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Willkommen in Absurdistan – wie die Wikipedia sich selbst zerstört

Veröffentlicht in: Audio-Podcast, Medienkritik, Strategien der Meinungsmache

Für viele Menschen stellt die Wikipedia ein Internetlexikon dar, das über jeden Zweifel erhaben ist. Was in der Wikipedia steht, stimmt auch so. Weit gefehlt. Die Wikipedia mag ja für naturwissenschaftliche Einträge, bei denen es eine vergleichsweise klare Definition von „wahr“ und „falsch“ gibt, in der Tat ein ordentliches Nachschlagewerk sein. Für das weite Feld der Geisteswissenschaften ist die Wikipedia jedoch leider auch eine Tummelwiese für Schreibtischkrieger, die unter dem Banner der „Neutralität“ dafür kämpfen, ihre eigene weltanschauliche Sichtweise zur „objektiven Wahrheit“ zu machen. Das ist genau so grotesk, wie es sich anhört. Ein Blick auf die Wikipediaeinträge der NachDenkSeiten, des NachDenkSeiten-Herausgebers Albrecht Müller und der dazugehörigen Diskussionsseiten (NachDenkSeiten , Albrecht Müller ) bietet einen erschreckenden Einblick in das Innenleben einer Gemeinschaft, in der nicht gute Argumente zählen, sondern Beharrlichkeit und das Pochen auf ein willkürliches und für Außenstehende absurdes Regelwerk. Wenn die Wikipedia es nicht schafft, sich von innen heraus zu reformieren, wird sie schon sehr bald nicht mehr als Lexikon brauchbar sein. Von Jens Berger.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Glaubt man der Wikipedia-Seite über Albrecht Müller, gibt es zu den NachDenkSeiten offenbar nichts Wichtigeres zu berichten, als dass der umstrittene ehemalige Focus-Mitarbeiter Boris Reitschuster eine „Allianz“ zwischen den NachDenkSeiten und Ken Jebsens KenFM vermutet. Diese Spekulation nimmt zumindest 70% des Absatzes zu den NachDenkSeiten im Wikipedia-Eintrag ein. Skurril. Noch skurriler wird es, wenn man dieser Spekulation – die übrigens inhaltlich nicht korrekt ist – auf den Grund geht. Die von Wikipedia aufgeführte Quelle ist ein Buch von Reitschuster. Dort steht wortwörtlich, dass die „Nachdenkseiten von Alfred Müller […] zur Hetze gegen Journalisten aufrufen […] und „Parnter“ von Ken Jebsen [sind]“. Man stützt sich hier also auf eine Quelle, die es noch nicht einmal schafft, den Vornamen von Albrecht Müller korrekt wiederzugeben und der offenbar noch nicht einmal den „Qualitätsansprüchen“ des Focus gerecht wird – was man als Journalist auch erst einmal schaffen muss. Ein fast gleichlautender Passus findet sich übrigens auch im Wikipediaeintrag der NachDenkSeiten.

Was sich hier vielleicht wie eine groteske Posse liest, stellt eines der größten Qualitätsprobleme der Wikipedia dar. Unterschiedliche Quellen werden beim Online-Lexikon nämlich auch unterschiedlich gewertet. Das ist verständlich und sinnvoll. Unverständlich und sinnlos ist jedoch das System, nach dem die Wikipedia Quellen bewertet. Lernen Journalisten in ihrer Ausbildung, dass Primärquellen das Nonplusultra bei der Recherche sind, so besteht die Wikipedia darauf, Sekundärquellen heranzuziehen. Mit anderen Worten: Wenn unser Herausgeber der Wikipedia persönlich mittteilt, dass er mit Vornamen Albrecht heißt, so ist dies „nicht gerne gesehen“ (Zitat eines Wikipedia-Mitarbeiters). Relevanz habe diese Information erst dann, wenn sie von einer Sekundärquelle bestätigt wird. Wenn also Boris Reitschuster im Focus schreiben würde, dass der NachDenkSeiten-Herausgeber Albrecht Müller heißt, so ist dies nach Wikipedia-Kriterien relevant und eine verlässliche Information.

Primärquellen sind verpönt

Was aber, wenn Reitschuster nun von Alfred Müller schreibt? Gemäß der Kriterien von Wikipedia müsste nun eigentlich der komplette Eintrag geändert und Albrecht Müller lexikalisch umbenannt werden. Wer die Diskussion zum Eintrag der NachDenkSeiten verfolgt, stößt schnell auf einen weiteren derartigen Fall, der für Außenstehende kaum begreifbar ist. Da streiten sich mehrere Wikipedia-Autoren über Tage hinweg in mehr als einem Dutzend Diskussionsbeiträgen, ob nun Albrecht Müller und der frühere NachDenkSeiten-Mitherausgeber Wolfgang Lieb immer noch Mitglieder der SPD sind. Naheliegend wäre ja gewesen, die beiden einfach mal anzuschreiben. Aber das wäre ja eine „Primärquelle“, die man dort nicht gerne sieht. Also recherchierte man fleißig und stieß dann auf Albrecht Müllers Eintrag im „Munzinger-Archiv“, in dem zumindest nichts von einem Parteiaustritt steht. Daraus schlossen die Wikipedia-Mitarbeiter dann messerscharf, dass Müller noch in der SPD sein muss … ansonsten hätte Munzinger dies ja erwähnt. Und woher soll das Munzinger-Archiv wissen, ob Albrecht Müller noch SPD-Mitglied ist? Derartige Änderungen bekommt das Archiv auch nur dann mit, wenn man sie ihm aktiv anzeigt; was in vielen Fällen nicht der Fall sein dürfte. Aber um „die Wahrheit“ geht es der Wikipedia ja offenbar auch nicht, ansonsten hätte man ja selbst mal nachfragen können. Ja, das erinnert stellenweise an Kafkas „Der Prozess“, ist skurril und grotesk. Aber genau so funktioniert die Wikipedia.

Was man bis hierhin durchaus noch als kleine Anekdote abtun könnte, hat jedoch eine Bedeutung, die sicher nur die wenigsten Nutzer der Wikipedia bislang erfasst haben. Um dies zu verdeutlichen, habe ich mich selbst in der Wikipedia „gegoogelt“. Ich habe zwar (zu Recht) keinen eigenen Eintrag, aber natürlich findet man meinen Namen bei zahlreichen Quellenangaben, schließlich schreibe ich ja seit vielen Jahren Artikel zu diversen Themen, die als Quelle zu Wikipedia-Einträgen durchaus geeignet sein können. Doch siehe da – während die Suche zahlreiche Einträge zu alten Telepolis-Texten und Gastartikeln für taz und Co. liefert, finden sich kaum Einträge zu Artikeln auf den NachDenkSeiten. Wie kommt das? Ganz einfach: Als Blog werden die NachDenkSeiten in der Regel nicht als zuverlässige Quelle akzeptiert … wohlgemerkt, nicht weil es die NachDenkSeiten sind, sondern weil es sich um ein Blog handelt.

Was Zeitungen schreiben ist relevant, was Blogs schreiben irrelevant

Wenn eine Zeitung über ein Ereignis oder eine Person berichtet, so ist dies laut Wikipedia relevant. Berichtet hingegen ein Blog, so ist dies irrelevant. Schreibt ein Autor für eine gedruckte Zeitung, so ist sein Text Gradmesser für die Relevanz von Personen. Schreibt er den gleichen Artikel für eine Internetseite, so ist sein Werk irrelevant. Für ein Online-Lexikon sind solche Relevanzkriterien amüsanterweise jedoch ein Zirkelschluss. Letztendlich spricht sich die Wikipedia damit selbst ihre Relevanz ab. Nach diesen Kriterien wäre ein Eintrag in der Encyclopedia Britannica relevant, ein Eintrag in der Wikipedia irrelevant. Wenn dem so wäre, müsste die Wikipedia sich selbst auflösen.

Warum Quellen derart unterschiedlich bewertet werden, wäre eine interessante Frage, die man den Verantwortlichen der Wikipedia einmal stellen sollte. An mangelnder Recherchefähigkeit der Blogs und/oder einer besseren Qualitätskontrolle der klassischen Medien kann es jedenfalls nicht liegen, zumal Faktenchecks und eine echte Schlussredaktion heutzutage bei den Zeitungen und deren Online-Ablegern absolute Ausnahmen sind. Ich persönlich habe es als Gastautor zahlreicher Zeitungen und öffentlich-rechtlicher Medien jedenfalls noch nie erlebt, dass ein Artikel von mir wirklich überprüft wurde. Dafür überprüfen wir bei den NachDenkSeiten – zumindest im Rahmen unserer Möglichkeiten – sehr wohl die Gastartikel, die wir veröffentlichen. Aber das ändert nichts an dem Umstand, dass Artikel, die wir bringen, per Definition der Wikipedia stets irrelevant und Artikel von bild.de, focus.de, spiegel.de oder anderen Gazetten stets relevant im Sinne der Kriterien sind. Na dann, Gute Nacht.

Kritik von klassischen Journalisten ist relevant, Kritik an ihnen nicht

Diese Relevanzdefinition der Wikipedia zementiert ein längst für überwunden geglaubtes Deutungsmonopol der klassischen Medien. Was die klassischen Medien schreiben oder senden, ist demnach über jeden Zweifel erhaben und was moderne Onlinemedien schreiben oder senden, ist fragwürdig, ja irrelevant. So kommt es dann auch, dass Kritik an klassischen Medien in der Wikipedia nahezu nicht vorhanden ist. Und wenn, dann muss sie ja auch nach Definition der Wikipedia von Quellen kommen, die ihrerseits die Relevanzkriterien der Wikipedia erfüllen. So findet sich beispielsweise im ellenlangen Eintrag zur Süddeutschen Zeitung nur ein winzig kleiner Absatz zur Kritik am neoliberalen Wirtschaftsteil, in dem eine Studie der Otto-Brenner-Stiftung zitiert wird. Kritik an den NachDenkSeiten hat es nicht so schwer, die Relevanzkriterien zu erfüllen. So wimmelt es in unserem Eintrag nur so von Zitaten der Herren Reeh und Geyer, in denen dann ausführlich dargelegt wird, dass die NachDenkSeiten böse sind, da wir ja „Elitenkritik“ betreiben, und uns von Ken Jebsen interviewen lassen und ein „NATO-Netzwerk in den Medien“ kritisieren. Ei der Daus! Aber was bitteschön hat die Information, wer sich von wem interviewen lässt, in einem lexikalischen Werk zu suchen? Den Eintrag, dass Wolfgang Schäuble sich schon mal von der BILD hat interviewen lassen, finde ich in seinem Wikipedia-Eintrag jedenfalls nicht. Warum ist es auf der anderen Seite von lexikalischem Interesse, dass Albrecht Müller sich von Ken Jebsen und RT Deutsch interviewen ließ? Ganz ehrlich, ich sehe hier keine Relevanz.

Ohnehin erscheint es bei näherer Betrachtung so zu sein, als ob die allermeisten Wikipedia-Autoren die ganzen oberflächlich vernünftig klingenden Kriterien und Leitfäden sehr subjektiv auslegen. So heißt es offiziell, dass „Quellen, deren Neutralität berechtigt angezweifelt werden, kann nur in den seltensten Fällen als Quelle geeignet sind.“ Ok, warum akzeptiert man dann aber einen Boris Reitschuster als Quelle? Und wie sieht es mit anderen einschlägig verrufenen Journalisten aus, die für ihre Kampagnen bekannt sind? Eine Debatte über solche Themen ist jedoch in der Wikipedia dann unmöglich, wenn man den „richtigen“ Gegner gefunden hat. Beim Eintrag der NachDenkSeiten ist dies ein gewisser Nutzer namens „Berichtbestatter“, der für seine ideologische Kampflinie bei der Wikipedia offenbar bereits einschlägig bekannt ist.

Der Kampf um den NachDenkSeiten-Eintrag

Lesen Sie sich ruhig einmal Teile der Diskussion über den Eintrag durch – Sie werden staunen und am Ende frustriert sein; genauso wie der Wikipedia-Autor „Aschmidt“, der sich lange Zeit bemüht hat, den Eintrag der NachDenkSeiten neutral zu halten, dann aber vor der bloßen Beharrlichkeit solcher Cyber-Ideologen wie „Berichtbestatter“ kapitulieren musste. „Aschmidt“ beendete am 1. Februar die Debatte mit „Berichtbestatter“ mit dem Satz: „Nun, ich muß Dir dazu sagen, daß ich mich nicht weiter einmischen werde, denn mein Leben ist zu kurz, mich auf dem Niveau auseinanderzusetzen, ganz gleich mit wem. […] Ich glaube, sie werden es leicht haben und dabei Wikipedia aber auch nachhaltig beschädigen“. Ja, es scheint tatsächlich das Ziel von Wiki-Vandalen wie „ Berichtbestatter“ zu sein, aus der Wikipedia ein ideologisches Instrument zur Diskreditierung und Bekämpfung politisch Andersdenkender zu machen. Und da die Wiki-Software nicht demjenigen Recht gibt, der die besseren Argumente, sondern dem, der am meisten Zeit hat, werden ernsthafte und lautere Mitarbeiter bei der Wikipedia im Zweifel immer den Kürzeren ziehen.

Wenn die Wikipedia eine Zukunft haben will, dann müsste sie schnell Reformen umsetzen und vor allem transparenter werden. Das fängt bereits damit an, dass es keinen echten presserechtlich Verantwortlichen gibt. Wenn Sie beispielsweise in einem Wikipedia-Artikel verunglimpft werden, müsste Ihr Anwalt die Wikimedia Foundation in San Francisco verklagen; in der Praxis ein Ding der Unmöglichkeit.

Wahrscheinlich werden wir jedoch stattdessen lernen müssen, die Wikipedia deutlich kritischer zu sehen und sie eher als Meinungsmedium denn als Nachschlagewerk zu begreifen. Auch wenn es sehr bequem ist, sich über die Wikipedia über Personen, Organisationen oder Ereignisse zu informieren, so sollte man doch sehr, sehr vorsichtig und vor allem misstrauisch sein. Die hier genannten Beispiele habe ich nur gewählt, weil sie mich persönlich tangieren. Sie sind jedoch nur einzelne Fallbeispiele, hinter denen tausende vergleichbare Fälle stehen. Das Versagen der Wikipedia ist systemisch.

Solange Personen wie „Berichtbestatter“ dort das Sagen haben, wird sich nämlich nicht viel ändern und ein bürokratisches Tollhaus wie die Wikipedia wird auf solche Personen immer eine magische Anziehung ausüben. Und so geht die Wikipedia vor die Hunde. Der „Berichtbestatter“ hat bereits angekündigt, den Eintrag der NachDenkSeiten massiv zu kürzen, da „der Blog(sic!) eher unbedeutend [sei], auch wenn seine LeserInnen das anders sehen“. Na denn. Gut, dass Hitlers Schäferhündin Blondi – anders als die NachDenkSeiten – so relevant ist, dass sie einen ausführlichen Eintrag in der Wikipedia verdient.


Weitersehen

Wenn Sie das Thema interessiert, möchte ich Ihnen die beiden Dokumentarfilme „Die dunkle Seite der Wikipedia“ und „Zensur – die organisierte Manipulation der Wikipedia und anderer Medien“, sowie das KenFM-Interview mit dem Filmemacher Markus Fiedler ans Herz legen.

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