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20. Dezember 2014
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Verlagerung von Arbeitsplätzen – Hinweis auf eine Studie des Fraunhofer-Instituts, Karlsruhe

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In der öffentlichen Debatte haben heute dramatisierende und übertreibende Stimmen die Oberhand. Zum Beispiel M. Miegel mit seinem Buch, „Die deformierte Gesellschaft“, Oswald Metzger mit „Einspruch. Wider den organisierten Staatsbankrott“, und dann vergangenen Herbst Hans-Werner Sinn, immerhin Präsident des Ifo-Instituts und Ökonomieprofessor an der Münchener Universität, mit „Ist Deutschland noch zu retten?”. Steffen Kinkel vom Fraunhofer-Institut, Karlsruhe rückt einige der gängigen Übertreibungen zurecht.

Einer der vielen maßlosen Übertreibungen in dem insgesamt unerträglichen Werk von Professor Sinn ist die Behauptung, Deutschland verliere Weltmarktanteile und werde “wieder von den Weltmärkten verdrängt “. Weil diese Behauptung genauso wie jene einer mangelnden Wettbewerbsfähigkeit auf den Weltmärkten so ganz und gar nicht zu der Entwicklung eines großen Leistungsbilanzüberschuss passt, warnt Professor Sinn vor der Entwicklung Deutschlands von einem Industriestandort zu einer Basar-Ökonomie, wie er das nennt, “die die in Osteuropa produzierten Waren in aller Welt verkauft.” Da dieses Bild ja nicht damit übereinstimmt, dass der Leistungsbilanz-Überschuss Deutschlands groß ist, behauptet Sinn in einer Rede am 15.11.03, “die Statistiken täuschten, denn sie nehmen keine Rücksicht darauf, welcher Anteil der Exporterlöse auf eine Wertschöpfung in Deutschland zurückzuführen ist. Der von Deutschland exportierte Audi, dessen Motor aus Ungarn kommt, wird zu 100 Prozent den deutschen Exporten zugerechnet.”

Herr Professor Sinn versäumt es, darauf hinzuweisen, dass die Motoren und die anderen importierten Produkte als Importe ebenfalls in die Leistungsbilanz einfließen und also gegengerechnet werden. Wenn hierzulande keine große Wertschöpfung mehr stattfände, dann könnte es keinen Leistungsbilanz-Überschuss geben.

In einem wohltuend nüchternen Interview hatte sich der Mitarbeiter des Fraunhofer Instituts in Karlsruhe, Steffen Kinkel, schon im vorigen Jahr zu den Fragen der Verlagerung in Billigstandorte in den neuen EU-Mitgliedsländern und zur optimalen Strategie der Deutschen Industrie geäußert.

Hier einige Auszüge:

“Durch unsere Befragungen wissen wir, dass eine strategisch gut überlegte Auslandsproduktion einen Wachstumsschub fürs Unternehmen insgesamt und damit auch für Arbeitsplätze in Deutschland auslösen kann. Dabei wiesen diejenigen Firmen den positivsten Beschäftigungssaldo auf, die sowohl im Ausland wie auch in Deutschland produzieren und ihre Fertigungsvolumina flexibel an den jeweils geeignetsten Standorten verteilten.”

“Sechs Jahre zuvor lag der Anteil der abwanderungswilligen Unternehmen nämlich noch bei knapp 30 Prozent. Wir haben also mittelfristig eine deutlich abfallende Abwanderungstendenz. Da wird politisch argumentiert, nicht wissenschaftlich. So etwas ärgert mich.”

“Die Unternehmen haben mittlerweile einschlägige Erfahrungen gemacht. Es ist eben nicht so, dass sich geringere Lohnkosten im Ausland eins zu eins in geringere Fertigungskosten übersetzen lassen. Oftmals zeigen sich jenseits der Grenze deutliche Einbußen bei Flexibilität und Qualität. Meist dauert es einige Zeit, bis der Produktionsablauf an der neuen Fertigungsstätte überhaupt so läuft, wie man es sich vorstellt. Zudem sind die Overhead-Kosten häufig deutlich höher als ursprünglich kalkuliert – wenn sie denn überhaupt eingeplant wurden, denn die meisten Auswanderer können sich einfach nicht vorstellen, welch erheblichen Betreuungsaufwand Auslandstöchter erfordern. Dazu kommt, dass sich das Lohnniveau in Osteuropa schneller, als man noch vor ein paar Jahren glaubte, dem deutschen angleicht.”

“Die Stärken des Standortes Deutschland sind wieder sichtbarer geworden. In Deutschland haben wir ein gewachsenes Bewusstsein der Arbeitnehmer für Qualität, Schnelligkeit und Produktivität der Prozesse sowie nahezu durchgehend bessere Qualifikationen. Wenn man sich anderswo erst mal eine blutige Nase geholt hat, weiß man das umso mehr zu schätzen.”

Link zur Studie [PDF – 440 KB]

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