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5. Dezember 2016
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Veröffentlicht in: Aktuelles, Audio-Podcast, Medien und Medienanalyse, Medienkritik

Ist es nicht erstaunlich? Wenn es um die Abgrenzung zum Netz geht, pochen die selbsternannten Qualitätsmedien mit plakativ zur Schau gestellter Arroganz auf ihre angebliche Seriosität. Wenn der Gossensender RTL alle Jahre wieder abgehalfterte C-Promis ins „Dschungelcamp“ schickt, lassen es sich genau diese Medien jedoch nicht nehmen, auf ihren Online-Ablegern mehrfach pro Tag frei von jeglicher Kritik oder gar Ironie über dieses seltsame Spektakel zu berichten. Über was diese Medien wie berichten, ist natürlich ihnen selbst überlassen. Wer sich fröhlich mit den Ferkeln im Schlamm wälzt, darf sich danach jedoch nicht beschweren, dass er nicht mehr als Saubermann wahrgenommen wird. Oder um es klar zu sagen: An ihrem sagenhaften Reputationsverlust sind die Medien selber schuld. Von Jens Berger.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Natürlich gibt es Menschen, die es höchst unterhaltsam finden, wenn ehemalige Schlagersänger und mit Silikonbrüsten dekorierte Porno-Darstellerinnen sich in gar lustigen Spielchen zum Affen machen, über ihre Verdauungsprobleme philosophieren und allerlei ekliges Getier lebendig verspeisen. 30 Jahre nach seiner Einführung, ist das deutsche Privatfernsehen heute eine schamlose Bedürfnisbefriedigungsanstalt, die sämtliche Grenzen des guten Geschmacks ausgetestet und kurze Zeit später überschritten hat. Sendungen wie das „Dschungelcamp“ zählen zu den größten Quotenhits im Lande. Millionen Zuschauer finden dies offenbar unterhaltsam. Sollen sie. Bekanntlich können auch Millionen Fliegen nicht irren. Wer von BILD, RTL und Co. geprägt wurde, findet halt irgendwann auch den größten Mist toll. Doch was geht in der Chefredaktion einer vermeintlich seriösen Zeitung vor, in ihrem Blatt ganz ernsthaft über diesen infantilen Unsinn zu berichten?

SPIEGEL Online, die Süddeutsche Zeitung, die FAZ, die WELT … all diese Leuchttürme des Qualitätsjournalismus schaffen es doch tatsächlich, jeden Tag mehrfach über das Dschungelcamp zu berichten. Es fehlt nur noch der Live-Ticker; aber der kommt sicher auch noch irgendwann. Wir leben ja auch in einer fürchterlich langweiligen Zeit und ansonsten gibt es kaum Berichtenswertes. Und was gibt es da zu lesen? Zum Beispiel „Veronica, die Flatulenz ist da“ (WELT) oder „Erst stellte Rolf Jürgen im Dschungeltelefon unter akuten Flatulenzverdacht“ (SPIEGEL Online). Und ja – die Herrn und Damen Journalisten, die so etwas schreiben, meinen dies wirklich ernst. Erwachsene Journalisten begeben sich im intellektuellen Vollsuff auf einen geistigen Kindergeburtstag und Millionen erstaunte Leser müssen diesem Exhibitionismus folgen. Na toll. Mich interessiert es nicht die Spur, was Rolf oder Jürgen machen oder wer sie sind und ich bin mir sicher, der übergroßen Mehrheit der Leser geht es ähnlich.

Die Geschichte des Dschungelcamps zeigt unfreiwillig den Wandel in den Medien und vor allem den Wandel unserer eigenen Medienwahrnehmung. Als RTL 2004 die erste Staffel dieser Sendung ausgestrahlt hatte, hagelte es öffentliche Kritik. Niemand hätte je freiwillig zugegeben, sich so etwas im Fernsehen anzuschauen und bis auf BILD fanden natürlich auch alle nennenswerten Medien diese neue Sendung schrecklich. Doch auch das Bildungsbürgertum konnte sich nicht zehn Jahre vor der kollektiven Verrohung und Verblödung verstecken. O tempora, o mores! 2013 besaß die Jury des Grimme-Instituts sogar die sagenhafte Dummdreistigkeit, das Dschungelcamp allen Ernstes für den Grimme-Preis zu nominieren. Der Stern meldete erfreut „Die Dschungelshow ist gesellschaftsfähig geworden“. Dem mag so sein; anders lässt sich die Berichterstattung der Medien wohl kaum erklären. Heute ist es schick geworden, verblödet zu sein. Selbst in den schicken Cafés in Berlin Mitte plauschen die Hipster darüber, wer ihrer Meinung nach Dschungelkönig werden sollte.

Da stellt sich nur noch die Frage, wer sich verändert hat: Das Gossenfernsehen oder die Gesellschaft … ich tippe auf letzteres. Und es ist schon arg gewöhnungsbedürftig, in einem konservativen Blatt wie der FAZ oder der WELT zunächst Warnungen vor dem Untergang des Abendlandes zu lesen, der unausweichlich droht, wenn noch ein paar Tausend Flüchtlinge mehr über die Grenzen kommen, und dann ein paar Seiten bzw. Mausklicks später an gleicher Stelle einen bierernsten Bericht zu lesen, warum ein ehemaliger Schlagerbarde das Dschungelcamp verlassen hat. Stelle nur ich mir diese Fragen? Oder sind wir alle schizophren geworden?

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