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Die FAZ und ihre „Reichen-Verteidigung“

Veröffentlicht in: Audio-Podcast, Medienkritik, Strategien der Meinungsmache, Ungleichheit, Armut, Reichtum

Es gibt Artikel, bei denen man gar nicht mehr aus dem Staunen herauskommt. Der gestern veröffentlichte FAZ-Artikel „Luxus ist den Reichen fremd“ von Patrick Bernau gehört zweifelsohne dazu. Für Bernau ist die Welt – wie stets bei ihm – vollkommen in Ordnung. Luxus? Gibt es nicht. Und wenn, dann ist dies eine kaum wahrnehmbare Ausnahme. „Die reichen Deutschen“ geben laut Bernau ihr Geld nicht für „Boote, Diamanten oder teure Restaurants“, sondern „bemerkenswert pragmatisch“ aus. Als Quelle dieser ungewöhnlichen Erkenntnis gibt Bernau die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe des Bundesamts für Statistik aus. Das ist drollig, werden bei eben dieser Erhebung doch sämtliche Haushalte mit einem Nettoeinkommen von mehr als 18.000 Euro pro Monat gar nicht erst erfasst. Welche statistischen Aussagen über „Reiche“ will Bernau also aus einem Datenpool treffen, in dem gar keine „Reichen“ vorhanden sind? Von Jens Berger

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Die „Reichen“ von denen Bernau spricht, sind Haushalte mit einem Einkommen zwischen 5.000 und 18.000 Euro, das oberste Einkommensfünftel der nach oben abgeschnittenen Datenmenge – schaut man sich die EVS genau an, sieht man auch schnell, dass der untere Einkommensbereich innerhalb dieser Gruppe im Datenpool massiv überrepräsentiert ist. Wir reden hier also über Haushalte, die beispielsweise so aussehen könnten:

  1. Das Lehrerehepaar mit drei kleinen Kindern, das bei Besoldungsstufe A14 auf ein Jahresbruttoeinkommen – je nach Dienstalter – zwischen 88.000 und 111.000 Euro kommt und damit netto in der Gruppe von Bernaus „Reichen“ liegt.
  2. Die alleinstehende Chefsekretärin (56.000 Euro brutto), die zusammen mit ihrem Sohn, der sich in der Ausbildung (12.000 Euro brutto) befindet und ihrer Rente beziehenden Mutter (12.000 Euro brutto) in einem Haushalt zusammenlebt.

Sicher sind diese beiden Beispielhaushalte nicht arm, aber würden Sie sie als reich bezeichnen? Ganz sicher nicht. Und dass diese Haushalte nicht unbedingt verdächtig sind, ihr Geld für Yachten, Diamantenkolliers oder 5-Gänge-Menus im Sternetempel auszugeben, versteht sich eigentlich von selbst. Auch Patrick Bernau dürfte diese Erkenntnis nicht überraschen und das Ganze wäre wohl auch keinen Artikel im FAZ-Wirtschaftsressort wert. Etwas anderes sieht es natürlich aus, wenn man diese Haushalte durch einen Trick für „reich“ erklärt und ihr Ausgabenverhalten als statistisch repräsentatives Ergebnis für die Schicht der „Reichen“ verkauft und dem Ganzen auch noch den seriösen Stempel des Bundesamtes für Statistik verpasst.

Da die Einkommen in Deutschland gemessen an der Produktivität viel zu gering sind, befinden sich die oben genannten Beispielhaushalte unter den oberen zwanzig Prozent in der Einkommensskala – vor allem dann, wenn man die Haushalte mit mehr als 18.000 Euro netto pro Monat gar nicht berücksichtigt. Bernau folgert nun, wer zum „obersten Fünftel“ gehört, muss auch „reich“ sein. Das ist natürlich all zu durchsichtig und ziemlicher Unfug. Lassen Sie mich die Vorgehensweise Bernaus einmal an einem anderen, leicht zu verstehenden Beispiel aufzeigen:

Wir haben eine Gruppe aus zehn Menschen, darunter fünf Säuglinge, drei 5-jährige Kleinkinder, ein 14-jähriger Schüler und ein 92-jähriger Greis. Der 14-jährige Schüler gehört in dieser Gruppe zum obersten Altersfünftel. Würden Sie nun aber wagen, ihn als Beispiel für einen „Alten“ zu wählen? Noch absurder wird es, wenn man die Erhebungsmethoden des Statistischen Bundesamtes bzgl. reicher Haushalte an diese Gruppe anlegt. Dann müsste nämlich der 92-jährige Greis aus dem Datenpool verschwinden, da er ein „statistischer Ausrutscher“ ist, über den man angeblich keine „gesicherten Daten“ erheben kann. Wenn man also die statistischen Methoden der von Bernau verwendeten Einkommens- und Verbrauchsstichprobe an unsere Gruppe ansetzt, wäre der Greis gar nicht mehr vorhanden und sogar die drei 5-jährigen Kleinkinder wären statistisch in der Gruppe der „Alten“. Und Herr Bernau könnte schreiben, dass die „alten Deutschen“ ihr Geld am liebsten für Eis am Stil und Spielzeug ausgeben. Absurd? Ja, natürlich. Vor allem, wenn man bedenkt, dass das Volksvermögen in Deutschland ungefähr so verteilt ist, wie das Alter in diesem Beispiel.

Ein wirklich reicher deutscher Haushalt, der statistisch zum obersten Promille gehört, verfügt übrigens über ein durchschnittliches Vermögen von rund 37 Millionen Euro. Selbst wenn man nun eine äußerst konservative Kapitalrendite von 1,0% annimmt, erzielt dieser Haushalt ein Kapitaleinkommen, dass sogar beim Spitzensteuersatz noch ausreicht, um deutlich über der Grenze von 18.000 Euro netto pro Monat zu liegen, ab der das Statistische Bundesamt keine Daten mehr erhebt. Oder um es ganz deutlich zu sagen: In Deutschland werden keine statistischen Daten über die Reichen erhoben und daher kann man auch keine statistischen Aussagen über die Reichen anstellen. Das sollte auch Herr Bernau wissen und da er ja kein Dummkopf ist, wird er das auch wissen. Und warum schreibt er dennoch wider besseren Wissens so einen Unsinn? Man kann wohl davon ausgehen, dass es dem Wirtschafts-Ressort der FAZ hier vor allem um eine Verteidigung der Reichen geht. Wer sein Geld ganz „pragmatisch“ für Dinge wie Wohn- und Mobilitätskosten ausgibt, ist im Grund ja greifbar, einer von uns. Eine höhere Besteuerung oder gar eine Vermögensabgabe sind für solche „Reiche“ natürlich ungerecht, denkt sich der Leser. Bei Bernaus Artikel handelt es sich also keinesfalls um einen Artikel, bei dem dem Autor ärgerliche Fehler unterlaufen sind, sondern vielmehr um ein Stück Meinungsmache. Und diese Meinungsmache wirkt. Sie hat nämlich auch zum Ziel, dass das Lehrerehepaar und die Chefsekretärin – beide gehören ja auch zur Zielgruppe der FAZ – sich nun selbst zu den „Reichen“ zählen und eine Politik unterstützen, die nicht ihnen, sondern den wirklich Reichen nutzt. Und die lachen sich – fern jeder statistischen Erhebung – ins Fäustchen.

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