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Pharmakologischer Seelenmord

Veröffentlicht in: Audio-Podcast, Gesundheitspolitik, Wertedebatte

Immer mehr Eltern gehen dazu über, ihren schlaflosen und schreienden Babys und Kleinkindern Beruhigungsmittel und andere psychoaktive Substanzen zu verabreichen. Sie fügen ihren Kindern damit nicht nur Schaden zu, sondern üben sie obendrein – ohne es zu ahnen – in den Modus der chemisch-pharmakologischen Verhaltenssteuerung und Affektregulierung ein. Normgerechtes Verhalten wird mehr und mehr zu einer Frage der „Einstellung“ – auf das richtige Medikament und die richtige Dosis. Der Pharmaindustrie scheint im gesellschaftlichen Modernisierungsprozess die Aufgabe zuzufallen, die Anpassung der Individuen an die Verhaltenszumutungen des „flexiblen Kapitalismus“ (Richard Sennett) chemisch-pharmakologisch zu erleichtern und sie bei der Stange zu halten. Von Götz Eisenberg[*].

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

„Welches Kind hätte nicht Grund, über seine Eltern zu weinen?“
(Friedrich Nietzsche)

Die tägliche Zeitungslektüre, die laut Hegel einmal das „Morgengebet des Bürgers“ gewesen ist, lehrt einen das Fürchten. Dieser Tage stieß ich in der Sonntagsausgabe der FAZ unter der Überschrift Schlaf, Kindlein, schlaf auf einen Artikel, der darüber berichtet, dass immer mehr Eltern ihren Babys und Kleinkindern, wenn diese zu sehr schreien oder nicht durchschlafen, Sedativa, also Beruhigungsmittel, verabreichen. Kinderärzte stellen offenbar auf Bitten der Eltern bereitwillig entsprechende Rezepte aus. „Atosil“ wurde früher Menschen verordnet, die als schizophren galten, heute kommt es als Beruhigungs- und Schlafmittel zum Einsatz. Bei manchen Eltern und Kinderärzten gilt es offenbar auch als probates Mittel zur Beruhigung schreiender und unruhiger Babys und Kleinkinder. Es gibt aber auch Substanzen und Säfte wie „Sedaplus“ oder „Wick Medinait“, die man rezeptfrei bekommen kann und die nicht weniger schädlich für Kinder sind. Auch sie enthalten Stoffe, die ins zentrale Nervensystem gelangen und tief in den leib-seelischen Haushalt eingreifen. Jedenfalls können diese Mittel schnell psychisch abhängig machen und innere Organe wie Leber und Niere schädigen.

Eine ungewollte Nebenwirkung dieser Medikamentenvergabe an Kinder besteht darin, dass diese sich zeitig an den Modus der pharmakologischen Moderation der Gefühle gewöhnen. Der „flexible Mensch“ der sogenannten Informationsgesellschaft kann sein inneres Gleichgewicht und seine Funktionsfähigkeit oft nur mit Hilfe psychoaktiver Substanzen aufrechterhalten. Den Markt, in dessen Zwänge die Menschen eingespannt sind, hat man ihnen so lange als alternativloses Steuerungsinstrument von Wirtschaft und Gesellschaft angepriesen, dass er inzwischen den Status einer zivilen Religion besitzt. Die Dreifaltigkeit, die in der neoliberalen Marktreligion angebetet wird, heißt: Rationalisierung, Privatisierung und Deregulierung. Ihre Anforderungen, denen die Gläubigen nicht zu widersprechen wagen, sind so beschaffen, dass sie von vielen Menschen nur unter Einsatz von Dopingmitteln erfüllt werden können. Die Bereitschaft zur pharmakologischen Selbstmanipulation muss früh geweckt werden, will man nicht abgehängt werden und auf der ‚Loser‘-Seite landen. Selbst grüne Bundestagsabgeordnete bringen sich mit Crystal Meth in Schwung, und jedes Wochenende werden in Clubs tonnenweise irgendwelche synthetisch hergestellten Substanzen eingeworfen, um die Nacht durchzustehen und dabei stets „gut drauf“ zu sein – oder zumindest so zu wirken, als sei man „gut drauf“. Man geht auf Partys ja nicht, um wirklich Spaß zu haben, sondern um per geposteten Selfies und Nachrichten zu dokumentieren, dass man Spaß hat.

Die verselbständigte Megamaschine kann nur mit chemikalisch-pharmakologischen Schmiermitteln am Laufen gehalten werden. Statt das von ihr vorgegebene rasende Tempo auf ein menschengemäßes Maß zu drosseln, versuchen die Menschen, ihren Imperativen Folge zu leisten, indem sie sich Mittel einverleiben, die sie von Biorhythmen des Körpers unabhängig machen. Der Rhythmus der rasenden Ökonomie stellt mehr und mehr auch den der Sozialisation ein. Mit der Geburt beginnt ein gnadenloses Rattenrennen um Markt- und Lebenschancen, das Eltern veranlasst, ihren Kindern – meist ohne böse Absichten – Sedativa und andere psychoaktive Substanzen zu verabreichen.

Vor einiger Zeit stieß ich im Wartezimmer des Zahnarztes in einer Illustrierten auf ein Interview mit einer Mutter. Diese arbeitete, wenn ich mich recht erinnere, in der Werbe-Branche. Sie schilderte ihren Sohn als ein „anstrengendes Kind“. Die Mutter ließ ihm Ritalin verschreiben. Daraufhin war Paul kein anstrengendes Kind mehr, weder für die Mutter noch für die Lehrer. Und die Mutter fügte hinzu: „Wir leben in einer Leistungsgesellschaft und ich möchte, dass mein Kind ganz vorne mitschwimmt.“

Was veranlasst Eltern, zu diesen Substanzen zu greifen und sie ihren Kindern zu verabreichen? In erster Linie tun sie das, weil sie in berufliche Zwänge eingespannt sind und bei Strafe des Jobverlustes tagtäglich funktionieren müssen. Familie und Kinder kommen da notgedrungen zu kurz. Wenn ein Kind nicht schlafen kann und nächtelang schreit, wächst bei den Eltern neben der Ratlosigkeit die Verzweiflung. Und oft auch eine unterschwellige Wut. Obwohl sie deswegen Schuldgefühle empfinden und wissen, dass das, was sie tun, nicht richtig ist, greifen Eltern schließlich zu chemisch-pharmakologischen Hilfsmitteln. Wer immer sich durch die Härte und Kälte der Zeitläufe hindurch ein Gewissen gerettet hat, sollte niemals den Betroffenen das als Schuld anrechnen, was ohne die falsche Einrichtung der Gesellschaft nicht möglich wäre.

Und dennoch gibt es ein Aber. Menschen existieren ja nicht in der Form von Billardkugeln, die durch ein Queue bewegt werden – noch als gesellschaftlich Determinierte behalten sie einen Spielraum für eigene Entscheidungen. Um im Bild zu bleiben: Die Kugeln sind denkende Kugeln, die innerhalb gewisser Grenzen Einfluss auf die Richtung nehmen können, in die sie rollen. Sartre hat seinen Begriff von Freiheit wie folgt formuliert: „Ich bin davon überzeugt, dass der Mensch immer etwas aus dem machen kann, was man aus ihm gemacht hat. Heute würde ich den Begriff der Freiheit folgendermaßen definieren: Freiheit ist jene kleine Bewegung, die aus einem völlig gesellschaftlich bedingten Wesen einen Menschen macht, der nicht in allem das darstellt, was von seinem Bedingtsein herrührt.“

Es existieren auch andere Gründe für den Griff zu Sedativa, die man benennen muss. Yvonne Staat schreibt im eingangs erwähnten FAZ-Artikel: „Medikamente sind der Weg des geringsten Aufwands. Für die Mütter ist es ein praktischer Weg. Für die Babys ein brutaler. Es gäbe andere Wege.“ Um diese zu finden und zu begehen, müssten die Mütter allerdings ihren Blick vom Display ihres Smartphones oder Tablets heben und das Internet verlassen, das sie über entsprechende Foren dazu ermuntert, ihre Kinder „abzuschießen“, wie der Vorgang der Ruhigstellung durch Medikamente in der zynischen medizinischen Umgangssprache bezeichnenderweise genannt wird. Eltern, die ihren Smartphones mehr Aufmerksamkeit widmen als ihren Kindern, dürfen sich nicht wundern, wenn diese sich aus Verlassenheitsangst und Einsamkeit nächtelang die Seele aus dem Leib schreien.

Heutige Eltern sind normativ verunsichert und wissen häufig selbst nicht, woran sie sich in puncto Erziehung halten sollen. Sie suchen Rat bei fragwürdigen Instanzen und Internetforen. Erziehen ist strapaziös und fordert die Erwachsenen mit Haut und Haaren. Eltern haben oft nicht den Nerv, sich dem auszusetzen, und ziehen sich aus dem Feld der Erziehung zurück. Sie überlassen ihre Kinder sich selbst und der medialen Dauerbeeinflussung. Man sperrt sie in Kinderzimmer, die überquellen von Spielzeug und elektronischem Gerät. Die Kinder sitzen so lange vor Bildschirmen, bis die Welt für sie einen rechteckigen Rahmen hat und ihre Innenwelt von fragwürdigen Computerspiel-Figuren bevölkert ist. Die wild gewordene Weltzeit dringt in die Kinderzimmer ein und überlagert und zerstört die Zeitmaße, in denen ein Kind heranwächst, also den Zeitrhythmus, der erforderlich ist, um das Sprachvermögen eines Kindes, seine moralische Urteilsbildung und seine sozialen Fähigkeiten zu entwickeln. Das, was Margaret S. Mahler als „psychische Geburt des Menschen“ gefasst hat, ist ein komplizierter und höchst störanfälliger Prozess, dessen Gelingen von räumlicher und zeitlicher Konstanz und zuverlässigen emotionalen Bindungen abhängig ist. Er bedarf auf all seinen Stufen der elterlichen Begleitung und Unterstützung. Ein Kind muss sich auf seinem Weg in die Welt gestützt und gehalten fühlen, und ein solches Gefühl stellt sich nur unter Bedingungen verlässlicher, leiblicher Anwesenheit der Erziehungspersonen ein. Fehlt es an dieser, wird ein Kind von Angst überschwemmt. Und Angst macht unruhig, raubt den Schlaf und lässt Kinder schreien.

Eltern beschreiten den Weg zu Arzt und Apotheker auch deswegen, weil sie sich selbst an den Modus der pharmakologischen Moderation von Konflikten gewöhnt haben und bei jeder Gelegenheit irgendein Medikament einnehmen. Das als „Unternehmer seiner selbst“ konzipierte Subjekt muss bei Strafe des Untergangs lernen, sein als Störfaktor auftretendes Seelenleben mittels Drogen und Medikamenten zu regulieren und auf Vordermann zu bringen. Stressbewältigung und Stimmungsaufhellung durch Einnahme psychoaktiver Substanzen ist gang und gäbe. Andere Wege sind mühevoll, verlangen Geduld und ein Sich-Einlassen auf Näheverhältnisse. Vor allem aber können sie einen in Konflikt mit der Gesellschaft und ihren Funktionsimperativen bringen. So sediert man Babys und Kleinkinder, erstickt ihr Schreien und stellt sie ruhig. Ein paar Jahre später dämpft man ihre motorische Unruhe mit Ritalin und Psychopharmaka. Man bekommt auf diesem Weg ein „braves“, funktionstüchtiges Kind, das aber den Kontakt zu seiner Gefühlswelt verliert und ein „falsches Selbst“ (Winnicott) entwickelt. Die aus dieser Selbstentfremdung resultierenden Gefühle innerer Leere und Sinnlosigkeit werden sodann als „Depression“ diagnostiziert und durch Verschreibung von Antidepressiva bekämpft. Mitunter nehmen mit Medikamenten groß gewordene Menschen die Medikation in eigene Regie und greifen zu harten Drogen oder Alkohol. Sie geraten in einen Teufelskreis, aus dem es keinen Ausweg zu geben scheint.

Ein wirklicher Ausweg ist nur als gesamtgesellschaftlicher denkbar. Vernünftig und im Sinne einer „Ökonomie des ganzen Hauses“ (Oskar Negt) letztlich auch rentabler wäre es, das aberwitzige Tempo der Produktion und des Alltagslebens zu drosseln, allen Menschen anständige, menschenförmige Arbeitsbedingungen zu bieten und ihnen nicht länger zuzumuten, ihr Leben in einem Universum permanenter Verteidigung und Aggression fristen zu müssen. Dann bräuchte es den ganzen psychologisch-medizinischen Reparatur- und Kompensationsaufwand nicht. Eine menschliche Gesellschaft würde ihr Hauptaugenmerk auf die Schaffung verlässlicher Räume richten, in denen es Kindern möglich wäre, unter Bedingungen raum-zeitlicher Konstanz und leiblicher Anwesenheit ihrer Bezugspersonen ihre „psychische Geburt“ zu vollenden und sich zu Menschen in einer menschlichen Gesellschaft zu entwickeln.


[«*] Götz Eisenberg ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er arbeitete mehr als drei Jahrzehnte lang als Gefängnispsychologe im Erwachsenenvollzug in Butzbach. In der „Edition Georg Büchner-Club“ erschien im Juli 2016 unter dem Titel „Zwischen Arbeitswut und Überfremdungsangst“ der zweite Band seiner „Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus“. Siehe die Besprechung von Jordi Maiso auf den NachDenkSeiten.

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