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Von Orlando bis München: Amok oder Terror?

Veröffentlicht in: Audio-Podcast, Innere Sicherheit, Medien und Medienanalyse, Terrorismus

Der Amoklauf von München markiert den vorläufigen Schlusspunkt einer Blutspur, die Terrorakte und Amokläufe in den letzten Monaten durch Europa gezogen haben. In den USA sind Amokläufe beinahe alltägliche Ereignisse. Die Grenzen zwischen Amok und Terror sind unscharf und müssen in jedem einzelnen Fall bestimmt werden. Den Opfern und ihren Angehörigen wird es egal sein, welcher Kategorie die Mörder zugeordnet werden. Einer kritischen Öffentlichkeit kann es indessen nicht gleichgültig sein, wie Verbrechen gesellschaftlich angeeignet und codiert werden. Mit Etikettierungen verbinden sich strategische Interessen, und zwar sowohl auf der Seite der Täter als auch der Gesellschaft. Von Götz Eisenberg[*].

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

„Doch wird kommen der Tag des großen Zorns …“
(Boris Sawinkow)

Die „Turboradikalisierung“ des Mohamed B.?

Nach dem LKW-Amok von Nizza wurde behauptet, der Mann habe sich innerhalb von vierzehn Tagen radikalisiert und in einen Dschihadisten verwandelt. Seit acht Tagen habe er sich als Zeichen seiner radikalen Konversion einen Bart wachsen lassen. Zuvor sei er nicht religiös gewesen, habe Schweinefleisch gegessen und Drogen konsumiert. Von den Behörden sei er bis dato nicht als sogenannter Gefährder eingestuft worden, sondern lediglich als Kleinkrimineller geführt worden. So war er vor einiger Zeit wegen eines Körperverletzungsdeliktes im Straßenverkehr zu einer kurzen Bewährungsstrafe verurteilt worden. Mohamed B. war verheiratet und hatte drei Kinder. Allerdings hatte seine Frau ihn wegen fortgesetzter übler Behandlung und Schlägen verlassen und die Scheidung eingeleitet. Was für eine Kränkung für einen Macho! So etwas brütet Rachegelüste aus. Und genau an dieser Stelle kommt der radikale Islamismus ins Spiel.

Man beginnt zu ahnen, dass die Kausalität genau andersherum verläuft wie von den Behörden angenommen: Er hat nicht gemordet, weil er sich dem Dschihad zugewandt hat, sondern er hat sich dem Dschihad zugewandt, weil er morden wollte, weil er es nicht mehr ertragen hat in seiner Haut. Der Mann hat sich „radikalisiert“, um seine schon lange gehegten Rachepläne mit „Sinn“ auszustatten. Auch Täter haben das Bedürfnis, das, was sie zu tun beabsichtigen, vor sich selbst und der Welt zu rechtfertigen und mit einem ideellen Überbau zu versehen. Den Mord ohne Motiv, den leeren, gänzlich abstrakten „acte gratuit“, von dem bei André Gide die Rede ist, gibt es nicht oder nur extrem selten. Selbst Amokläufer haben mitunter den Versuch unternommen, ihre Tat in einen Begründungszusammenhang einzubetten und mit einem Kranz von Ideen zu umgeben, wie abstrus die im Einzelnen auch gewesen sein mögen. Der Ahnherr der deutschen Amokläufer ­- Ernst August Wagner – hat, nachdem man ihn nach seiner Tat im Jahr 1913 in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen hat, ganze Bände damit gefüllt. In seinen Erinnerungen fällt der Satz: „Von dem Vulkan, der in mir brütet und kocht, hat kein Mensch eine Ahnung.“

Auch die Gesellschaft kann mit – wie abstrus auch immer – begründeten Taten besser umgehen, als mit sinnlosen. Wir haben angesichts von brutalen und spektakulären Verbrechen ein starkes Bedürfnis nach einer rationalen Erklärung des Geschehens, und am meisten befriedigt und beruhigt uns eine kausale Erklärung: „Daher kommt das also!“ Kausale Erklärungen versprechen Abhilfe und Erlösung, deswegen sind sie so beliebt. Amok wird einstweilen etwas Rätselhaftes behalten, das sich unseren Erklärungsversuchen entzieht. Die Normalität unserer Lebensverhältnisse gebiert Ungeheuer. Der Amokläufer verkörpert die dunkle Seite des Alltags, seinen verborgenen Schrecken.

Beiden Seiten kommt daher der IS gelegen. Er liefert uns Erklärungen und verwandelt Unbekannt-Bedrohliches in leidlich Bekanntes, gegen das wir vorgehen können oder es zumindest glauben. Den diffus tatgestimmten Tätern – ich habe sie vor geraumer Zeit einmal als Amok-Schläfer bezeichnet – stellt er eine sprachliche Codierung, eine Sprache des Hasses zur Verfügung. Der Hass, das unter der Oberfläche brodelnde Magma (im Sinne Wagners), erhält einen sprachlichen Ausdruck und eine Richtung. Aber der Hass war immer vorher schon da, als eine Art diffuses Grundrauschen einer beschädigten, verstörten und verzweifelten Existenz. Der IS liefert also das Libretto zu einer Melodie, die länger schon im Inneren des potenziellen Täters als eine Endlosschleife ablief. Der IS verfügt ja nicht über einen Zaubertrank, der harmlose Leute quasi über Nacht in blutrünstige Killer verwandelt, eine Art von bewusstseinsverengender Droge, die man zur Dschihadisten-Produktion einsetzen kann. In der Regel brüten Amokläufer lange über ihren Plänen und bereiten ihre Taten gründlich vor. Joachim Gaertner hat das in seinem dokumentarischen Roman über die Littleton-Amokläufer Klebold und Harris detailliert nachgezeichnet, der unter dem Titel Ich bin voller Hass – und das liebe ich erschienen ist.

Der IS hat eine gut funktionierende PR-Abteilung, die sich gewissermaßen herrenlose Attentate unter den Nagel reißt: „Solange niemand sonst Urheberrechte anmeldet, sagen wir einfach: Das waren wir! Es glauben ja eh alle, dass wir dahinterstecken.“ Inzwischen relativieren die Behörden im Fall von Nizza die These von der „Turboradikalisierung“ und räumen ein, dass Mohamed B. Komplizen hatte und seine Tat über einen längeren Zeitraum mit ihrer Unterstützung geplant und vorbereitet hat. Es bleibt ein Fall, der auf der Grenze zwischen Amok und Terror siedelt.

Das Automobil als Waffe

Manchmal wundere ich mich, wie vergesslich auch sogenannte Experten sind, die jetzt in Talkshows sitzend so tun, als sei die Amokfahrt von Nizza etwas Neues und eine teuflische Erfindung des IS. Wie ein Blick auf die bei weitem nicht vollständige Liste der Amok-Fahrten zeigt, ist das Automobil schon länger ein Instrument homizidaler und suizidaler Tendenzen. Es sterben in Deutschland jeden Monat im Straßenverkehr mehr Menschen als in einer veritablen mittelalterlichen Schlacht.

2009 ist beim Koninginnedaag in Apeldoorn ein junger Mann mit seinem PKW in die Menschenmenge gerast und hat dabei sechs Menschen getötet und ein Dutzend verletzt. Da sprach noch niemand vom Islam, sondern man sortierte das in die Rubrik Amok ein. Karst T., förderten die Ermittlungen nach der Tat zu Tage, sei verzweifelt gewesen, weil er kurz zuvor seine Arbeit und seine Wohnung verloren habe.
Am 1. August 2013 ist in Regensburg ein 46-jähriger Mann mit seinem Auto durch die Stadt gerast. Er durchbrach eine Baustellenabsperrung, fuhr in Höchstgeschwindigkeit durch eine Fußgängerzone, wobei er Passanten erfasste und verletzte, und krachte schließlich in die gläserne Eingangstür eines Waschsalons. Dabei erfasste der Wagen ein fünfjähriges Mädchen und ihre dreijährige Schwester. Das fünfjährige Mädchen starb, ihre jüngere Schwester wurde schwer verletzt. Die Motive des Mannes, der verletzt überlebte, sind unklar. Er soll in einer Klinik wegen psychischer Probleme behandelt worden sein.
Während der Fußballweltmeisterschaft 2006 durchbrach ein Mann mit seinem PKW die Absperrung um die Fanmeile am Brandenburger Tor, fuhr in die Menschenmenge und verletzte circa 20 Menschen. Ein Gericht erklärte ihn später für geisteskrank und wies ihn in die Psychiatrie ein.

Ein neues Skript zur Entäußerung von Hass

Es handelt sich in Nizza nach meiner Einschätzung um einen Fall von Amok, der sich einer zeitgemäßen Codierung bedient. Es gibt offenbar ein neues Skript für die Entäußerung von Hass. Dieses legt Tätern mit oder ohne migrantischen Hintergrund nahe, sich einer islamistischen Codierung zu bedienen und sich zum Sympathisanten des IS zu erklären. Das stiftet „Sinn“ und sichert einem optimale Beachtung und Aufmerksamkeit. Man schreit in schlechtem, imitiertem Arabisch „Gott ist groß“, und schon fühlt man sich als Teil einer weltumspannenden Hass-Föderation und jeder weiteren Erklärung enthoben. „Ach so, so einer ist das“, sagen die Leute und fragen nicht weiter nach. Die betroffenen Gesellschaften sind von der unbequemen Frage entlastet, was das alles mit den gesellschaftlichen Verhältnissen zu tun hat. Der entfesselte Kapitalismus produziert immer mehr „radikale Verlierer“, wie Enzensberger es einmal ausgedrückt hat – Menschen, die vom heiligen Markt als überzählig ausgespuckt werden und wie Fische auf dem Trockenen liegen. Sie geraten in eine abseitige, anomische Position und brüten über ihrem Unglück. Es existiert ja für die wenigsten ein politisches Milieu, das die Erfahrung des Ausschlusses in eine aufklärerische Richtung bringen und in kollektive Gegenwehr transformieren könnte. So geraten die Überzähligen leicht ins Gravitationsfeld radikaler, terroristischer „Lösungen“. Sie schlagen blind auf die gesellschaftliche Fassade und versetzte Objekte ein, die ihnen der radikale Islamismus zurechtrückt. Aber auch jetzt gilt: Der Islamismus wird auf etwas längst Vorhandenes aufgepfropft, baut den Zünder in eine schon vorher vorhandene Bombe ein und macht sie scharf.

An dieses neue Drehbuch hat sich auch Paul H. aus dem hessischen Grünberg gehalten. Im Morgengrauen des 10. Mai 2016 stach er auf dem Bahnhofsgelände im bayrischen Grafing wahllos auf Passanten ein, tötete einen Menschen und verletzte drei weitere schwer. In Grünberg war Paul H., der als Drogenkonsument gilt, zuvor aufgefallen, weil er wirres Zeug geredet hatte. Am Sonntag wurde er deshalb zur Beobachtung in eine psychiatrische Klinik in Gießen eingewiesen. Die Ärzte ließen ihn am nächsten Morgen gehen, weil sie keine Anzeichen für eine akute Selbst- oder Fremdgefährdung erkennen konnten. Er verließ die Klinik und machte sich mit dem Zug auf den Weg nach Bayern. Nach Angaben der Ermittler kam er am Montagabend in München an. Er trieb sich im und am Bahnhof herum, weil sein Geld für ein Hotelzimmer nicht gereicht habe. Schließlich bestieg er die S-Bahn und fuhr weiter nach Grafing, wo er seine Messerattacke beging. Der Mann war seit mehreren Jahren arbeitslos und lebte von Sozialhilfe. Zuvor soll er als Schreiner gearbeitet haben. Die Motivation des Täters, der während der Attacke „Allahu Akbar“ gebrüllt hatte, sei nach wie vor unklar, teilten die Ermittler mit. Hinweise auf Bezüge zum sogenannten Islamischen Staat oder anderen terroristischen oder extremistischen Vereinigungen habe man nicht gefunden.
Selbst der ohnmächtige und randständige Mensch, in dessen Leben sich Niederlage an Niederlage reiht, kommt in den Genuss der Machtausübung, wenn er andere verletzt und tötet. Für kurze Zeit steht der Täter auf der anderen Seite der Angst: Endlich einmal hat nicht er Angst, sondern die anderen ängstigen sich vor ihm; er spürt seine Macht und verwandelt die Geschichte seiner Zurückweisungen und Niederlagen in einen letzten Triumph über Leben und Tod anderer. Darin liegen nicht zuletzt Lockung und Faszination der Gewalt.

IS als Chiffre

Man wird sich von der rhetorischen Fassade nicht täuschen lassen dürfen. Alle Versprachlichungen – mögen sie nun Hitler, Mohammed, IS oder sonst wie heißen – sind letztlich nur Chiffren. Es geht bei den jungen Männern – mit und ohne Migrationshintergrund – im Kern darum, aus dem Nichts einer randständigen Existenz, aus der Bedeutungslosigkeit herauszutreten und ein Gefühl des Existierens zu erzeugen. Anreiz für die Schattenexistenzen sind nicht so sehr die berühmten 72 Jungfrauen, die angeblich im Jenseits auf die Märtyrer warten, sondern eine riesige mediale Resonanz und ein Platz in der Hall of Fame der Übeltäter, die man vorwegphantasiert und im Vorfeld der Tat schon genießt. Die mediale Resonanz ist ein wesentlicher Faktor in der Planung von Tätern, die auf Anerkennung aus sind. Der Täter produziert den Schrecken in der sicheren Gewissheit, dass die Medien ihn verbreiten. Dieser mediale Narzissmus ist etwas, das die heutigen westlichen Terroristen mit anderen jugendlichen Amokläufern gemeinsam haben.

Wenn es stimmt, dass Amokläufer und Selbstmordattentäter von dem Wunsch angetrieben werden, aus der Bedeutungslosigkeit ihrer Existenz herauszutreten und ins Rampenlicht öffentlicher Aufmerksamkeit zu geraten, dann macht sich, wer Bilder der Tat und des Täters verbreitet, unbewusst zu seinem Komplizen und Erfüllungsgehilfen. Der mediale Nachhall der Schüsse und Bombenexplosionen ist wesentlicher Teil der Tatplanung. Die toten Amokläufer/Terroristen und die zukünftigen sind in einer weltumspannenden, imaginären Hassföderation vereint, die medial organisiert ist und von Bildern lebt. Jeder Bericht über die spektakuläre Rache eines Zukurzgekommenen und Übersehenen an seiner kränkenden Umwelt kann Schläfer wecken, die – verborgen in der anonymen Masse der Menschen mit chronischen Anerkennungsdefiziten – auf ihren Aufmerksamkeit garantierenden Auftritt warten. Wem es ernsthaft um Prävention zu tun ist, müsste dafür sorgen, dass die Berichterstattung über solche Massaker auf ein sachliches Minimum begrenzt wird. Vor allem dürften keine Bilder der Täter in Aktion und voller Kampfmontur in Umlauf gesetzt werden, weil diese den bösartigen Narzissmus amok- oder terrorismusgefährdeter Jugendlicher auf besondere Weise stimulieren und sie zur Nachahmung geradezu animieren.

Die Camouflage des Omar M.

Das eben Gesagte gilt mutatis mutandis auch für das Massaker von Orlando. Ein aus Afghanistan stammender Mann hat dort am 12. Juni 2016 49 Menschen getötet und über 50 weitere zum Teil schwer verletzt. Er eröffnete in dem von Homosexuellen bevorzugten Club Pulse das Feuer auf die Gäste. Omar M. wurde von den Sicherheitskräften erschossen. Kurz vor der Bluttat hatte der 29-Jährige die Polizei angerufen und sich zum „Islamischen Staat“ bekannt. Dabei berief er sich auch auf die Attentäter des Boston-Marathons.

Als sich die Nachricht verbreitete, schnappten sofort die üblichen Reflexe ein: Hinter dieser Bluttat konnte nur der IS stecken, da waren sich alle einig. Die eilfertigen Motivforscher waren nicht weit von jener Satire entfernt, in der eine Reporterin im Umfeld des 11. Septembers 2001 auf die Frage nach den Urhebern eines gerade eingetretenen Unglücks sagt: „Al Qaida. Alles andere wäre zum jetzigen Zeitpunkt reine Spekulation.“ Wenig später ruderten die Ermittler zurück und ließen verlautbaren, dass Omar M. diese Fährte durch einen Telefonanruf, in dem er sich zum IS bekannte, zwar selbst gelegt hatte, wohl aber nicht im direkten Auftrag des IS gehandelt habe und auch nicht Mitglied eines terroristischen Netzwerks sei. Was aber könnte dann das Motiv einer derartigen Tat sein? Man wird sich mit der Möglichkeit auseinandersetzen müssen, dass ein selbstunsicherer und von Schuldgefühlen geplagter Mann, dem Religion und familiäres Umfeld das Schwulsein verboten haben, sich gewaltsam aus einem sexuellen Identitäts-Dilemma befreien wollte. Das Bekenntnis zum IS wäre dann eine Art Camouflage und diente als Chiffre für seinen externalisierten Selbsthass. Auch das Massaker von Orlando ist wohl eher in die Rubrik Amoklauf als in die des religiös motivierten Terrors einzuordnen.

Amok im Regionalzug

Nach Würzburg stellen sich nun ähnliche Fragen. Auch hier wieder ist von „Turboradikalisierung“ die Rede. Ein unauffälliger junger Mann, den die Behörden nicht auf dem Schirm haben, auf dem sie jeden auch nur ansatzweise verdächtigen Ausländer haben, greift zu Messern und Axt und schlägt und sticht auf Passagiere eines Eisenbahnzuges ein. Auch beim „erweiterten Suizid“ scheint es eine Art „Werther-Effekt“ zu geben, der aus der Selbstmordforschung seit langem bekannt ist. Man spricht in der Kriminologie von Resonanzstraftaten. Ein Amoklauf zieht andere nach sich. In zeitlicher Nähe zu spektakulären Taten findet man regelhaft Nachahmungstaten und Trittbrettfahrer. Das war vor allem nach Littleton so, und auch nach dem Amoklauf von Erfurt konnte man das beobachten. In seinem Video bezieht der Täter aus dem Regionalzug sich ausdrücklich auf Nizza.

Wie andere Leute ihre Kunststücke mit dem Ball auf dem Sportstudio-Kanal hochladen, um in der Sendung auf die Torwand schießen zu dürfen, schicken amok-gestimmte Jungs ihre Videos an die IS-Medienagentur Amaq. Die lädt sie dann hoch, wenn der Betreffende seine Drohung wahrgemacht hat und reklamiert die Tat für sich. Gerade in diesem Fall stellen sich Fragen über Fragen: Wie ist die Lage eines Jugendlichen, der als unbegleiteter Flüchtling ins Land kommt und nun in der unterfränkischen Provinz gelandet ist? Hat er Afghanistan im Kopf, im Körper und seiner Seele? Was fühlt er, was hofft er, wonach sehnt er sich? Hat er Heimweh? Was erwartet er vom Leben und was das Leben von ihm? Ist er einsam und verzweifelt? Er sieht all die Dinge, die er gern besäße, aber sie sind durch Schaufensterglas von ihm getrennt und preislich weit außerhalb seiner Möglichkeiten. Deutschland erscheint als ein Land, in dem es alles gibt, aber nicht für ihn und Seinesgleichen. Die jungen Migranten leben im Zustand einer permanenten Frustration: Sie werden tagein-tagaus mit Bildern des Luxus vollgestopft und gleichzeitig verwehrt man ihnen die Mittel, um die Gegenstände auf legalem Weg erwerben zu können. Man könnte also am Ende auf die Idee verfallen, dass die Tat im Regionalzug Ausdruck von Verzweiflung war und nicht einer durch und durch bösen Gesinnung. Die Zuschreibung zum IS rückt die in seinem Namen begangenen oder ihm zugeschriebenen Taten ins Reich des Dämonischen und damit aus unserer Verantwortlichkeit. „Die sind eben böse“, sagen wir, und können weitermachen wie zuvor. Man bedient sich von Seiten der Herrschenden dieser Taten, um die innere Sicherheit noch weiter zu militarisieren.

Im Interview mit der taz wird der Islamwissenschaftler und Terrorexperte Guido Steinberg gefragt, ob es sich in Fällen wie Würzburg nicht eher um einen Amoklauf handele als um Terror. Er antwortet: „Die Grenze ziehen wir. Am Dienstagmorgen war die Beschreibung des Würzburger Anschlags als Amoklauf noch richtig. Dieses Urteil muss aber nach der Veröffentlichung von Bekenntnis und Video revidiert werden.“ Nun ist es, kann man aus dieser Antwort schließen, für Steinberg zweifelsfrei ein Fall von Terror. Ich bleibe dabei: Es ist auch jetzt noch die amokartige Verzweiflungstat eines jungen Migranten, der sich einer in der Luft liegenden Codierung bedient. Am Samstag vor der Tat soll er Nachricht vom Tod eines Freundes in Afghanistan erhalten haben.

Die Migranten oder Migrantenkinder sind eingeklemmt zwischen zwei Welten, denen sie gleichermaßen nicht angehören. Fehlende Anerkennung und Beachtung ist für die Seele, was Hunger für den Magen ist. Umso verlockender ist da das Angebot, das der militante Islamismus bereithält. Er stillt diesen Hunger, sammelt die Wut der jungen Leute auf, bündelt sie und gibt ihr eine Richtung – gegen die Masse der Ungläubigen, die als Feinde angesehen werden. Die zuvor identitätslosen und zerrissenen Jugendlichen und jungen Männer bekommen eine Identität, ihr Leben erhält Sinn und Ziel. Aus Außenseitern und Verlierern werden junge Männer, die für etwas eintreten und kämpfen. Etwas Vergleichbares hat die herrschende Gesellschaft ihnen nicht zu bieten.
Wer immer sich einen Rest sozialer Sensibilität bewahrt hat, wird nicht umhinkommen, dem englischen Schriftsteller und Künstler John Berger zuzustimmen, der konstatiert: „Was einen Terroristen ausmacht, ist zunächst einmal eine bestimmte Art der Verzweiflung. Oder genauer gesagt, das Streben, über die Verzweiflung hinauszugehen, indem er sein Leben einsetzt und so der Verzweiflung einen Sinn gibt.“

„Suicide by cop“

In beiden Fällen – also in Nizza und provinziell verkleinert in Würzburg – muss auch die Möglichkeit in Betracht gezogen werden, dass es sich um Varianten dessen handelt, was man „suicide by cop“ nennt. Die in eine aussichtlos erscheinende Lage geratenen Täter legen nicht selbst Hand an sich, sondern legen es darauf an, sich von der Polizei erschießen zu lassen. Mir ist aus meiner Arbeit im Gefängnis ein Fall in Erinnerung, wo sich ein junger Mann, der in eine schwere Lebenskrise geraten war, zwei Mal darum bemüht hat, sich erschießen zu lassen. Beim ersten Versuch war der Scharfschütze zu gut und traf ihn an der Schulter. Beim zweiten ging er in einem Obdachlosenheim mit einem Samurai-Schwert auf Polizisten los, die er zuvor selbst gerufen hatte und die sich nicht anders zu helfen wussten, als ihn zu erschießen.

Nach der Axt- und Messer-Attacke von Würzburg wurden Menschen allen Ernstes von Reportern befragt, ob sie sich denn nun noch trauten, einen Regionalzug zu benutzen. Wurden die Leute das auch gefragt, nachdem sich herausgestellt hat, dass das Zugunglück von Bad Aibling, bei dem im Februar 2016 elf Menschen zu Tode gekommen sind, auf das Konto der Spielleidenschaft des zuständigen Fahrdienstleiters geht? Dieser wurde inzwischen in Untersuchungshaft genommen. Dem Mann wird vorgeworfen, auf seinem Handy bis kurz vor dem Zusammenprall der beiden Züge ein Online-Spiel gespielt zu haben und dadurch abgelenkt gewesen zu sein. Wie viele tödliche Unfälle sind dem Gebrauch von Handys und Smartphones im Straßenverkehr geschuldet? Wäre es nicht höchste Zeit, über ihren Gebrauch in der Öffentlichkeit und vor allem im Straßenverkehr und während der Arbeit zu diskutieren? Zu stark sind die wirtschaftlichen Interessen, die mit dem Verkauf dieser Geräte verknüpft sind, als dass das auch nur einen Moment erwogen würde.

Ich bin davon überzeugt, dass das, was gegenwärtig unter dem Begriff „Terrorismus“ verhandelt wird, zumindest eine große Schnittmenge mit dem Phänomen Amok aufweist. Die zeitgenössischen Anschläge und Attentate sind eigentlich Amokläufe, die sich einer in der Luft liegenden pseudoreligiösen Codierung bedienen. Ein an sich richtungs- und subjektloser Hass hat seit einiger Zeit einen Namen und eine Richtung bekommen. Der sogenannte islamistische Terror entwickelt sich zu einem „Modell des Fehlverhaltens“ (Georges Devereux) für abgehängte, perspektivlose, frustrierte jugendliche Migranten. Er ist ein Zweig am Amok-Baum.

Feindbild IS

Klassengespaltene und krisengeschüttelte Gesellschaften bedürfen eines äußeren Feindes, um sich zu einen und ein großes Wir über der inneren Zerrissenheit entstehen zu lassen. Seit dem Untergang des Ostblocks war die Position des Feindes vakant. Seit dem 11. September 2001 hat diese Funktion „der islamistische Terror“ übernommen.
Im Kampf gegen die militanten Gotteskrieger von Al Qaida und IS entsteht ein großes Wir über den krisengeschüttelten Gesellschaften des Westens. Sogar der zwischenzeitlich wieder aufgewärmte Ost-West-Konflikt kühlt wieder etwas ab, und der in den letzten Jahren zum Ober-Schurken avancierte Putin wird – zumindest vorübergehend – aus dieser Rolle verdrängt. Dank des IS können wir all die anderen Probleme vergessen. Wer redet noch von der Finanzkrise, von Massenarbeitslosigkeit und den Morden des NSU? Ist das nicht wunderbar: Ein vom Westen selbst mit geschaffener und aus der Flasche gelassener Geist dient nun dazu, uns alle im Kampf gegen ihn zu einen! Im Schlagschatten des Anti-Terror-Kampfes breiten sich islamophobe Einstellungen wie ein Flächenbrand aus und leiten Wasser auf die Mühlen der Ausländerfeinde, Rechtspopulisten und Rassisten.

Eine politische Entspannung kann psychisch gerade die gegenteiligen Folgen haben: Verschwindet ein Feind durch Entspannung oder Kapitulation, schwindet auch die Möglichkeit, eigene Konflikte auf ihn abzuwälzen. Das Bild des „Bösen“, das uns in Gestalt des jeweiligen Sündenbocks und Feindes präsentiert wird, ist das beste Gefäß für alle möglichen Bedrohtheits- und Unsicherheitsgefühle. Denen wären wir ausgeliefert, hätten wir nicht einen Feind, der uns eine Verschiebung unserer diffusen Ängste ermöglicht, diese konkretisiert und im Kampf gegen die vermeintliche Angstquelle zugleich beruhigt. Über Jahrzehnte stand der Feind stabil und verlässlich im „Osten“ und wir konnten unseren sozialpsychologischen Giftmüll hinter der Mauer deponieren. George Bush junior hat einmal in einem Interview gesagt: „Als ich aufwuchs, war die Welt gefährlich und wir wussten genau, wer die anderen waren. Es war: Wir gegen die, und es war klar, wer ‚die‘ waren. Heute sind wir nicht so sicher, wer die ‚die‘ sind; aber wir wissen, es gibt sie.“ Eine rastlose Suche nach neuen Bedrohungen setzt ein, und das „Böse“ heftet sich mehr oder weniger flüchtig an wechselnde Objekte. Seit dem 11. September haben wir uns darauf geeinigt, wer die neuen „die“ sind.

Allgemeine Mobilmachung

Wir alle werden mobilisiert für den „Krieg gegen den Terror“. Es war erschreckend zu sehen, wie man in der Sendung von Frau Maischberger am 20. Juli 2016 über Renate Künast hergefallen ist. Diese hatte in einem Tweet direkt nach der Tat von Würzburg gefragt: „Wieso konnte der Angreifer nicht angriffsunfähig geschossen werden????“, und einen Shitstorm dafür geerntet. In der Maischberger-Sendung bedrängte man sie massiv, sich für diese spontane Äußerung zu entschuldigen, und warf ihr vor, der gesamten Polizei des Landes in der Stunde der Gefahr in den Rücken gefallen zu sein. Ich habe Renate Künast bewundert für die stoische Gelassenheit, mit der sie das Ansinnen der Distanzierung von ihrer Frage zurückwies und darauf beharrte, dass das Stellen solcher Fragen zu einer Demokratie gehört und das Recht einer Abgeordneten ist. In dieser Situation hat Frau Künast eine Courage bewiesen, die mir Respekt abnötigte. Es wäre bequemer für sie gewesen, in den Chor derer einzustimmen, die sich mit der Tötung eines mit einer Axt bewaffneten 17-Jährigen umstandslos einverstanden erklärten.

Im Anti-Terror-Kampf darf man nicht zimperlich sein und kein Mitgefühl zeigen. „Wo gehobelt wird, da fallen Späne“, sagt der Volksmund in so einem Fall. Rechtsstaatliche Bedenkenträger und zivile Nörgler werden nicht geduldet. „Maul halten, Ordre parieren“, lautet eine alte preußische Maxime. Mir ist nicht erinnerlich, dass irgendjemand in der Talkshow-Runde Frau Künast beisprang. Man konnte in dieser Sendung beobachten, was für ein Anpassungsdruck ausgeübt wurde und wie sie in eine Außenseiterposition gedrängt wurde. Wir sollen auf den „Krieg gegen den Terror“ eingeschworen werden. Ein Kollateralschaden dieses Krieges wird darin bestehen, dass ihm Rechtsstaat und Demokratie zum Opfer fallen. In Frankreich wurde nach Nizza der Ausnahmezustand noch einmal verlängert, und es gibt auch bei uns Leute, die mit der Beseitigung lästiger demokratischer Beschränkung staatlicher und vor allem polizeilicher Machtbefugnisse liebäugeln.

Amok in München

Ich habe die halbe Nacht von Freitag auf Samstag vor dem Fernseher verbracht und mir angeschaut, wie eine Schreckenstat medial begleitet und inszeniert wird. Zum ersten Mal habe ich mir darüber nach dem Amoklauf in Erfurt im Jahr 2002 Gedanken gemacht, als Johannes B. Kerner in Diensten des ZDF seine Zelte neben dem Tatort aufschlug und noch am Abend der Tat in seiner Talkshow einen elfjährigen Jungen als Augenzeugen interviewte. Damals schrieb ich in meinem Buch Gewalt, die aus der Kälte kommt:

Die unter die „Diktatur der Einschaltquote“ (Pierre Bordieu) geratenen Medien leben von Sensationen wie dem Massaker von Erfurt. Es scheinen die giftigen Sekrete der Medien zu sein, die den „Amok-Virus“ auf Empfänger übertragen, deren Immunsystem geschwächt ist und die infolgedessen für Ansteckung anfällig sind.
Die Flut an Schreckensnachrichten, die täglich über uns hereinbricht, hat darüber hinaus eine „Normalisierung des Grauens“ (Herbert Marcuse) zur Folge. Wir verschlingen unentwegt eine derart hohe Dosis an Dramatik, dass wir jede Fähigkeit zur Verarbeitung und Wahrnehmung einzubüßen drohen. Je deutlicher eine Barbarei zu sehen ist, je mehr Wiederholungen uns präsentiert werden, desto schneller vergessen wir sie. Wir konsumieren Horror wie andere Leute Alkohol. Alles zeigen, alles ausbreiten, alles präsentieren: Dies ist das beste Mittel, um uns gegen das Unglück, von dem die Medien berichten und von dem sie vampiristisch zehren, immun zu machen. Die Fülle der Nachrichten wird zum Widersacher der Wahrheit, unsere Aufnahmefähigkeit und Verarbeitungskapazität kollabiert unter dem Ansturm schrecklicher Bilder. Die Metastasen des Zynismus breiten sich aus und drohen unsere Fähigkeit zu Widerstand und Revolte zu zerstören.

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Alles wiederholt sich, allerdings auf erweiterter Stufenleiter und technisch weiterentwickelt. Statt sich auf knappe, sachliche Meldungen zu beschränken, hörte die Tagesschau am Freitag gar nicht mehr auf und ging dann nahtlos in die Tagesthemen über. Thomas Roth übernahm und stocherte nun statt Jens Riewa im Nebel der Gerüchte und Vermutungen. Im Minutentakt wurden dieselben Reporter und Terrorexperten zugeschaltet, die nichts Neues zu vermelden hatten und lediglich voyeuristische Bedürfnisse befriedigten. Im Hintergrund waren Martinshörner zu hören und zuckendes Blaulicht zu sehen. Permanent wurden die gleichen Filmsequenzen eingeblendet, dieselben Passanten und Polizisten liefen durchs Bild. Thomas Roth und Georg Mascolo versuchten mehrfach, aus einem privat aufgenommenen Video schlau zu werden, das den mutmaßlichen Täter auf dem Dach eines Parkdecks im Gespräch mit einem Anwohner zeigte, der von oben auf ihn herabbrüllte. Der Mann auf dem Dach beteuerte, Deutscher und hier geboren zu sein, während der Anwohner stereotyp darauf beharrte, er sei ein „Kanake, Wichser und Arschloch“. Interessant war für mich mitzuverfolgen, welche Rolle die sogenannten sozialen Netzwerke und private Handyvideos inzwischen nicht nur für die Medien, sondern auch für die Polizeiarbeit spielen. Die Bevölkerung erhält im Ausnahmezustand ihre Verhaltensanweisungen inzwischen via Twitter und Facebook: „Bleiben Sie, wo Sie sind, verlassen Sie nicht Ihre Häuser!“ Die Vernetzung erweist sich als neues Modell der Verhaltenssteuerung.

Über die sozialen Netzwerke wurden zahlreiche gezielte Falschmeldungen lanciert, die in verschiedenen anderen Stadtteilen Paniken ausgelöst und die die Polizeiarbeit enorm erschwert haben. Zur Ehrenrettung soll aber erwähnt werden, dass auch Hilfsangebote wie Übernachtungsmöglichkeiten via Twitter und Facebook verbreitet wurden. Bei mir überwiegt allerdings dennoch der Eindruck, dass die sozialen Netzwerke den ersten Teil ihres Namens wieder einmal Lügen gestraft und sich in der gereizten Stimmungslage der Nacht von München als ein hysterisierender und Panik induzierender Faktor erwiesen haben. Man müsste darüber diskutieren, wie weit die Polizei sich auf diese Medien einlassen sollte und inwieweit sie sich in Abhängigkeiten von ihnen und ihren privaten Betreibern begibt, die ungut und hinderlich sind. Mir ist das zum ersten Mal im Kontext des Bombenattentats beim Boston-Marathon übel aufgestoßen, als die Polizei über Twitter mitteilte: „GEFASST!!! Die Jagd ist vorüber. Die Suche vorbei. Der Terror vorüber. Gerechtigkeit bleibt.“

Als ich gegen Mitternacht den Fernseher ausschaltete, ging man immer noch davon aus, dass zwei der drei vermuteten Täter auf der Flucht seien. Tausende von Polizisten versuchten, ihrer habhaft zu werden. Einen der mutmaßlichen Täter habe man tot in einem Park unweit des Olympia-Einkaufszentrums aufgefunden. Er war zuvor mehrfach in einem privat aufgenommenen Video zu sehen gewesen, das zeigte, wie er auf Passanten vor der Filiale eines Schnellrestaurants schoss.
Ich hatte mich relativ früh am Abend auf eine Version festgelegt, die ungefähr so lautete: Am 22. Juli, also just an diesem Freitag, jährten sich die Taten des Anders Breivik zum fünften Mal. In der Tagesschau um 20:00 Uhr war mit einem kleinen Bericht aus Norwegen daran erinnert worden. Da ich um die beinahe magische Bedeutung solcher Jahrestage für Amokläufer weiß, vermutete ich, dass irgendwelche Rechtsradikalen zu Ehren ihres Heroen ein Gemetzel veranstalteten. So gegen 23 Uhr wurde diese Hypothese dann auch Gegenstand der medialen und politischen Debatten.

Erweiterter Suizid

Heute Morgen, als ich den gegen Mitternacht fallen gelassenen Faden wieder aufnahm und erneut in den Strom der Nachrichten eintauchte, hieß es nun, es habe höchstwahrscheinlich nur einen Täter gegeben. Dieser habe sich, nachdem er in dem Einkaufszentrum neun Menschen getötet und circa 25 weitere verletzt hatte und auf der Flucht von der Polizei gestellt worden war, selbst umgebracht. Das beinahe klassisch zu nennende Ende eines Amokläufers.

Das, was man „erweiterten Suizid“ nennt – und viele Amokläufe sind nichts anderes -, ist eine Option für Menschen, die für den einfachen Selbstmord entweder zu „feige“ oder zu „narzisstisch“ sind. Der „Narzisst“ genießt im Vorfeld der Tat seinen posthumen Ruhm, will seinen Abgang grandios in Szene setzen und in seinen eigenen Untergang tendenziell die ganze Welt mitreißen. Der „Feige“ muss sich durch die Tötung anderer in eine Lage bringen, die ihm schließlich nichts anderes mehr übrig lässt, als endlich Hand an sich zu legen. Erst jetzt – hinter sich verbrannte Erde und Leichenberge, vor sich und um sich herum die Einsatzkommandos der Polizei, in sich wachsende Panik – schafft er es, sich den Gewehr- oder Pistolenlauf in den Mund zu stecken und abzudrücken. Es scheint also falsch zu sein, wenn der so genannte gesunde Menschenverstand immer wieder behauptet, ein Amokläufer töte sich am Ende seines Wütens, weil ihm bewusst wird, was er getan hat und der deswegen empfundenen Schuld. Seine Morde sind nicht die Ursache für seinen Selbstmord. Es ist genau umgekehrt: Sein Selbstmord oder besser seine Selbstmordabsicht ist die Ursache für seine Morde.

Der mutmaßliche Täter, hieß es nun aus Ermittlerkreisen, sei ein 18-jähriger Deutsch-Iraner, der in München geboren und aufgewachsen sei und bei seinen Eltern lebte. Über seine Motive sei bislang nichts bekannt. Man habe die Wohnung durchsucht und allerhand Material beschlagnahmt, von dessen Auswertung man sich Aufschlüsse über die Motivation erhoffe.

Gegen Mittag sickerten dann weitere Informationen durch. Der junge Mann habe unter depressiven Zuständen gelitten und Schwierigkeiten in der Schule gehabt. Auch sein Name taucht nun in den Medien auf. Man habe in seinem Zimmer das Buch „Amok im Kopf – Warum Schüler töten“ des amerikanischen Psychologen Peter Langman gefunden. Er habe intensiv sogenannte Ballerspiele gespielt und sich mit anderen Amokläufern und ihren Taten beschäftigt. Man stieß in seinem Zimmer auf eine umfangreiche Sammlung von Zeitungsartikeln über vergangene Amokläufe. So habe er sich offenbar intensiv mit dem Amokläufer von Winnenden beschäftigt und ihn verehrt. Auch Bezüge auf die Taten des Anders Breivik wurden von den Ermittlern gefunden. Also lag ich mit meinen anfänglichen Vermutungen gar nicht so falsch.

Erinnern wir uns: Am 11.3.2009 kehrte der 17-jährige Tim K. in schwarzer Kampfmontur an seine ehemalige Schule, die Albertville-Realschule in Winnenden, zurück und schoss mit einer Pistole aus dem Besitz seines Vaters in mehreren Klassenräumen um sich. Er tötete acht Schülerinnen, einen Schüler und drei Lehrerinnen. Nach dem Eintreffen der Einsatzkräfte verließ er die Schule und tötete auf seiner Flucht drei weitere Menschen. Schließlich wurde er auf einem Parkplatz vor einem Autohaus umstellt und angeschossen. Schließlich erschoss er sich selbst. In den folgenden Tagen und Wochen kam es zu unzähligen Amokdrohungen von Trittbrettfahrern und Wichtigtuern. Ich habe mich in meinem nach diesem Amoklauf geschriebenen Buch „… damit mich kein Mensch mehr vergisst!“ ausführlich mit dem Amoklauf von Winnenden beschäftigt.
Bei Breivik handelt es sich in meinen Augen um einen Grenzfall zwischen Amok und einem faschistischen Massaker. Breivik begreift sich als „Kreuzritter“, der für eine „Säuberung Europas vom Islam“ und gegen den „Multikulturalismus“ reitet. Am 24. August 2012 wurde Breivik von einem Gericht in Oslo entgegen dem Antrag der Staatsanwaltschaft für zurechnungsfähig erklärt und wegen Mordes an 77 Menschen zu 21 Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Vom Gefängnis aus soll er Briefe an Beate Zschäpe geschrieben haben, eine Schwester im Geiste. Ausführliche Anmerkungen zu Breivik und dem Prozess gegen ihn finden sich in meinem Buch Zwischen Amok und Alzheimer.
Vielleicht finden sich in seiner Sammlung auch Berichte über den Amoklauf im finnischen Espoo im Jahr 2009. Dort hatte ein Mann an Silvester in einem Einkaufszentrum um sich geschossen. Er tötete vier Menschen und erschoss sich dann selbst.

Vieles von dem, was man in der Präventionsforschung inzwischen für Amok-Vorzeichen und Warnsignale hält: die Äußerung von Suizidabsichten oder tiefer Ausweg- und Hoffnungslosigkeit, das Erdulden von dauerhaften Mobbing- und Dissing-Attacken durch Mitschüler oder in der Peergroup, das Abdriften in gewaltgesättigte virtuelle Welten, apokryphe oder offene Andeutungen, dass „demnächst irgendetwas passieren wird“, das Erstellen von „Todeslisten“, die intensive heroisierende Beschäftigung mit anderen Amokläufern und die Übernahme von deren Zeichen- und Symbolsystemen, scheint nun auch auf den Münchner Fall des David S. zuzutreffen. Die privilegierte Opferwahl bei einem Amoklauf verweist in der Regel auf die Gruppe, von der die maßgeblichen Kränkungen ausgingen, unter denen der Täter zu leiden hatte. Unter den Opfern des David S. finden sich überwiegend Jugendliche aus seiner Altersgruppe, die er über Facebook aufgefordert haben soll, sich am Freitagnachmittag in das Schnellrestaurant zu begeben, vor dem er dann auf sie schoss. Bei Robert S. in Erfurt waren unter den Opfern viele Lehrerinnen und Lehrer, die ihn ein halbes Jahr vor der Tat der Schule verwiesen hatten. Tim K. in Winnenden schoss bevorzugt auf Mitschülerinnen und Lehrerinnen, von denen er sich zurückgewiesen und gemobbt fühlte. Er hatte, wie viele jugendliche Amoktäter, ein Problem mit Mädchen, von denen er sich nicht beachtet fühlte.

Nachbarn und Anwohner schildern David S. als freundlichen, netten und unauffälligen jungen Mann. Ein Nachbar sagt in gebrochenem Deutsch: „Er war eine gute Mensch.“ Damit entspricht er exakt dem Profil des Amokläufers, das sich dadurch auszeichnet, dass es keines ist, weil es auf Millionen von unauffällig lebenden Menschen zutrifft. Das markiert auch die Grenzen und Schwierigkeiten der Prävention: Man kann den zukünftigen Amokläufer nicht erkennen, weil er die personifizierte Unauffälligkeit ist.

„Psychisch gestörter Einzeltäter“ oder „religiös motivierter Terrorist“?

Man könne davon ausgehen, dass es keine politischen oder religiösen Motive gebe und David S. auf eigene Faust und ohne Unterstützung von anderen gehandelt habe. Die Tat falle also nicht, wie gestern den ganzen Abend über von den sogenannten Experten gemutmaßt worden war, unter die Kategorie „Terrorismus“. Es war beinahe so etwas wie Erleichterung spürbar, dass es sich offenbar ‚nur‘ um einen Fall von „Amok“ handele. Eine interviewte Passantin kleidete diese Erleichterung in die Worte: „Ich bin froh, dass die ISIS jetzt nicht auch noch hier ist.“
Im offiziellen Diskurs wird in jüngster Zeit zwischen zwei Kategorien von Tätern unterschieden: dem „psychisch gestörten Einzeltäter“ und dem „religiös motivierten Terroristen“. Und auf Ersteres scheint man sich im Münchner Fall zu einigen.
Warum hat sich diese Kategorisierung durchgesetzt? In beiden Fällen kann die Gesellschaft, der der Täter entstammt und deren Produkt er ist, sich von Verantwortung freisprechen und sagen: Der Mann ist wahnsinnig oder er handelt im Auftrag des IS, der zeitgenössischen Inkarnation des „Bösen“. Je unmittelbarer die Täter das Ensemble ihrer und unserer gesellschaftlichen Verhältnisse sind, desto vehementer weist eine medial verwaltete Öffentlichkeit diesen Zusammenhang von sich und betrachtet die Gewalt, als stamme sie von einem fremden Stern. Bernhard Vogel hatte nach der Tat von Erfurt von einem „Unheil“ gesprochen, „das vom Himmel gefallen ist.“ Das Massaker am Gutenberg-Gymnasium war demnach ein Ereignis wie das Erdbeben von Lissabon. Gegen so etwas kann man nichts tun, da hilft nur Beten und Gottvertrauen.

Ich habe im Fall des Andreas L., der vor einem Jahr in den französischen Alpen ein Flugzeug zum Absturz gebracht und 149 Menschen mit in den Tod gerissen hat, zu zeigen versucht, dass auch „psychische Störungen“ wie Depressionen ihren historischen und gesellschaftlichen Index haben und also mitnichten etwas ausschließlich Privates und Zufälliges sind. Ich habe seine Tat als „Amok“ eingestuft, der sich eines Flugzeugs zur Realisierung seiner mörderischen und selbstmörderischen Absichten bediente. Meine Anmerkungen dazu und zum Zusammenhang von Depression und Aggression finden sich in meinem gerade erschienenen Buch „Zwischen Arbeitswut und Überfremdungsangst“. Auch David S. soll ja, wie wir bereits gesehen haben, depressive Züge aufgewiesen haben. Er habe sich deswegen und wegen einer sozialen Phobie in psychiatrischer Behandlung befunden, war am Tag nach der Tat aus Ermittlerkreisen zu hören.

Der Staat lebt vom Vertrauen seiner Bürger, dass er ihnen Sicherheit und Schutz vor Gefahren aller Art gewährt. Da es gegen den Amoklauf so gut wie keine Präventionsmöglichkeiten gibt, muss der Staat wenigstens so tun, als gäbe es sie. Um die durch die jeweilige Tat erschütterte Innerlichkeit und Loyalität der Bürger zu restabilisieren, verabreicht man ihnen die üblichen Palliativa aus der sicherheitspolitischen Hausapotheke: Man verschärft das Waffenrecht geringfügig, novelliert irgendwelche gesetzlichen Bestimmungen, diskutiert eine Weile aufgeregt über die Rolle der Ego-Shooter-Spiele, rüstet die Polizei weiter auf und installiert noch mehr Überwachungskameras. Staat und Gesellschaft lassen es sich etwas kosten, die Ursachen der Gewalt bestehen zu lassen und ihre Folgen mit technischen und repressiven Mitteln zu bekämpfen.

Wem es wirklich um Prävention zu tun ist, wird sich fragen müssen: Welche menschlichen Haltungen gedeihen eigentlich in einem gegebenen sozialen Klima, welche sterben ab? Der Neoliberalismus hat treibhausmäßig eine Atmosphäre der Konkurrenz und zwischenmenschlichen Feindseligkeit gezüchtet und die Herausbildung einer „Kultur des Hasses“ (Eric J. Hobsbawm) befördert. Die Fähigkeiten zu Mitleid, gegenseitiger Hilfe und Solidarität verdorren, weil sie durch die gesellschaftlichen Verhältnisse keine Stützung erfahren und als Karriere-Hindernisse gelten. Die Menschen werden systematisch aufeinander gehetzt und zerfleischen sich untereinander, statt sich gegen zunehmend unerträgliche Verhältnisse zusammenzuschließen und zu wehren. Aggressionen häufen sich an den Rändern des Bewusstseins, der Angst- und Wahnsinnspegel steigt, eine gereizte Stimmungslage breitet sich aus. So dürfen wir uns nicht wundern, wenn Amok und Terror die kriminelle Physiognomie des neoliberalen Zeitalters prägen.

Nachtrag

Als ich diesen Text am Sonntagabend noch einmal durchging, hörte ich mit einem Ohr in den Nachrichten, dass in der Innenstadt von Reutlingen ein Mann mit einer Machete um sich geschlagen hat. Er tötete eine Frau und verletzte zwei weitere Menschen. Der Täter konnte überwältigt und festgenommen werden. Es soll sich um einen 21-jährigen Asylbewerber aus Syrien handeln. Seine Motive sollen privater Natur sein, heißt es. Man vermute eine Beziehungstat.

Am Montagmorgen ereilte uns die nächste Schreckensnachricht. Im bayrischen Ansbach hat sich ein abgelehnter Asylbewerber aus Syrien am Eingang eines Musikfestivals in die Luft gesprengt. Zwölf Menschen wurden verletzt, drei davon schwer. Der Mann soll der Polizei bekannt gewesen sein, die Hintergründe der Tat sind aber noch unklar. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann hält es für wahrscheinlich, dass der Anschlag das Werk eines islamistischen Selbstmordattentäters war. „Meine persönliche Einschätzung ist, dass ich es leider für sehr naheliegend halte, dass hier ein echter islamistischer Selbstmordanschlag stattgefunden hat“, sagte er am frühen Montagmorgen.

Hoffentlich wird der Amoklauf von München nicht noch andere Täter aus der Reserve locken.


[«*] Götz Eisenberg ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er arbeitete mehr als drei Jahrzehnte lang als Gefängnispsychologe im Erwachsenenvollzug. In der „Edition Georg Büchner-Club“ erschien dieser Tage unter dem Titel „Zwischen Arbeitswut und Überfremdungsangst“ der zweite Band seiner „Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus“.

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