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16. Dezember 2017
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Wie attraktiv ist der Westen? Was sollen junge Menschen in Deutschland und Europa gut daran finden?

Veröffentlicht in: Audio-Podcast, Erosion der Demokratie, Sozialstaat, Strategien der Meinungsmache, Wertedebatte

Wir wurden von Lesern/innen der NachDenkSeiten darauf aufmerksam gemacht, dass die Journalistin Jana Simon in einem Beitrag für das Zeitmagazin Nr.19 (einen Auszug aus dem Text finden Sie unten als Anhang) unter anderen die NachDenkSeiten dafür mitverantwortlich gemacht hat, dass ein junger Mensch mit Namen Samuel zur Unterstützung des IS nach Syrien gereist war. Die Enkelin von Christa Wolf hat diesen jungen Mann aus Sachsen interviewt und beschreibt seine Geschichte. Auf Seite 20 wird dann behauptet, in den Kreisen von Samuel seien unter anderem die NachDenkSeiten gelesen worden. In der Welt dieser Seiten gebe es keine Grautöne. „Jeder Zwischenton ist durch eine Meinung ersetzt. Zufälle existieren nicht, stets wird ein Komplott vermutet.“ Auch zu 9/11. Von der Journalistin wird der Versuch gemacht, die NachDenkSeiten zum Nährboden von Terroristen zu erklären. Das Ziel dieser Diffamierung ist offensichtlich: Hier soll unsere Kritik an den herrschenden Umständen und am Versagen der Medien als kritischer Instanz ins Zwielicht gerückt werden. – Der Artikel von Frau Simon ist ein guter Anstoß dafür, danach zu fragen, worin eigentlich die Attraktivität des Westens für einen jungen Menschen in Europa liegen soll. Albrecht Müller

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Die Autorin Simon schreibt vom „westlichen System“, das der junge Mann Samuel für verlogen und widersprüchlich gehalten habe. „Mein Leben kam mir recht nutzlos vor. Ich habe mich recht leer gefühlt.“ Er habe einen Halt gebraucht und dann sei er beim Koran gelandet. Er erhoffte sich wie viele andere islamistisch orientierte junge Männer und Frauen eine Antwort auf die Fragen des Lebens, eine klare Orientierung und Aufgabe sowie eine Perspektive. Vom Westen habe er nur noch das Schlimmste erwartet und sei dann eben bei deutschen „Verschwörungstheoretikern“ gelandet. Damit sind auch die NachDenkSeiten gemeint.

Es ist schade, dass die Journalistin Simon der Frage nach der Attraktivität des Westens für junge Menschen in Deutschland und Europa nicht nachgegangen ist. Es wäre spannend gewesen, zu erfahren, was die 1972 in der DDR geborene Schriftstellerin, versehen mit ihrem speziellen familiären Hintergrund, attraktiv am Westen findet. Ersatzweise will ich dieser Frage aus der Sicht eines sehr viel Älteren und in der alten Bundesrepublik politisch Aktiven nachgehen und mich dabei in die Lage eines Jugendlichen im heutigen Europa zu versetzen versuchen.

Der Westen war einmal attraktiv. Aber ist er das noch? Richtig, wir können reisen, wohin wir wollen, und sagen, was wir wollen, und Politiker und Wirtschaftskapitäne kritisieren. Das ist schon richtig und auch attraktiv. Aber die Chance zum demokratischen Wechsel und auch die Aussicht, in einem einigermaßen gerechten Land zu leben, sind bedrückend geschrumpft.

Anders als manche Freunde und andere kritische Zeitgenossen fand ich an unserem System Einiges durchaus attraktiv: die Kombination aus Elementen von Markt und Wettbewerb mit sozialstaatlichen Leistungen und sozialer Sicherheit, mit dem immerhin schon zu Beginn der siebziger Jahre begonnenen wenn auch unzureichenden Schutz für Umwelt und Natur und vor allem mit einer aktiven Beschäftigungspolitik, die sicherstellen sollte und teilweise auch konnte, dass die lohnabhängigen Menschen auch Nein sagen können, jedenfalls keine Angst um ihren Arbeitsplatz und in der Regel Alternativen hatten.

Aber diese attraktiven Elemente des Systems sind mit der Invasion der neoliberalen Ideologie mutwillig und absichtlich zerstört worden. Nicht nur aus ideologischen Gründen, auch um die Einkommens- und Vermögensverteilung zugunsten der oberen Einkommen und Vermögen zu verschieben. Statistisch nachweisbar ist das gelungen. Aus meiner Sicht hat dies und anderes die Attraktivität des Systems maßgeblich beschädigt.

Im einzelnen:

  1. Gibt es die demokratische Kontrolle und die Chance zum politischen Wechsel im Westen noch?

    Wo ist denn die Attraktivität demokratischer Willensbildung und die Chance zum demokratischen Wechsel, wenn nur noch die Hälfte der Wählerinnen und Wähler zur Wahl geht? Wie vor kurzem in Bremen und davor in anderen Bundesländern. Und in anderen Ländern Europas und den USA sowieso. Das muss doch Gründe haben. Sie bleiben ja nicht zu Hause, weil das System so attraktiv ist.

    Wo ist denn die Attraktivität einer sogenannten Demokratie, wenn die Wählerinnen und Wähler mehrheitlich bestraft werden, weil sie aus der Sicht der Herrschenden falsch gewählt haben wie in Griechenland?

    Wo ist denn die Attraktivität eines Systems so genannter demokratischer Willensbildung, bei dem die Reichen und Gut-gestellten die Chance haben, mit Geld und Propaganda die veröffentlichte Meinung und dann auch die öffentliche Meinung und die Wahlergebnisse zu ihren Gunsten zu beeinflussen?

    Wo ist die Demokratie geblieben, wenn das Eigentum an Medien in wenigen Händen konzentriert ist und wenn der Kampf um Einschaltquoten und der Kommerz auch weite Teile der ehedem einigermaßen bewundernswerten öffentlich-rechtlichen Sender beherrschen? Der junge Samuel, den die Autorin Simon beschreibt kann nicht wissen, wie weit Public Relations schon die öffentliche Meinungsbildung und Entscheidungsfindung beherrscht. Er kann es nur ahnen, weil er merkt, dass die Interessen der Menschen in seinem Umfeld kaum Niederschlag in der praktischen Politik finden. Aber die Autorin Simon müsste das wissen. Und weil wir NachDenkSeiten-Macher solche Machenschaften aufdecken, müssten wir eigentlich ihre Zustimmung finden, und vielleicht sogar ein Dankeschön.

    Eine erwachsene Journalistin müsste auch wissen, dass die Konkurrenz der maßgeblichen Parteien in Deutschland schon nicht mehr richtig funktioniert, weil ihre innere Willensbildung auf unerträgliche Weise gleichgerichtet ist. Nicht aus sachlichen Gründen. Jene, die im Westen das Sagen haben, bestimmen inzwischen nicht nur über weite Strecken den öffentlichen Konkurrenzkampf bei Wahlen, sie haben auch die Finger in der inneren Willensbildung und in den Personalentscheidungen unserer etablierten fünf Parteien CDU, CSU, SPD, FDP und Grüne. Und bei der Linkspartei wird diese Einflussnahme vehement versucht und geübt. Wer diese Analyse für übertrieben hält, möge mir bitte drei Fragen beantworten: A. Wer hat wie dafür gesorgt, dass der Wahlverlierer und SPD Spitzenkandidat von 2009, Frank-Walter Steinmeier mit „sagenhaft“en 23 % für die SPD, gerade mal die Hälfte des besten Ergebnisses der SPD, ohne jeglichen Widerstand mit dem nach der Wahl wichtigsten Amt belohnt wurde, mit dem des Fraktionsvorsitzenden? B. Wie ist es möglich, dass in der jetzigen Auseinandersetzung zwischen Ost und West der von der SPD im Berliner Grundsatzprogramm vom Dezember 1989 festgeschriebene Wille, auch die NATO aufzulösen und Europas Sicherheit in einem System gemeinsamer Sicherheit auch mit Russland und anderen Mitgliedsstaaten des Warschauer Paktes anzustreben und erreichen zu wollen? Wer hat das alles vergessen gemacht? Das waren doch nicht die Mitglieder und Wählerinnen und Wähler der SPD. C. Haben die Mitglieder und Sympathisanten der Grünen oder gar ihre früheren Wähler diese Partei so verändert, dass man sie nicht mehr wiedererkennt?

    Kann man als junger Mensch irgendwo noch erkennen, dass in dieser westlichen Demokratie eine grundlegend andere Politik noch eine Chance hat? TINA, There Is No Alternative hat sich nahezu vollständig durchgesetzt und wird als Erkenntnis und Handlungsleitlinie propagiert. Ist es attraktiv, in einem System zu leben, in dem die Einflussreichen propagieren, es gäbe keine Alternative zur herrschenden Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik? Die Parole TINA macht das Land unattraktiv für junge Menschen. Der Westen kennt keine demokratische Alternative mehr. Damit ist Demokratie nur noch ein wertloses Etikett.

  2. Kennt der Westen noch das großartige und viel gepriesene Konzept der Chancengleichheit?

    Glaubt die Autorin Simon, junge Menschen wie Samuel würden nicht erkennen, dass es heute einen gravierenden Unterschied macht, in welche Familie und Gesellschaftskreise man hineingeboren wird? Wer vermögend ist hat um vieles höhere Chancen als der arm Geborene.

    Wie attraktiv ist ein System, das in Ländern der Europäischen Union wie Spanien oder Griechenland jeden zweiten Jugendlichen arbeitslos lässt und ohne berufliche Perspektive und damit auch ohne die Perspektive, auf gesicherter Basis eine Familie zu gründen?

    Ist es attraktiv, wenn junge Menschen sich die Mühe einer Ausbildung machen und dann ihre Heimat verlassen müssen, wenn sie etwas verdienen wollen? Soll ein System Eindruck auf einen jungen Menschen machen, wenn die handelnden Politiker und Wirtschaftskapitäne davon schwärmen, dass sie die gut ausgebildeten Menschen eines anderen Landes gut gebrauchen könnten und deshalb abwerben? Was ist das für eine doppelbödige miese Moral? Davon sollen sich junge Menschen beeindrucken lassen?

    Wo ist die Attraktivität eines Systems geblieben, in dem die Reichen immer reicher werden und die Armen ärmer und die Mittelschicht absinkt? Vielleicht hat die Autorin Simon keine ökonomischen Probleme. Dann kann man in der Tat übersehen, dass es viele Menschen mit wirtschaftlichen Problemen gibt und dass sie sich als Opfer einer Propaganda sehen, die allen einzureden versucht, uns allen ginge es gut. Aber die Qualität einer guten Journalistin und Schriftstellerin müsste sich gerade darin erweisen, dass sie sich in die Lage anderer Menschen zu versetzen vermag. Das schafft sie offenbar genauso wenig wie Bundespräsident Gauck, dessen tägliches Schwadronieren über die Freiheit offensichtlich missachtet, dass die tatsächliche Freiheit eines Menschen auch von den ökonomischen Mitteln und von der sozialen Sicherheit abhängt, über die sie oder er verfügt.

    Was ist das für ein System, indem es üblich geworden ist, dass die spekulativ begründeten Geldvermögen der Reichen im Krisenfall gerettet werden und die Steuerzahler und die Allgemeinheit dafür zahlt?

  3. Wo ist die Wertorientierung des Westens geblieben?

    Soll ein System für junge Menschen attraktiv sein, wenn sie erleben, dass Egoisten am erfolgreichsten sind und Solidarität allenfalls noch als Caritas gewürdigt und ansonsten der Lächerlichkeit preisgegeben wird? Der Idealismus junger Menschen findet in diesem System tatsächlich keinen Platz zur Entfaltung. Sie erleben ein Auseinanderbrechen der Gesellschaft, in einen fast schon feudalen und sich jedenfalls feudal gebenden Bereich der Oberschicht auf der einen Seite und die schaffende oder arbeitslose Mittel- und Unterschicht auf der anderen Seite.

  4. Das System war attraktiv wegen seiner Sozialstaatlichkeit. Wo ist sie geblieben?

    Ist der Westen noch attraktiv, wenn dort zugelassen wird, dass Sozialstaatlichkeit diskreditiert und dann auch tatsächlich geschliffen wird? Ist der Westen noch attraktiv, wenn die öffentlichen Leistungen begleitet von einer üblen Sparagitation heruntergefahren werden und privaten Interessen immer mehr Spielraum verschafft wird? Ist ein System attraktiv, wenn die Basis der Freiheit der Mehrheit, nämlich die soziale Sicherheit, systematisch kaputt gemacht wird, zum Beispiel durch bewusste Erosion der Leistungsfähigkeit der staatlichen Altersvorsorgesysteme? Angesichts der absichtlich betriebenen Erosion der Leistungsfähigkeit der gesetzlichen Rente ist Altersarmut die Perspektive der jungen Menschen, selbst dann wenn sie zu den Glücklichen gehören, einen Job zu haben.

    In guten Zeiten des Westens gehörte die Erkenntnis zum Wissen politisch engagierter Menschen, dass nur Reiche sich einen armen Staat leisten können, die Mehrheit jedoch auf ein System guter öffentlicher Leistungen angewiesen ist: von der Schule über Schwimmbäder bis zur Wasserversorgung, von der Verkehrsinfrastruktur und einem guten öffentlichen Nahverkehr bis zur Gesundheitsversorgung. Ist ein System attraktiv, wenn öffentliche Unternehmen und die Versorgung mit öffentlichen Leistungen privatisiert und/oder privat finanziert werden, obwohl diese privaten kommerziellen Wege weniger effizient sind und damit teurer werden?

  5. Nie wieder Krieg, der Krieg ist kein vernünftiges Mittel zur Lösung von Konflikten und das Konzept: Gemeinsame Sicherheit in Europa. Wo Sind diese Einsichten geblieben?

    Was soll attraktiv an einem System sein, dessen Politiker ständig auf dem Weg sind, neue Felder für militärische Experimente zu entdecken, bevor sie alle Möglichkeiten zur friedlichen Lösung von Konflikten ausgelotet haben? Was ist attraktiv an einem System, das mit diesen militärischen Interventionen Länder und Kulturgüter zerstört und Menschen zur Flucht nötigt und dessen Verantwortliche dann nicht einmal erkennen und schon gar nicht bekennen, dass die Flüchtlingsströme mit ihren eigenen Fehlentscheidungen und militärischen Aktionen zu tun haben? Glaubt die Autorin Simon wirklich, für Samuel und seine Altersgenossen könnte ein so verlogenes System attraktiv sein? Die Autorin hat übrigens auch nicht ausreichend analysiert, welche Rolle der Westen bei der Entstehung und Förderung des Terrorismus des islamischen Staates gespielt hat. Wie kann man ein so langes Stück von neun eng beschriebenen Seiten über die Abwanderung junger Deutscher zum islamischen Staat schreiben, ohne die Rolle des Westens bei der Entstehung dieses Terrors zu beschreiben?

  6. Prinzipielle Gleichheit und Gleichberechtigung der Völker und unantastbare Souveränität – das gehört zumindest zum Glaubensbekenntnis westlicher Philosophie und Politik

    Aber wo sind diese Versprechen geblieben? Meint die Autorin Simon, junge Menschen würden nicht wahrnehmen, dass der Westen schon lange keine Versammlung von Gleichen unter Gleichen ist? Merkt sie nicht, dass die USA eine vorherrschende Weltmachtrolle beanspruchen und dass diese Form des Zusammenlebens der Völker alles andere als attraktiv ist?

    Kann man als Journalistin unterstellen, dass junge Leute nicht mitbekommen, dass von Deutschland aus tödliche Drohnenangriffe auf Menschen in anderen Ländern mit gesteuert werden? Kann man Ignoranz und Blindheit junger Menschen gegenüber der Verletzung unserer Souveränität durch ausländische Geheimdienste unterstellen?

  7. Freiheit des Denkens und freier Meinungsaustausch unter Menschen, und Schutz der Privatsphäre – das sind wichtige Errungenschaften des Westens. Wo sind sie geblieben?

    Wir werden prinzipiell alle ausspioniert – das ist zumindest die Möglichkeit. Und unsere Regierung schützt uns nicht dagegen. Ja sie belügt uns in dieser Angelegenheit sogar. Das merken auch junge Menschen. Und eine erwachsene Journalistin wundert sich, dass junge Menschen das Vertrauen in ein solches System verlieren?

P.S.: Junge Menschen haben wie auch die Erwachsenen angesichts der herrschenden Umstände allen Grund, das Vertrauen in solche Journalisten/innen zu verlieren. Diese tun nämlich nichts, um die Qualität des von ihnen gepriesenen Westens wiederzugewinnen und dann zu erhalten.

Anhang:

Auszug aus dem Zeitmagazin Nr. 19
Einschlägige Passagen. Passage zu den NachDenkSeiten ist gefettet:

SYRIEN

VON JANA SIMON

Dreimal die Woche muss sich Samuel bei der Polizei melden. Es ist ein Don­nerstagabend im Frühjahr, er zieht die schwarze Wollmütze über seine rotblon­den Haare, die Jeans hängt ein wenig im Schritt, in seinen Ohren stecken Kopf­hörer. Der Vater wartet im Auto. Es ist schon dunkel, als Samuel einsteigt. Vor dem Hof der Familie steht ein Polizei­wagen, er steht jetzt öfter dort. Der Vater fährt Samuel zum Polizeirevier von Dippoldiswalde in Sachsen. Es liegt direkt am Markt in einem Haus aus dem Mit­telalter. Samuel grüßt den Beamten am Empfang, der bringt ein Formular, no­tiert die Zeit, Samuel unterschreibt und verlässt die Wache. Er fröstelt, der Wind ist frisch. Später will sich Samuel noch mit Freunden in Dresden treffen. Wer ihn in diesem Augenblick beob­achtet, kommt nicht auf die Idee, dass Samuel drei Monate lang in einem der brutalsten und grausamsten Kriege der Gegenwart war. Samuel ist 21 Jahre alt, ein Sachse, ein Deutscher ohne »Migra­tionshintergrund«. Er ist nach Syrien ge­gangen, um im »Islamischen Staat« (IS) zu leben, und ist nun heimgekehrt wie etwa 200 andere Deutsche auch. Samu­el ist einer, den die Sicherheitsbehörden dieses Landes einen »Gefährder« nennen. Einer, gegen den ein Verfahren wegen Vorbereitung einer schweren staatsge­fährdenden Gewalttat im Ausland läuft. Einer, bei dem ein ganzes Land sich nun fragt: Ist er desillusioniert, traumatisiert, geläutert oder gefährlich? Wie es nach außen scheint, muss es sich nicht im Inneren anfühlen. Manches, was Samuel erzählen wird, ist nicht nachprüfbar. Was ist sichtbar, und was bleibt verborgen?

Ein Abend im vergangenen November. Ein Besuch bei Samuels Eltern in Dip-poldiswalde. Vor drei Tagen hat sich Samuel das erste Mal wieder gemeldet. Aus Syrien. Der Vater sitzt in der Wohn­küche des alten Bauernhofes, als die Mail eingeht. Samuel schreibt: Die El­tern sollten sich keine Sorgen machen, es gehe ihm gut, er sei »bei den besten Menschen«. Die Familie hat seit zehn Wochen nichts mehr von Samuel gehört. Es sind Wochen, in denen die Eltern fast verrückt werden, nur noch mit Tabletten ihren Alltag bewältigen können und der Vater sich krankschreiben lassen muss. Es sind Wochen, in denen ihre einzige Hoffnung auf Claudia Dantschke liegt, der Islamismusexpertin und Leiterin der Beratungsstelle Hayat in Berlin, die sich um Eltern kümmert, deren Kinder aus­gereist sind, und die immer versichert: »Er wird sich wieder melden. Sie melden sich alle.«

Es sind Wochen, in denen die Eltern ver­suchen, sich an Vorzeichen für Samu­els Weggang zu erinnern, und an alle Freunde schreiben, ob sie wüssten, wie Samuel zur Gewalt stehe. Wochen, in denen sie sich fragen: Ist unser Sohn ein Dschihadist?

Der Gedanke kommt ihnen ungeheuer­lich vor. Er stellt auch ihr Leben infrage. Der Vater ist fünfzig, ein kleiner, ath­letischer Mann, Verwaltungsleiter einer Schule, die Mutter ist ein Jahr jünger, Angestellte in einer Apotheke, schmal, ihr rotblondes Haar trägt sie kurz. Im Schrank steht das Bürgel-Service aus Thüringen – blau mit weißen Pünkt­chen, an der Wand kleben Fotos von Berggipfeln, die die Eltern gemeinsam mit ihren vier Kindern erklommen ha­ben. Eine blonde Familie in kurzen Hosen lächelt in die Kamera. An der Wand hängt auch ein Kreuz, Samuels Eltern und Geschwister sind tiefgläubi­ge Christen. Die Eltern blicken sich an. »Wann haben wir mitbekommen, dass Samuel im Koran liest?«, fragt der Vater die Mutter. Sie schweigt, sie erinnert sich nicht mehr genau daran. Es war eine all­mähliche Veränderung, eine Entwick­lung, die vor etwa zwei Jahren begann. Da tritt Max in Samuels Leben, zwei Jahre jünger als er, aus dem Nachbarort, groß, gut aussehend, eloquent. Er kann stundenlang reden, so lange, bis der stille Samuel nur noch nickt. Kennengelernt haben sich die beiden schon ein paar Jah­re zuvor auf einem Stadtfest. Seinen El­tern stellt Samuel Max nie vor. Aber ein­mal im Sommer 2013 trifft bei Samuel ein Paket für Max ein. Die Eltern öffnen es zufällig, und darin liegt eine Softair-Pistole, eine Druckluftwaffe. Samuel hat sie für Max bestellt, weil Max noch nicht 18 ist. Die Eltern zwingen Samuel, sie zu­rückzuschicken, und verbieten ihm den Umgang mit Max. »Wir glauben, dass das nicht der richtige Freund für dich ist.« Danach gibt es für sie keinen Max mehr. Stattdessen kommt nun ein Florian öfter zu Besuch, stellt sein Moped vor dem Haus ab, fährt mit Samuel in den Urlaub nach Tunesien, hat den Koran gelesen, will Samuels jüngere Schwester auf dem Sofa zum Islam bekehren, isst mit der Fa­milie Abendbrot und diskutiert mit dem Vater über Religion. Florian ist stets sehr freundlich. Die Eltern schöpfen keinen Verdacht. Dass Florian Max ist, erfahren die Eltern erst nach der Ausreise der bei­den nach Syrien. Samuel lässt seine El­tern im Ungewissen. Absichtlich. Im Oktober 2013 zieht Samuel nach Jena, um Sportwissenschaften zu studie­ren, er will Lehrer werden. Die Eltern se­hen ihn alle drei bis vier Wochen, vieles beobachten sie nun aus der Ferne. Die Frage ist: Wie viel können Eltern noch von ihren erwachsenen Kindern wissen? Was die Eltern wissen, ist, dass Samuel den Koran liest, dass er sein Titelbild auf Facebook ändert: Früher war es der Elek-tro-Musiker Paul Kalkbrenner, jetzt ist es ein reich verzierter Einband des Ko­rans. Sie wissen auch, dass er im Früh­jahr 2014 zum Islam konvertiert, dass er auf der Suche ist, viele Fragen hat. Wenn er sie am Wochenende und in den Ferien besucht, will er mit ihnen diskutieren, sie von seinem Glauben überzeugen. Die Eltern waren in der DDR in der kirch­lichen Opposition aktiv, haben sich für freie Wahlen eingesetzt. Nun versucht ihr Sohn sie vom Wählen abzuhalten. Demokratie, ein System für Ungläubige. Manchmal kommt die Mutter von der Arbeit nach Hause, und Samuel wartet schon in der Küche, fordert sie auf, ihm zuzuhören, mit ihm Videos anzusehen von Islamwissenschaftlern, aber auch von Pierre Vogel, einem der einflussreichsten islamistischen Prediger Deutschlands. Die Mutter will guten Willen zeigen, ih­ren Sohn nicht zurückstoßen. »Ihm zu­liebe habe ich das angeschaut.«

Am Ende der Koranschule legt Samuel eine mündliche Prüfung ab. Darüber, was einen Gläubigen zum Abtrünnigen werden lässt. Er weiß nicht, wie es wei­tergehen soll, er vermutet, dass die mi­litärische Ausbildung nun bald folgen wird. Aber zuvor schickt der IS Samuel in den Urlaub. Wenn es stimmt, was er erzählt. Denn Samuel hat zuvor schon gelogen und Max gegenüber seinen El­tern als Florian ausgegeben. Samuel sagt, er habe dem IS keine Treue geschworen. Aber er weiß auch, dass diese Aussage entscheidend ist für sein Verfahren in Deutschland. Es gibt einen anderen deutschen Rückkehrer, der Samuel und Max zu Beginn in Syrien begegnet ist und ausgesagt hat. Von ihm wissen die Behörden überhaupt, dass die beiden dort im IS-Gebiet waren. Im Groben stimmen dessen Aussagen mit Samuels zum ersten Teil der Reise überein. Gern würde man auch die Sicht der Sicher­heitsbehörden darstellen, aber sie reden nur in Hintergrundgesprächen. Für die Staatsanwaltschaft Dresden ist es der erste Fall dieser Art, und die Ermittlun­gen sind noch nicht abgeschlossen. Ein weiterer Besuch an einem Donners­tagmorgen im Frühjahr. Samuel ist al­lein zu Hause. In seinem Leben in Dip-poldiswalde herrscht wieder Alltag. Er geht aus, trifft sich mit Freunden, bis auf die 35 Männer und Frauen, die auf der Liste stehen, die ihm sein Anwalt ge­schickt hat. Es sind Zeugen, Vertraute, Bekannte auch von Max, mit denen er wegen des laufenden Verfahrens keinen Kontakt haben darf. Zweimal in der Woche spielt er Tischtennis in seinem alten Verein, und er surft im Netz. Von außen betrachtet, erscheint alles wie frü­her, wie damals, bevor er fortging. Fast. Samuel steht nun unter Beobachtung. Vor zwei Tagen wurde er noch einmal vernommen. Zum ersten Mal saßen auch zwei Beamte des BKA mit am Tisch. Diesmal ging es nicht um die Vergangenheit, diesmal ging es um die Gegen­wart. Die Polizisten konfrontierten ihn mit Websites, die Samuel nachts auf sei­nem Handy besucht haben soll. Alarmie­rende Seiten: ein jüdisches Restaurant in München, das Jüdische Museum in Berlin, ein Flughafen bei Hoyerswerda, eine Bundeswehrkaserne in Bayern und ein Naturschutzgebiet im Harz. Nach der Vernehmung geht Samuels Handy kaputt, und er übernachtet in Dresden bei einem Freund, ohne seinen Eltern Bescheid zu sagen. Samuel ist erwach­sen, aber sein Vater liegt die ganze Nacht wach und macht sich Sorgen. Was, wenn alles nicht stimmt, was Samuel sagt? Wenn er doch etwas plant? Samuel sitzt am nächsten Morgen sehr entspannt in der Küche, erzählt von der Vernehmung, lächelt wieder viel. Das jü­dische Restaurant in München habe er tatsächlich angeklickt, sagt er. Er hat einen Beitrag im Fernsehen darüber ge­sehen, das Lokal veranstaltet »IS-freie Wochen«. Auf der Karte stehen nur Speisen ohne die Buchstaben »IS«. Das habe er sich genauer ansehen wollen. Für die anderen Seiten hat er im Moment keine Erklärung. Samuel kocht einen Kaffee. Selbst wenn er sich verteidigen muss, wirkt er ungerührt, gleichbleibend freundlich. Nie reagiert er wütend, auf­brausend oder aggressiv. Nach ein paar Stunden mit ihm entsteht in einem das Gefühl von diffuser Wut, vielleicht ist es das Gefühl, das er unterdrückt. Sein Verhalten will nicht zu seiner Reise nach Syrien passen, zu seiner Radikalisierung, zu Krieg, Enthauptungen, Morden, dem ganzen Wahnsinn, der im Namen des Islams dort geschieht. Bevor Samuel zum Islam konvertiert, lebt er in den Tag hinein, ohne Ziel, ohne Aufgabe, ohne Plan. Er kifft öf­ter, und einmal wird er beim Schmug­gel von 50 Gramm Haschisch an der nahen tschechischen Grenze erwischt. Zur Strafe muss er 50 Sozialstunden leisten und 400 Euro zahlen. Das über­nimmt sein Vater für ihn. Und Samuel spielt Tischtennis. Ziemlich gut, wie sein Trainer sagt. Auch er kann sich an kein böses Wort von Samuel erinnern. Selbst wenn er ein Spiel verliert, flucht er nicht. Als Samuel sich in ein Mäd­chen verliebt, es ins Kino ausführt und deshalb einmal ein Punktspiel verpasst, bittet er danach seine Vereinskameraden per Mail um Verzeihung: »Dies war für Euch, aber auch mir gegenüber ein sehr unsportliches Verhalten. Deshalb: Ent­schuldigung für das Im-Stich-Lassen, für diesen Vertrauensbruch.« Es klingt fast, als sollten die anderen ihn trösten. Im Inneren treiben Samuel Fragen um, mit Max unterhält er sich darüber, wa­rum die Menschen überhaupt existier­ten, was für eine Bestimmung sie auf Erden hätten, was nach dem Tod gesche­he. »Mein Leben kam mir recht nutzlos vor. Ich habe mich recht leer gefühlt«, sagt Samuel in der Wohnküche. Solche Sätze sagt er öfter, wohlartikuliert, höf­lich. Max stößt dann auf den Koran, vor zwei Jahren ungefähr. »Für ihn klang er wie die pure Wahrheit.« Das müsse er unbedingt lesen, sagt er zu Samuel. Und Samuel liest.

Mit Max redet Samuel auch über den 11. September, ob die offizielle Version des Anschlags so stimmen könne, über chemtrails, Kondensstreifen der Flugzeuge und deren Chemikalien, die die Mensch­heit angeblich vergiften. Sie lesen Web­sites wie »Orwell-Staat«, die »Nachdenk­seiten« und Compact, das Magazin von Jürgen Elsässer, dem Polit-Aktivisten, der stets Verschwörung wittert. In der Welt dieser Seiten werden Politiker aus­schließlich von Konzernen gesteuert und von Lobbyisten getrieben. Die Massen­medien lügen und sind Marionetten der Mächtigen, hetzen gegen Russland und Putin, die Palästinenser und den Islam. Das Königreich des Bösen aber sind die USA. Wer längere Zeit auf diesen Seiten verbringt, fühlt sich danach angeschla­gen. Es gibt tatsächlich vieles, was man kritisieren kann an Medien, Politik und den USA. Es gibt Heuchelei, Lügen, und es gibt Interessen. Aber in der Welt die­ser Seiten gibt es kein Grau. Jeder Zwi­schenton ist durch eine Meinung ersetzt. Zufälle existieren nicht, stets wird ein Komplott vermutet.

Samuel verliert sich in diesen Theo­rien. Er stellt nun alles infrage, die Welt scheint aus den Fugen geraten, das west­liche System verlogen, widersprüchlich, fehlerhaft. Er sagt, er habe das Gefühl gehabt, außerhalb der Matrix zu sein, die Gesellschaft von außen zu betrachten.

»Ich stand im Leben ohne Halt und wuss-te nicht, was ich zu tun habe. Ich habe ei­nen Halt gebraucht.« Vom Westen erwar­tet er nur noch das Schlimmste. Monate bevor Samuel nach Syrien aufbricht, hat er den Westen bereits verlassen.

Er sehnt sich nach Eindeutigkeit und findet sie im Koran. Claudia Dantschke, die Islamismusexpertin der Beratungs­stelle Hayat, die Samuel und viele ande­re islamistisch orientierte junge Männer und Frauen betreut, kennt die Radika­lisierungsverläufe: »Der Wunsch nach Eindeutigkeit spielt bei den meisten eine Rolle.« Sie erhofften sich eine Antwort auf die Fragen des Lebens, eine klare Orientierung und Aufgabe sowie eine Perspektive. Aber Samuels Radikalisie­rungsmuster sei eher atypisch für die mi­litante Szene, sagt Dantschke. Er sei sehr politisch interessiert. Seine Suche nach alternativen Erklärungen zu offiziellen politischen Lesarten habe ihn zu deut­schen Verschwörungstheoretikern ge­führt. Außerdem sei für ihn der Glaube wirklich wichtig gewesen. »Das ist eher typisch für den nicht militanten Bereich des politischen Salafismus, dessen An­hänger den Jslamischen Staat« und des­sen Dschihad in Syrien ablehnen«, sagt Dantschke. Auch sei er nicht auf der Suche nach Anerkennung, Aufwertung oder einer Ersatzfamilie gewesen.

Samuel stammt aus einer gewöhnlichen Familie, und wenn man dort nach Ur­sachen suchen will, entdeckt man keine Verwerfungen, die seine Entscheidung, nach Syrien zu gehen, erklären könnten. Das Erschreckende liegt in der Normali­tät. Wie anziehend der Islamismus auch auf junge Männer wie Samuel wirkt. Im Prinzip zeigt sein Fall, dass es jede Fami­lie treffen kann.

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