem Spiegel, der Zeit-Redakteurin Susanne Gaschke, dem Sozialrichter Jürgen Borchert, den Bevölkerungswissenschaftlern und den Lobbyisten für die Privatvorsorge, bei der Internet-Enzyklopädie Wikipedia und von vielen anderen wurde ein Anteil von 40 Prozent und sogar 43 Prozent genannt.

Nun gibt es auch in dieser ziemlich gleichgeschalteten Debatte immer mal wieder Ausreißer, im konkreten Fall einen Beitrag in der Zeit mit dem Titel »Von wegen 40 Prozent«. Der Autor Björn Schwentker klärte in dem Artikel darüber auf, dass man erstens nicht genau weiß, wie hoch die Kinderlosigkeit der Akademikerinnen ist, weil es keine verlässlichen Erhebungen gibt, dass in annähernden Berechnungen sich ein Anteil von gut 25 Prozent Kinderlosigkeit im Vergleich zur durchschnittlichen Kinderlosigkeit von etwa 20 Prozent ergäbe und dass man vermutlich mit Absicht nichts Genaues wisse.

Nach einer Befragung von Emnid vom Herbst 2004 unter fünfhundert Frauen mit Hochschulabschluss sind nur 21 Prozent dieser Akademikerinnen kinderlos. »Die Erhebung ist ein weiterer Hinweis, dass hochgebildete Frauen weit seltener kinderlos sind, als lange aufgrund irreführender Mikrozensus-Daten behauptet«, folgerte die taz am 7. Februar 2006.

Die Emnid-Umfrage hat wegen der geringen Zahl der Befragten vermutlich eine hohe Fehlerquote. Vielleicht sind 25 Prozent kinderlos, sicher keine 40 Prozent. Die Fragen, mit denen man das genauer hätte erforschen können, wurden auf Betreiben der Bundesratsmehrheit aus dem neuen Mikrozensusgesetz herausgenommen. Björn Schwentker berichtet:

Hinter vorgehaltener Hand aber sprechen die Forscher von der politischen Dimension des demographischen ­Datendurcheinanders. Die unglückliche Kommunikation der 40 Prozent Kinderlosigkeit bei Akademikerinnen sei vielleicht kein Zufall, gibt ein Vertreter der amtlichen Statistik zu: ›Mit dramatischen Zahlen erreicht man eben mehr in der Öffentlichkeit.‹ Genau das war nach dieser Interpretation das Ziel des Statistischen Bundesamtes. Dessen Pressemeldungen waren es nämlich, die die 40 Prozent erst in Umlauf brachten.

Nicht nur von konservativer Seite gibt es ein Interesse daran, die These von der hohen Kinderlosigkeit der Akademikerinnen aufrechtzuerhalten. Auch viele, die sich dafür einsetzen, dass Frauen bessere Voraussetzungen bekommen müssen, um einen guten Beruf und Kinder miteinander verbinden zu können, setzen auf die übertreibende Darstellung der Kinderlosigkeit von Akademikerinnen, weil sie ihnen Argumente an die Hand gibt, Besserungen einzufordern.

So kommt es zur nicht enden wollenden Irreführung in der ­Demographiedebatte.

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