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Feindbild Islam

Veröffentlicht in: Anti-Islamismus,Sarrazin, Interviews, Kirchen, Strategien der Meinungsmache
Sabine Schiffer

Auch in diesem Jahr rief der Rat muslimischer Studierender & Akademiker zum 1. Juli wieder zum bundesweiten “Tag gegen antimuslimischen Rassismus” auf. Wie heikel und wichtig dieses Thema ist, zeigt dabei nicht nur die sozialeugenische Argumentation eines Thilo Sarrazin und die unter anderem von PEGIDA hervorgebrachte Warnung vor einer vermeintlichen „Islamisierung“ des Abendlandes. Die Wichtigkeit des Kampfes gegen diese Rassismus-Variante wird vor allem dadurch deutlich, dass der Mord an der Apothekerin Marwa El-Sherbini am 1. Juli 2009 bis heute weder angemessen Beachtung findet noch bezüglich seiner strukturellen Ursachen wirklich aufgearbeitet ist. Jens Wernicke sprach hierzu mit Sabine Schiffer, die als Leiterin des Erlanger Instituts für Medienverantwortung seit Langem zum antimuslimischen Rassismus forscht und publiziert.

Frau Dr. Schiffer, gerade titelte die Welt, eine Studie hätte ergeben, in 55 Jahren gäbe es mehrheitlich Muslime im Land. Das hat mich sehr erschreckt. Und zwar weniger aufgrund eigener Überfremdungsangst als vielmehr, weil mir derlei Rhetorik nicht mehr allzu weit von einer solchen, die sich Metaphern von Parasiten und Volksschädlingen bedient, entfernt zu sein scheint…

In der Tat erinnert so manches Argumentationsmuster an die Hochzeiten des sogenannten Antisemitismus im Verlauf des 19. Jahrhunderts. Die Sichtbarwerdung jüdischer Religiosität im öffentlichen Raum, sprich der Synagogenbau, war damals in etwa so strittig wie es heute der Moscheebau ist. Und die Angeleichung der Bürgerrechte für Juden führte zu ähnlichen Abwehrmechanismen wie wir sie seit Jahrzehnten in islamophoben Texten lesen können, wo eine Gleichbehandlung im Sinne des Grundgesetzes als „islamische Unterwanderung“ umgedeutet wird.

Und auch eine entmenschlichende Metaphorik gibt es wieder, etwa, wenn in Medien von Muslimen als „Krebsgeschwüren“ die Rede ist. Dieses Beispiel zeigt übrigens wunderbar, wie sich Diskursmuster heutzutage spiegeln: So wird unter Palästinensern manchmal Israel als „Krebsgeschwür“ bezeichnet, wohingegen man in Israel die Palästinenser mit eben dieser Metapher belegt. Hier ist es wichtig, zu wissen, dass solche Gedankenbilder stets eine eigene Logik enthalten – jene nämlich, dass etwas, das man als Krebsgeschwür ansieht, mindestens zu bekämpfen und bestenfalls auszurotten ist. Deshalb kann man die Rhetorik damit nicht abtun, dass eine direkte Aufforderung zur Gewalt fehle.

Wird „der Islam“ denn dieser Zeit mittels aggressiverer Rhetorik mehr und mehr zum Feind stilisiert? Haben Sie noch mehr Beispiele für diese Behauptung parat?

Ja, bei uns steht „der Islam“ im Fokus, obwohl der antimuslimische Rassismus das Ressentiment gegen Juden nicht etwa abgelöst hat, das gibt es nach wie vor. Aber während Muslime lange als Feind von außen betrachtet wurden – im Sinne von Gewalt, Frauenunterdrückung oder Rückständigkeit in der sogenannten Islamischen Welt – sind nun durch einige Ereignisse der letzten Jahre die hiesigen Muslime in den Aufmerksamkeitskegel des Misstrauens geraten.

Zwar war deren Muslimsein in den Jahren zuvor auch schon da, aber kein Thema. Nun erwecken so manche Stellungnahmen zum Islam in Deutschland aber den Eindruck, als handele es sich um eine Art Fünfte Kolonne.

Der Topos einer eingebildeten „Islamisierung“, wie er auch mit solchen linearen Glaskugellesereien wie in dieser von der „Welt“ bemühten sogenannten Studie bedient wird, erinnert allerdings zurecht an den einer ebenso imaginierten „Judaisierung“, den man angesichts einer erfolgreichen jüdischen Minderheit in Deutschland und Europa einst herauf beschwor – übrigens lange, bevor die Nazis sich derlei Rhetorik zunutze machten. Wie ein Katalysator zum Umschlagen von – übrigens stets auch Privilegien sichernden – Vorurteilen in Hass, Hetze und konkrete körperliche Gewalt wirken dann sehr oft Wirtschaftskrisen.

Und woher kommt derlei „Feindbild“? Man darf wohl annehmen, dass es nicht vom Himmel fällt…

Zunächst mal kommen einfach viele Missverständnisse zusammen. Etwa sind alle, den Muslimen oder dem Islam vorgeworfenen Verfehlungen, ja gar nicht exklusiv. Frauenbenachteiligung bis hin zum Mord, Gewalt oder gar die aktuellen Kriege sind ja nun wirklich weit genug verbreitet, um ernst genommen und bekämpft zu werden. Sie allein im Kontext von Islam und Muslimen zu diskutieren, verschiebt die Wahrnehmung für die wirklich relevanten Zusammenhänge. Wenn beispielsweise der sogenannte Islamische Staat ein islamisches Thema wäre, dann hätte es ihn seit 1.400 Jahren geben müssen – sein Auftauchen in den letzten Jahren deutet daher auf einen anderen Zusammenhang hin, den ich unter dem Stichwort „Geostrategie“ hier nur kurz andeuten mag.

Und genau hierin liegen die Wurzeln für den Teil des Dramas, in welchem tatsächlich bewusst ein Feindbild Islam aufgebaut wurde. Der US-amerikanische Center for American Progress hat erst kürzlich in einem Studienupdate die Geldmittel genannt, die geflossen sind, um antiislamische Stimmungen in breiten Bevölkerungsteilen in den USA zu erzeugen. Dabei zeigt sich, dass die Mittel vor allem von Akteuren kamen, die mit Blick auf Nahost und darüber hinaus spezifische Eigeninteressen verfolgen.

Dennoch bleibt es natürlich schwer vorstellbar, dass ein Großteil unseres westlichen Islam-Bildes vor allem auf Propaganda beruht. Dass dem so ist, legen aber viele Untersuchungen nahe.

Wie wäre es: Ich nenne Ihnen einige typische Werturteile gegen Muslime und den Islam und Sie erwidern hierauf?

Mmh, wenn es sein muss. Denn als Semiotiker [1] weiß man natürlich, dass das Unterbewusstsein die Verneinung nicht erkennt – und wir damit also eine weitere Wiederholung von Stereotypen reproduzieren werden. Und Wiederholen ist leider nach wie vor das beste Mittel der Überzeugung – und also ganz im Sinne der in der Untersuchung des Progress-Centers genannten Propagandisten.

Also ok, aber das sieht immer so nach Ausweichen aus. Lassen Sie es uns wider besseres Wissen doch einmal mit einigen Behauptungen aufnehmen. Ich beginne mit: Der Islam ist eine rückständige, undemokratische Religion…

Das ist jede Religion, wenn man sie ernst nimmt. Wenn wir die Regeln für Abtreibung der katholischen Kirche mit einigen anerkannten Fatwas etwa der Al-Azhar-Universität vergleichen, dann kommt allerdings der Islam moderner daher.

Und manche Menschen sind zwar religionslos, aber dennoch rückständig. Hier fehlt also schlicht die Relevanz für den behaupteten Zusammenhang. Und natürlich geht in Bezug auf Muslime zunehmend das Bewusstsein verloren, dass Religion nur ein Faktor und nicht zwingend der bestimmende Faktor im Leben eines Menschen ist.

Wenn ich mir zudem einzelne sogenannte Islamische Länder anschaue, dann sind sie und auch Regionen innerhalb eines Landes ebenso heterogen wie andere Länder auch. Die genauen Gründe für Stagnation in einzelnen Regionen wären daher jeweils erst noch zu ermitteln. Wir erleben es ja gerade am Beispiel Syriens, wie man innert weniger Jahre ein ganzes fortschrittliches Land, von dem wir etwa in Sachen Diversity noch viel hätten lernen können, ins Mittelalter zurückgebombt hat.

Gut, weiter… Der Islam ist per se mörderisch und gefährlich. Und zwar mehr als jede andere Religion.

Nun, wenn man die Militäreinsätze weltweit ignoriert, die im Namen von Humanität und Menschenrechten geführt wurden und werden, und etwa auch den sogenannten „Krieg gegen den Terror“, der inzwischen weit über eine Millionen Opfer zu verzeichnen hat, dann kann man sich freilich die Beispiele herauspicken, wo Muslime grausame Taten begehen.

Statistisch ist die Behauptung nicht zu halten, aber mittels medialer Auswahl- und Vergrößerungsprozesse kann solch ein Eindruck aufrechterhalten werden.

Im Islam, wenn ich das mal so pauschalisierend formulieren darf, gibt es aber tatsächlich einen wichtigen Unterschied zum Christentum, in dem man ja neutestamentarisch dazu aufgefordert wird, auch noch die andere Wange hinzuhalten. Gegen Angriffe dürfen Muslime sich nämlich wehren.

Die größte Gefahr für unser aller Wohl geht von der terroristischen Bedrohung durch sogenannte „Islamisten“ aus.

Wer sagt das? Der Geheimdienst? Auch der sollte seine eigenen Statistiken ernst nehmen. Also, sogenannte Islamisten sind gefährlich, das stimmt, das sind andere Terroristen aber auch.

Außerdem wird hier die Asymmetrie in der Sache vollkommen verdreht. Ich will an dieser Stelle einmal Herfried Münkler zitieren, der auf der sogenannten Nürnberger Sicherheitstagung 2008 in seinem Vortrag meinte: „Wir brauchen keine Selbstmordattentäter, wir haben Technologie.“ [PDF] Das bringt es sehr prägnant auf den Punkt. Neben den medial vergrößerten Angstszenarien, die niemals das Autofahren als gefährlichste Lebensbedrohung darstellen würden, fehlt es in aller Regel an einer Analyse von Hierarchie und Macht im jeweiligen Kontext. Wer ist Akteur, wer reagiert? Ein bisschen am Symptom herumzudoktern hat aber noch keine Krise gelöst und schon gar keine globale soziale Wirtschafts- oder Ressourcen-Krise.

Fast alle Moslems sind Terroristen. Oder anders herum: Fast alle Terroranschläge auf der Welt werden von Moslems verübt…

Nehmen Sie als Beispiel die Europol-Statistiken, weil sie im Internet leicht zugänglich sind. Haben Sie Angst vor der ETA? Statistisch wäre das geboten. Lupenartig vergrößert wird jedoch eine andere Problematik, was übrigens auch frustrierte Muslime geradewegs in die Arme sogenannter Hassprediger treibt. Die gibt es tatsächlich, allerdings auf allen Seiten. Leider stimmen aber manche der Beobachtungen, die solche Aufhetzer – oft ohne nachvollziehbaren Ursprung – dann betonen: Muslimische Soldaten stehen nicht vor den Toren der USA oder mitten in Europa. Westliche Soldaten hingegen zerstörten ganze Länder, in denen der sogenannte Islamistische Terror nun wächst und gedeiht.

Das Kopftuch ist ein Symbol für die Unterdrückung und Misshandlung der Frau.

Weshalb kopftuchtragende Frauen ja dann bis vors Bundesverfassungsgericht ziehen, um ihre Kleidungsfreiheit auch im Beruf einzuklagen. Mit dieser Paradoxie werden wir leben müssen, dass wir „die muslimische Frau“ befreien wollen und die das aber gar nicht will. Mal abgesehen, dass das Thema auch ein medial vergrößertes ist, weil insgesamt nur ca. 1/3 der Musliminnen weltweit überhaupt Kopftuch trägt und dass es natürlich kopftuchtragende, emanzipierte, feministische Frauen auch in Deutschland gibt – wie etwa Kübra Gümüşay – darüber wird viel weniger gesprochen.

Es passt eben ins Bild, dass man selten die Frauen selber fragt oder nur diejenigen zu Wort kommen lässt, die das sagen, was man selbst hören will. Oder auch diejenigen, deren Aussagen man dann dadurch entwertet, dass man sie als gehirngewaschen interpretiert. Ganz zu schweigen von der Themenstellung, die man den Frauen oft genug vorgibt. Das ist Chauvinismus. Wer also meint, Chauvinismus per se bei Muslimen ausmachen zu müssen, der scheint in ganz guter Gesellschaft zu sein.

Wegen der Demokratiedefizite, wegen Frauenfeindlichkeit und immanenter Barbarei ist es an der Zeit, die islamischen Länder zu … „demokratisieren“.

Nach „Demokratiedefiziten“ fragen Sie mich jetzt aber nicht ernsthaft angesichts der Krise in und um Griechenland, oder? Man betrachte die Polemik um ein mögliches Votum der Bürger. Und wie die sogenannte „Demokratisierung“ islamischer Länder aussieht, haben wir ja bereits gesehen: Krieg und Destabilisierung im Irak fortfolgende.

Jedoch Wahlen wie in Algerien Anfang der 1990er Jahre, in Palästina 2006 und relativ aktuell in Syrien werden vom Westen dann für nichtig erklärt, weil man die Ergebnisse nicht haben will. Da wird dann schnell relativiert mit dem projektiven Hinweis, die seien ja noch nicht „reif“ für die Demokratie – ein durchschaubares Manöver der Bevormundung, der es um alles Mögliche, sicher aber nicht um das Vorgebrachte geht.

In Ägypten etwa sitzt heute der demokratisch gewählte Präsident, ein Muslimbruder, im Gefängnis. Wie einst mit Mubarak pflegt die Bundesregierung jedoch wieder gute Kontakte mit dem jetzigen Machthaber. Und die reaktionärste Macht auf der arabischen Halbinsel, Saudi-Arabien, gilt unserer Regierung als „Stabilitätsfaktor“ im Nahen Osten. Und schließlich geht „der Westen“ hin und wieder mal hin und bombt ausgediente Diktatoren weg, um sie dann durch andere zu ersetzen. Total glaubwürdige Demokratievermittlung, nicht wahr?

Muslimen wird ja Vieles unterstellt, wie wir hier gesehen haben. Was aber, wenn sie gar nicht so dumm sind, wie etwa Thilo Sarrazin meint? Glauben Sie nicht, dass sie dann die doppelten Standards und diese ganze Verlogenheit durchschauen? Ich bin jedenfalls davon überzeugt, dass wir nur ein friedliches Miteinander erhalten oder erreichen können, wenn dasselbe auch auf Ehrlichkeit und Gerechtigkeit und also Ebenbürtigkeit basiert – und das ganz allgemein, also auch über die sogenannte Islamische Welt hinaus.

Mit der aktuellen ungerechten Weltwirtschaftsordnung, die den Wohlstand einiger Weniger – und dazu gehört wohl bald nicht mehr unsere Mittelschicht – auf Kosten der Ärmsten begründet, können wir nur Hass und Gewalt, ja Widerstand erzeugen.

Wir dürfen von Muslimen durchaus Selbstkritik verlangen, aber dafür müssten wir selbst auch einmal damit anfangen – denn der Mächtigere trägt eben auch den größeren Teil der Verantwortung in einer Situation.

Ich bedanke mich für das Gespräch.


Dr. phil. Sabine Schiffer hat zur Islamdarstellung in den Medien promoviert. 2005 gründete sie das Institut für Medienverantwortung, das sie seither leitet. Sie doziert und publiziert zu den Themen: „Vierte contra Fünfte Gewalt“, Kriegsmarketing, Stereotype im Mediendiskurs sowie Medienbildung.


Weiterlesen:


Weitere Veröffentlichungen von Jens Wernicke finden Sie auf seiner Homepage jenswernicke.de. Dort können Sie auch eine automatische E-Mail-Benachrichtigung über neue Texte bestellen.


[«1] Semiotik: Wissenschaft, die sich mit Zeichensystemen aller Art befasst

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