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20. Dezember 2014
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„Weisheitstherapie“ gegen Hartz IV und sonstwie Verbitterte

Verantwortlich:

Einer unserer Nutzer aus München schickte uns freundlicherweise den folgenden hochinteressanten Text mit Auszügen aus einer Sendung von 3sat (Kulturzeit):

Passend zu den Ohrwürmern neoliberaler Gehirnwäsche, die Kritiker als Verschwörungstheoretiker und berechtigte Empörung als Unverstand diffamieren, wird zur Zeit auch eine neoliberale Psychotherapiemethode entwickelt und erprobt.

Dies jedenfalls war dem Beitrag Endstation Verbitterung zu entnehmen, der am 28. Juni von 3sat (Kulturzeit) ausgestrahlt worden ist.

Die Methode nennt sich Weisheitstherapie, weil nicht Arbeitslosigkeit, Armut oder Ungerechtigkeit krank machen, sondern nur ein Mangel an Weisheit, und richtet sich gegen Patienten, die an der Posttraumatischen Verbitterungsstörung leiden. Sie soll den Opfern “erkennen” helfen, daß die Täter nicht anders konnten, daß man selbst nicht anders gehandelt hätte, und fügt sich nahtlos ein in die Es-gibt-keine-Alternative-Strategie.

Da ähnliche Methoden verständlicherweise auch bei der Behandlung von Folteropfern und KZ-Überlebenden eingesetzt werden, ist die Weisheitstherapie allerdings nicht ganz so neu, wie sie von ihren “Erfindern” dargestellt wird.

Aus dem Beitrag:

[Sprecherin:] . . . Hochresigniert, zutiefst gekränkt, verbittert – die Symptome einer psychischen Erkrankung, von der immer mehr Menschen betroffen sind. Sie haben etwas Traumatisches erlebt, keinen Unfall, keine Katastrophe, nichts Unvorhersehbares. Sie haben etwas erlebt, was fast alltäglich geworden ist – Arbeitslosigkeit, eine Trennung . . . Sie leiden nicht an einer Depression. Sie sind erkrankt an der Posttraumatischen Verbitterungsstörung.

[Barbara Schippan, Therapeutin, Rehabilitationsklinik Seehof/Teltow:] ‘Patienten mit einem Verbitterungssyndrom sind sehr schwer leidende Patienten. Es sind Patienten, die halt ein sehr schwerwiegendes kritisches Lebensereignis erlitten haben, was sie unglaublich herabgewürdigt, verletzt und gekränkt hat. Sie reagieren dadrauf mit einem heftigen Verbitterungsaffekt, der lange anhält und der ihr Leben halt sehr stark beeinträchtigt.’

(…)

[Sprecher:] Die Krankheit ist uralt, die Symptome wurden schon von Aristoteles beschrieben, doch erst jetzt wird das Krankheitsbild wissenschaftlich definiert. Ein Zufall? Oder ist die Verbitterungsstörung die Psychokrankheit unserer Zeit? Das Begleitphänomen zur Massenarbeitslosigkeit in Zeiten von Hartz IV? Die Zahl der Enttäuschten, die ihre persönliche Misere als ungerecht empfinden und deren Verbitterung zur Krankheit führt, steigt, je weniger Hoffnung besteht auf Veränderung. Ein Phänomen, das vermehrt auftritt, besonders in den neuen Bundesländern.

Man beachte: Stellenabbau, Abbau von Chancen und Rechten oder Zwangsarbeit sind nicht ungerecht, sondern werden lediglich als ungerecht empfunden. Und nicht die Lebenssituation des Opfers, sondern seine Verbitterung führt zur Krankheit. Es könnte Armut, Arbeitslosigkeit und Ausgrenzung ja auch lustig finden – und dann wäre es nicht krank.

[Michael Linden, Professor für Psychiatrie, Charité Berlin.] ‘Wir haben – eigentlich in der Folge der Wende – so ungefähr zehn Jahre nach der Wiedervereinigung eine ganze Reihe von Menschen gesehen, die Probleme hatten, mit den biographischen Verwerfungen und Reorganisationen fertig zu werden. Diese Patienten sind dann auch an der Welt verzweifelt, sind damit auch nicht mehr ohne weiteres bereit, sich überhaupt noch mal aufzuraffen, beispielsweise, wenn man ihnen dann einen neuen Beruf anbieten würde, würden sie sagen “will ich nicht” – sozusagen – “ich hab genug gelitten, ich fange nicht noch mal an” bis hin dazu, daß sie sagen “die Welt soll sehen, was sie mir angetan hat”.’

Und wieder wird betont: Das Problem ist nicht etwa die Lebenssituation, sondern die Unfähigkeit und die fehlende Bereitschaft der Betroffenen, das Beste daraus zu machen.

[Sprecher:] Doch es sind längst nicht nur Verlierer der Wiedervereinigung, die an der krankhaften Verbitterung leiden. Arbeitsplatz- und Partnerschaftskonflikte, Familienprobleme, Krankheit und Tod können genauso Auslöser sein. Ein lebensübliches Ereignis, etwas, was sich im Leben eines jeden jederzeit ereignen kann.

(…)

[Barbara Schippan, Therapeutin, Rehabilitationsklinik Seehof/Teltow:] ‘Die Therapie besteht darin, daß wir versuchen, mit den Patienten dieses kritische Lebensereignis aufzuarbeiten, und ihnen dabei helfen, das Ereignis zu verarbeiten und sich davon innerlich zu distanzieren. Im Grunde genommen probieren wir, mit dem Patienten zu erreichen, daß sie quasi Frieden schließen mit diesem Ereignis und mit dem Verursacher, was oft ganz schwer gelingt.’

Jawohl! Nur Neurotiker gehen auf die Straße und demonstrieren.

[Sprecher:] Um diesen Frieden schließen zu können, haben die Ärzte an der Seehof-Klinik in Teltow eine neue Therapie entwickelt: die Weisheitstherapie. Denn der Mangel an Weisheit ist es, der krank macht. In der Klinik sollen die Patienten lernen, die Perspektive zu wechseln, ihr Problem aus einer anderen Sicht wahrzunehmen. Mit der Methode der unlösbaren Probleme arbeiten sie erstmal an Situationen, die mit ihrem eigenen Problem nichts zu tun haben.

[Barbara Schippan, Therapeutin, Rehabilitationsklinik Seehof/Teltow:] ‘Der Vorteil daran ist, daß der Patient zunächst emotional nicht so mitgenommen wird – durch das Sprechen über diese Ereignisse und das Anwenden dieser Strategien. Ganz praktisch sieht das so aus, daß der Patient ein fiktives Lebensproblem, was wir vorher ausgearbeitet haben, präsentiert bekommt und anhand dieses Lebensproblems eine Anzahl von Fragen beantworten soll wie z. B. Versetzen Sie sich doch einmal in die Rolle des Verursachers hinein: Wie würden Sie sich fühlen, wie würden Sie reagieren, wie hätten Sie gehandelt?’

Mit der Weisheitstherapie kann man nichts falsch machen. Sagt der frühere Bankangestellte nach der Behandlung: “Wäre ich an Ackermanns Stelle gewesen, hätte ich mich auch entlassen” war die Therapie – medizinisch betrachtet – erfolgreich, und statt auf die Straße zu gehen wird er ein unkomplizierter fröhlicher Ein-Euro-Jobber, der seine Frau anschaffen oder seine Kinder betteln schickt. Begeht er unter dem Einfluß dieser “Therapie” Selbstmord, was wahrscheinlicher ist, war sie – diesmal volkswirtschaftlich betrachtet – ebenfalls erfolgreich.

Mit besorgten Grüßen

R. S., München

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