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Albrecht Müller Wolfgang Lieb
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19. Dezember 2014
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An den Hochschulen bleibt die „Elite“ unter sich

Verantwortlich:

Bei der Vorstellung des „9. Studierendensurveys“ lenkt das Bundesbildungsministerium das Augenmerk vor allem die vermeintlichen Erfolge. Die zentralen Aussagen seien, dass die Studierenden mit der Qualität der Lehrveranstaltungen zunehmend zufrieden seien. Viele wünschten sich allerdings noch eine bessere Betreuung während des Studiums und beim Übergang in den Arbeitsmarkt sowie einen höheren Praxisbezug.
Unerwähnt bleibt, dass die soziale Selektion im Studium eher zugenommen hat und dass dien neuen Studienabschlüsse mit Bachelor und Master vor allem an den Universitäten an Zustimmung verloren haben. Wolfgang Lieb

Deshalb sollen hier auch die bedenklichen Teile des 9. Studierendensurveys angesprochen werden:

An den Universitäten dominiert das „akademische Milieu“, denn 57% der Studierenden haben Eltern mit Studienerfahrungen, entweder an einer Universität (45%) oder an einer Fachhochschule (12%). Nur wenige der Befragten haben Eltern mit einer dual-beruflichen Qualifikation (Lehre oder Meister), nämlich 26%. Solche „Bildungsaufsteiger“ mit Eltern ohne Hochschulerfahrung sind mit 39% an den Fachhochschulen weit häufiger.

Elite unter sich Tabelle 1

Die „Schere“ im Hochschulzugang nach der sozialen Herkunft hat sich im letzten Jahrzehnt etwas vergrößert. Vor allem der Anteil jener Studierender ist an Universitäten wie Fachhochschulen gestiegen, von denen ein Elternteil ein Universitätsstudium absolviert hat. Die „akademische Reproduktion“ hat, entgegen manchen Erwartungen und politischen Zielen, zugenommen, an den Fachhochschulen sogar überproportional (vgl. Abbildung 3). Hatten an den Universitäten Mitte der 80er Jahre 25% der Studierenden Eltern mit Studienabschluss an Universitäten, sind es seit 2001 nahezu die Hälfte.

Elite unter sich Tabelle 2

Die höchste „akademische Reproduktion“ gibt es in der Medizin, gefolgt von Jura.

Elite unter sich Tabelle 3

Als Gründe für die „akademische Reproduktion“ werden genannt:

Je festgelegter das Studium von vornherein ist, desto weniger können externe Faktoren wie ein unsicherer Arbeitsmarkt die Aufnahme eines Studiums beeinträchtigen.

Einen gesonderten Einflussfaktor stellt die soziale Herkunft der Studierenden dar.

  • Bei Abschluss einer Lehre oder Meisterprüfung wird die feste Studienabsicht ähnlich selten geäußert: zu 37%.
  • Hat ein Elternteil eine Fachschule oder Fachhochschule besucht, steigt dieser Anteil auf 45% deutlich an.
  • Aber erst mit dem elterlichen Studium an einer Universität stand für 57% das Studium von vornherein fest.

Diese allgemeinen Befunde sind noch einmal nach der Zugehörigkeit zu Universität oder Fachhochschule zu differenzieren. Bei Studierenden aus akademischen Elternhäusern erhöht sich die Studiensicherheit an den Universitäten auf 60%, an den Fachhochschulen beträgt sie 40% (vgl. Tabelle 7).

Zwei Größen bestimmen in starker Weise die Studienaufnahme:

Zum einen die schulische Leistung, zum anderen die soziale Herkunft. Für sehr gute Schüler mit „akademischer Herkunft“ stand das Studium zu 79% von vornherein fest: die höchste Quote. Dagegen sind sich von den weniger guten Schülern nur 24% so sicher, wenn von den Eltern eine Lehre absolviert wurde. Bei allen Notenstufen im Zeugnis der Hochschulberechtigung wiederholt sich mehr oder weniger eindeutig die Verringerung der Studiensicherheit mit abnehmender sozialer Herkunft.

In der Bilanz nimmt zwar der Leistungsstand (als erreichte Note) das größte Gewicht für die Studiensicherheit ein, aber die soziale Herkunft ist nahezu gleich wichtig (vor allem an den Universitäten). Offenbar ist für Studierende aus einfacheren sozialen Milieus, selbst bei sehr guten Noten, die Studienaufnahme längst nicht so sicher.

Die feste Studienabsicht kann verstanden werden als eine soziale Mitgift, denn sie ist in starkem Maße vom Bildungsgrad im Elternhaus abhängig. Sie verhilft dazu, sich stärker nach den eigenen fachlichen und beruflichen Interessen bei der Fachwahl zu richten. Sie trägt dadurch dazu bei, das Studium stabiler und konsistenter zu absolvieren, weil externe Irritationen, wie z. B. der Arbeitsmarkt, von geringerem Einfluss sind.

Elite unter sich Tabelle 4

Anmerkung:

Auffallend und geradezu realitätsblind bei der Analyse der Gründe für die „akademische Selbstreproduktion“ ist, dass mit keiner Silbe auf die Frage der Finanzierbarkeit eines Studiums eingegangen wird und im Survey keine Nachfrage nach dem Zusammenhang der Ausbildungsförderung oder von Stipendien mit der Studierbereitschaft aufgenommen wurde.

Nach allen anderen vorliegenden Werten, erhöht jedoch eine Verbesserung des BaFöGs und die Erhöhung der Einkommensgrenzen für die Eltern für eine Förderung, die Studierbereitschaft signifikant.

Dass im Survey nicht danach gefragt wurde, inwieweit die Einführung von Studiengebühren eine zusätzliche Barriere zum Hochschulzugang für Jugendliche aus sozial (und finanziell schlechter gestellten) Schichten darstellt, ist geradezu sträflich. Offenbar wollten Auftraggeber und die Durchführenden der Studie hier keine Diskussion auslösen.

D.h. die Hebel, an denen man ansetzen müsste um beim Studium eine größere Chancengerechtigkeit zu erreichen, bleiben unberücksichtigt. So wird der Eindruck verfestigt, als würde die Studierfähigkeit bzw. die Studierbereitschaft sozusagen „vererbt“.

Ein weiterer Aspekt der gerade für junge Leute aus nichtakademischem Milieu die Studierneigung negativ beeinflusst sind die Aussichten auf die berufliche Zukunft. Und darüber machen sich viele Studierende erhebliche Sorgen:

Zwar äußern nicht alle Studierenden klare Berufsvorstellungen, dennoch machen sich nahezu alle über ihre berufliche Zukunft Gedanken und viele auch Sorgen.

Die möglichen Schwierigkeiten bei der Stellenfindung nach dem Studium schätzen die Studierenden im WS 2003/04 unterschiedlich ein.

  • Ohne Schwierigkeiten nach Abschluss des Studiums eine Stelle zu finden, meinen 22%.
  • Schwierigkeiten, eine Stelle zu finden, die ihnen wirklich zusagt, erwarten 39%.
  • Keine ausbildungsadäquate Anstellung zu finden und somit fachfremd tätig sein zu müssen, erwarten 13%.
  • Beträchtliche Schwierigkeiten, überhaupt eine Stelle zu finden, befürchten 15%.

Rund jeder zehnte Studierende fühlt sich nicht in der Lage, seine beruflichen Aussichten einzuschätzen.

Elite unter sich Tabelle 5

Die studentischen Angaben zu ihren persönlichen Berufsaussichten können mit den statistischen Arbeitslosenzahlen von Hochschulabsolventen in Zusammenhang gebracht werden. Sie sind Ende der 90er Jahre deutlich gesunken und befanden sich im Jahr 2000 auf einem Tiefstand.

Im neuen Jahrtausend sind sie jedoch wieder deutlich angestiegen und erreichen 2003 einen neuen Höchststand, sowohl für Absolventen mit Universitätsabschluss (166.207 registrierte Arbeitslose) als auch für Absolventen mit Fachhochschulabschluss (87.125). Die Änderungen in den Arbeitslosenzahlen zeigen deutliche Auswirkungen in den Reaktionen der Studierenden.

Unerfreulich für die Politik dürfte auch die Bewertung der Studienreformen der letzten Jahre durch die Studierenden sein:

Neue Konzepte der Hochschulentwicklung halten Studierende an den Fachhochschulen für wichtiger als an den Universitäten. Sie können ihrem Studienverständnis nach solche Neuerungen oft stärker befürworten und unterstützen:

  • das Kredit-Punkt-System (an Fachhochschulen für 42% sehr wichtig, an Universitäten für 39%).
  • einen Bachelor-Abschluss nach sechs Semestern (35% zu 27%) !!!
  • Masterstudiengänge (38% zu 26%) !!!
  • Teilzeitstudiengänge (38% zu 27%).

An den Universitäten sind diese Konzepte nur für rund jeden vierten Studierenden von sehr großem Interesse. Nur die Einführung des Kredit-Punkt-Systems hat eine ähnlich hohe Wichtigkeit: 39% halten es für sehr wichtig.

Das geringere Interesse der Studierenden an Universitäten an den neuen Studienabschlüssen macht deutlich, dass sie mehrheitlich nicht von deren Vorteilen überzeugt sind. Vor allem gegenüber dem Bachelor und Master ist die Zurückhaltung noch groß.

Die neuen Studienabschlüsse mit Bachelor und Master haben zwischen 1998 und 2004 an den Universitäten an Unterstützung verloren.

An den Fachhochschulen wird im Zeitvergleich die Einführung der Magisterstudiengänge für etwas wichtiger erachtet.

Ebenso hat das Kredit-Punkt-System an Bedeutung gewonnen und erlangt 2004 die höchste Wichtigkeit.

Der Rückgang des studentischen Interesses an Universitäten an der Einführung von Bachelor und Master kann daran liegen, dass die Umstellung an vielen Hochschulen bereits erfolgt ist und daher ihre weitere Einforderung nicht mehr notwendig erscheint. Aber ebenso können die Vorbehalte seitens Lehrender und Hochschulen gegen die neuen Strukturen mit der Abschaffung traditioneller Examina (z. B. Diplom) Studierende beeinflussen, sich nicht dafür auszusprechen.

Anmerkung: Über die eigentlichen Gründe, warum die Einführung der gestuften Studiengänge weniger Zustimmung findet haben wir auf den NachDenkSeiten schon vielfach berichtet.

Siehe zum Studierendensurvey auch:

Professorenkinder übernehmen Unis
Quelle: taz

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