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18. Dezember 2017
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Den Adel zum grünen Spargelessen einladen oder vielleicht doch mal einige Nächte allein im Pflegeheim verbringen?

Veröffentlicht in: Audio-Podcast, Innen- und Gesellschaftspolitik, Pflegeversicherung
Stefan Sell

„Kretschmann lädt den Adel zu Hofe“, so lautet die Schlagzeile eines Artikels der Stuttgarter Zeitung. Berichtet wird von einer bemerkenswerten Aktion des baden-württembergischen Ministerpräsidenten. Der Ökonom und Sozialpolitiker Professor Stefan Sell hat diesen Vorgang und einen Artikel aus der TAZ mit dem Titel „Wenig Betreuer für Altenheime. Durch die Einsamkeit der Nacht“ treffend kommentiert. Hier ist der Kommentar. Albrecht Müller.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Den Adel zum grünen Spargelessen einladen oder vielleicht doch mal einige Nächte allein im Pflegeheim verbringen?

Von Stefan Sell[*]

Gedanken am Wochenende – inspiriert von zwei Presseberichten. Und um das gleich vorweg zu sagen: Es geht bei der Hervorhebung der beiden hier ausgewählten Artikel nicht darum, eine bestimmte Partei zu brandmarken, denn hier werden Probleme aufgerufen, die alle betreffen, die es entweder geschafft haben oder aber die auf der Strecke bleiben angesichts der immer wieder gerne beschworenen angeblichen Sachzwänge.

Schauen wir zuerst ins Ländle. Da regiert bekanntlich ein grüner Ministerpräsident. Gut, der war mal in den 70er Jahren aktiv im Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW), eine ganz harte Nummer war der Verein damals, aber seitdem ist viel Wasser den Rhein runtergeflossen und man kann und darf sich ja auch mal ändern, was bei Gott nicht ehrenrührig ist. Heute ist Kretschmann nicht nur Ministerpräsident, sondern zugleich die fleischgewordene Verkörperung des konservativen Schwaben. Sei es ihm zugestanden. Aber diese Schlagzeile lässt dann doch aufhorchen: „Kretschmann lädt den Adel zu Hofe“.

Kretschmann lädt den Adel des Landes Mitte Mai zu einem Empfang mit Abendessen ins Neue Schloss in Stuttgart. Geladen sind nach Auskunft des Staatsministeriums etwa 80 Adlige; die nicht näher erläuterte Auswahl erfolgte unter Konsultation der Adelsvereinigung. Warum macht er das? Können die sich ihr Abendessen nicht mehr leisten? (Nur als Fußnote: So eine Veranstaltung für Obdachlose … nein, okay, das ist zu platt).

Der Herr Ministerpräsident begründet das damit, dass es ihm darum geht, »die Leistung der Adelsfamilien bei Erhalt und Pflege von Schlössern und Wäldern zu ästimieren. Der Erhalt der Schlösser und anderer historischer Liegenschaften, an denen sich die Allgemeinheit erfreue, sei doch sehr teuer.«

Endlich erkennt einer mal die Leistungsträger unserer Gesellschaft an. Oder? Hätte er Pflegekräfte, Polizisten, Fernfahrer oder andere Menschen, die unsere Gesellschaft zusammenhalten, eingeladen zum lecker Essen – aber gerade der Adel als Leistungsträger unserer Gesellschaft? Die Stuttgarter Zeitung erinnert an dieser Stelle an die etwas andere wirkliche Wirklichkeit, am Beispiel von Schloss Salem, vielen bekannt als Sitz eines Elite-Internats:

»Tatsächlich erlöste das Land 2009 die badische Markgrafenfamilie mit dem Kauf von Schloss Salem aus einer prekären Lage. Der Deal, der auch etliches Kulturgut und das Versprechen des Rechtsfriedens umfasste, belief sich auf rund 60 Millionen Euro. Ein Wohntrakt aber verblieb bei der Adelsfamilie. Denn erst die Schlösser ermöglichen es dem Adel, den überkommenen Standesunterschied weithin sichtbar am Leben zu halten.«

Alles klar?

Und als ob das nicht schon genug der schweren Lektüre war, fällt mir dieser Bericht aus dem hohen Norden in die Hände: „Durch die Einsamkeit der Nacht“, so hat Gareth Joswig ihren Artikel überschrieben.

Es geht um Bremen. Dort regiert eine rot-grüne Koalition. Und dort gibt es Streit um den Personalschlüssel für Altenheime. Nicht nur eine wichtige, sondern für jeden, der sich auskennt, eine existenzielle Angelegenheit. Und was muss man lesen?

»Das grün geführte Sozialressort von Senatorin Anja Stahmann beharrt in einem Gesetzesentwurf bislang auf einem Betreuungsschlüssel, der ermöglicht, dass nachts in Pflegeeinrichtungen für Ältere gerade einmal eine Person für bis zu 50 HeimbewohnerInnen zuständig ist.«

Also nun wirklich – 50 alte, viele davon demenziell erkrankte Patienten, das geht doch in der Nacht. Die schlafen ja auch in der Zeit.

Aber der Entwurf der Senatorin liegt derzeit flach. Klaus Möhle (SPD), der Vorsitzende des Sozialausschusses, hat den Tagesordnungspunkt kurzfristig streichen lassen: „Eins zu 50 ist nicht in Ordnung.“ Sagt er. Und wenn jemand Recht hat, soll man es auch sagen.

Und was sagt das Sozialressort? „Die Personalausstattung ist ein zentraler Kostenfaktor. Je mehr Personal vorgeschrieben ist, desto teurer wird es.“ Potzblitz, das ist ein schlagendes Argument. Das hätte man gar nicht so gedacht.

Aber das ließe sich relativ einfach lösen. Die für solche Dinge verantwortlichen Politiker werden für eine Woche als Nachtwache in einem Pflegeheim mit exakt 50 Pflegebedürftigen in einem Heim eingeschlossen. In der zweiten Woche nimmt man die Manager der Pflegekassen.

Ich könnte mir vorstellen, dass danach andere Entscheidungen getroffen werden.


[«*] Professor Dr. Stefan Sell ist Ökonom und Sozialpolitiker. Er hat einen Lehrstuhl an der Hochschule Koblenz, Campus Remagen. Seine Webseite: aktuelle-sozialpolitik.blogspot.de.

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