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14. Dezember 2017
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„Postfaktisch?“ Was soll denn nun dieser Unsinn schon wieder?

Veröffentlicht in: Kampagnen / Tarnworte / Neusprech, Medienkritik

Am 19. September erklärte die Kanzlerin nach der verlorenen Berlin-Wahl, „wir lebten in postfaktischen Zeiten, [da] die Menschen sich nicht mehr für Fakten [interessierten], sondern alleine den Gefühlen [folgen]“. Damit war ein politischer Kampfbegriff geboren. Egal ob es um Donald Trump, den Brexit oder jedes x-beliebige Thema geht, das dem politischen und medialen Establishment nicht in den Kram passt: Für unsere Papageienjournalisten ist das jetzt alles „postfaktisch“. Soll man darüber jetzt lachen oder weinen? Mit solch albernen Wortspielereien werden die Massenmedien den Verlust ihrer Deutungshoheit auch nicht kompensieren können. „Postfaktisch“ ist vor allem die Politik der Bundesregierung. Und das schon seit langem. Von Jens Berger

„Postfaktisch“ ist in. International wurde der Begriff, der im Englischen als „post-thruth“ bekannt ist, in diesem Jahr zwanzigmal so häufig verwendet wie im letzten Jahr. Für die angesehene Oxford Dictionary ist dies Grund genug, diesen Begriff zum internationalen Wort des Jahres zu erklären. „Erfunden“ wurde der Begriff übrigens 2004 in einem vollkommen anderen Kontext. Der amerikanische Schriftsteller Ralph Keyes kritisierte in seinem Buch „The Post-Truth Era“, das ein Jahr nach Colin Powells berühmt berüchtigter „Beweisführung“ vor dem UN-Sicherheitsrat erschienen ist, vor allem das Ignorieren und Beugen von Fakten bei der politischen Instrumentalisierung von 9/11. Keyes klagt die etablierte Politik und die etablierten Medien an, die Fakten ignoriert haben, um einen lange geplanten Krieg zu führen.

Heute ist „postfaktisch“ vor allem ein Kampfbegriff, der von den Etablierten genau andersherum eingesetzt wird. „Angetrieben von dem Aufstieg der Sozialen Medien als Nachrichtenquelle und einem wachsenden Misstrauen gegenüber Fakten, die vom Establishment angeboten werden“ sei die Jury der Oxford Dictionary gewesen, so Verlagsleiter Casper Grathwohl. Dies ist vor allem im Kontext mit Keyes´ damaliger Argumentation ein Treppenwitz der Geschichte. Ein Begriff, der sich eigentlich auf die großen Lügen der Medien und der Politik bezieht, wird nun absurderweise zur Verteidigung ebenjener Angeklagten gegen die Kläger ins Feld geführt.

Dass dieser Begriff in Deutschland ausgerechnet von Angela Merkel geprägt wurde, setzt der Kirsche auf dem Sahnehäubchen natürlich noch ein I-Tüpfelchen auf. Ausgerechnet Angela Merkel! Die Kanzlerin, deren Verständnis von Volkswirtschaft im eigentlichen Sinne des Wortes postfaktisch ist. Merkels Finanz- und Eurokrisenpolitik war nie an Realitäten gekoppelt und auch ihre haushaltspolitischen und wirtschaftspolitischen Vorstellungen sind vor allem eines – ideologisch geprägt und damit gerade eben nicht faktisch. Und was war eigentlich Merkels „Wir schaffen das!“ anderes als ein Musterbeispiel „postfaktischer“ Polit-PR?

Und vom wem wird dieser „postfaktische“ Unsinn von einer „postfaktischen“ Politik pausenlos nachgeplappert? Na klar. Von unseren lieben Alpha-Journalisten, die tief im Inneren ja immer noch glauben, sie hätten die Deutungshoheit über die Frage, was Fakt ist und was nicht. Wie kleine Kinder brabbeln sie nun sinnlos nach, was ihre liebe Kanzlerin gesagt hat. Alles, was der Deutungshoheit dieser Edelfedern widerspricht, ist nun also „postfaktisch“? Wunderbar, dann hat ja wieder alles seine gottgegebene Ordnung.

Aber sind unsere Zeiten denn nun „postfaktisch“, wie die Kanzlerin behauptet, oder nicht? Hier ist bereits die Frage falsch gestellt, denn die Formulierung beinhaltet ja die Behauptung, dass es zuvor „faktische“ Zeiten gegeben hat; also Zeiten, in denen die Politik die Gefühle der Wähler ignoriert und sich ausschließlich auf faktenbasierter Ebene abgespielt habe. Das ist natürlich Unsinn.

Zwischen den Zeilen heißt „postfaktisch“ eigentlich nur, dass das Establishment erkannt hat, dass es die politischen Debatten der Gegenwart nicht mehr auf Sachebene führen kann, weil es faktisch die schlechteren Argumente hat. Immer mehr Menschen haben erkannt, dass der Neoliberalismus 99 Prozent Verlierer produziert und sie selbst dazu gehören. Sie glauben nicht mehr, dass man ganze Volkswirtschaften durch eine Kürzungspolitik sanieren kann. Immer mehr Menschen glauben auch nicht mehr daran, dass unser „freier Westen“ sich gegen einen „aggressiven Putin“ verteidigt und dass wir weltweit unsere Töchter und Söhne in Kriege schicken, in denen es um Frauen- und Menschenrechte gehen soll. Und weil all diese „Fakten“ nicht mehr geglaubt werden, leben wir nun in „postfaktischen“ Zeiten? Wenn das so ist, dann oute ich mich hiermit als Fan des „Postfaktischen“.

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